Es geht doch nichts über charmante Männer …

Vorgestern war mal wieder einer jener Tage, an denen man sich denkt: „Warum bin ich nicht einfach im Bett geblieben! Ach, ja – da war doch was …“

Ja, genau. „Was“ nennt sich sozialversicherungspflichtige Werktätigkeit, und da ich nunmehr auf einer Stelle sitze, die mir – wenn ich mir ihr Spektrum irgendwann komplett angeeignet habe – sehr gefällt, zumal ich mit vielen Menschen arbeite, quasi als Dienstleisterin, fahre ich durchaus gern zur Arbeit, denn es handelt sich um eine Aufgabe, die mir wirklich Freude macht.

Bei der Arbeit war es prima, wenn auch ziemlich warm, und nur meine blöden Schultern trübten das Gesamterlebnis, denn die tun nach wie vor spätestens nach vier Stunden so weh, dass ich mich stets frage, ob es nicht irgendwo Ersatzteile gebe – zur Not auf dem Schwarzmarkt. 😉 Doch zum Glück beginnt am kommenden Freitag meine Krankengymnastik inklusive Traktionsbehandlung. Da das vom lateinischen Verb trahere kommt, was soviel wie ziehen bedeutet, habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, vielleicht doch noch die 1,70-m-Marke vom Scheitel bis zur Sohle zu erreichen … 😉 Hoffentlich zieht man recht tüchtig an mir. 😉

Als mir mein Orthopäde sagte, dass „Streckübungen“ gemacht werden würden, rief ich freudestrahlend: „Super! Seit ich dieses akute Schulterproblem habe, habe ich meine Kollegin schon mehrfach gefragt, ob sie nicht zufällig eine Streckbank zur Hand habe oder mal an mir ziehen könne. Offenbar merkt man doch selber, woran es fehlt.“ – „Ja, das stimmt – aber so schlimm wie mit einer Streckbank wird es sicherlich nicht, keine Sorge!“ – „Ich mache mir keine Sorgen – ich möchte einfach diese Scheißschmerzen loswerden – ich warte nun seit geraumer Zeit auf das erlösende Knacken, das die Verspannung löst. Aber da kommt nichts!“ Daraufhin meinte er: „Verständlich. Wir sollten uns allerdings auch noch einmal Ihre Rotatorenmanschetten genau ansehen – die Röntgenbilder legen nahe, dass Sie ggf. unter einem Impingement-Syndrom leiden oder ein solches erleiden könnten.“ – „Sie haben freie Hand – Hauptsache, diese Schmerzen gehen weg, denn die machen mich bald wahnsinnig!“ – „Sie gehen jetzt erst einmal zur Physio, und dann sehen wir weiter, ob das ohne OP zu händeln ist.“ – „Wie – OP?“ – „Ja, möglicherweise, aber wir bzw. Sie fangen jetzt erst einmal mit der Physio an. Gibt es in Ihrer Familie jemand mit dem Impingement-Syndrom?“ Ich holte tief Luft und sagte: „Danke, Papa …“ – „Ah, alles klar. Liegt wohl bei Ihnen in der Familie.“  Ja, fand ich auch total rührend … 😉

Meine Stimmung bei der Arbeit verschlechterte sich in dem Maße, wie meine Schultern ihre Sperenzchen steigerten. Trotzdem blieb ich nach außen fröhlich, und nachdem ich alles, was ich hatte erledigen wollen, erledigt hatte, schnappte ich meine Sachen, eilte gen Mitarbeiterparkplatz und stieg in den Backofen, den ich gemeinhin als Auto bezeichne. Verbrannte mir die sensiblen Fingerchen („Frau B., haben Sie auch schon Taubheitsgefühle in den Fingern, die durch Ihre angegriffenen Bandscheiben und mutmaßliches Impingement-Problem ausgelöst sein könnten?“ Danke, Herr Dr. L., dass Sie mir noch weitere unschöne Symptome nannten, von denen ich bis dato nichts ahnte … 😉 ), zuerst am Lenkrad, dann am Schalthebel. Wie gesagt: Backofen …

Einkaufen musste ich auch noch, und so fuhr ich zu einem Discounter in der Nähe. Ich brauchte unter anderem Mineralwasser (natürlich das mit Kohlensäure und nicht etwa medium). Warum – so fragte ich mich – lagert man bei diesem Discounter die 1,5-Liter-Flaschen des sprudelnden Mineralwassers im obersten Regal? Nicht nur, dass meine Bandscheiben, Rotatorenmanschetten und damit Arme einmal mehr Arien sangen, nein. Zu allem Überfluss stürzte auch noch eine 0,5-Liter-PET-Flasche mit Malzbier unerwartet auf meinen linken Fuß. Von ganz oben. Die hatte wohl dort gelegen, wo ich sie mit meinen – noch! – 1,65 m nicht hatte sehen können, nachdem ein Kunde, der zu faul gewesen war, sie dorthin zurückzustellen, wo all die anderen PET-Malzbierflaschen standen, klammheimlich neben die großen Mineralwasserflaschen gelegt hatte. Merkt ja keiner. Nicht wahr? 😉

Als die Flasche auf meinen linken Mittel- und Vorderfuß prallte, um dann davon zu reflektieren – der Einfallwinkel entspricht dem Ausfallwinkel – und danach gewissermaßen mit Effet auf die Zehen zu knallen, erlebte ich einmal mehr einen jener Momente, in denen man erfährt, dass simultanes Lachen und Weinen durchaus möglich ist. Inklusive Fluchen, denn das tat ich, und das nicht nur innerlich. Es tat aber auch wirklich heftig weh, und heute musste ich entdecken, dass sich einer meiner Zehennägel blau verfärbt hat. Ich warte also nun darauf, dass er schwarz wird – es führt kein Weg daran vorbei. Immerhin spare ich so den Nagellack. 😉

Nicht allerbester Stimmung fuhr ich nach Hause, die Kupplung mit größerer Vorsicht händelnd – oder heißt das in diesem Falle füßelnd? –, denn mein linker Fuß schmerzte aufs Possierlichste, ergatterte den vorletzten freien Parkplatz, parkte ein, stieg aus dem Auto und schlug die Fahrertür zu. Dann streckte ich mich erst einmal, um im nächsten Moment vor Schreck gefühlt einen Meter hochzuspringen! Denn ich war unerwartet angesprochen worden, nachdem ich mich ganz allein gewähnt hatte.

Und ich drehte mich um. Erneut erfolgte die unerwartete Ansprache: „Miau!“ Da stand eine Katze, wie aus dem Boden gewachsen!

Sofort waren alle Misshelligkeiten vergessen. 😊 Und ich ging in die Knie und säuselte mit leicht erhobener Stimme: „Was bist du denn für eine süße Kitty?“ Die „Kitty“ kam näher, sehr nah und dengelte ihren Kopp gegen meinen linken Arm. Wäre ich mit Katzen nicht vertraut, hätte ich es fast für eine gewaltsame Aktion gehalten, denn es geschah recht kraftvoll. 😉 Dabei schnurrte das Tier so laut, dass es fast ein vorüberfahrendes Auto hinter uns übertönte. Und es umkreiste mich, dass es enger kaum ging, schnurrte so sehr, dass es wie ein Nähmaschinenmotor klang und knallte alle paar Zentimeter seinen Kopp gegen mich. 😊

Als es rechts an mir vorbeistrich, sagte ich: „Oh! Ich sehe gerade, du bist gar keine ‚Kitty‘! Du bist ja ein ‚Tom‘! [Von tomcat, dem englischen Wort für Kater. 😉]“ Das Schnurren wurde daraufhin noch intensiver, und mit besonderer Verve knallte das Tier seinen Kopf gegen meinen rechten Unterarm.

Knapp zehn Minuten verharrte ich so in Hockstellung, umkreist von dem freundlichen Tier. Es mag bescheuert wirken, dass ich da so lange ausharrte, aber ich liebe Tiere sehr, und es ist für mich immer ein Kompliment, wenn sie zeigen, dass sie mich offenbar als vertrauenswürdig und sympathisch einstufen. (Mein Ex Giacomo meinte vor einiger Zeit mal: „Mit Ali spazieren zu gehen, ist bisweilen eine echte Herausforderung. Garantiert kommt auf dem Spaziergang von irgendwo eine Katze her. Oder ein Hund. Und dann hängt man erst einmal eine Weile fest, weil die Tiere sie so begeistert begrüßen, dass sie immer meint: ‚Wie könnte ich jetzt weggehen?‘ Wildfremde Katzen kommen auf sie zugelaufen, und sobald sie in die Knie geht, klettern sie ihr auf den Arm! Und dann wird man die Tiere nicht mehr los! Ich habe mehrere Katzen wie Hunde neben ihr herlaufen sehen, als hätte sie den Befehl Bei Fuß! gegeben. Und vor Pferden ist man auch nicht sicher!“)

Der freundliche Kater hat mich dann vom Auto – als hätte ich: „(Bei) Fuß!“ gesagt – noch bis zu meiner Haustür begleitet, ununterbrochen schnurrend. Als ich meinen Haustürschlüssel in die Hand nahm, haute er mir seinen Kopf gegen das Schienbein, sprang noch kurz an meinem Bein hoch, ließ sich knuddeln und ging dann seiner Wege. Ich war gerührt – offenbar hatte das Tier gemerkt, dass ich einen nicht ganz so tollen Tag gehabt hatte. Und als ich mich umdrehte, nachdem ich die Tür aufgeschlossen hatte, sah ich, wie er auf eine Dreiergruppe Menschen auf der anderen Straßenseite zuschritt. Dazu gehörte ein Kind, das gleich begeistert rief: „Oh! Eine Katze!“ Sogleich beschleunigte sich der Schritt des kleinen „Tom“, und ich sah, wie er zu dem kleinen Mädchen rannte, das bereits in die Knie gegangen war. 😊

Ich liebe Tiere wirklich sehr. Bis auf Insekten und Spinnen. Denen will ich zwar auch nichts, aber ich wünschte, sie würden instinktiv begreifen, dass ich ein Problem mit ihnen habe, das ich selber nicht erklären kann. Es muss irgendein urzeitliches Problem sein, wie ich heute meiner Mutter erklärte, als ich zum Rasenmähen zu meinen Eltern gefahren war, wir auf der Terrasse Kaffee tranken und ich mittendrin laut und reflexmäßig schrie und aufsprang. Eine riesige schwarze Libelle hatte mich angesteuert … 😉 Das geht ja gar nicht! 😉

Libellen und anderen Insekten fehlt einfach dieser Kuschelfaktor, und sie tauchen – anders als der charmante Kater – grundsätzlich in den ganz falschen Momenten auf. 😉

Euch ein schönes Wochenende!

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