Der Fels in der Brandung – das Auge des Hurrikans: Ali …

Ostern ging viel zu schnell vorüber. Vier Tage der Ruhe. Gestern Abend saß ich ein wenig niedergeschlagen auf der Couch – niedergeschlagen, weil alles immer so schnelllebig ist und ich am Folgetag, ergo heute, wieder in das eintreten würde, was man gerne metaphorisch als Hamsterrad bzw. – für Anglophile – als rat race bezeichnet.

Ich arbeite gern, und ich möchte gar nicht dauernd zu Hause sitzen, aber derzeit dreht sich das Hamsterrad für mich noch schneller als gewöhnlich, etwa doppelt so schnell, da ich schneller treten muss, weil die Tätigkeitsfelder zweier Stellen von mir bedient und erledigt werden müssen. Und beide sind mir neu … 😉

Ergo hoffte ich, als ich heute den Weg zur Arbeit antrat, darauf, es möge ein relativ ruhiger Tag werden. Mit absoluter Ruhe rechne ich schon gar nicht mehr. 😉

Er fing auch ruhig an, der Arbeitstag. Ich gratulierte meiner Kollegin Saskia nachträglich zum Geburtstag und überreichte ihr ein kleines Geschenk. Wir waren heute allein in unserer Abteilung, da alle anderen noch Urlaub hatten. Und ich kochte erst einmal Kaffee …

Dann begann ich, das zu erledigen, was ich am Donnerstag nicht mehr hatte erledigen können. Vergleichsweise wenige Mails in der jeweiligen Mailbox meiner vier Dienstaccounts – ich begab mich auf die Seite der Deutschen Bahn, da ich für morgen und Freitag ein Ticket benötigte, denn morgen am frühen Nachmittag muss ich mich zu einer Fortbildung aufmachen, einen Workshop, in dem es um die Optimierung von Kundengesprächen geht. Ich freue mir schon jetzt die Hucke voll, da einer der Programmpunkte Rollenspiele lautet. Ich hasse Rollenspiele! Zumindest dann, wenn ich Bestandteil und nicht nur Beobachter bin. 😉

Dann klingelte mehrfach das Telefon, und glücklicherweise konnte ich den Anrufern helfen. Na, also! Es lief doch alles prima, obwohl Jana im Urlaub war und mehrere Leute nicht nur telefonisch, sondern höchstpersönlich Rat suchend auftauchten. Ich glaube, ich habe das ganz gut hinbekommen. 😉

Doch bei einem weiteren Telefonat, das auch recht erfolgreich verlief, pochte es plötzlich an meine Bürotür, und ein junger Mann streckte seinen Kopf durch die Tür. Ich kannte ihn, ich hatte ihn bzw. seine Unterlagen erst am vergangenen Donnerstag weiterbildungstechnisch geprüft und registriert, auf dem letzten Drücker, da er eine Prüfung absolvieren wollte, die bereits diese Woche stattfinden soll. Ich nickte und lächelte ihm zu und bedeutete ihm mimisch wie gestisch, einen Moment vor der Tür zu warten, bis ich das Telefonat beendet hätte. Er verschwand sofort wieder auf dem Gang vor Janas und meiner Bürotür.

Als ich mit dem Telefonat mit dem anderen Kunden, meinem zweiten Themengebiet zugehörig, fertig war, holte ich den jungen Mann wieder ins Büro. In der Zeit, da ich den Hörer aufgelegt, mich erhoben hatte und zur Tür schritt, durchliefen mehrere Gedanken mein Hirn: „Was will er hier? Es ist doch alles gut ausgegangen, und er wurde gerade noch rechtzeitig eingeschrieben … Was ist passiert? Er sah so besorgt aus! O Gott!“ Ich hatte kein gutes Gefühl …

„Herr […]? Kommen Sie doch bitte herein! Entschuldigen Sie, bitte – ich musste das Gespräch noch zu Ende führen, aber jetzt bin ich ganz für Sie da!“ rief ich derart strahlend, als hätte ich an der Losbude auf der Kirmes – nach vielen kostspieligen und Löcher ins Kinderportemonnaie reißenden Nieten – endlich den großen himmelblauen Plüschelefanten gewonnen, dessen Materialwert den Preis der dafür aufgewendeten Lose bei weitem unterschreitet. (Verzeihung! Heute wäre es sicherlich ein in den Farben des Regenbogens schillerndes Riesen-Einhorn mit güldenem Plüschhorn auf der Stirn – und da komme ich mit Elefanten! 😉 )

„Nehmen Sie doch bitte Platz!“ rief ich womöglich noch strahlender und mit fanfarenartig fröhlicher Stimme und wies auf einen der beiden Besucherstühle vor Janas und meinen Arbeitsplätzen. Insgeheim dachte ich: „Warum kann Ostern nicht doppelt so lange dauern? Was will er? Und hoffentlich bin ich in der Lage, das Problem zu beheben!“ Denn dass es sich um ein solches handeln musste, war mir so klar, wie etwas nur klar sein kann.

Und mit aufmunterndem, fröhlichem Lächeln ließ ich mich auf meinem Bürostuhl nieder. „Was gibt es denn, Herr […]?“

Mit besorgter Miene hielt mir der junge Mann drei Schriftstücke entgegen. Bei dem einen handelte es sich um seinen von mir höchstselbst ausgestellten Zulassungsbescheid, aber offenbar um eine Kopie aus dem Prüfungsamt, denn zwei Aspekte waren mit grünem Textmarker hervorgehoben. Ich erinnerte mich dunkel daran, dies mit leichter Hand selber getan zu haben, den zweiten Aspekt besonders nachdrücklich, bei dem es sich um die Bezeichnung der Prüfung handelte, die der junge Mann absolvieren wollte. Der nachdrückliche Markierduktus trat sogar auf dieser Farbkopie deutlich hervor. 😉

Das zweite war seine Registrierungsbescheinigung, die jedoch nur bis zum 31. März und damit vorläufig gültig war, da er eine endgültige erst nach Überweisung des Beitrages erhalten würde. Das dritte Papier war der Überweisungsnachweis seiner Bank. Er hatte wohl direkt nach seiner Registrierung am Donnerstag brav den Beitrag angewiesen. Dazu sagte er: „Ich muss mich morgen mit einer gültigen Registrierungsbescheinigung ausweisen, wenn ich die Prüfung antreten will. Ich habe aber nur diese hier, und die ist seit drei Tagen abgelaufen. Was mache ich denn jetzt?“

Diese Frage stellte sich mir auch. Ich bin noch völlig neu in diesem Metier und leider noch nicht mit allen Wassern gewaschen. Es war doch alles nach Plan gelaufen – nur war der Plan zumindest offenbar partiell scheiße … 😉 Ich merkte, dass ich selber etwas unsicher wurde, aber ich verstärkte mein Lächeln daraufhin und meinte: „Sie haben alles richtig gemacht und sofort überwiesen. Es kann natürlich ein paar Tage dauern, bis der Betrag auf unserem entsprechenden Konto gebucht ist – und es war ja auch Ostern.“ (Ja, genau. O Gott! Und morgen war die Prüfung!)

„Warten Sie, das haben wir gleich,“, meinte ich optimistisch. Zumindest nach außen.

Ich habe früher oft und viel mit Kindern gearbeitet, und Kinder brauchen Sicherheit, die man ihnen am besten auch dann möglichst überzeugend vermittelt, wenn man selber gar nicht so sicher ist. Das ist mir offenbar in Fleisch und Blut übergegangen, und es scheint sich nun, da ich mit Erwachsenen arbeite, auszuzahlen. Denn die brauchen auch Sicherheit.
😉

Und schon wählte ich meine Kollegin Sabrina an, die immer alles weiß. Sie verwies mich an den Vorgesetzten. Den rief ich kurz darauf an, und er meinte: „Ein Fall fürs Prüfungsamt.“ Dort rief ich an, erreichte aber niemanden. Ich rief erneut den Vorgesetzten an, der mich an eine andere Stelle verwies. Dort meldete sich auch niemand. Mir wurde ganz anders, aber ich ertappte mich dabei, wie ich meinen armen „Kunden“ gewinnend ansah und derart optimistisch, dass es schon fast an für mich völlig untypische Euphorie grenzte, sagte: „Keine Sorge, Herr […], alles wird gut!“

Wie viele Anrufe an verschiedene Stellen ich insgesamt startete, habe ich nicht gezählt. Sie gingen allesamt erfolglos aus, und ich habe irgendwann sogar in der Finanzabteilung angerufen und eine der Buchhalterinnen gefragt, ob denn inzwischen die Buchung eingegangen sei. Sie war total nett, und ich hatte den Eindruck, es tue ihr leid, dass sie mir keinen positiven Bescheid geben konnte. Mein Mut sank, aber ich lächelte den jungen Mann gewinnend an und rief: „Keine Sorge! Alles wird gut!“ Dabei stand mir der kalte Schweiß auf der Stirn …

Nachdem ich noch weitere Stellen vergeblich angerufen hatte – Ferien und Urlaubszeit! – und ziemlich allein auf weiter Flur stand, meinte ich: „Bei wem schreiben Sie die Prüfung?“ – „Bei Herrn Müller!“ – „Alles klar, dann rufe ich jetzt den an! Und keine Sorge: Alles wird gut!“ strahlte ich den jungen Mann an, wobei meine Schläfenadern aufs Empfindlichste pochten. Die Erholung über Ostern ebenso empfindlich dahin …

Herr Müller ging gleich nach dem ersten Klingeln dran – fast hätte ich vor Schreck den Hörer fallengelassen! Aber ich bin ja professionell – zumindest musste ich es hier sein. 😉 Und so rief ich vermeintlich fröhlich: „Herr Müller! Guten Tag – und ich hoffe, Sie hatten ein erholsames und schönes Osterfest!“ – „Ich hoffe, Sie auch, Frau B.! [Ja. Nur das, was danach kam, war nicht so erholsam …] Was kann ich für Sie tun?“

Rasch schilderte ich das Problem, dabei stets mit aufmunternder Alles-wird-gut-Attitüde zu meinem „Kunden“ blickend und nickend, der inzwischen einen unserer Dienstkulis vor Nervosität irreversibel auseinandernahm. Ich habe den Kuli danach entsorgt – er war nicht mehr zu gebrauchen.

Herr Müller meinte: „So ein Zufall! Ich sitze gerade vor der Teilnehmerliste der Kandidaten für die morgige Prüfung! Herr […] ist zugelassen. Und er soll einfach den Zulassungsbescheid mitbringen, ebenso einen amtlichen Ausweis mit Lichtbild. Und dann noch […]. Und auch […] noch! Dann kriegen wir das hin.“ – „Danke, Herr Müller. Ich gebe es weiter. Herzlichen Dank – Sie haben sehr geholfen!“

Und ich legte auf und strahlte den jungen Mann an: „Sehen Sie! Ich habe doch gesagt, dass alles gut werde! Sie müssen nur morgen einiges vorlegen …“ Und ich zählte alles auf, er notierte sich alles, und dann sagte ich erneut: „Alles gutgegangen – wie ich es sagte!“

Da meinte der junge Mann: „Frau B. – ich bedanke mich bei Ihnen ganz herzlich. Ich bin selten derart nett behandelt worden. Ich hatte irgendwann den Eindruck, dass Sie an Ihren eigenen Worten zweifelten, dass alles gutgehen würde. Aber ich hatte auch danach keine Minute Zweifel an Ihnen. Sie waren so engagiert, dass ich dachte: ‚Es sieht zwar offenbar nicht so gut aus, aber sie wird sicherlich eine Lösung finden‘. Und das haben Sie – ganz herzlichen Dank! Auch für Ihre gekonnte Ansprache, dass alles gut werden würde – ich habe erst relativ spät gemerkt, dass Sie sich dessen ganz und gar nicht sicher waren.“

Ich platzte vor Lachen heraus und meinte: „In der Tat. Aber jetzt ist ja wirklich alles in trockenen Tüchern, und das freut mich sehr. Und ich drücke Ihnen für die Prüfung morgen ganz fest die Daumen!“ – „Danke. Und Sie empfehle ich weiter – ich habe selten jemanden erlebt, der derart überzeugend beteuert, alles werde gut und man dann erst mit einiger Verzögerung merkt, dass die Dinge gar nicht so sicher liegen. Ich hatte aber dennoch wirklich keine Zweifel an Ihnen.“

Als ich den in seinen Grundfesten zerstörten Kunden-Kugelschreiber in meinen Papierkorb entsorgte und durch einen neuen ersetzte, grinste ich. Denn im Grunde hatte ich mich selber zu beruhigen versucht, als mir klar war, dass ich in der Tat allein auf weiter Flur stand – hatte durchaus genutzt. 😉

Danach rauchte ich erst einmal eine Zigarette mit Kerstin, die offenbar auch einen stressigen Tag hatte. Aber ich meinte nur: „Keine Sorge, Kerstin! Alles wird gut!“ Sie war danach auch schon viel besser gelaunt. 😉

Ganz im Ernst: Wozu da noch die Fortbildung bis Freitag? Am heutigen Kundengespräch wäre nichts mehr zu optimieren gewesen … 😉 Und künftig verlasse ich mich nur noch auf mich selbst und frage in vergleichbaren Fällen gleich nach dem Prüfer, wenn der vorgeschriebene Dienstweg schon in ersten Ansätzen nicht funktionieren will. 😉