„Caterpillar Killer“

Heute war ich einmal mehr in D. in meinem Elternhaus bzw. in dessen Garten. Ich kam nicht unbewaffnet.

Eine Schachtel mit annähernd zahllos scheinenden Einmal-Handschuhen hatte ich dabei, falls ich doch die nicht sonderlich einladend aussehenden Larven oder Raupen des Buchsbaumzünslers manuell würde einsammeln müssen. Aber ich hatte auch noch ein anderes Mittel bei mir. Auf der Fahrt zu meinem Elternhaus in einem am Wege gelegenen Gartencenter gekauft. Gebrauchsfertig. Drei Flaschen mit Sprühpistole für knapp 33,- €, insgesamt fast zweieinhalb Liter hochwirksamer – so hieß es! – Flüssigkeit, die neben diversen anderen Schädlingen auch dem gefräßigen Zünsler das Mundwerk legen soll. So hieß es, und ich war wild entschlossen, dem Ganzen Glauben zu schenken.

Meine Eltern haben einen großen Garten, und in diesem befinden sich diverse Vorkommen der Gattung Buxus sempervirens, in deutscher Sprache: Gewöhnlicher Buchsbaum. Eine wunderschöne immergrüne Pflanze, die man ebenso wunderschön zu hübschen Kugeln, Kegeln oder sonstigen Figuren schneiden kann, ohne dass sie es übelnähme. (Als Kleinkind hatte ich im nahegelegenen Schlosspark einen Buchsbaum-Teddybären in mein noch kleines Herz geschlossen. Zwei davon gab es, und der auf der rechten Seite des Französischen Gartens „gehörte“ meiner Schwester, der auf der linken Seite mir. Wahrscheinlich „gehörten“ die beiden in Bärenform gekappten Buchsbäumchen außer uns noch ganz vielen anderen kleinen Kindern … 😉 )

Edward mit den Scherenhänden hatte auch ein Händchen oder – „naturgegeben“ – Faible für Buxus sempervirens. Leider nicht nur er. Auch der sogenannte Buchsbaumzünsler, eine qua Globalisierung aus Ostasien unfreiwillig importierte Art bzw. Neozoon – ähnlich wie der erheblich niedlichere Waschbär hierzulande auch ein Neozoon ist -, ist auf Buchsbaum spezialisiert. Denn seit einiger Zeit fällt er jedes Jahr erneut die von stolzen Gartenbesitzern gehegten und gepflegten Buchsbaumbestände in marodierender Absicht an, obwohl er wahrscheinlich gar nicht marodieren, sondern sich einfach nur ernähren und wachsen möchte, auf dass noch viel mehr Zünsler das Licht der Welt erblicken mögen … Er weiß und kann es nicht anders. Er agiert qua Instinkt. 😉

Es handelt sich um einen vergleichsweise unscheinbaren Kleinschmetterling, der seine Eier in Buchsbaum ablegt und die daraus geschlüpften Raupen ab einer gewissen Lufttemperatur – vergleichsweise niedrig, was viele Gartenbesitzer, meine Mutter eingeschlossen, offenbar nicht wissen, denn sonst hätten sie knapp diesseits der Bodenfrostgrenze schon etwas unternommen  (ich wusste es bis vor einigen Tagen auch nicht, habe mich inzwischen aber schlau gemacht, da ich dem Inferno entgehen möchte, das zwangsläufig ausbrechen würde, würde meine derzeit in Franken befindliche Mutter ihren komplett kahlgefressenen Buxus-Bestand nach ihrer Rückkehr entdecken – der Schock wird so oder so erfolgen …) – aktiv werden, deren Aufgabe darin besteht, ihren Geburtsort kahl- und, wenn kein Laub mehr vorhanden ist, auch die Rinde abzufressen und fressend bis ins Pflanzeninnere vorzudringen, bis sie – leider tun sie das nicht – umfallen. Zwischenzeitlich erfolgt die eine oder andere Häutung, und dann verpuppt sich der grünschwarze Raupenvielfraß, um schließlich – die klassische Metamorphose – als Schmetterling erneut zu schlüpfen, der alsbald neue Eier legt. Und so geht es immer weiter …

Wären es wenigstens schöne und bunte Schmetterlinge, was ja zumindest einen kleinen Ausgleich schaffen könnte! Aber nicht einmal das – es ist wirklich schmachvoll … (Obwohl meine Schwester Stephanie, die erst kürzlich – vor ihrem Urlaub auf einer berühmten nordfriesischen Nordseeinsel, der offenbar alles Ungemach vergessen lässt – heftigen Zünslerbefall in ihrem Garten öffentlich kund- und zu wissen gab, dass die Viecher nun sogar ihre Koniferen angefallen hätten – , mir gegenüber dreist behauptete, das seien „wunderschöne Schmetterlinge“! Ich dachte: „Es stimmt! Schönheit wird offenbar sehr subjektiv beurteilt.“ Immerhin: Offenbar passen sich die subjektiv beurteilten Tiere inzwischen in der nicht heimischen Umgebung an das Nahrungsangebot an … 😉)

Und um den mütterlichen Buchsbaumbestand zu retten oder zumindest Schadensbegrenzung zu betreiben, raste ich heute nach der Arbeit gen D. und machte kurz nach dem Ortseingangsschild nur kurz halt, um die bereits erwähnten drei Sprühflaschen mit – garantiert bienen- und vogelfreundlichem, generell Nützlinge schonendem „Schädlingskiller“ im Gartencenter zu kaufen. Der Herr an der Kasse gab mir Tipps: „Ziehen Sie Handschuhe an, sprühen Sie niemals gegen den Wind, atmen Sie das Zeug nicht ein.“ – „Sind Sie sicher, dass das Bienen, Vögeln und anderen nützlichen Tieren nicht schade, wenn Sie mich schon warnen?“ – „Nein, keine Sorge! Sie sollten es halt nur nicht einatmen. Und die Hände waschen, wenn die damit in Kontakt gekommen sind. Aber ansonsten ist das Produkt biologisch abbaubar.“ – „Nun, das bin ich auch. Mal abgesehen von meinem Zahnimplantat.“ Der Mann lachte und meinte: „Am besten, Sie sprühen ins Zentrum der Pflanzen. Sie müssen die Zweige ein bisschen auseinanderbiegen …“ – „Ach, ich glaube, das wird nicht nötig sein, nachdem ich kürzlich sah, dass da schon zu größeren Teilen Kahlschlag herrscht. Der Vorteil: Da, wo bereits Lichtungen sind, kann man bequem und ohne irgendetwas auseinanderbiegen zu müssen, direkt in medias res sprühen, wo die Viecher sitzen.“

Der Kassierer lachte sich fast schlapp und meinte: „Na, Sie scheinen aber einen goldigen Humor zu haben! Erst das Zahnimplantat, nun noch die ‚Lichtungen‘! Das ist wohl Galgenhumor – das ist ja klasse!“ – „Ich mache mir nur ein bisschen Mut. Sie haben die Pflanzen nicht gesehen.“ – „Auch, wenn sie schon kahl sind, kann das Mittel helfen!“ – „Na, dann beten Sie schon mal für mich! Denn das ist nicht mein Garten und damit auch nicht mein Buchsbaum …“ – „Ich bete für Sie – und denken Sie daran: Alle zwei Tage müssen Sie sprühen!“

Alles klar. Ich muss also auch am Sonntag nach D. … Danke auch! Das zum Thema „entspanntes und ungestörtes Wochenende“!

Im Garten angelangt, zog ich mir sogleich Handschuhe an, packte eine der drei Flaschen mit der Sprühpistole und ließ sie wie einen Colt um meinen rechten Zeigefinger rotieren: „So, ihr kleinen Scheißer! Eure Tage sind gezählt!“ Und schon nebelte ich die beiden kleinen Zierhecken, die ein Beet vor der Terrasse säumen, ein, die da so still und friedlich standen und in denen sich nichts regte. Doch kaum ging der erste Niederschlag auf die kleinen Hecken nieder, begann es, sich in ihnen zu regen, zu winden und zu wuseln – echt eklig! Ich imprägnierte die beiden Hecken, als imprägnierte ich ein neues Paar Schuhe, das ich mir vom Munde abgespart hätte … Dann ging es weiter, quer durch den Garten, und erstaunt nahm ich zur Kenntnis, wie viel Buchsbaum dieser beheimate. Alsbald musste ich die zweite Flasche in Betrieb nehmen.

Angenehmer Geruch hatte ich durch Zufall darauf gelesen, und grimmig dachte ich: „Wenn das hier angenehmer Geruch sein soll, möchte ich nicht wissen, was der Hersteller als unangenehmen Geruch bezeichnen würde! Wäre ich eine Zünslerlarve, würde ich, so schnell meine Stummelbeinchen mich trügen, das Weite suchen!“ Es erinnerte vom Geruch her an das Marder-Abwehrspray, mit dem ich mein Auto imprägniert hatte, als wir hier in der Siedlung gehäuft Marderbefall gehabt hatten … Kein Marder, der etwas auf sich hält, würde in ein Auto eindringen, das derart widerlich riecht. Nachteil: Auch der Fahrer fühlt ähnlich. 😉

Sogar im Vorgarten hat meine Mutter drei kugelförmig geschnittene Buchsbaumpflanzen unterschiedlicher Größe! Die sahen besonders schlimm aus, waren annähernd kahl, und dort sprühte ich besonders intensiv. Als eine Raupe zu Boden stürzte, besprühte ich sie zu Testzwecken besonders heftig mit der stinkenden Brühe und merkte mir den Ort, an dem sie zu liegen gekommen war, bevor ich mich den anderen Objekten zuwandte.

Zehn Minuten später lag die Raupe noch immer dort, wand sich heftigst – offenbar (hoffentlich) in Agonie! Eine zweite Raupe lag daneben und wand sich ebenfalls …

Da tat es mir dann doch ein wenig leid – es sind doch immerhin Lebewesen, die nix dafür können, dass sie derart penetrant sind. Das ist halt ihr Instinkt, und niemand hat sie gefragt, ob sie überhaupt als Ei gelegt werden wollten … Moment! Was dachte ich denn da?!? „Ali, das sind Schädlinge!“ rief ich mir in Gedanken ins Gedächtnis, und wenn es auch nicht schön war, so war es doch vonnöten, um zu retten, was zu retten war.

Nach der Rundum-Intensivimprägnierung fuhr ich dann nach Hause. Meiner Mutter erstattete ich noch Bericht und erwähnte auch die beiden in Agonie befindlichen Raupen, die ich nach dem Effizienztest beobachtet hatte. Und was sagt meine Mutter? „Ali! Die armen Tiere!“

Was hatte ich erwartet? Vor vielen Jahren, als ich noch klein war und zur Schule ging und naturgemäß in meinem Elternhaus lebte, hatten wir mal Mäuse im Haus gehabt. Eine davon im Schlafzimmer meiner Eltern, und meine Mutter hatte zu meinem Vater gesagt: „Karl-Heinz! Stell bitte eine Falle auf – ich kann nicht schlafen, weil diese Maus nachts dauernd herumrennt und irgendwo nagt!“ Mein Vater, der auch keine Mäuse im Haus, geschweige denn: Schlafzimmer, haben wollte, stellte eine konventionelle Falle auf. Fast eine Woche tat sich nichts, obwohl ein Stückchen Speck als Köder in der Falle klemmte und täglich minutiös von meinem Vater ausgewechselt wurde. Das Mäuschen war wohl zu schlau, dranzugehen, wie auch meine Mutter voller Bewunderung mitteilte. Fast klang es, als triumphierte sie.

Doch eines Nachts schnappte die Falle zu, und das so laut, dass meine Mutter davon erwachte. Und sie weckte meinen Vater: „Karl-Heinz! Wach auf! Ich glaube, die Maus ist in die Falle gegangen! Kannst du sie bitte entfernen?“ Mein Vater erhob sich schlaftrunken, machte das Licht an und ging zur Falle. Ja. Das Mäuschen lag darin – tot, mit gebrochenem Genick. Es hatte sich den Speck holen wollen, da es wohl Hunger gehabt hatte.

Mein Vater musste selber schlucken, als er das niedliche kleine Tierchen da so sah, aber er nahm die Falle und wollte sie entsorgen. Doch da erscholl die Stimme meiner Mutter: „Ooch  – das arme, kleine Ding! Du … Mörder!“ – „Kathrin! Du selber hast angeordnet, dass ich eine Falle aufstellen solle! Keiner von uns will Mäuse im Haus! Und trotzdem tut es mir immer leid – es sind ja doch sehr niedliche Tiere. Aber sie machen Dreck, sind unhygienisch, fressen alles an und vermehren sich sprunghaft. Lass nur eine andere Maus im Haus sein – wenn sich dann ein Paar findet, haben wir hier bald Hundertschaften!“

Meine Mutter wusste das selber, wollte auch keine Mäuse im Haus, aber irgendwie war ihr das kleine Ding in all den Nächten, die sie nicht ungestört hatte schlafen können, wohl ans Herz gewachsen. 😉

Doch am nächsten Tag wurde es noch schlimmer, denn beim Frühstück fragte ich nach der Maus. Und da sagte meine Mutter mit Blick auf meinen Vater, dass die Maus tot sei. Sogleich schnellte mein Kopf zu meinem Vater herum, und ich rief ihm empört zu: „Na, toll! Das arme Mäuschen! Wie kann man nur?!?“ Mein Vater seufzte nur resigniert und meinte: „Offenbar bin ich von Irren und Sozialromantikern umgeben – was aufs Selbe herauskommt …“

Inzwischen kann ich meinen Vater verstehen. 😉

14 Gedanken zu “„Caterpillar Killer“

  1. Chaosvater schreibt:

    3 Pullen Zünselerabwehrspray im Baumarkt in D.: ca. 33 € (Wirkung: suboptimal)
    1 Beutel Algenkalk für die 17 fache Buxusmenge: ca. 12 € (100%ige Vernichtung des Verursachers)
    gewusst wie es geht: unbezahlbar 😉

    • ali0408 schreibt:

      Lieber Chaosvater, ich habe mich zuvor schlau gemacht und selbstredend erkundigt. 🙂 Algenkalk wurde mir auch empfohlen, aber man sagte, der Erfolg sei fraglich. Gleiches fand ich im Internet, wo ähnlich kritische Stimmen laut wurden, nachdem Algenkalk so gehypt wurde. Aber vielen Dank für den Rat.

    • ali0408 schreibt:

      Des Weiteren: Ich werde morgen sehen, ob die Wirkung suboptimal sei. Ich muss ja wieder hin. Falls nicht, probiere ich sehr gern Algenkalk aus. 🙂 Die beiden Testraupen haben jedoch nicht sonderlich fröhlich auf das Zünsler-Spray reagiert.

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