Wenn es so weitergeht, werden wir bald eingebürgert …

Derzeit habe ich ein paar Tage Urlaub, was ich noch immer nicht ganz fassen kann. Mein letzter richtiger Urlaub war vor einem Jahr – exakt heute vor einem Jahr saß ich vormittags im Flieger von Düsseldorf nach Glasgow … Darüber hinaus hatte ich zwar mal einzelne Tage Urlaub, aber weniger zur Erholung, mehr, um Termine wahrnehmen zu können, die mit Erholung wenig zu tun hatten. Zwischen Weihnachten und Neujahr hatte ich auch ein paar Tage frei, aber da musste die Klausur für die Nebentätigkeit erstellt werden. Wie auch immer: Mein letzter erholsamer Urlaub begab sich vor exakt einem Jahr – und sogar der fing wenig erholsam an. 😉

Heute früh erwachte ich und erschrak nach einem Blick auf die Uhr: O Gott – viel zu spät dran! Und schon wollte ich aus dem Bett hechten, als die Erkenntnis, dass ich ja Urlaub habe, sich allmählich in meinem Brägen manifestierte. Mit einem erleichterten Seufzer sank ich wieder zurück in die Kissen und auf meine ramponierten Schultern (mein Orthopäde hat vorgestern einen Bandscheibenschaden in der HWS diagnostiziert und mir Physiotherapie verschrieben …) – wie herrlich, im Bett liegenbleiben zu können, während andere bereits der Fron nachkommen müssen. 😉

Und ich schlief noch eine Runde, soweit es die schmerzenden Schultern zuließen, denn aufgrund der Bandscheibenproblematik walte – so der Orthopäde – dort eine Entzündung ihres Amtes. Nachdem er es gesagt hatte, habe ich auch akzeptiert, dass ich mir diese Schmerzen beileibe nicht – wie zuvor geglaubt – eingebildet hatte. Nach dem vorgestrigen Ersthelfertraining war es besonders schlimm gewesen, aber zum Glück war danach der Termin beim Arzt, der mir zwei Spritzen gab, nachdem er mich geröntgt und mir ein Rezept für die Physio ausgestellt hatte. Und nachdem er, hinter mir stehend, meinen Kopf erst nach rechts, dann nach links gedreht und zu seiner Helferin gesagt hatte: „Rechts 80. Links 80.“ Da er nichts erklärte, meinte ich frotzelnd: „Wenn Sie den Kopf einseitig mit Schwung bis 100 oder darüber hinaus drehen, habe ich danach sicherlich gar keine Probleme mehr.“ Der Arzt lachte und strich mir über die Schultern: „Ich mag Ihren Humor, Frau B.!“ Es machte mich nicht gerade froh, dass er zum Abschied zu mir sagte: „Wir sehen uns in der nächsten Zeit öfter, Frau B.!“

Den weiteren heutigen Tag vertrieb ich mir eher gemächlich, und am frühen Nachmittag ließ ich mir ein schönes, warmes Bad ein – das würde sicherlich auch meinen Schultern guttun. 😊 Ich nahm ein Buch mit, als ich mich in die Eckbadewanne begab. Ich hatte viel Zeit – erst um Viertel vor 6 sollte ich bei Jana sein, denn heute stand ja unser Niederländisch-Kurs wieder an, und wir fahren meist zusammen.

Gegen kurz vor 5 wurde ich wach. In der Badewanne – ich war vor lauter Entspannung eingeschlafen! Mein Buch hat es leider nicht überlebt … Aber zum Glück war es ein Paperback.

Ich schickte Jana eine WhatsApp-Nachricht: Ich würde aufgrund der Umstände, die ich ihr beschrieb und wofür ich mehrere Tränen lachende Emojis erntete, von hier aus direkt mit meinem Auto nach M. fahren. Das tat ich auch, mit Hilfe meines Smartphones, denn ich bin orientierungsmäßig bekanntermaßen komplett unbeleckt.

Ich kam sogar noch vor Jana im Parkhaus an. Als ich gerade zurücksetzte, um einen der Frauenparkplätze zu ergattern (ja, lacht nur, aber dieses Parkhaus ist wirklich spooky!), an denen ich vorbeigefahren war, sah ich gerade noch, wie ein silbergrauer Volvo exakt auf den Platz fuhr, den ich einnehmen wollte! 😉 Ich sah das Nummernschild – Jana! 😉 Und so fuhr ich auf den nächstgelegenen Männerparkplatz, in einer dunkleren Ecke gelegen. Ppphhhh! Ich stieg aus, und da sah ich, dass Jana schon im Weggehen begriffen war. Sie hatte offenbar gar nicht gesehen, wem sie da zuvorgekommen war, und so rief ich ihren Namen. Sie drehte sich um und rief: „Hey! Cool! Wir kommen gleichzeitig an!“ Und schon machten wir uns auf zum Kurs. Jana meinte: „Du musst kurz vor mir angekommen sein – ich habe dich gar nicht gesehen!“ – „Ich war die, die vor dir zurücksetzte, um den Frauenparkplatz noch zu bekommen.“ – „Oh! Du warst das? Sorry, das tut mir leid – ich war so froh, den Platz zu bekommen, denn das Parkhaus ist echt etwas gruselig.“ – „Ich war ja auch schon vorbeigefahren und schon ein Stück entfernt.“ – „Ja, ich hatte zwar gesehen, dass da jemand zurücksetzte, aber du warst in der Tat ein Stück entfernt. Tut mir leid.“ – „Unsinn. Alles in Ordnung.“ Und schon eilten wir gen NL-Kurs.

Als wir den Kursraum betraten, saßen nur zwei Teilnehmerinnen da. Und natürlich Thijs, der sich freute, dass doch noch zwei Leute kamen. Und da heute alles so leger war, sprachen wir über niederländische Bräuche. Wusstet ihr, dass man, wenn man bei Niederländern zum Kaffee ist, exakt nur einen Keks oder exakt ein Stück Kuchen bekommt? Sabrina, die eine der beiden zuvor Anwesenden, sprach mich gleich an: „Ali, du kennst das sicher auch, oder?“ – „Äh, eigentlich ist mir das nicht so bewusst. Obwohl … Moment! Ich glaube, ich habe das schon einmal gelesen – es gibt wirklich nur einen Keks oder ein Stück Kuchen. Ich kann das aber nicht beurteilen, da ich in den Niederlanden selten Kuchen gegessen habe, weil ich nicht so der ‚süße Typ‘ bin.“ (Kekse hatte ich schon gegessen, meist tatsächlich singulär. Auch solche, da mehr als einer unvorbereitet ohnehin weniger ratsam sein könnte. Aber das ist schon länger her … 😉 )

Kurz darauf traf dann noch Birte ein, und der Unterricht ging los. Wir haben heute weniger gelernt als sonst – Thijs schien weniger gesammelt als sonst, was mir schon zu Anfang aufgefallen war, lange bevor er sagte, er habe gestern Nacht schlecht geschlafen. Kenne ich noch aus meiner eigenen Dozententätigkeit. Man wirkt dann etwas fahrig und lässt sich leichter dazu hinreißen, Anekdoten zu erzählen (über Kekse und Kuchen, zum Beispiel 😉 ).

Immerhin lernten wir heute einiges über Personalpronomina, was wir noch nicht wussten. Dann einige Hörverständnisübungen und nette Dialoge. Ebenso einige landeskundliche Aspekte. Sabrina wollte wissen, was der Unterschied zwischen Holland und den Niederlanden sei. Thijs blickte in die Runde und meinte: „Kennt jemand den Unterschied?“ Ich grinste leider ein wenig und war prompt dran. Zum Glück kannte ich den Unterschied, und zum Dank durfte ich dann die ganzen zwölf Provinzen aufzählen, aus denen die Niederlande bestehen. Nach einigem Nachdenken fielen sie mir auch alle ein – die hatte ich alle vor Jahren im ersten NL-Kurs auswendiglernen müssen. So etwas prägt, und dann vergisst man nie wieder Flevoland oder Drenthe. Ganz zu schweigen von Noord-Brabant oder Overijssel. 😉

Ich lernte heute, dass die meisten Niederländer nicht wirklich böse würden, bezeichnete man sie als Holländer. Das kannte ich noch anders, und ich erwähnte, dass einer meiner Bekannten sich noch vor einigen Jahren dagegen verwahrt hätte, als Holländer bezeichnet zu werden. Thijs grinste und meinte: „Ja, das mögen Limburger nicht so gern.“ (Ich stellte fest, dass ich offenbar seit meinem ersten Auftreten und der Bekenntnis, diverse Jahre in direkter Nähe zu Limburg gelebt zu haben, als limburglastig gelte … 😉 ) Aber ich meinte: „Nee! Der kam gar nicht aus der Provinz Limburg – der kam aus Gelderland!“ – „Oh, das ist eher selten.“ – „Ja, aber er reagierte ziemlich angepieselt, wenn er mal wieder als Holländer bezeichnet wurde und hob stets hervor, er sei Niederländer.“ – „Ist ja eigentlich so auch korrekt.“ – „Ja, und dieser Niederländer war stets sehr, sehr korrekt! Wehe, jemand sprach das ui falsch aus!“ Thijs lachte und meinte, derlei Verhalten kenne er eigentlich nur von Limburgern. Ich warf ein, der Gelderlandse jong habe zum damaligen Zeitpunkt immerhin auch schon länger an der südniederländischen Grenze, ergo im Limburger Einzugsbereich, gelebt, woraufhin Thijs noch mehr lachte und meinte, das färbe sicherlich ab. Die Limburger würden ja auch frieten und frietjes zu dem sagen, was im großen Restbereich der Niederlande als patat bezeichnet werde und hierzulande als Pommes oder Fritten bekannt sei.

Als wir dann mehrere Dialoge lesen mussten, meinte Thijs zu mir: „Eigentlich gehörst du in den A2-Kurs. Jana auch.“ – „Um Himmels willen – mir fehlen die notwendigen Kenntnisse in der Grammatik. Ich hoffe, ich darf hierbleiben!“ Und Jana meinte: „Das gilt auch für mich! Ali und ich sind einfach niederländischverrückt, und sie hat auch noch Jahre an der Grenze gelebt – aber uns beiden fehlt das Grammatikfundament. Dürfen wir bleiben?“ Thijs lachte einmal mehr und meinte: „Ja, klar – das ist doch ohnehin selbstverständlich. Ich wollte euch eigentlich nur ein Kompliment machen.“

Wenn es so weitergeht, werden Jana und ich demnächst in den Niederlanden – vielleicht auch in Holland – eingebürgert. 😉

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