„Hast du das Spiel gesehen?!?“ Oder: Warum ich möglicherweise als WM-Orakel tauge …

Es findet gerade eine Party bei meinem Arbeitgeber statt, und eigentlich wollte ich auch just dort sein. Zumindest wollte ich dort das Fußballspiel Südkorea : Deutschland sehen. Zumindest hatte ich dies heute im Laufe des Tages beschlossen.

Eigentlich wäre heute ja die letzte Niederländischstunde gewesen, aber im Laufe des Arbeitstages wurde Jana und mir immer klarer, dass wir nicht dort anwesend sein würden. Immerhin gab es das Fest, aber – noch viel wichtiger! – dort auch das obengenannte Spiel! Und so schrieben wir eine sehr nette Mail an Thijs und entschuldigten unser Fernbleiben.

Da ich ja heute früh noch wildentschlossen war, nach M. zum Niederländischkurs zu fahren, war ich mit dem Auto zur Arbeit gefahren. Nachdem wir uns so reizend entschuldigt hatten, dachte ich, dass dieses Fußballspiel ja wohl ohne zumindest ein Bierchen gar nicht ginge, und ich beschloss, um kurz vor 3 den kleinen Monty nach Hause zu fahren und dann mit dem ÖPNV zum Arbeitgeber zurückzufahren. Und fast wäre das auch gutgegangen …

Um kurz vor 3 eilte ich gen Mitarbeiterparkplatz und enterte mein Auto, fuhr auch vom Hof und Richtung Heimstatt. Aber schon zwei Kilometer weiter wurde mir plötzlich total schwindelig, und ich musste mein Tempo drastisch reduzieren. Man möchte ja nicht an der Leitplanke oder einem Baum enden, wenn man es doch noch irgendwie verhindern kann.

Zu Hause angekommen, wollte ich noch einmal kurz in die Wohnung und ins Bad. Dort wurde mir ziemlich schwarz vor Augen – diese dämlichen Wetter- und Temperaturwechsel! Das vertrage ich offenbar einfach nicht. Aber wieso ausgerechnet heute? Es würde doch wohl kein böses Omen sein …

Ich blieb dann doch lieber zu Hause und musste das Spiel invalide von der Couch aus verfolgen. Lieber wäre ich bei meinen Kolleginnen und Kollegen gewesen, denn Schmach allein ansehen zu müssen, ist noch schlimmer als in Gesellschaft. Und während ich auf Kerstins und Janas WhatsApp-Nachrichten antwortete, die da: „Huhu, wo bist du?“ und „Wo bleibst du denn?!?“ lauteten, fing das Spiel an. Und es war nicht schön …

Wie es endete, muss ich wohl niemandem erklären. Es war einfach nur grauenvoll … Von Südkorea mit 2:0 geschlagen und aus der WM ausgeschieden! Geht es noch irgend grauenhafter?

Während das Spiel lief, chattete ich über ein Soziales Medium mit Jeannette, meiner Auffrisch-Fahrlehrerin, mit der ich mich morgen Abend treffe. Sie, ebenfalls fußballinteressiert oder -begeistert, war noch im Dienst und konnte das Spiel des Grauens nur per Radio verfolgen. Unsere Kommunikation sah dann wie folgt aus: „Was ist das für ein grauenhaftes Spiel?“ (Ich) – „Wie gut, dass ich es nur hören muss!“ (Jeannette) Und dann im Wechsel (ich begann): „[…]!“ – „[…]!!!“ – „Ah, nein!“ – „O Gott!“ – „Nein!“ – „NEIN!“ – „NEIN!!“ – „NEIN!!!“ – „Kann nicht wenigstens mal jemand abpfeifen?!? Das ist ja nicht auszuhalten!“ – „[…]!“ – „[…]!!!“ – „Endlich ist es vorbei!“ – „Ja!“ Und dann schrieb Jeannette: „Wir sollten morgen kein Eis essen, sondern ein Bierchen trinken …“ Schauen wir mal – ich fahre jedenfalls nicht mit dem Auto zum Lokal unseres Zusammentreffens … 😉

Kaum war das Spiel vorbei, begannen auch schon die Interviews und Erklärungsversuche. Und da klingelte mein Handy. Ich meldete mich mit meinem Nachnamen, und da hörte ich auch schon die Stimme meiner Mutter: „Hast du dieses Spiel gesehen?!?“ Sie meldete sich nicht einmal mit Namen, aber aus ihrer Stimme war das blanke Entsetzen zu hören. (Nein, eigentlich war es eher die blanke Entrüstung …) Dabei hatte sie erst kürzlich noch geschworen, diesmal kein WM-Spiel anzusehen! (Den „Hang“ zu konsequentem Handeln habe ich ganz eindeutig von meiner Mutter geerbt … 😉)

Interessanterweise schrie ich völlig synchron zu meiner Mutter den Satz: „Hast du dieses Spiel gesehen?!?“ Und – beide erneut synchron: „Das war ja grauenhaft!“ Und schon ergingen wir uns in Äußerungen, die glauben machen könnten, wäre auch nur eine von uns Bundes-Coach, wären wir garantiert Weltmeister geworden. Zumindest Vize-Weltmeister. 😉 Wir waren kein Jota besser als die Kerle, über die ich so gerne frotzle, die mit Pilsken und Chips auf der Couch sitzen und, bräsig über ihre Plauze hinwegsehend: „Lauf, du faule Sau!“ gen TV brüllen … 😉 (Abgesehen davon, dass meine Mutter und ich keine Plauzen haben und niemals: „Lauf, du faule Sau!“ brüllen würden … 😉)

Nachdem das Telefonat voller Entrüstung beendet war, fragte ich mich einmal mehr, warum in meiner Familie ausgerechnet meine Mutter und nicht mein Vater der Fußballfan sei, der sich über solche Dinge aufregen kann. Dann jedoch fiel mir ein, dass meine Mutter schon mit knapp eineinhalb Jahren Halbwaise geworden, nachdem ihr fußballbegeisterter Vater im Krieg gefallen war. Sie hat ihn nie richtig kennengelernt – aber das Fußball-Gen hat er ihr wohl vererbt. 😊 Er habe von klein auf immer begeistert Fußball gespielt, erzählte mir meine Oma einst, und der jüngere Bruder meiner Mutter hat dies wohl übernommen. Er spielte Fußball, bis sein Meniskus hin war. Danach verfolgte er das Geschehen eher passiv, aber nicht weniger enthusiastisch. Seinen Lieblingsverein nenne ich lieber nicht – sonst hagelt es Tomaten … 😉

Irgendwie muss ich es schon gespürt haben; zumindest schwächelte ich ja bereits auf der Heimfahrt, obwohl ich doch nur kurz mein Auto abstellen und wieder losrasen wollte … 😉 Ich gestehe, ich bin nicht so niedlich wie das WM-2010-Kraken-Orakel Paul aus Oberhausen, aber vielleicht habe ich ja eine ähnliche Befähigung wie der leider verstorbene nette kleine Krake … 😉

„Irgendwie passieren dir immer so außergewöhnliche Dinge …“ –

So meinte eine Kollegin heute zu mir, als ich ihr erzählte, was mir gestern kurz vor dem Betreten der Liegenschaften unseres gemeinsamen Arbeitgebers widerfahren war. Ich kam gerade von der zahnärztlichen Prophylaxe, genauer: der professionellen Zahnreinigung, einer echten IGEL-Angelegenheit, die bei meinem Zahnarzt rund 50,- € kostet. (Immerhin gab es gestern einige Warenproben dazu, weil ich mich darüber beschwerte, dass der Zahn 1-2, der obere kleine Frontzahn neben dem zentralen Schneidezahn rechts, bisweilen herumzicke. Genauer: weniger der Zahn, mehr das ihn umgebende Zahnfleisch.)

Ganz offenbar war die professionelle Zahnreinigung unter Zuhilfenahme einer Kürette noch nicht schmerzhaft genug gewesen, obwohl man sowohl Zähne, als auch Zahnfleisch ob ihres Topzustandes lobte (aber unangenehm ist es halt doch immer irgendwie …). Denn als ich meinen Wagen auf dem Mitarbeiterparkplatz geparkt hatte und auf das Gebäude 2 zuschritt, in dem sich der Kollegin und mein Wirkungsort befindet, ereilte mich ein weiteres schmerzhaftes Ereignis.

Kurz vor dem Eingang wollte ich meine Zigarette in einem der Abfallbehälter verklappen, die unten aus einem Müllbehälter, oben aus einem Aschenbecher bestehen. Schon beim Näherkommen sah ich Merkwürdiges: Der im unteren Müllbehälter befindliche Plastiksack flatterte. Ich wunderte mich noch und dachte: „So windig ist es doch aber gar nicht!“ Aber was sollte es – erst einmal die Zigarette ausdrücken und im oberen Teil des Behälters verklappen …

So dachte ich. Als ich mich gerade dazu anschickte und meine Hand mit der Zigarette zum Kippenbehälter ausstreckte, kam Leben in den unteren Teil des Müllbehälters! Und schneller, als ich „Hallo!“ sagen kann, stürzte etwas in Panik aus dem Mülleimer und raste flatternd in meine Richtung! Und obwohl es im letzten Moment wohl wahrnahm, was Sache war, konnte es nicht mehr abdrehen, sondern prallte mit Impetus gegen mein Brustbein …

Ich schrie wie am Spieß, als das schwarzweiße Ding gegen mich flog und ein spitzes Objekt sich in mein Brustbein zu bohren trachtete, es zum Glück nicht durchdrang … 😉 Im ersten Moment sah ich – nicht unbedingt sonderlich typisch für mich – nur Schwarzweiß, realisierte jedoch nicht, worum es sich handelte … Aber die unfreiwillige – von beiden Seiten! – Kollision schmerzte doch recht stark, und nicht nur ich schrie. Auch das schwarzweiße Ding war in heller Panik und schrie ebenfalls, flatterte panisch und schaffte es dann, die Kurve zu kriegen, während ich noch nach Luft rang. Es landete auf dem Dach des Gebäudes, in dem ich arbeite, und es schrie von dort, offenbar verärgert: „Tschack-tschack!“ Zusammen mit einigen Artgenossen, die ebenfalls auf dem Dach saßen: eine Elster war es!

Ich warf einen Blick in meinen Ausschnitt – blutete etwa etwas? So ein Elsternschnabel ist sehr spitz! 😉 Nein – zum Glück war alles soweit in Ordnung. Erst gestern Abend sah ich, dass ich tatsächlich ein kleines Hämatom habe – genau mittig. 😉

Als ich es meiner Kollegin erzählte, äußerte diese obigen Satz. Ich grinste und meinte: „Ja, ich verstehe es auch nicht so ganz und würde gern auf solche Erlebnisse verzichten.“ – „Mach dir nix draus. Mir ist zwar noch nie eine Elster gegen die Brust geprallt, aber mir passieren auch bisweilen komische Dinge.“ – „Wahrscheinlich verstehen wir einander deswegen so gut!“ – „Das glaube ich auch. Du verstehst auch immer, was ich erzähle – das passiert mir nicht oft.“

Ich habe ihr dann lieber nicht mehr erzählt, dass ich bereits einmal von einer Taube auf ähnliche Weise angeflogen worden war, die nach der Kollision schockiert, schwer atmend und irritiert gurrend auf dem Boden gesessen und um die ich mich noch gekümmert hatte, bis sie wieder flugfähig war … (Ich glaube, Tauben sind da etwas schlichter als Elstern.)

Jana habe ich dann auch davon erzählt, als wir gestern im NL-Kurs waren. Die lachte sich schlapp und meinte: „Finde ich total sympathisch. Ich dachte, nur mir würden so schräge Dinge passieren!“ – „Nein! Mir passieren öfter solch merkwürdige Sachen – mach dir keinen Kopp! Wir sind völlig normal!“ Sie meinte gerade: „Ja, klar“, als Thijs fragte, worüber wir uns da unterhielten, obwohl wir doch gerade de chchrrrammatica behandelten. Jana und ich wurden etwas rot, dann fasste ich mir ein Herz und erzählte, worüber wir gesprochen hätten, und ich fragte, was Elster auf Niederländisch heiße. Nicht sonderlich spannend: Es heißt ekster. Und ich hatte mit zwart-witte kakvogel gerechnet!

Thijs lachte sich halbtot, und er meinte: „Ich wusste von Anfang an, dass du irgendwie bijzonder bist!“ Ich starrte ihn entsetzt an und fragte: „Wie ist das genau gemeint?“ – „Niet zo, wie du es offenbar verstehst. Du hast immerrr gute Laune, wenn der cursus ist, du lachst vielll. Das ist bijzonder. Das ist ein Kompliment!“ – „Okay – danke! Dann ist es ja gut! Aber im Vertrauen: Ich habe nicht immer gute Laune …“ – „Aberrr hierrr immerrr – das ist nett!“ Na, dann! Warum sollte ich im NL-cursus auch schlechte Laune verbreiten? 😉

Und ich lerne dort auch viel. Als Thijs gestern erzählte – wir sprachen noch immer über das Thema Essen und Trinken -, einst habe eine niederländische TV-Wettermoderatorin versehentlich gesagt, am nächsten Tag würden regen – [re:xe] – en hagelslag fallen, lachte ich, rief: „Lekker weertje!“ („Schönes Wetter!“) und sagte, wenn tatsächlich hagelslag falle, würde ich sämtliche Gefäße wie Schüsseln und Eimer nach draußen stellen, um möglichst viel hagelslag aufzufangen. „Maar alleen van volle melk!“ rief ich noch, und Thijs lachte und meinte: „Du scheinst ein Fan von Schokostreuseln zu sein!“ Denn das ist mit hagelslag gemeint – echter Hagel heißt schlicht hagel, mit langem A und einem CH wie in lachen. Und ich rief: „Ja! Maar alleen van volle melk!“

Für den Fortgeschrittenenkurs bin ich inzwischen fest angemeldet, und irgendwann wird es mir auch gelingen, echte Sätze zu sprechen, inklusive aller grammatischen Zeiten. Und trotz der Tatsache, dass Elster leider nicht zwart-witte kakvogel heißt, obwohl das soviel schöner wäre. 😉

Und von meinem Physiotherapeuten konnte ich heute auch lernen: Er meinte, Kroatien würde heute 2:0 gegen Argentinien spielen, und wir stellten übereinstimmend fest, dass wir Argentinien beide nicht mögen. Hätte ich in puncto Kroatien doch mal auf ihn gehört! Die mag ich auch lieber, aber ich habe sie unterschätzt, denn ich hatte 2:2 getippt … 😉 Zwar haben sie nun 3:0 gespielt, aber da hätte ich wenigstens noch Punkte gemacht …

Euch einen schönen Abend! 😊

Epilog (einen Tag später):

Heute rief mein Physiotherapeut mich völlig überraschend an. Ich dachte, er wolle den nächsten Termin verlegen und fragte nach seinem Anliegen, nachdem ich mich gemeldet hatte. Ob es eine Terminverschiebung gebe.

„Aber nein, liebe Frau B.! Ich wollte nur nachfragen, ob Sie meinen Tipp beherzigt haben!“ – „Wie jetzt? In echt?“ – „Ja. Ich hoffe, Sie haben …“ – „Nee, leider nicht – ich kam nicht mehr dazu,“, schwindelte ich ein bisschen, da ich ja niemanden verletzen wollte. Außerdem hatte der Physiotherapeut auch noch – fast – Recht gehabt … – „Dann wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende!“ rief der Physiomann fröhlich, und ich sagte: „Wie – Sie haben jetzt ernsthaft angerufen, nur, um sich nach meinem Ergebnis zu erkundigen?“ – „Ja!“ Ich war verblüfft. Ist euch schon mal so etwas passiert?

Und wie dumm von mir, nicht gleich nach weiteren Tipps zu fragen – der Physiomann scheint tippmäßig Ahnung zu haben … 😉

Von Revolutionen, Bahnsteigkarten … und Umfragen

Gestern und heute, ergo am zweiten Spieltag, habe ich beim Tippspiel exakt 9 (in Worten: neun) Punkte erzielt und befinde mich derzeit auf Platz 8 (in Worten: acht), was morgen schon wieder ganz anders aussehen kann. Wahrscheinlich, wie ich mich kenne, mehr nach unten versetzt. Doch anders als bei der EM vor zwei Jahren suche ich keinen Tippberater mehr, da ich inzwischen begriffen habe, dass auch die treuesten Fußballkenner und Eingeweihten derzeit fast alle ganz weit unten in der Tabelle stehen, während ich auf derzeit Platz 8 eher einem Greenhorn gleiche, das nicht einmal weiß, was Abseits ist. Im Grunde bin ich daher ohnehin ganz falsch so weit oben plaziert (nein, ich schreibe nicht „platziert“ – nein!) … 😉

Fußballtechnisch lief es heute also ganz geschmeidig, und BEL:PAN lief – wie auch SWE:SKOR – völlig ungesehen von mir, denn um 14:00 h schwitzte ich über diversen Buchungen und einem zu stellenden Antrag, und um 17:00 h befand ich mich gerade auf dem Weg zur Physio. Danach raste ich nach Hause, denn wenigstens TUN:ENG wollte ich sehen, und da habe ich immerhin 3 von 4 möglichen Punkten eingeheimst, und vielleicht war der Elfmeter, der für Tunesien gegeben wurde, doch gar nicht so verkehrt gewesen. Ich hatte 0:1 für England getippt, und mit diesem Elfmeter endete das Spiel schließlich 1:2. Ohne diesen hätte England vielleicht noch viel früher aufgedreht … oder auch nicht.

Dann surfte ich ein wenig im Internet und geriet auf eines der Sozialen Medien und dort irgendwie auf eine Seite einer „politischen“ Jugendorganisation, deren Name auf besondere Haltbar-, Strapazier- und Widerstandsfähigkeit hinwies, nein: hinweisen sollte. Dort wurden wahrhaft weltbewegende Dinge diskutiert …

So gab es dort eine Umfrage, ob es legitim sei, wm-typischen Autoschmuck wie Deutschlandfähnchen abzureißen …

Ich musste zweimal hinsehen, um zu glauben, was ich dort las! Und dann konnte ich es noch immer nicht glauben … Eine diametral zum rechten Spektrum ausgerichtete Organisation startet eine Umfrage, ob es okay sei, würde man … Offenen Mundes – ich vermute es zumindest – saß ich vor meinem Lappy!

Es gibt einen schönen Spruch: „Wer in jungen Jahren nicht links ist, hat kein Herz. Wer es im Alter noch immer ist, hat kein Hirn.“ Man kann darüber streiten, und auch ich bin – nicht parteipolitisch gesehen, wohlgemerkt, mehr gefühlsmäßig – auch eher in die linke Richtung geneigt. Aber eben nie parteipolitisch – mehr vom Grundgefühl her – vom Idealistischen her. Das habe ich mir zumindest aus meiner Jugend bewahrt – und damit wohl auch mein Herz. 😉 Ich finde den Spruch oben witzig, interpretiere ihn jedoch so, dass man mit zunehmendem Alter meist (!) etwas oder viel realistischer denkt. Bei mir halten sich Idealismus und Realismus einigermaßen die Waage, obwohl ich vom Herzen und Gefühl dann doch eher eine Idealistin bin. Man muss sich aber eben nach der Decke strecken und stellt früher oder später fest, dass es eines ausgewogenen Verhältnisses bedürfe. 😉

Aber bis etwa 25 war ich auch eher spontan-impulsiv geartet. Manchmal merkt man es heute noch. Hinzu kam, dass ich in einem sehr liebevoll-wohlbehütenden Elternhaus aufgewachsen bin. Das kann gefährlich sein, denn: Wehe, wenn sie losgelassen …  Anders als meine Schwester, war ich öfter in Schwierigkeiten verwickelt. Nicht in schlimme, aber manchmal war es ein wenig unangenehm, zumal meine Eltern – zumindest mein Vater – sich nie erklären konnten, wie es dazu kommen konnte. 😉 Meine Mutter sah mich immer nur mit einer hochgezogenen Augenbraue an und meinte dann: „Die ist im Herzen eine Rebellin.“ Ja, das hat sich auch nicht geändert, und bei solch einer Konstellation ist es gut, wenn auch noch mehr oder minder viel Verstand hinzukommt, der einen zumindest nicht immer übers Ziel hinausschießen lässt. 😉

Als ich mein Elternhaus verließ (einen Tag nach der Abifeier, aber mit durchaus viel Heimweh), war es aufregend: Endlich tun und lassen können, was man wollte! Und so kletterte ich nachts über die Zäune mehrerer Freibäder, zusammen mit einer ganzen Gruppe, machte die Nacht generell gern zum Tage (ich bin eher ein „Nachtmensch“ 😉), rauchte wie ein Schlot (nicht nur herkömmliche Zigaretten) und hatte bisweilen wechselnden Übernachtungsbesuch. Trotz allem schaffte ich irgendwie – wenn auch bisweilen mit Ringen und Schatten unter den Augen – mein Pensum. Und das, obwohl gleich im ersten Semester ein Riesenstreik die gesamte Uni lahmlegte und ich mehr auf Demos war als im Hörsaal (was aber eh sinnlos gewesen wäre, da keine Vorlesungen und Seminare stattfanden – es war ja Streik). Und obwohl ich rein gar nichts dafür konnte, meinte meine Mutter: „Das ist ja typisch: Kaum fängt Ali zu studieren an, ist dort Streik, und keine einzige Veranstaltung findet statt!“ Das war ungerecht – ich konnte gar nichts dafür! 😉 Im Gegenteil – man wollte damals die philosophische Fakultät abschaffen, die Grundlage meines dortigen Seins! Dagegen musste man doch protestieren – und das tat ich, zusammen mit ganz vielen anderen Studis, auch aus allen anderen Fakultäten, denn die hatten sich solidarisch erklärt (bis auf die Physiker – die bekamen allzu Weltliches erst mit Verspätung mit, wenn überhaupt, wenn es sie denn überhaupt tangierte …). Das tat ich so gründlich, dass ich einige Tage keine Stimme mehr hatte. 😉 Ich unterschrieb Petitionen, ich schrieb einen eigenen Brief an die Bildungsministerin in Düsseldorf (wahrscheinlich landete er im Papierkorb oder gleich im Aktenvernichter, aber egal!) – es war cool, weil wir das Gefühl hatten, etwas Sinnvolles bewirken zu können – den Erhalt einer bildungstechnischen Einrichtung. 😉

Ich bin der dringenden Ansicht, dass ziviler Ungehorsam, wenn notwendig, unbedingt geleistet werden müsse. Aber alles mit Verstand.

Und da lese ich eine Umfrage, ob es legitim sei, Deutschlandfahnen abzureißen! Ich finde das Scheiße, auch wenn ich keine Fähnchen am Auto habe, aber das Argument fand ich schon so peinlich … Noch „scheißer“ finde ich jedoch diese Rundum-sorglos-abgesichert-Einstellung – man macht doch keine Umfrage, wenn man meint, im Recht zu sein (auch wenn man es im Zweifel nicht ist)! Mir wurde wirklich schlecht … Man macht, was man für richtig hält. Man muss dann aber im Zweifel auch den Kopp hinhalten. Das kann peinlich sein, wie ich weiß, denn es macht keinen Spaß, wenn man vor der Polizei wegrennen muss, die zufällig in der Nähe des Freibades Streife fährt, in das man gerade bei Nacht widerrechtlich eingedrungen ist, um fern des Tagesansturms in Ruhe ein paar Bahnen – oder Runden – zu schwimmen. 😉

In welcher Welt, so fragte ich mich vorhin fassungslos, lebe ich eigentlich? Sich im Recht wähnende Wohlstandsgören, wie ich auch eines war, starten im Internet eine Umfrage, um sich Straftatbestände, und seien sie noch so gering, legitimieren zu lassen – quasi qua vox populi! Das ist peinlich! Macht es, wenn ihr es für richtig haltet, steht dann aber auch dazu, und seid doch, bitte, nicht immer so entsetzlich peinlich-saturiert und krampfig auf Applaus aus, wenn ihr doch Rebellen sein wollt, Kämpfer für – irgendein – Recht!

Ausgerechnet ein Idol dieser Wohlstandskinderchen fiel mir ein: Lenin, der wohl einst gesagt hatte: „Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas; wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!“ Das Zitat wird ihm zumindest zugesprochen. Und er hatte wohl Recht, wenn man auch Bahnsteigkarte durch Umfrage ersetzen muss.

Als ich meinen besten Freund Fridolin in diesem Sozialen Medium online sah, schickte ich ihm den Link zur Umfrage und räsonierte haareraufend, das sei ja wohl das Grauen, und ich fragte ihn, woran dieses Grauen wohl liege.

Seine Antwort war typisch Fridolin, denn er schrieb in bemerkenswerter Geschwindigkeit: „Ich kann dir das nicht erklären. Als ich ein kleiner Bub war, war die Drohung, jemanden so zu verdreschen, dass er nicht mehr wisse, ob er Männchen oder Weibchen sei, ultimativ. Heute gibt es viele, die das ganz ohne Schläge nicht mehr wissen und stattdessen hunderte Geschlechter erfinden oder ihre sexuellen Interessen mit dem biologischen Geschlecht verwechseln. Der Wahn nimmt zu. In jeder Form. Wir verblöden (die Spezies, ich natürlich nicht).“

Man muss diese Aussage nicht en tout teilen, aber ich schüttete mich vor Lachen aus – eine vergleichsweise kurze, knackige Aussage, typisch Fridolin. Der ist sich übrigens über die Jahre treu geblieben – diese Aussage hätte er auch schon vor Jahren in Aachen tätigen können – zumindest in großen Teilen. 😉

Manche Dinge ändern sich zum Glück nicht – auch wenn seit neuester Zeit gern Umfragen getätigt werden, und das sogar von wackeren Verteidigern vermeintlicher Gerechtigkeit und Toleranz. 😉

Euch einen schönen Abend! 😊

Kurz nach der Halbzeitpause doch lieber zur Tanke …

Heute war es soweit. Das Auftaktspiel für Deutschland stand an: Deutschland gegen Mexiko.

Zuvor das Spiel Costa Rica versus Serbien. Ich hatte 0:1 für Serbien getippt, mir das Spiel auch angesehen und tatsächlich mitgefiebert. Ich gestehe, es lag auch ein bisschen an meiner Position in der Tipprunde, denn ich gehöre irgendwie zu denen, die nie so konstant in einer „Region“ der Tabelle verharren, sondern eher wie beim Tischtennis pingpongmäßig hin und her schießen, und das in erstaunlich hoher Frequenz. 😉

Von Platz 1 auf Platz 11, dann auf Platz 5, stürzte ich kürzlich auf Platz 21, und das binnen kürzester Zeit. Zwischenzeitlich war ich gar auf Platz 27, und da dachte ich noch: „Die Letzten werden die Ersten sein!“ Dabei war ich nicht einmal Letzte. Denn: Als ich dann auf Platz 29 fiel, dachte ich: „Pech im Spiel – Glück in der Liebe!“ Und da war ich immer noch nicht Letzte. Und ich dachte, dass demnächst großes Liebesglück über mich hereinbrechen werde, als ich auch schon wieder auf Platz 16 gerissen wurde! Und im Zuge des CRC-SER-Spiels gleich schwindelerregende sieben Plätze höher auf Platz 9! Eine einstellige Zahl! Hurra! 😉

Nun werden Uneingeweihte sagen, dass es daran liege, dass ich von Fußball keinen Plan hätte, aber da liegen sie nicht richtig, denn die echten Fußball-Cracks liegen auch ziemlich hinten. Es ist halt ein Vabanque-Spiel … 😉

Für das deutsche Auftaktspiel hatte ich den absolut „feigen“ Tipp 2:1 gewagt, obwohl der – wie sich herausstellte – in der Tat gewagt war. Dabei war mir – ich schwöre, es war so! – mehr nach 0:1 für Mexiko. Ja, schimpft mich nur eine Nestbeschmutzerin, aber ich fand das recht realistisch. Ich hatte Testspiele gesehen. Aber irgendwie überkam mich doch ein wenig Scham, und ich dachte, es könne ja nicht wirklich schaden und niemandem wehtun, würde ich doch pro „Die Mannschaft“ tippen.

Als die Tippzeit abgelaufen war und das Spiel begann, sah ich, dass meine Tippbrüder und -schwestern wohl ähnlich gedacht und gehandelt hatten wie ich. 😉 Zumindest war ich nicht allein.

Während der ersten Halbzeit gingen mir die Zigaretten aus, als gerade die Mexikaner ihr Tor schossen, und ich beschloss, in der Halbzeitpause mal eben zur Tanke zu titschen, denn für Fußballspiele brauche ich Zigaretten, speziell bei der WM, ich gestehe es. Aber ein Anruf hinderte mich am rechtzeitigen Aufbruch, und so beschloss ich, erst nach dem Spiel loszuziehen, zumal ich auch noch eine angebrochene Schachtel eines „Notkaufs“ fand, vor einiger Zeit getätigt, als es meine Marke – Luckies – nicht gab.

Doch obwohl noch einige Zigaretten in der Schachtel waren, schaltete ich irgendwann enerviert aus. Das Spiel ging an meine Nerven. Ich ertrug kaum, es anzusehen, und so dachte ich: „Du gehst jetzt zur Tanke. Und du solltest dich auch nicht beeilen.“ Denn: Zeichnet sich ab, dass das Grauen Einzug halten werde, muss man – ich zumindest – nicht auch noch jede Millisekunde miterleben. Es ist ähnlich, wie wenn man in absolut ungünstiger Situation gezwungen ist, einen Schwangerschaftstest machen zu müssen, wobei die modernen ja wenigstens sehr schnell anzeigen, was Sache ist. Ich jedoch musste als Studentin mal einen machen, der im Vergleich zu seinen moderneren, schnelleren  und damals sehr teuren Kollegen zu seiner Entfaltung ganze fünf Minuten brauchte, bis der Teststreifen anzeigte, was nun genau anliege (zwei blaue Streifen = nicht schwanger, zwei blaue und ein rosa Streifen mittig = schwanger). Ich gestehe, auch da musste ich das Haus verlassen – unmöglich, allein mit dem Test nebst Teststreifen in der Wohnung zu bleiben, ohne einen Herzinfarkt zu erleiden, weil man alle paar Sekundenbruchteile hinrennen und draufstarren muss, als ändere sich das Ergebnis dadurch. 😉 Und letzten Endes gab es dann zwei blaue Streifen und sonst nix …

Und so schaltete ich den Fernseher aus und machte mich kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit auf den Weg zur Aral-Tankstelle. Und ich ließ mir viel Zeit.

Als ich zurückkehrte, schaltete ich den Fernseher wieder ein. Ich muss gestehen, dass es mich nicht gewundert hätte, hätte es inzwischen 0:2 gestanden. Dem war aber nicht so – im Grunde war alles noch offen. Theoretisch zumindest. Praktisch beherrschten jedoch die Mexikaner das Spielfeld, und so ging es dann auch aus …

Keiner der Tippbrüder und -schwestern hat bei diesem Spiel auch nur einen Punkt gemacht, und ich habe beschlossen, mich künftig doch wieder mehr auf mein Bauchgefühl zu verlassen. 😉

Und nun hoffe ich, dass die Brasilianer und Schweizer wenigstens so spielen, wie ich getippt habe … 😉

Euch einen schönen Abend und – wenn ihr Fußball mögt – viel Spaß bei der WM! 😊

Auf ein Neues!

„32 Kollegen (und Kolleginnen, selbstredend, aber ich benutze – stur, wie ich bin – immer die althergebrachte Pluralform und fühle mich dabei rein gar nicht benachteiligt) müsst Ihr sein!“

So die Devise des WM-Tippspiels bei meinem Arbeitgeber, bei dem immerhin die genannten 32 Kollegen mitmachen. Ich selbstredend auch, denn mir war vor knapp drei Wochen aufgefallen, dass ja trotz „drohender“ WM noch keine offizielle Anfrage bezüglich einer Tipprunde ergangen sei. Und so schrieb ich an einem Samstagabend meinen Kollegen Alexander per WhatsApp an, der derlei Dinge stets organisiert. Und ich erhielt Antwort: Die Tipprunde sei in Arbeit, jedoch seien zuerst die, die auf die Buli-Tipprunde abonniert seien, angeschrieben worden. Aber gut, dass ich fragte, so schrieb Alex und nahm mich gleich in die Runde auf. Gern dürfe ich auch noch andere Kollegen „keilen“ (nicht „keulen“, wohlgemerkt! 😉 )

Und es bedurfte nur geringer Überzeugungskraft, Jana dazu zu holen. Und Kerstin. Und Gina. Inzwischen sind wir besagte 32 Personen, die alle mittippen.

Heute war ich recht aufgeregt – heute war doch das Eröffnungsspiel. Russland gegen Saudi-Arabien. Um 17 Uhr ging es los. Um 16 Uhr hatte ich einen Physio-Termin, der aufgrund einer Verzögerung später begann … Nein! Ausgerechnet heute! 😉

Um 16:45 Uhr schloss ich in großer Eile mein Auto auf, warf mich hinein und sauste heimwärts. Beziehungsweise: Ich wäre gern gesaust, aber vor mir waren – der Arbeitstag war wohl lang gewesen – erneut und wie morgens einige Rote-Ampel-Nickerchen-Halter, die teilweise überhaupt nicht reagierten, als die entsprechenden Ampeln auf Grün schalteten. Einmal musste ich sogar hupen, denn der Herr vor mir wollte so überhaupt nicht anfahren, wie es schien … Und ich wollte dringend nach Hause – mir erschien mein 1:0-Tipp für Russland doch etwas zu „zahm“. Man wusste ja nie … (Ich muss jedoch gestehen, dass ich den Tipp auf das im Grunde noch „zahmere“ 2:1 abändern wollte – ein Tipp, noch feiger als 1:0 … 😉 Ein Tipp für Sicherheitssüchtige. 😉 )

Als dann endlich alles im Fluss war, gab es zwei abrupte Bremsmanöver, als ein Radfahrer, von links kommend, völlig „blind“ quer über die Straße schoss. Beim zweiten Mal latschte ein Ömchen mit Hund – ebenfalls ohne jedwede Blicke nach links und rechts – einfach auf die Straße. Wildes Hupen war in beiden Fällen die Folge; verständlich, denn solche Leute muss man wirklich energisch darauf hinweisen, dass sie durchaus nicht die Einzigen auf dem Erdenrund seien. Auch nahm ich an, dass die empört Hupenden sich ggf. in ähnlicher Lage wie ich befanden: Der Drang nach Hause war groß – das Eröffnungsspiel hatte bereits begonnen! 😉

Als ich schließlich zu Hause ankam, parkte ich so schnell, wie möglich, und dann rannte ich im strömenden Regen zu „meinem“ Haus, brach beim Aufschließen der Haustür fast den Schlüssel ab und rannte dann die Treppe bis in den ersten Stock hoch, als seien Hunde hinter mir her … 😉

Schnell den Fernseher eingeschaltet, den meine Patentante mir vor vier Jahren geschenkt hat, nachdem mein alter Fernseher pünktlich zu Beginn der damaligen WM den Geist aufgegeben hatte. Sie hatte gesagt: „Dass du ohne Fernseher dasitzst, geht doch nicht! Es ist Fußball-WM!“ Und immerhin zum Viertelfinale konnte ich dann selber zu Hause die Spiele verfolgen. 😉

Als ich eingeschaltet hatte, sah ich, dass es in der Tat 1:0 für Russland stand. Und sogleich dachte ich: „Nichts gegen euch, liebe russische Nationalmannschaft, aber würde es euch etwas ausmachen, bis zum Abpfiff kein Tor mehr zu schießen? Und natürlich müsst ihr jedweden Versuch der Saudis, ein Tor zu schießen, irgendwie abwürgen!“ Nun, Letzteres gelang dann auch, aber dann fiel das 2:0. Ich stürzte – zusammen mit diversen Mitstreitern – von Platz 1 auf Platz 11, dies aber in der beruhigenden Gewissheit, dass ich nicht auf dem letzten Platz für heute landen würde, denn drei Kolleginnen hatten allen Ernstes 1:1 getippt. Allerdings blieb das Restrisiko, dass die Saudis aufholen und gleichziehen würden. Aber das geschah nicht, und als das 3:0 fiel, hatte ich mich mit den nur 2 Punkten, die ich bis dato hatte, bereits abgefunden. Beim 4:0 hob ich kaum noch meine Augenbrauen, war jedoch mit den meisten meiner Weggefährten von Platz 11 immerhin auf Platz 5 hochgeschnellt. Allerdings erstaunte mich das 5:0 dann doch – ich war sicherlich nicht die Einzige. Und seitdem bin ich zusammen mit 28 Weggefährten erneut auf Platz 1! 😉 Nur Anne, Wiebke und Marina sind auf Platz 30 – das 1:1 war wirklich unvorsichtig gewesen. 😉

Und so machte es gar nichts, dass ich meinen leichtfertigen 1:0-Tipp doch nicht mehr auf den 2:1-Sicherheitstipp hatte ändern können – all diejenigen, die per se so getippt hatten, sind zusammen mit mir auf Platz 1 … 😉 Cool – mit so etwas hatte ich nicht gerechnet. 😉

Morgen geht’s weiter …

Ali und Zahlen

Zugegeben, der Titel klingt etwas wie Malen nach Zahlen. Kennt ihr sicher vom Hörensagen und kam irgendwann in meiner Kindheit auf. Malen nach Zahlen, nicht ganz so kreativ wie Schreiben nach Gehör, aber mit ähnlich schrillen und sehr bunten Ergebnissen verbunden. 😉 Rassige Pferdeköpfe, putzige Kätzchen, die mit Wollknäulen kämpften, mehr oder minder edle Jagdhunde und Landschaftsszenen wie Stillleben mit Hummern, Weintrauben und Äpfeln in einer dekorativen Schale waren bei diesem Hobby sehr angesagt, dessen Kreativitätsgrad noch in den Kinderschuhen steckte. Selbst Schreiben nach Gehör ist erheblich kreativer – und wie!

Menschen malten nach Zahlen, die sich irgendwann als Kind voller Empörung ob der Stumpfsinnigkeit von Malbüchern – „Aber nicht über den Strich malen!“ – abgewandt hatten, nun nach einer Vorgabe, einem Aufbügel-Stickmuster nicht unähnlich („Hier Kreuzstich!“), in der die zu benutzenden Farben numeriert waren. (Nein, ich schreibe nicht „nummeriert“, und wenn ihr mich steinigt! 😉 ) Und die Bilder hingen dann – bestenfalls – in Kinderzimmern und Kellerbars.

Malen nach Zahlen hat mich nie gereizt. Ich malte und zeichnete lieber selber, ganz ohne Vorlage, und wenn mir eine Schattierung danebengeriet, war sie wenigstens von mir selber falsch gemacht und klaffte nicht blutrot im edlen Antlitz eines Pferdes, das meine frühere Schulfreundin Annabell so schön nach Zahlen ausgemalt hatte, aber leider statt der 6 und der 9 zweimal Nummer 6 in ihrem Malen-nach-Zahlen-Gebinde hatte, weswegen der eigentlich als rauchgrau geplante (normalerweise serienmäßig im hier fehlenden Farbtöpfchen Nr. 9 befindlich) Schatten nun in Blutrot (Napf Nr. 6) erschien, als habe jemand dem Pferd mit einer Machete ins Gesicht geschlagen! 😉

Nein, das war nichts für mich. Ich fiel damals nur auf Ministeck herein. Ihr mögt gern selber googeln, worum es sich dabei handelt, und ihr werdet herausfinden, dass das nur etwas für ganz besonders geduldige und in sich gekehrte Menschen sein kann. Also nichts für mich, aber ich hatte es mir zu Weihnachten gewünscht (alle Mädchen aus meiner Klasse hatten sich das gewünscht …) und auch bekommen, und so wollte ich meine Eltern nicht enttäuschen. Meine Eltern liefen recht schnell mit Mundwinkeln herum, die sie gewaltsam hinunterdrücken mussten, auf dass ich, die fluchend mit diesem blöden Zeug, winzig kleinen Mosaik-Stecksteinchen, dasaß, das ich mir gewünscht hatte und das – im Optimalfalle – Dinge hervorrief, die an Petit-point-Stickerei erinnerten, die ich schon immer als grauenhaft spießig empfand, nicht völlig von meiner Geschmacksverirrung frustriert werden sollte. Beherrschte man Ministeck, sah das Ergebnis aus wie ein mosaikhaftes Ergebnis, das man anders und eher flächig mit Malen nach Zahlen erzeugte. Und auch bei dieser Methode, Geschmacksverirrungen herzustellen, musste man offenbar das Raster, das dazu notwendig war, bereits im Kopp haben. Als Kind fand ich noch einigermaßen mangelhaft, dieses Raster eben nicht im Kopp zu haben. Je älter ich wurde, umso besser fand ich mein rasterloses Gedankendasein. 😉

Mein Metier waren eigentlich immer eher Buchstaben, Laute und alles, was man daraus bilden konnte …

Und nun sitze ich da und habe derzeit massiv mit rasterhaften Dingen zu tun. Rasterhaft. Nicht lasterhaft, wohlgemerkt. 😉 Und mit Zahlen – ganz grauenhaft … 😉 Im Moment bearbeite ich Zwischen- und Abschlussberichte. Da ich in der Einarbeitungsphase bin, alles so, wie es kommt. Das ist nicht immer angenehm, aber heute hatte ich – obwohl der Tag sich eher überraschend anließ und es ja auch unangenehme Überraschungen gibt – einige Erfolgserlebnisse! 😉 Und sogar einige Fehler, die ich nicht einmal selber erzeugt hatte, fielen mir auf. Ich mache offenbar Fortschritte. 😉

Und ich musste feststellen, dass einem Zahlen – nachdem man sie gefühlt etwa zweihundertundeinundvierzig (ich übertreibe!) Male angestarrt hat, um einen Buchungsfehler zu finden – auch ans Herz wachsen können. 😉 Vor allem dann, wenn man sie mit Namen verbinden kann, nämlich den Namen der Klienten, die hinter dieser zunächst anonymen Zahl stehen. Und ich ertappte mich dabei, wie ich urplötzlich Zusammenhänge erkennen konnte. Da fehlten doch exakt 43,- €! Und die schienen offenbar im Kontext zu dem und dem Klienten zu stehen! Oha, da hatte es wohl eine Fehlbuchung gegeben! Das musste behoben werden. Und schon behob ich, und das hoffentlich so, dass es nicht heißt: „Wir buchen – Sie fluchen“ …

Ich muss gestehen, diese eher detektivische Arbeit macht mir sogar Spaß. Noch. Allerdings nicht, weil ich nun auf einmal mit Zahlen per Du sei. Nein, ich brauche ja den Rückschluss über Namen, Gesichter und Geschichten, die hinter den Zahlen stehen. Trainiert aber in jedem Falle das Gedächtnis. 😉

Mein Fazit daher: Zahlen und ich sind einfach nicht kompatibel – wenn ich mit ihnen umgehe, brauche ich offenbar noch immer Zusatzinfos. Dann aber läuft es prima, und ich entdecke die kleinsten Fehler. Als ganz neutrale Buchhalterin daher nicht geeignet. Aber zum Glück ist das ja auch nicht mein Job. Nur eine Art Begleiterscheinung, die aber nicht schaden kann. 😉

Malen oder Denken in Zahlen bleibt mir wohl weiterhin relativ fremd. Macht aber auch nix. Jeder, wie er kann.

Euch einen schönen Abend! 😊

Von „slaatje“, „koelkastjes“ und „silveruitjes“

Gestern war ich nach zwei Wochen Auszeit – einmal fiel der Kurs wegen der Pfingstferien aus, letzte Woche hatte ich am Mittwoch bis Viertel nach 7 abends im Büro zu tun – wieder bei meiner mittwöchlichen Lieblingsbeschäftigung – dem Niederländischkurs. Jana war letzte Woche anderer Verpflichtungen wegen auch nicht dagewesen, und so waren wir ob der Tatsache, dass wir völlig „außen vor“ zum Kurs fahren sollten, ein wenig verunsichert. Für gewöhnlich ist zumindest eine von uns dort anwesend und kann dann die andere auf dem Laufenden halten.

Normalerweise wären wir zusammen gefahren, aber ich hatte noch einiges im Büro zu tun, und so meinte ich zu Jana: „Ich fahre ausnahmsweise selber direkt von hier nach M. – wir treffen uns dann dort.“ Und so fuhr ich dann auch gegen Viertel nach 5 los – und war viel zu früh da. Aber ich kalkuliere lieber großzügig, denn ich kenne mich und meinen Orientierungssinn. Den sogenannten, denn wenn ich auch einige erfreuliche Sinne habe, gehört der Orientierungssinn leider nicht dazu. Daher benutze ich ja auch auf ungewohnten Strecken immer mein Smartphone, mich zu leiten – und inzwischen habe ich diverse und ganz verschiedene Wege nach M. erkundet und war stets sehr erstaunt, aus welcher Richtung und über welch verschlungene Pfade ich am Zielpunkt eintraf. Viele Wege führen nach Rom – die Richtigkeit dieser Redensart kann ich nur bestätigen. Immerhin bin ich vor drei Wochen auf der Rückfahrt aufgrund des leeren Akkus meines Smartphones ganz eigenständig gefahren – und war sogar schneller zu Hause als mit dem Navi. Vielleicht bin ich orientierungsmäßig doch begabter, als ich dachte … 😉

Wie auch immer: Gestern war ich zu früh da, und das führte dazu, dass ich nun ein Paar neuer Ohrringe besitze, ein neues Armband und einen neuen Armreifen, denn irgendwie muss man sich doch die Zeit vertreiben, und da die VHS von M. in einem zu großen Teilen etwas deprimierenden Einkaufscenter beheimatet ist – in einer Mall -, flanierte ich dort ein bisschen und fand zielsicher eine Filiale von Pierreries Pierrette. Und was ich da im Schaufenster sah, fand ich einfach nur reizend … Und als ich wieder herauskam, hatte ich drei neue Teile an Modeschmuck – und wenn man die Ohrringe einzeln zählt, sogar vier! 😉

Bevor ich noch weiteren Talmi und Tinnef kaufen konnte – dieses Einkaufscenter bietet diesbezüglich viele Möglichkeiten -, begab ich mich lieber in den Außenbereich, wo ich zwei Zigaretten rauchte. Und dann war es auch schon Zeit für den NL-Kurs, doch als ich vor dem Kursraum eintraf, saß dort nur eine Kurskollegin, Jackie, die mich gleich nett begrüßte und meinte: „Außer uns ist noch niemand da. Habe ich beim letzten Mal viel verpasst?“ Ich lachte und meinte: „Gerade wollte ich dich das Gleiche fragen – ich war auch nicht da.“ – „O je. Ich tue mich ohnehin noch so schwer – dabei ist meine Mama Holländerin. Aber weil wir immer hier in Deutschland gewohnt haben, haben wir immer auf Deutsch miteinander gesprochen. Ich muss sicherlich viel aufholen, und erst neulich, als ich bei offenem Fenster Sprechübungen machte, rief ein Nachbar herüber, ob denn alles in Ordnung sei!“ Ich lachte mich fast schlapp. Jackie lachte auch und meinte: „Bei dir fragt sicher niemand, oder?“ Ich lachte noch mehr, denn ich musste daran denken, wie kürzlich meine Nachbarin gefragt hatte, was ich da eigentlich übte und ob ich übte oder nicht vielmehr Bauchschmerzen gehabt hätte … (Da hatte ich gerade einige Übungen hinsichtlich des heiklen ui-Lautes gemacht, und das leichtsinnig bei geöffneter Balkontür, und es klingt nun einmal so wie die Laute, die Seelöwen oder -hunde von sich geben, wenn sie das tun, was man bei diesen Tieren euphemistisch als „bellen“ bezeichnet. Es klingt im Grunde so, als übergebe sich gerade jemand. Und die Nachbarin sah mich so richtig zweifelnd an, als ich ihr sagte, dass ich gerade Niederländisch lernte. Genauer: Sie sah mich derart misstrauisch an, als hätte ich ihr erklärt, dass ich das nur lernte, um in NL ganz professionell Drogen käuflich erwerben zu können. Manche Leute verbinden mit den Niederlanden, vulgo: Holland, eben nur eines …)

Als ich Jackie das erzählte, lachte sie noch lauter als ich und war dann beruhigt. 😉

Kurz darauf kamen auch die anderen an, auch Jana, und schon ging es los. Inzwischen sind wir bei les drie angelangt, Lektion 3, und im Laufe der eineinhalb Stunden wurde mir klar, dass ich besser zuvor noch etwas Essbares zu mir genommen hätte, denn es ging um Essen und Trinken, ebenso darum, wie man in einem Lokal etwas bestelle. Wir lernten, dass ein großer Salat, ein Salat als Hauptgang, salade heiße, ein Beilagensalat hingegen slaatje, und den gab es gemäß Lehrbuch mit ganz verschiedenen Zutaten, sowohl mit tomaat oder tomaten (das N bitte nie artikulieren, sonst erkennt man euch gleich als Deutsche und könnte euch beim Drogenkauf infolgedessen über den Tisch ziehen … 😉 ), als auch wortels oder wortelen („Möhren“ bzw. „Wurzeln“) bzw. augurken (Gewürzgurken – Schlangengurken heißen schlicht komkommers, und wer Englisch und/oder Französisch sprechen kann, hat hier eindeutig Vorteile, da er zumindest cucumber und concombre kennt … 😉 ).

Wir lasen diverse Dialoge, in denen im Restaurant Bestellungen aufgegeben werden sollten – und immer war ich beim slaatje an der Reihe, das an mir klebte wie hondenpoep aan de schoen, wie (Hunde-)Scheiße am Schuh! Und het slaatje wurde stets abwandelnd angeboten, met wortels oder met rucola oder met garnalen, was sich mit diesem reizenden Ccchhhh im Anlaut spricht. Und als ich glaubte, über het slaatje erhaben zu sein, war ich erneut an der Reihe, als im Dialogverlauf jemand just dieses kalorienarme Gericht bestellte. Und als Krönung dann mit einer Zutat, die ich niemals in einen Salat, auch nicht in einen Beilagensalat, befördern würde: Denn dieses letzte slaatje um 19:42 h, das erneut bestellt werden musste, als ich mit Lesen (lezen) dran war, wurde met silveruitjes serviert! Ich bitte euch: Silberzwiebeln in einem Salat! Oder Salätchen! Die isst man doch so und dann gleich das ganze Glas leer! 😉 Mache ich zumindest so – die wären schon vernichtet, bevor sie auch nur ein Salatblatt erblickt hätten! 😉 Und wenn es sich um frische Perlzwiebeln handelte, würde ich im Handumdrehen Balsamicozwiebeln daraus kochen! 😉 Niemals kämen sie in einen salade und auch nicht in een slaatje. 😉

Im Verlauf dieser Stunde fing mein Magen empfindlich zu knurren an, und um das Ganze zu übertönen, fragte ich, wann denn nach der Sommerpause der A2-Kurs beginne. Thijs freute sich und meinte: „Immerhin eine Interessentin! Es ist immer etwas frustrierend mit die Kurse in het Nederlands. Die meiste komme und finde het Nederlands so süß! Und dann merke sie, dass das gar nicht so süß ist – und dann komme sie gar nicht mehr. Es freut mir, dass du fragst, wann die A2-Kurs anfängt!“ – „Ja, klar – ich möchte die Sprache wirklich lernen – und das ganz ernsthaft, obwohl ich sie auch irgendwie süß finde. Ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel!“ – „Nee – helemaal niet! Es freut mich, dass die Kurs dann stattfinde kann.“

Na, immerhin habe ich gestern jemandem eine Freude gemacht. 😉

Und gerade überlege ich mir, wie meine gruselige Datenschutzerklärung wohl auf Niederländisch klingen würde … Wahrscheinlich auch irgendwie knuffig. Würde besser zu meinem Blog passen als das, was da seit dem 25. Mai zu lesen ist und worin Dinge stehen, bei denen ich mich frage, ob ich sie überhaupt und wirklich nutze oder nicht aus Vorsicht lieber alles angab, um auf der sicheren Seite zu sein. Vielleicht sollte ich diesen juristischen Wust mal ins Niederländische übersetzen lassen – das läse sich sicherlich netter. 😉

Einen schönen Abend! 😊

Nachtrag: Und wenn man het slaatje nicht zur Gänze aufisst, stellt man es in de koelkast. Oder – so typisch niederländisch – in het koelkastje. In den Kühlschrank. Oder in den kleinen Kühlschrank. Und wenn ihr in einem niederländischen Hotel seid, das nicht alles auf Englisch gepolt hat, ist het koelkastje das, was anderswo als Minibar bezeichnet wird. Koelkastje hat aber viel mehr Charme. Finde ich zumindest. 😉

Die Schlinge zieht sich zu …

Heute hatte ich einen Tag frei – ein klassischer Brückentag. Das war auch günstig so, denn um 13:00 h fand meine allererste Physio statt, bestehend aus den Fraktionen Allgemeine Krankengymnastik und Traktionsbehandlung. Ich war erstaunlicherweise zu früh da, komme sonst eher auf dem letzten Drücker an, aber so konnten die Formalitäten noch bequem erledigt werden, was bedeutete, dass ich einen Anmeldebogen ausfüllte und unterschrieb sowie knapp 25,- € Rezeptgebühr und Eigenbeteiligung berappen musste.

Inzwischen sitze ich zu Hause und fühle mich so, wie man sich fühlt, wenn man bereits erahnen kann, dass am nächsten Tag der ohnehin eingeschränkte Bewegungsradius noch einmal zusätzlich limitiert sein könnte. 😉

Zunächst wurde ich in einen Raum mit einer Liege geschickt und sollte mein Oberteil ausziehen. Den BH durfte ich anbehalten, sah allerdings auch keinen Grund, ihn mir vom Leib zu reißen, denn es geht ja nur um die Schultern bzw. Halswirbelsäule. Daher erschien mir der Hinweis des Physiotherapeuten auf den anzubehaltenden BH zunächst redundant, doch dann dachte ich, dass er das sicherlich nicht grundlos gesagt hatte, nachdem möglicher- und unnötigerweise schon einige Patientinnen, die verunsichert zum ersten Mal dagewesen waren, blankgezogen hatten. 😉 Vielleicht ja sogar absichtlich, denn der Therapeut sah nicht schlecht aus. Ich schätzte ihn auf Ende 30, Anfang 40.

Also saß ich da in Jeans und einem Spitzen-BH mit floralem Muster und wartete. Da kam auch schon der Therapeut herbeigeeilt, in der Hand meine ärztliche Verordnung, und er meinte: „Frau B. – Herr Dr. L., den ich sehr schätze, hat sich etwas vage ausgedrückt, indem er von ‚mehreren Bereichen‘ schrieb. Welche Bereiche tun weh? Beschreiben Sie mir bitte die Schmerzphänomene.“ Und ich beschrieb die Phänomene, indem ich sagte: „Ich fühle mich, als hätte ich ein Ochsenjoch auf beiden Schultern, daran eine große Last. Es fing rechts an, hat inzwischen aber auch auf die linke Seite übergegriffen. Schmerzen, wie ich sie meinem ärgsten Feind nicht wünschen würde, und nachts weiß ich nicht mehr, wie ich überhaupt liegen soll. Schlafen kann ich daher auch nicht gut.“ – „Hat sich in Ihrem Leben kürzlich etwas geändert? Sport? Oder sonst etwas? Denn manchmal liegen solche Dinge auch in Stress begründet – das darf nicht unterschätzt werden. Viele tun so etwas ab und so, als würde nur körperliche Anstrengung auf Bandscheiben, Muskeln, Knochen und Gelenke schlagen, aber dem ist nicht so.“ Wie sympathisch – der Mann sah die Thematik auch eher ganzheitlich. 😉 Ich beschrieb ihm meine Situation, die sich ja im letzten Dreivierteljahr massiv und gleich zweifach geändert habe, zumindest beruflich. Er wollte wissen, was ich arbeitete, ich grinste und erläuterte, dass ich im Büro arbeitete. „Also viel Umstellung und viel Neues in der letzten Zeit, Einarbeitung und Stress, und das zweifach.“ – „Ich kann über die Abwesenheit der genannten Faktoren nicht klagen.“

Und schon stellte sich der Therapeut hinter mich, hieß mich die Schultern straffen und den Kopf heben. Im nächsten Moment schnellte ich beinahe wie eine Rakete senkrecht hoch, dabei hatte er rechtsseitig nur einen ganz bestimmten Punkt an meiner Schulter gedrückt, und das gar nicht einmal fest … Ich gestehe, ich hätte ihm am liebsten eine geknallt! 😉

„Ah, ich sehe schon, Frau B.,“, meinte er, „und ich bin froh, dass Sie mir nicht gleich eine geknallt haben, so, wie Sie darauf reagierten. Ich hätte es Ihnen nicht einmal verdenken können. Da scheint ja einiges im Argen zu sein.“ – „Aber nein! Wie kommen Sie denn darauf, dass ich Ihnen am liebsten eine geknallt hätte?“ – „Berufserfahrung.“ – „Aber nein. Aus zweierlei Gründen wäre das nie passiert: a) können Sie ja nichts dafür, b) standen Sie hinter mir – und soweit kann ich mich derzeit so schnell gar nicht drehen, ohne mich selber massiv zu verletzen!“ Herr M. lachte sich scheckig und meinte: „Sehr schön! Das gefällt mir! Eine Patientin mit Selbstironie – das sind immer die Besten. Die jammern nicht.“ – „Wieso auch? Sie tun ja nur Dinge, die auf lange Sicht helfen sollen.“ – „Hoffentlich auch auf mittlere Sicht, Frau B. – ich sehe Sie hier allerdings öfter als die sechs Male, die auf Ihrer Verordnung stehen. Aber in den 18 Sitzungen, die die KV in manchen Fällen genehmigt, kriegen wir Sie schon wieder flott.“ – „O Gott – so schlimm ist es?“ – „Nein, Sie sind keine Ausnahme! Das geht ganz vielen Leuten so. Keine Sorge.“

Und schon begann die Behandlung: „Haben Sie ein Handtuch dabei, Frau B.?“ Hatte ich. Wie gut, dass ich zuvor noch einmal gegoogelt hatte … 😉 Und ich breitete das Handtuch über die Liege und legte mich darauf. Meine Füße wurden hochgelagert, dann sollte ich mein Haupt anheben, und der Therapeut, der hinter dem Kopfende der Liege saß, schob seine Hände darunter. Und schon wurde meine HWS nebst Schultern in Nähe des Kopfes behandelt. Doof war, dass ich meinen Kopf nicht ablegen konnte, trotzdem „ganz entspannt“ liegen sollte. Hätte ich ganz entspannt gelegen, hätte der Therapeut seine Hände nur mehr erschwert bewegen können, weil das Gewicht meines Kopfes darauf gelagert hätte … 😉

Immerhin war es ansonsten ähnlich wie beim Friseur, und der Therapeut war recht gesprächig. Aber auf nette Weise, denn offenbar ist er Sarkastiker. Gute Wahl. Er erzählte von seinen Kindern, von seiner „Großen“ und den beiden „Kleinen“, und ich fragte, wie alt die „Große“ denn sei. Ich rechnete mit 12, 13 Jahren, aber Herr M. meinte: „20 ist sie gerade.“ – „Nein!“ – „Doch. Frau B. – ich bin derselbe Jahrgang wie Sie.“ – „Was?“ rief ich – zwar nicht das, was meine Eltern mir beigebracht haben, die immer darauf hinwiesen, dass es: „Bitte?“ heiße, aber wir sind hier im Pott, und da darf man auch: „Was?“ rufen, finde ich. Oder: „Wat?“ 😊 Herr M. lachte und meinte: „Ja, und ich kann das Kompliment auch erwidern. Wir sind derselbe Jahrgang, wie ich Ihrem Anmeldeformular entnahm. Sie und ich haben uns sehr, sehr gut gehalten.“ – „Bis auf meine Bandscheiben.“ – „Das haben wir auch bald wieder im Griff, und Sie springen umher wie ein junges Reh. Sind Sie ja im Grunde auch, wenn im Moment auch physisch nicht ganz so, aber im Kopp und von außen betrachtet.“ Mein Tag war gerettet. 😉

Nach dieser Erstbehandlung wurde ich in einen anderen Behandlungsraum und auf eine andere Liege gebeten, hinter deren Kopfende ein elektrisches medizinisches Gerät stand, das ein wenig an das Gerät erinnerte, das mein Zahnarzt verwendet, um im Rahmen einer Wurzelbehandlung die individuelle Tiefe bzw. Länge der zu behandelnden Wurzeln zu ermitteln. Ich beschloss, einfach nur den Anordnungen meines „Schleifers“ zu folgen und mir keinerlei Gedanken um Sinn und Zweck dieses Elektrogerätes zu machen. Und schon legte ich mich auf die Liege, die Füße wurden hochgelagert. Und der Therapeut legte eine Schlinge zwar nicht um meinen Hals, aber um meinen Kopf und um mein Kinn herum und fixierte sie. (Ich erinnerte mich an die hunderte von Malen, da ich früher, als ich noch ritt, diversen Pferden eine Trense angelegt hatte – immerhin hatte ich nun erstmalig einen Eindruck davon, wie sich das in etwa so anfühlt, obwohl man mir nicht einmal ein metallenes Gebiss zwischen die Zähne klemmte … 😉 )

„Keine Angst, Frau B. – es kostet Sie nicht den Kopf,“, sagte der Therapeut, und ich meinte: „Zum Glück bin ich nicht ängstlich.“ – „Das ist gut. Es zieht jetzt gleich ein bisschen bzw. wird gleich ein bisschen an Ihnen gezogen. Wenn Sie es nicht aushalten sollten, rufen Sie. Ansonsten drücken Sie auf diesen Knopf hier.“ Und er drückte mir eine Alarmknopfvorrichtung in die Hand. Ich bin das ja schon gewohnt – kenne ich ja aus dem MRT … 😉

Das Gerät hinter mir fing zu summen und zu brummen an (das macht das Gerät beim Zahnarzt nicht – das gibt nur eine interessante Melodei von sich, wenn es die ultimative Zahnwurzelspitze erreicht hat, während sich der Patient/die Patientin in kaltem Schweiß ganz woandershin wünscht), und recht schnell merkte ich, wie es arbeitet, denn die Schlinge um mein liebliches Antlitz und den Kopf zog sich in intermittierender Weise mehr und mehr fest und zu und schien meinen Kopf aus den Angeln heben zu wollen. Bzw. schien es meinen Hals etwas verlängern zu wollen. Es war nicht schlimm, aber auch nicht ganz schmerzfrei, und die ganze Zeit wartete ich auf das befreiende Knacken, das sich stets äußert, wenn eine Verspannung sich löst. Es knirschte und krachte zwar durchaus im „Gebälk“, aber das befreiende Knacken blieb aus …

Zehn Minuten musste ich in dieser Schlinge ausharren, dann wurde ich „abgetrenst“. Ich muss gestehen, dass ich darüber nicht ganz unfroh war, denn wenn ich auch ein bisschen größer und meine Beschwerden los sein wollte, so doch nicht über Gebühr – und wer will schon einen Schwanenhals? 😉 Und nun stehen mir noch 5 bzw. 17 weitere Traktionsbehandlungen bevor. Wenn es so weitergeht, werde ich die 1,70-m-Marke nicht nur erreichen, sondern sprengen. Ich sollte vielleicht aber meinen Therapeuten in diesem Falle noch darauf hinweisen, dass er auch meine Beine ein wenig strecken möge … 😉

Man entließ mich mit zwei Übungen, die ich dreimal am Tag machen solle. „Geht auch prima im Büro, Frau B.!“ hatte Herr M. mir noch gesagt und hinzugefügt: „Aber immer schön morgens, mittags und abends, egal, was passiert.“ (Vor meinem geistigen Auge sah ich, wie ich mitten in einer Beratung aufspringen und rufen würde: „Behalten Sie, was Sie fragen wollten! Ich muss gerade mal meine Physio-Übungen machen!“)

Und als ich die Praxis verließ, hielt ich meinen Kopp schon viel höher. Bis mir nach etwa 50 Metern etwas schwummrig wurde. Offenbar zu schnell gestreckt …

Nach einem kleinen Zwischenstopp am Finanzamt und nach dem Einkaufen langte ich zu Hause an. Vor dem Nachbarhaus stand Frau Sieling mit der kleinen Bella, einem schwarzen Kleinspitz. Da sie beide mich nicht sahen, als ich näherkam, da sie gerade in einer Gehorsamsübung befindlich waren, meinte ich gedämpft: „Nicht erschrecken.“

Frau Sieling drehte sich um, lachte, und wir begrüßten einander. Sie meinte: „Gut, dass ich Sie treffe, Frau B.! Ich hätte aber auch ohne das mit Ihnen Kontakt aufgenommen. Sind Sie noch immer an einem Stellplatz für Ihr Auto interessiert? Ich gebe meinen nämlich auf, und da habe ich sofort an Sie gedacht!“ – „Wirklich? Ja, klar – das wäre toll! Wie teuer ist der Stellplatz denn?“ – „20 Euro pro Monat habe ich bezahlt.“ – „Nehme ich sofort, auch für 30. Ab wann wäre das? Und geben Sie Ihr Auto denn ganz auf?“ – „Ja, ich schenke mein Auto meiner Enkelin zu ihrem Geburtstag, wenn sie bis dahin ihren Führerschein hat. Aber zum vierten August wird der Platz voraussichtlich frei.“ – „Zum vierten August? Das wäre ja ein echtes Geburtstagsgeschenk!“ – „Ja, ist es auch – woher wissen Sie das?“ – „Woher weiß ich was?“ – „Meine Enkelin hat am vierten August Geburtstag!“ – „Echt? Das ist sehr sympathisch – ich auch.“ – „Ach! Das ist ja nett! Das freut mich, Frau B. – dann wäre das ja in der Tat ein doppeltes Geschenk. Ich muss halt nur noch mit Frau G. sprechen, der der Platz gehört. Ich denke aber, dass es kein Problem sein wird – sie hat kein Auto.“

Das war doch mal eine nette Wendung dieses schmerzhaften Streck- und Foltertages – ich hoffe, Frau G. mag mir den Stellplatz auch überlassen und schafft sich zwischenzeitlich nicht noch ein Auto an! 😊 Ich fand es auf alle Fälle nett, dass Frau Sieling direkt an mich dachte. Klar, sie will die Last auch schnellstmöglich loswerden, aber es gibt hinreichend Menschen hier, die einen Stellplatz haben wollen. 😉

Und nun bin ich gespannt, ob ich mich morgen zumindest einigermaßen normal bewegen kann. Im Moment bestehen einige Zweifel …