„Herr, wirf Hirn – bitte!“

Ich bin zwar nichtgläubig, aber es gibt Tage, da ich kurz davor bin, zu rufen: „Herr, wirf Hirn vom Himmel – und bitte schnell und reichlich!“

Wir haben sicherlich alle mal Tage, da nicht alles so geschmeidig und reibungslos läuft, und es gibt auch Tage, da wir vielleicht nicht ganz so geistesgegenwärtig sind. Ich ertappte mich an Tagen, an denen es mir selber so erging, ergeht, ergehen wird, schon dabei, wie ich: „Herr, wirf Hirn, bitte!“ vor mich hin- und dabei an mich selber dachte. Ich bin ja nicht sakrosankt – ganz im Gegenteil. 😉

Solange es dabei nur um mich selber geht, ist ein etwaiges Fail-Syndrom zwar ärgerlich, aber es schadet niemand anderem. Sollten andere involviert sein, sehe ich zu – und das zack-zack! -, dass ich meinen Fehler ausbügle und eine Lösung anbiete.

Zum Glück habe ich noch nie etwas verursacht, das schwerwiegende oder gar tödliche Folgen hatte. Zumindest weiß ich von nichts Derartigem.

Am vergangenen Wochenende las ich in einer überregionalen Zeitung in der Onlineversion etwas, das mir fast das Herz zerriss. Ich bin sehr tierlieb, und ich finde furchtbar, wie manche Menschen mit Tieren – aber auch Mitmenschen – umgehen. So gedankenlos – Bosheit muss nicht immer im Spiel sein. Ich nenne es mal Gedankenlosigkeit, obwohl es so viele andere Begriffe gibt, die hier passen würden. Einer fängt mit einem D an und hört mit –heit auf, der andere beginnt mit einem I und lautet auch auf I aus. Wird auch gern kombiniert mit einem Adjektiv: dem Gegenteil von leer oder unbefüllt.

Da war ein dreifacher Hundehalter mit seinem Kleintransporter zu einem Termin gefahren – die Hunde hatte er bei sich, denn diese – so seine später erfolgte Auskunft – hätten mitgewollt. Ja, klar – Hunde möchten immer bei ihrer Bezugsperson sein … Nichts Neues unter der Sonne. Nur ist schade, wenn die Bezugsperson wenig oder gar nicht mitdenkt.

Da er sie wohl nicht mitnehmen konnte und/oder wollte, ließ er die Hunde – alle drei kapitale Burschen – in dem bei fast 30 °C Lufttemperatur in der Sonne geparkten Wagen zurück. Kam auch erst fast zwei Stunden später zurück. Und dann: Großes Erstaunen, denn die armen Tiere kamen ihm gar nicht wie sonst fröhlich entgegengesprungen, sondern lagen apathisch hechelnd in Seitenlage in der mutmaßlich über 60 °C aufgeheizten Todesfalle, die doch bei Abfahrt nur ein konventionelles Auto gewesen war. Ein konventionelles Auto mit drei kapitalen Hunden auf der Ladefläche, die nun gar nicht mehr so kapital, sondern eher arm und klein wirkten. Einer hatte sich erbrochen, und er hatte Blut erbrochen, wie es hieß.

Immerhin war „Herr Hundehalter“ so schlau, die Tierrettung zu rufen, die sofort kam, und schnell schleppte man die armen drei Kerle aus dem Wagen in den Schatten, verabreichte Infusionen, versuchte, die Tiere mit Wasser zu kühlen. Anwohner schleppten eimerweise Wasser an den Tatort, Schläuche kamen zum Einsatz, und völlig Unbeteiligte maßen bei den völlig apathischen Hunden die Temperatur. Als die Infusionen nicht reichten, wurde die Feuerwehr alarmiert, die umgehend mit einem ganzen Karton Infusionen ankam und sogar dafür sorgte, dass ausnahmsweise dem Wagen der Berufstierrettung von der Feuerwehr mit Sonderrechten der Weg zur nächstgelegenen Tierklinik freigemacht wurde, als die drei Hunde dann kreislaufstabil waren.

Genutzt hat all das dennoch nicht: Ein Hund nach dem anderen starb innerhalb weniger Stunden. Aber – so der schlaue Halter – sie hatten ja mitgewollt …

Mitgegangen – mitgefangen – mitgehangen, so heißt es. Immerhin ist der völlig gedankenlose Halter (ich vermeide andere Adjektive, die besser passen würden) inzwischen wegen Tierquälerei angezeigt worden. Aber was bringt das, wenn Tiere doch noch immer als Sachen gelten. Ist doch nur Sachbeschädigung …

Das alles zu lesen, hat mich ziemlich aufgebracht. Fast noch mehr jedoch die Reaktionen mancher Kommentatoren unter dem Artikel, denn einige waren sich weder zu schade, noch zu schlau, sich zu beschweren, dass in Deutschland die Tierliebe doch wohl kranke Formen annähme. Und sie verglichen die beschriebene Situation mit der, da vor kurzem ein Hund seine zwei Halter getötet habe, was – da der Hund tierquälerisch gehalten wurde – eine Petition ins Leben gerufen hatte, den Hund am Leben zu lassen, da er lange genug gelitten habe. Ich habe sie nicht unterschrieben. Ich fand die Situation tragisch, und mir taten Mensch und Tier leid. Ich war mir jedoch nicht sicher, wie man sicher sein könne, einen solchen, über Jahre hinweg offenbar misshandelten, Hund resozialisieren zu können, wenn er nicht einmal vom Grunde her sozialisiert war. Mich störte die Tatsache, dass jeder Hinz und Kunz – ganz neutral gemeint – sich ohne jedwede Vorkenntnis einen Hund anschaffen könne.

Dennoch nervte mich die Gleichsetzung im Kommentarbereich sehr. Ja, es gibt sicherlich Menschen, die Tiere verhätscheln, vermenschlichen, womit Tieren ganz sicher nicht gedient ist. Aber es gibt auch Menschen, die mit Tieren umgehen, wie es sich gehört, weil sie sich mit den Bedürfnissen des jeweiligen Tieres zuvor auseinandergesetzt haben. Und dazu gehört meines Erachtens auch Mitgefühl, wenn ein Tier schlecht behandelt wird. Mitgefühl ganz ohne Zuckerguss, ohne swarovskibesetzte Halsbänder, putzige „Hundekleidung“ (gruselig!) – einfach für ein Lebewesen, das ebenfalls in der Lage ist, zu fühlen.

Nachdem ich den Artikel, jedoch auch die Kommentare gelesen habe, mache ich mir um meine in vielen Jahren anstehende Rente noch mehr Sorgen … Und um Denk- und Differenzierungsvermögen, die doch eigentlich vorausgesetzt werden können sollten. Oder nicht? 😉 Klingt vielleicht arrogant, ist aber gar nicht so gemeint. Ihr habt die Kommentare nicht lesen müssen … 😉

Fazit: Nie, niemals Kinder und/oder Tiere bei höheren Außentemperaturen allein im Auto lassen. Immer mitnehmen. Oder zu Hause lassen und jemanden abstellen, der auf sie achtgeben kann.

Es wird Jahr für Jahr in den Medien gewarnt. Dabei sollten doch schon der normale Menschenverstand oder zumindest eigene Erfahrungen ausreichen: Sicherlich hat jeder von uns schon einmal im Spätfrühling oder Sommer in einem stehenden Auto gesessen und am eigenen Leib verspürt, wie heiß das da drin ist. Ich erst letzte Woche, nach dem Arbeitstag, als mein Auto über acht Stunden Zeit hatte, sich derart aufzuheizen, dass ich erst gar nicht einsteigen konnte und mir – als Motor und Klimaanlage schon liefen – die Hand am Schalthebel verbrannt habe. Dabei reicht schon eine Viertel-, eine halbe Stunde, um ein Auto für ein kleines Kind oder einen Hund zur Todesfalle werden zu lassen. Aber viele Menschen scheinen es – trotz aller medialen Warnungen – nicht zu begreifen. Von gesundem Menschenverstand gar nicht erst zu sprechen.

Sorry – kein netter Text. Aber ich war wirklich fassungslos, als ich den Zeitungsartikel las.

Trotzdem: Euch einen schönen Abend! 🙂