Meine Schultern singen Opernarien oder: Die Rückkehr des „Zünslers“ …

Irgendwie wusste ich schon zuvor, dass es eine Scheißidee sein würde, zum Rasenmähen nach D. zu fahren, da ich derzeit massive Probleme mit meiner rechten Schulter habe. Nachts weiß ich kaum, wie ich mich betten solle, da diese blöde Schulter widerliche Schmerzen erzeugt, die sonstwohin strahlen und derart impertinent sind, dass es einem gleich die Stimmung verschlägt. Lege ich mich linksgelagert: Schmerz. Drehe ich mich auf die rechte Seite: Schmerz. Liege ich platt auf dem Rücken – ich kann in Rückenlage hervorragend schlafen: Schmerz; und so kann ich selbst in Rückenlage nicht schlafen, obwohl diese Schlafposition erst kürzlich gepriesen wurde, da sie der Faltenbildung entgegenwirke. 😉 Fast glaube ich, die Bauchlage wäre derzeit am schonendsten für mich. Aber in Bauchlage kann ich per se nicht schlafen …

Eigentlich hätte ich am Donnerstagnachmittag einen Termin bei meinem Orthopäden gehabt, da es so ja nicht weitergehen kann. Selbst eine Spritze in Elefantengröße hätte mich nicht geschreckt, wenn nur diese Schmerzen endlich abgestellt sein würden. Doch als ich gerade auf dem Weg zur Praxis war, klingelte mein Handy: Die Praxis war dran und teilte mir mit, es tue ihnen furchtbar leid, aber Herr Doktor habe einen Notfall in der Familie und daher überstürzt die Praxis verlassen und die Sprechstunde beenden müssen. Dafür hatte ich selbstredend Verständnis, aber glücklich war ich nicht. Habe nun aber einen neuen Termin am nächsten Donnerstag.

Da meine Eltern derzeit in Franken weilen und ihr Garten in D. sich selbst überlassen ist – keine gute Idee, da die Natur ja frech einfach macht, was sie für richtig hält -, war mir klar, dass das so nicht gehe. Ich fahre zwar regelmäßig hin, aber die letzten beiden Male war ich nach der Arbeit zu spät da, den Rasen zu mähen: Die Nachbarn hätten sich recht herzlich bedankt. Und so sah ich nur nach der Post und goss die Pflanzen, die gegossen werden mussten, während ich mit Sorge das Wachstum des elterlichen Rasens betrachtete, der sich einen Spaß daraus zu machen schien, annähernd vor meinen Augen binnen Minuten an Höhe zuzulegen. (Wahrscheinlich habe ich mir dieses Turbowachstum nur eingebildet, aber ich fand doch erschütternd, wie sehr das grüne Zeug binnen weniger Tage an Länge zugelegt hatte …)

Es führte kein Weg daran vorbei: Ich musste heute hin und mähen – Schulter hin, Schulter her. Das ist so, wie wenn frau sich die Beine rasiert: Einmal damit angefangen, muss man in hoher Frequenz wieder zu Werke schreiten, denn ansonsten droht Wildwuchs. Und wer will das schon? 😉

Nicht allerbester Stimmung, raste ich heute am frühen Nachmittag gen D., vor meinem geistigen Auge das Grauen von in den letzten vier Tagen übersprungartig gewachsenen Grases, denn vor vier Tagen war ich letztmalig in D. gewesen, da irgendein Zähler in meinem Elternhaus abgelesen werden musste und der Ableser netterweise auch am späten Nachmittag des Ablesens willens und mächtig war (ich habe schon anderes erlebt).

Schwungvoll parkte ich vor der Garage, schwungvoll schloss ich die Haustür auf. Weniger schwungvoll betrat ich das Wohnzimmer, und mit angehaltenem Atem trat ich an die Terrassentür: Was würde mich erwarten?

Allzu sehr war das Gras in den vier Tagen nicht gewachsen, da wir einen Temperatursturz erfahren hatten, aber es sah dennoch beängstigend hochgewachsen aus – da musste dringend jemand ran! Doof war, dass jemand ich war. Aber durch Warten würde es nicht besser werden, und so eilte ich gen Garage und holte alles, was ich brauchte, schloss den Rasenmäher, ein Elektrogerät, sorgfältig an, um kurz darauf festzustellen, dass dieser reizende „Abstandhalter“ für die Schnur nicht mit dem Gegenstück zusammenpasste – offenbar war das Originalteil, das ich noch von vorherigen Mähaktionen kannte, defekt und von meinem Vater durch etwas ersetzt worden, mit dem er – aber auch nur er! – hervorragend klar kommt …

Schnaubend warf ich mir die Schnur über die linke Schulter und mähte los … Die elterliche Rasenfläche ist – wenn man es realistisch betrachtet – wahrscheinlich gar nicht so riesig, dafür aber mit vielen mehr oder minder sanften Bögen und diversen Winkeln versehen. Das bedeutet häufigen Schnur- bzw. Schulterwechsel. Fluchend mähte ich meiner Wege …

Zweimal signalisierte mir der Rasenmäher: „Ich kann nicht mehr! Keinen Bock mehr, blöde Trine! Hätteste halt eher gemäht!“ Und er schaltete sich aus … (Ja, toll – ich hätte auch gern eher gemäht, aber zeitlich ging es nicht – blöder Mäher! 😉 ) Überhaupt schien er zu schwächeln, da er nicht den gesamten Schnitt in den Auffangbehälter zu schaufeln gewillt war. (Vermutlich war das Ausmaß des Schnitts einfach zu groß, und zudem hatte es in den letzten Tagen mehrfach geregnet … 😉 ) Und während sich der Mäher ausruhte, ging ich mit einem Rechen daran, den nicht aufgefangenen Schnitt zusammenzuharken. Ein selten blöder Rechen von anno Pief – er bohrte sich aufs Impertinenteste in die Grasnarbe, und das Zusammenfassen des Schnitts war ein ziemlicher Kraftakt. Meine Schulter meldete sich ebenso impertinent, aber ich beschloss, die Einwände zu ignorieren. Es musste die gesamte Fläche gemäht werden – Stückwerk ging bei der Höhe des Grases gar nicht! 😉

Und so mähte ich, bis alles, was höher als vier, fünf Zentimeter war, eliminiert war. Keine Ahnung, wie oft ich den Auffangbehälter ausgeleert habe – ich habe nicht mitgezählt. Aber als ich fertig war, sang meine rechte Schulter vor Freude. Doch nicht nur sie – auch die linke Schulter! Und ich hatte den Eindruck, dass es sich um eine Opernarie handelte. Um eine ganz bestimmte. Genauer: Es kann sich nur um Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen aus Mozarts Zauberflöte gehandelt haben, eine Sopranarie mit ganz vielen Koloraturen – sehr anspruchsvoll und schwer zu singen, zumal der Tonumfang über zwei Oktaven geht. In etwa so äußerten sich meine Schultern, und ich bin gespannt, ob ich mich morgen normal bewegen kann. Es zahlt sich nicht aus, wenn man die letzten Wochen und Monate hauptsächlich an den Schreibtisch gefesselt war … 😉

Als ich gerade alles wieder in die Garage gebracht hatte, klingelte mein Handy: Meine Mutter war dran, und sie bat mich, doch mal einen Blick auf ihren Buchsbaum-Bestand zu werfen: ob da alles in Ordnung sei, wollte sie wissen. Da ich botanisch-gärtnerisch wohl beim Verteilen der diesbezüglichen Qualitäten entweder vernachlässigt wurde oder nicht anwesend war, war mir zunächst nicht klar, warum ich nachsehen sollte. Aber man lernt ja dazu, und schon fiel mir ein, dass es letztjährig bereits ein Problem gegeben hatte, das sich Zünsler nannte. Beim Zünsler handelt es sich um einen Schmetterling, dessen Larven, vulgo auch als Raupen bekannt, sich auf Buxus spezialisiert haben: den Gemeinen Buchsbaum.

Ich ging hin und begutachtete den Bestand: Vor der Haustür sah ich kahles Gewächs, nur aus einer Buchsbaumkugel ragte oben grünes Blätterwerk – alles andere war kahl. Im hinteren Garten ein ähnliches Szenario, und als ich mich über eine der beiden kleinen Zierhecken beugte, schrak ich zurück: Eklige Raupen bahnten sich ihren Weg – gerade riss eine quasi ihr Maul auf, biss in ein Buchsbaumblatt, und binnen Sekunden hatte sie es bereits aufgefressen!

Ich erstattete Bericht, und meine Mutter meinte: „Du musst sie einzeln mit der Hand einsammeln!“ Bitte was? Igitt! Nee! Niemals! Nicht ohne Handschuhe! Ich bin normalerweise nicht so fies vor den meisten Dingen, aber diese Raupen sahen eklig und fleischig aus – nicht ohne Handschuhe … Und – zum Glück sah meine Mutter es nicht – ich trat mit Schmackes gegen die kleine Zierhecke, worauf zahlreiche grünschwarze Raupen gen Boden stürzten. Da ich Handfeger und Kehrblech zur Hand hatte, fegte ich sie rasch auf und verklappte sie im Gartenteich. Nicht nett, aber zumindest freuten sich die Fische … Noch jetzt kribbelt es überall, wenn ich an diese sich windenden Raupen denke – bah!

Als ich dann noch die Terrasse fegte, da einiges an Schnitt daraufgeweht worden war, sprach mich eine Nachbarin an: „Hallo, Frau B. junior!“ – „Hallo, Frau S.! Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu sehr mit dem Rasenmäher gestört! Tut mir leid, wenn doch – das Gras war schon sehr lang. Ich habe leider nicht die Zeit, öfter herzukommen.“ – „Kein Problem, Frau B.! Und Sie haben es jetzt auch geschafft. Mir tat leid, dass Sie so viel Arbeit hatten. So ein Garten macht ja wirklich viel Arbeit. Meine Familie und ich sind auch schon seit geraumer Zeit damit beschäftigt – und immer kommt etwas Neues hinzu. Aber es macht ja auch Spaß.“ – „Ja, wenn man zusammen im Garten arbeitet, macht das wirklich Spaß!“

So hörte ich mich sagen. Und schon dachte ich: „Was, zum Teufel, redest du da?“ Denn Gartenarbeit hat mir noch nie Spaß gemacht, weder im Verbund, noch allein! 😉 Das ist einfach nicht mein Ding. Im Garten sitzen – toll! Im Garten grillen, ein Bierchen dabei – supertoll! Aber im Garten arbeiten? Gar nicht toll! Ich arbeite gern – aber nicht im Garten! 😉

Und doch werde ich alsbald wieder hinmüssen. Mit Gummihandschuhen, um die letzten Reste des Buchsbaums zu retten – sofern möglich …

Euch ein schönes Wochenende! Meine Schultern „singen“ immer noch … 😊

„Herr, wirf Hirn – bitte!“

Ich bin zwar nichtgläubig, aber es gibt Tage, da ich kurz davor bin, zu rufen: „Herr, wirf Hirn vom Himmel – und bitte schnell und reichlich!“

Wir haben sicherlich alle mal Tage, da nicht alles so geschmeidig und reibungslos läuft, und es gibt auch Tage, da wir vielleicht nicht ganz so geistesgegenwärtig sind. Ich ertappte mich an Tagen, an denen es mir selber so erging, ergeht, ergehen wird, schon dabei, wie ich: „Herr, wirf Hirn, bitte!“ vor mich hin- und dabei an mich selber dachte. Ich bin ja nicht sakrosankt – ganz im Gegenteil. 😉

Solange es dabei nur um mich selber geht, ist ein etwaiges Fail-Syndrom zwar ärgerlich, aber es schadet niemand anderem. Sollten andere involviert sein, sehe ich zu – und das zack-zack! -, dass ich meinen Fehler ausbügle und eine Lösung anbiete.

Zum Glück habe ich noch nie etwas verursacht, das schwerwiegende oder gar tödliche Folgen hatte. Zumindest weiß ich von nichts Derartigem.

Am vergangenen Wochenende las ich in einer überregionalen Zeitung in der Onlineversion etwas, das mir fast das Herz zerriss. Ich bin sehr tierlieb, und ich finde furchtbar, wie manche Menschen mit Tieren – aber auch Mitmenschen – umgehen. So gedankenlos – Bosheit muss nicht immer im Spiel sein. Ich nenne es mal Gedankenlosigkeit, obwohl es so viele andere Begriffe gibt, die hier passen würden. Einer fängt mit einem D an und hört mit –heit auf, der andere beginnt mit einem I und lautet auch auf I aus. Wird auch gern kombiniert mit einem Adjektiv: dem Gegenteil von leer oder unbefüllt.

Da war ein dreifacher Hundehalter mit seinem Kleintransporter zu einem Termin gefahren – die Hunde hatte er bei sich, denn diese – so seine später erfolgte Auskunft – hätten mitgewollt. Ja, klar – Hunde möchten immer bei ihrer Bezugsperson sein … Nichts Neues unter der Sonne. Nur ist schade, wenn die Bezugsperson wenig oder gar nicht mitdenkt.

Da er sie wohl nicht mitnehmen konnte und/oder wollte, ließ er die Hunde – alle drei kapitale Burschen – in dem bei fast 30 °C Lufttemperatur in der Sonne geparkten Wagen zurück. Kam auch erst fast zwei Stunden später zurück. Und dann: Großes Erstaunen, denn die armen Tiere kamen ihm gar nicht wie sonst fröhlich entgegengesprungen, sondern lagen apathisch hechelnd in Seitenlage in der mutmaßlich über 60 °C aufgeheizten Todesfalle, die doch bei Abfahrt nur ein konventionelles Auto gewesen war. Ein konventionelles Auto mit drei kapitalen Hunden auf der Ladefläche, die nun gar nicht mehr so kapital, sondern eher arm und klein wirkten. Einer hatte sich erbrochen, und er hatte Blut erbrochen, wie es hieß.

Immerhin war „Herr Hundehalter“ so schlau, die Tierrettung zu rufen, die sofort kam, und schnell schleppte man die armen drei Kerle aus dem Wagen in den Schatten, verabreichte Infusionen, versuchte, die Tiere mit Wasser zu kühlen. Anwohner schleppten eimerweise Wasser an den Tatort, Schläuche kamen zum Einsatz, und völlig Unbeteiligte maßen bei den völlig apathischen Hunden die Temperatur. Als die Infusionen nicht reichten, wurde die Feuerwehr alarmiert, die umgehend mit einem ganzen Karton Infusionen ankam und sogar dafür sorgte, dass ausnahmsweise dem Wagen der Berufstierrettung von der Feuerwehr mit Sonderrechten der Weg zur nächstgelegenen Tierklinik freigemacht wurde, als die drei Hunde dann kreislaufstabil waren.

Genutzt hat all das dennoch nicht: Ein Hund nach dem anderen starb innerhalb weniger Stunden. Aber – so der schlaue Halter – sie hatten ja mitgewollt …

Mitgegangen – mitgefangen – mitgehangen, so heißt es. Immerhin ist der völlig gedankenlose Halter (ich vermeide andere Adjektive, die besser passen würden) inzwischen wegen Tierquälerei angezeigt worden. Aber was bringt das, wenn Tiere doch noch immer als Sachen gelten. Ist doch nur Sachbeschädigung …

Das alles zu lesen, hat mich ziemlich aufgebracht. Fast noch mehr jedoch die Reaktionen mancher Kommentatoren unter dem Artikel, denn einige waren sich weder zu schade, noch zu schlau, sich zu beschweren, dass in Deutschland die Tierliebe doch wohl kranke Formen annähme. Und sie verglichen die beschriebene Situation mit der, da vor kurzem ein Hund seine zwei Halter getötet habe, was – da der Hund tierquälerisch gehalten wurde – eine Petition ins Leben gerufen hatte, den Hund am Leben zu lassen, da er lange genug gelitten habe. Ich habe sie nicht unterschrieben. Ich fand die Situation tragisch, und mir taten Mensch und Tier leid. Ich war mir jedoch nicht sicher, wie man sicher sein könne, einen solchen, über Jahre hinweg offenbar misshandelten, Hund resozialisieren zu können, wenn er nicht einmal vom Grunde her sozialisiert war. Mich störte die Tatsache, dass jeder Hinz und Kunz – ganz neutral gemeint – sich ohne jedwede Vorkenntnis einen Hund anschaffen könne.

Dennoch nervte mich die Gleichsetzung im Kommentarbereich sehr. Ja, es gibt sicherlich Menschen, die Tiere verhätscheln, vermenschlichen, womit Tieren ganz sicher nicht gedient ist. Aber es gibt auch Menschen, die mit Tieren umgehen, wie es sich gehört, weil sie sich mit den Bedürfnissen des jeweiligen Tieres zuvor auseinandergesetzt haben. Und dazu gehört meines Erachtens auch Mitgefühl, wenn ein Tier schlecht behandelt wird. Mitgefühl ganz ohne Zuckerguss, ohne swarovskibesetzte Halsbänder, putzige „Hundekleidung“ (gruselig!) – einfach für ein Lebewesen, das ebenfalls in der Lage ist, zu fühlen.

Nachdem ich den Artikel, jedoch auch die Kommentare gelesen habe, mache ich mir um meine in vielen Jahren anstehende Rente noch mehr Sorgen … Und um Denk- und Differenzierungsvermögen, die doch eigentlich vorausgesetzt werden können sollten. Oder nicht? 😉 Klingt vielleicht arrogant, ist aber gar nicht so gemeint. Ihr habt die Kommentare nicht lesen müssen … 😉

Fazit: Nie, niemals Kinder und/oder Tiere bei höheren Außentemperaturen allein im Auto lassen. Immer mitnehmen. Oder zu Hause lassen und jemanden abstellen, der auf sie achtgeben kann.

Es wird Jahr für Jahr in den Medien gewarnt. Dabei sollten doch schon der normale Menschenverstand oder zumindest eigene Erfahrungen ausreichen: Sicherlich hat jeder von uns schon einmal im Spätfrühling oder Sommer in einem stehenden Auto gesessen und am eigenen Leib verspürt, wie heiß das da drin ist. Ich erst letzte Woche, nach dem Arbeitstag, als mein Auto über acht Stunden Zeit hatte, sich derart aufzuheizen, dass ich erst gar nicht einsteigen konnte und mir – als Motor und Klimaanlage schon liefen – die Hand am Schalthebel verbrannt habe. Dabei reicht schon eine Viertel-, eine halbe Stunde, um ein Auto für ein kleines Kind oder einen Hund zur Todesfalle werden zu lassen. Aber viele Menschen scheinen es – trotz aller medialen Warnungen – nicht zu begreifen. Von gesundem Menschenverstand gar nicht erst zu sprechen.

Sorry – kein netter Text. Aber ich war wirklich fassungslos, als ich den Zeitungsartikel las.

Trotzdem: Euch einen schönen Abend! 🙂

 

„Prettig met u kennis te maken!“

Heute fuhren Jana und ich nach der Arbeit gemeinsam los. Der zweite Termin des Niederländisch-Kurses stand an, und diesmal konnte ich problemlos teilnehmen. 😉

Es ist ein kleiner Kurs, denn es gibt nur 7 Teilnehmer, obwohl mehr auf der Liste standen, die heute wohl erstmalig zur Verfügung stand und auf der man die einzelnen Termine abhaken muss. Offenbar hatte die Liste auf mich gewartet. 😉

Während die anderen Teilnehmer alle ihre Haken oder Kreuzchen machten, verkündete Thijs, der Dozent, heute komme noch ein Mann dazu. Wie zu erwarten, waren – abgesehen von Thijs selber – fast nur Frauen im Kursraum. Bis auf einen versprengten Mann, der mit seiner Freundin Niederländisch lernen möchte, da sie beide mit dem Gedanken spielen, sich in „het kikkerlandje“ dauerhaft niederzulassen.

Jana raunte mir zu: „Wahrscheinlich fühlt sich Thijs wohler, wenn noch ein weiterer Mann anwesend ist,“, und ich lachte gedämpft, da man ja nicht gleich durch eine dreckige Lache auffallen möchte. Offenbar jedoch war der Mann verspätet. Und nicht nur das – er tauchte gar nicht auf! Dafür aber hörte ich von Thijs ein erstauntes: „Ach!“, als ich ihm die Liste zurückgab, und da fiel der Groschen. Er hatte mich meines Vornamens wegen, den er wohl für einen männlichen gehalten hatte, völlig falsch eingeschätzt. 😉 Ich grinste ihn an und hob meine Schultern, und er grinste zurück.

Dann wurde wiederholt, was letztmalig behandelt worden war, und Thijs meinte zu mir: „Versuch es einfach – wir sind ja noch ganz am Anfang.“ Ich war ratz-fatz mit dem Übungszettel fertig. Ich hatte ja schon einen halben Niederländisch-Kurs vor vielen Jahren gemacht – offenbar war viel hängengeblieben. Sogar die Uhrzeiten, die meine frühere Aachener NL-Dozentin Marjolein so schmählich vernachlässigt hatte, hauten hin. Es ist nicht so schwer. Und ich bin hier besonders lernwillig, weil ich diese Sprache schon immer lernen wollte – schon von Kindesbeinen an, da ich sie so mag.

Dann ging es – wie Jana mir schon von der letzten Stunde zu berichten gewusst hatte – an die Aussprache. Da hatte ich schon gegrinst, denn noch immer hatte ich ganz plastisch vor Augen, wie Mike, ein Bekannter aus Aachen, der mit meiner damaligen Kurskollegin und guten Freundin Marilu verheiratet und darüber hinaus Niederländer ist, nach den jeweiligen Kursstunden das „ausbügelte“, was uns seiner Meinung nach dort nicht optimal beigebracht worden war. Speziell an unserer Aussprache des für Nicht-Niederländer sehr, sehr heiklen Lautes ui hatte er vieles zu meckern, und es stellte sich heraus, dass er ein echter „Schleifer“ sein konnte. Als ich nach etwa zweistündigem – gefühlt längerem – Üben sämtlicher UI-Wörter, die ihm einfielen, schließlich das Wort uien, Zwiebeln, authentisch aussprechen konnte, hatte ich fast Tränen in den Augen stehen, in etwa so, als hätte ich diese Scheiß-Zwiebeln allesamt geschält und kurz und klein geschnitten. Und an Marjolein hatte er auch zu meckern: „Was hat die euch als Beschwerde im Restaurant beigebracht, wenn das Hähnchengericht nicht schmeckt? De kip is niet lekker? Sagt das nie, niemals, nicht einmal dann, wenn es stimmt, in den Niederlanden! Denn dann könnte man euch für niet lekker halten, denn das heißt auch nicht ganz dicht sein. Ich sehe schon, was Idiome anbelangt, besteht hier großer Aufbesserungsbedarf.“ Wir versprachen und schworen, dass niemals derartige Formulierungen unseren Sprechwerkzeugen entfleuchen würden. Ich zumindest habe mich seither immer daran gehalten, und lieber hätte ich behauptet, jegliches noch so wenig genießbare Gericht wäre eine wahre Offenbarung gewesen, nur um die Wendung niet lekker zu vermeiden. 😉
Auch lernte ich, dass man niemals sagen dürfe, man sei satt. Denn den Begriff gibt es auch im Niederländischen, und er schreibt sich zat. Heißt aber etwas ganz anderes als im Deutschen, nämlich be- oder sturztrunken.

Mike war in der Hinsicht zwar ein echter Einpeitscher, aber offenbar im besten Sinne. Niemals würde ich in Holland äußern, das Essen sei zwar niet lekker gewesen, ich aber trotzdem zat. 😉

Thijs machte es spannend, als es um die korrekte Aussprache ging, und schon präsentierte er uns eine Liste von Wörtern, die wir der Reihe nach laut aussprechen sollten, dazu entscheiden, ob ein Laut lang oder kurz ausgesprochen werde – die Regeln hatte er kurz zuvor erklärt. Und er begann auf der anderen Seite der U-förmig aufgestellten Tische. Ich zählte die Begriffe ab – bei der Nummer 7 würde ich dran sein. O Gott! Passend zu meiner unvergleichlichen Fähigkeit, ständig die Arschkarte, das kürzere Streichholz zu ziehen, stand hinter der Nummer 7 in de tuin, was, so wusste ich noch, im Garten heißt. Ich war die Einzige, die einen Begriff mit diesem für Neusprachler undurchdringlichen ui-Laut hatte! Das war extrem unfair, wie ich fand. 😉 Alle anderen hatten so schöne Wörter und Begriffe, und es half mir auch nicht, dass Thijs auf meine vorherige Frage, wie man den ui-Laut am besten isoliert und nachhaltig übe, gesagt hatte: „Stell dir die Geräusche vor, die Seehunde machen, und dann machst du die nach!“ Sehr schön! Ich finde ja immer, dass der typische Ruf von Seehunden (zeehonden) immer ein wenig so klinge, als übergebe sich gerade jemand. „Ah, ja“, sagte ich und fügte hinzu: „Die Nachbarn werden sich freuen!“ Dann aber dachte ich: „Kopp hoch – nur die Harten kommen in de tuin!“

Gespannt blickte Thijs mich an. Ich räusperte mich, hängte meinen Unterkiefer aus, um einen seehundartigen Laut zu produzieren, und dann fing ich zu sprechen an. Ich bin mir sicher, dass Mike mich noch mindestens eine halbe Stunde lang tuin, uit, uien und weitere Wörter, die, von Muttersprachlern artikuliert, immer so charmant klingen, monoton hätte wiederholen lassen.

Thijs hingegen war begeistert! Er sah mich an, als hätte ich soeben das Rad erfunden, und dann rief er: „Das war perfekt!“ Ich staunte nicht schlecht. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Thijs aus Den Haag stammt, Mike hingegen aus Arnhem. Man muss die unterschiedlichen Dialekte, Akzente und Mundarten beachten. 😉

Als wir dann noch in unserem Lehrbuch, das Wat leuk! heißt, was in etwa mit Wie schön/nett/lustig/toll! zu übersetzen ist, obwohl ich der Ansicht bin, dass man dieses Wort gar nicht mit dem Gefühl, das dahinter steht, ins Deutsche übersetzen könne, seit ich Mascha kenne, die insgeheim bei mir auch Leukje heißt (sie sagt es immer mit derartiger Inbrunst, dass selbst toll dieser Inbrunst nicht gerecht wird), mehrere Dialoge per Lückentextauffüllung stemmen sollten, wobei wir den Text von einer CD hörten, muss ich wohl Zweifel bei Thijs ausgelöst haben. Denn als ich mich freiwillig zum Vorlesen des zweiten – sehr formellen – Dialoges meldete und sogar alles richtig hatte, sah er mich nachdenklich an und bat mich nach der Stunde zu sich.

„Das ist nicht deine erste Niederländischstunde gewesen, oder?“ meinte er in seinem reizenden niederländischen Akzent. „Nee,“, sagte ich, „ich hatte mal einen Kurs angefangen, aber der war nicht so gut wie dieser hier, und da habe ich ihn wieder abgebrochen – es machte einfach keinen Spaß. Und sich hinzuzwingen, bringt ja nichts. Aber das ist viele Jahre her.“ – „Wo war das? Kann es sein, dass du an der niederländischen Grenze gelebt hast – oder in der Nähe?“ – „Ja, mittendrin im Dreiländereck. In Aachen. Quasi am drielandenpunt.“ – „Ha! Lag ich doch richtig! Das habe ich sofort gehört! Da sind einige Besonderheiten in deinem Akzent!“ – „O je, das ist sicherlich schlecht.“ – „Nein. Man hört halt nur den Einfluss. Man hört aber auch, dass du offenbar ein annähernd natürliches Gespür für die Sprache hast. Das ist sehr gut. Unbedingt weitermachen.“

Super. Da ich in nächster Nachbarschaft der Provinz Limburg gelebt habe, klinge ich für jemanden, der Hoch-Niederländisch spricht (klingt irgendwie auch ein bisschen bekloppt: Hoch-Niederländisch), sicherlich so, wie es für einen Norddeutschen klingt, der ins tiefste Bayern zieht. Ich grinste Thijs an, der grinste zurück und meinte: „Man hört es ein bisschen an den Vokalen. Aber alles wunderbar und authentisch! Unbedingt weitermachen!“

Ich war überrascht: Ich lebe doch schon so lange nicht mehr in Aachen und sehe auch Mascha nur selten. Was einem alles ganz unbewusst so anhaftet! Sogar in Fremdsprachen …

Offenbar hat der sprachliche Einfluss aus Vaals, Maastricht und Umgebung mehr hinterlassen als die Bemühungen von Mike, der aus der Provinz Gelderland stammt. Glücklicherweise lebt er, denn sonst würde er im Grab rotieren – er fand die Limburgse Mundart immer ziemlich furchtbar … Armer Mike – da hatte er sich solche Mühe gegeben … 😉

Ich werde mich künftig bemühen, doch mehr die Hochsprache zu lernen. 😉 Spaß macht es allemal! 😊

Von „slingerschijt“ und „mierenneukers“

Vorgestern fand das erste Treffen des Niederländischkurses für groentjes en beginnelings statt, für den Jana und ich uns angemeldet haben – beide große Fans der Nederlandsche taal. Leider ohne mich, denn ich musste an jenem Mittwoch überstürzt und ohne mein tägliches Arbeitspensum geschafft zu haben, die Stätte der Fron verlassen. Mir ging es gar nicht gut. Ich hatte von halb 9 bis halb 12 Weiterbildungswillige eingeschrieben und war heilfroh, dass Jana – leise zwar, aber hörbar – Musik laufen hatte, denn ich hatte mir wohl am Tage zuvor etwas eingefangen, das nun Magen-Darm-Konsequenzen hatte. Mein Bauchbereich sonderte Geräusche ab, als kämpften zwei verfeindete Wolfsrudel oder sonstige Raubtiere miteinander … Ich hoffe, es lag nicht an der Veranstaltung vom Tage zuvor, da im internationalen Austausch befindliche Kunden uns kulinarische Spezialitäten ihrer jeweiligen Heimat kredenzt hatten. Falls doch, bin ich mir nicht ganz sicher, ob die getrocknete Mango aus Vietnam oder nicht doch der auf einer Eigenkreation beruhende „Auflauf“ aus den Vereinigten Staaten, der sehr viel Tabasco enthielt, dafür verantwortlich war.

Fakt war: Es ging mir gar nicht gut, und ich musste überstürzt nach Hause, teilte Jana aber noch mit, ich würde ihr Bescheid geben, wenn mit meiner Teilnahme am NL-Kurs wirklich nicht zu rechnen sei.

Gegen 17:15 h schickte ich ihr eine WhatsApp-Nachricht. Es ging so gar nicht, zumal ich quasi auf zwei Rädern mit dem Auto zu Hause eingetroffen war und meine Zeit danach hauptsächlich im Badezimmer fristete … Jana schickte mir liebe Grüße und Genesungswünsche, während ich mich ärgerte: Wie gerne wäre ich in die Nachbarstadt zum Kurs gefahren, auf den ich mich schon lange gefreut hatte!

Ich gebe zu, ich hatte schon ein bisschen überlegt, wie ich die Nachricht schicken sollte, nachdem ich recht schnell festgestellt hatte, dass meine Teilnahme an der ersten Stunde nicht gegeben sein würde (allerspätestens ab 17 h). Sollte ich ihr eine markige niederländische Bezeichnung meines Zustandes übermitteln, die sie dem Kursleiter gleich ebenso markig mitteilen könnte? Ich eruierte – wozu gibt es Online-Wörterbücher? -, dass mein Zustand ganz langweilig auch im Niederländischen als diarree bezeichnet werde. Langweilig.

Doch was war das? Da standen noch diverse Synonyme! Und eines davon war slingerschijt! Ich brach vor Lachen fast zusammen, wobei ich zum Glück ja schon saß. Und dachte einmal mehr: „Wie liebenswert-direkt diese Sprache doch ist – wie für mich geschaffen!“ Übersetzt das doch mal wörtlich ins Deutsche (was man eigentlich und normalerweise nicht so 1:1 darf – hier aber schon … 😉 )! Einfach grandios! 😉

Gestern bin ich eigentlich nur zur Arbeit gegangen, weil ich keine Lust darauf hatte, dass mein ohnehin schon immenses Arbeitspensum noch mehr zunähme, mein Schreibtisch, den ich derzeit ohnehin schon bisweilen gern einfach in die Luft sprengen würde, noch voller wäre. Richtig gut ging es mir immer noch nicht, und ich habe den ganzen Tag statt Kaffees nur Tee getrunken, schwarzen Tee, echten englischen schwarzen Tee mit viel Tannin. Der scheint auch geholfen zu haben. (Rührend war aber, wie meine Kolleginnen reagierten: „Das liegt alles nur an deiner Doppelbelastung!“ Fand ich richtig lieb, sagte jedoch: „Ich denke eher, es war die getrocknete Mango. Ich scheine darauf allergisch zu reagieren.“)
Jana meinte: „Ich glaube, du hast nicht so viel verpasst bei dem Kurs – ich denke, das, was wir gelernt haben, kanntest du schon. Wir haben Farben und Uhrzeiten gelernt.“ Die Farben kannte ich in der Tat schon, aber hinsichtlich der Uhrzeiten musste ich feststellen, dass meine Niederländisch-Dozentin an der RWTH da etwas hat schleifen lassen … 😉

Gleich fragte ich Jana nach den anderen Teilnehmern und dem Kursleiter. Kaum überraschend, teilte sie mir mit, dass bis auf einen Teilnehmer nur Frauen anwesend wären. Und der Kursleiter sei Niederländer und total nett, obendrein Sprachwissenschaftler. „Und da ist so eine Frau dabei, die wie eine Bibliothekarin oder Archivarin wirkt – eine echte Korinthenkackerin.“ – „Ah, so eine gab es in meinem früheren NL-Kurs auch – das scheint eine Art Standard in Sprachkursen zu sein. Die schien zum Lachen in den Keller zu gehen und schüttelte immer ihr weises Haupt, wenn wir alle mal wieder über einen knuddeligen niederländischen Begriff lachten – sogar die niederländische Dozentin. […] Was heißt eigentlich Korinthenkacker auf Niederländisch?“

Und schon bemühte ich eines der Online-Wörterbücher, und dies in Erwartung eines neuen erheiternden Begriffs, während Jana, genauso niederländischverrückt wie ich, mich gespannt ansah. Ich las laut: „Mierenneuker!“ Dann lachte ich. Jana rief: „Los! Was heißt das?!?“ – „Nun ja, was neuken heißt, weiß jeder, der schon mal den Spruch: Lekker neuken op de Wallen zonder te betalen gehört hat. Oder: Lekker neuken in de keuken!“

Jana sah mich an, dann fing sie heftig zu lachen an. Sie hatte sofort verstanden … Dann meinte sie: „Zumindest der hintere Teil des Wortes ist klar. Aber was sind mieren?“ – „Keine Ahnung – ich kenne nur Nieren. Aber warte …“ Und schon gab ich mieren ein. Sekundenbruchteile später versank ich in einer Art Lachflash …

„Los! Was heißt das? Was sind mieren?!?“ schrie Jana. „Nun sag schon – das ist unfair! Den hinteren Wortteil habe ich verstanden – aber warum lachst du jetzt so? Es muss etwas völlig Bescheuertes sein!“ Ich sah sie an und meinte: „Ja! Mieren sind Ameisen! Und nun kombiniere das eine mit dem anderen Wort – das ist ja noch besser als unser Korinthenkacker, obwohl ich den Begriff schon sehr schön finde!“ Und ich schüttete mich erneut vor Lachen aus. Jana meinte nur: „O Gott!“ Dann lachte auch sie hemmungslos. Und meinte schließlich: „Ali, wir sind genau richtig in einem Kurs, der uns diese Sprache lehrt – das ist einfach nur grandios und witzig!“ – „Einer der Gründe, weswegen ich diese so plastische Sprache lernen will.“

Jana erklärte mir dann noch, dass nächste Woche primär an der Aussprache gearbeitet werden würde, und dass der Kursleiter schon gesagt habe, dass das niederländische ui etwas schwieriger sei. Aber wenn man die korrekte Aussprache des Begriffs Feuilleton beherrsche, könne gar nichts schiefgehen. Merke: Man sollte die französische Sprache beherrschen, wenn man Niederländisch korrekt lernen will. Da sind Jana und ich zum Glück richtig.

Und selbst wenn unsere Aussprache vom Kursleiter moniert werden sollte, können Jana und ich nun immerhin dem Kursleiter sagen: „Hey! Wil je een mierenneuker zijn?“

Das ist doch schon einmal ein guter Anfang. 😉 Oder nicht?

Viele Wege führen nach Bonn – doch wehe, man will wieder weg …

„Wäre ich doch mit dem Auto gefahren!“ So dachte ich heute mehrfach, als ich die Stadt Bonn – einst Bundeshauptstadt – anderweitig verlassen wollte. Schon nach meinem Erstbesuch dieser Stadt hatte ich mich – damals noch ein Kind – schon gefragt, warum man just diese Stadt ausgewählt habe, obwohl sie zweifellos partiell sehr hübsch ist – es sei denn, man geht von ihrem Bahnhof aus … Denn der ist das Grauen. Zumindest momentan. Und Bonn an sich ist eine nette, wenn auch provinzielle Stadt.

Glücklicherweise bin ich eine Freundin des Realismus, und meine Eingangsfrage beantwortete ich mir selber: „Weil du Autobahnfahren hasst wie die meisten Katzen das Wasser!“ (Bis auf die aus der Türkei stammende Van-Katze, die Wasser so sehr liebt, dass sie sich voller Elan in die für ihren Halter wohltemperiert gefüllte Badewanne stürzt … 😉 Einige Ausnahmen mag es geben, aber die meisten Katzen verabscheuen Wasser und mögen es höchstens in geringer Darreichungsmenge zum Trinken.)

Am Mittwoch war ich zu einem vom DAAD veranstalteten Workshop gefahren, und auf der Hinfahrt war auch alles tutti. Mal abgesehen von dem eindeutig kurz vor der Abwrackung stehenden ehemaligen „InterRegio“-Zug, der inzwischen umgespritzt und – gefärbt als „InterCity“ unterwegs ist … Und „inzwischen“ bedeutet auch, dass er offenbar schon kurz nach Beginn der Geschichtsschreibung als solcher eingesetzt wurde. Aber was erwarte ich von einem IC, der tatsächlich in meiner Heimatstadt hält! 😉

Der Workshop war richtig toll, und ich kann rein gar nichts Schlechtes sagen, außer die Tatsache anmerken, dass die hervorragende Dozentin diesen auf absehbare Zeit nicht mehr veranstaltet, was wirklich ein Verlust ist. Sie erläuterte mir heute in der U-Bahn vom Gustav-Stresemann-Institut bis Bonn Hbf, warum dies so sei, und ich fand Gelegenheit, mich persönlich zu entschuldigen, dass mein vermeintlich auf lautlos gestelltes Smartphone gestern mitten im Seminar geklingelt hatte … 😉 (Bis gestern hielt ich mich für eine erbärmliche Sprinterin. Nun ja – auch diese Zeiten sind vorbei …)

Irgendwie verband diese Dozentin und mich offenbar etwas, denn als ich am Mittwoch eingecheckt, mein Zimmer im Institutshotel eingenommen hatte und nun mit dem Aufzug nach unten fuhr, um noch um den Block zu marschieren und mir etwas zu essen zu kaufen, prallte ich beim Aussteigen mit einer mich um Haupteslänge überragenden Dame zusammen, die direkt vor dem Aufzug gestanden hatte und unvermittelt eintreten wollte, dann jedoch rasch ihren Trolley beiseite fuhr, um den bisherigen Fast-Umfall zumindest zu minimieren. Ich dachte, warum auch immer: „Das ist garantiert die Dozentin!“ Keine Ahnung, warum. Doch! Wann immer ich Fortbildungen mache oder gemacht habe, gab es bei meiner Ankunft oder vice versa Zusammentreffen vorher, bei denen ich dachte: „Das ist garantiert der Dozent/die Dozentin!“ Oft mit irgendwelchen Peinlichkeiten oder Missgeschicken verbunden – und nicht selten trog meine Ahnung nicht.

Es wunderte mich daher am nächsten Morgen keineswegs, dass ich kurz vor Beginn des gestrigen Seminartages just dieser Frau gegenüberstand, die all ihre Eleven persönlich und mit Handschlag begrüßte. Als ich vor ihr stand, stutzten wir beide, und dann fing ich zu lachen an – ich kann leider nicht aus meiner Haut. Sie lachte mit und meinte: „Irgendwoher kennen wir uns!“ – „Ja, wir wären gestern fast zusammengeprallt.“ – „Wo?“ – „Als Sie wohl gerade ankamen und den Aufzug nehmen wollten, aus dem ich gerade ausstieg …“ – „Ach, ja! Das ist ja nett! Wohnen Sie auch im dritten Stock?“ – „Nein, im ersten.“ Trotzdem schüttelte sie mir heftig die Hand, und ich konnte mir sicher sein, dass ich nicht mehr aus dem Auge gelassen werden würde.

Ehrlich gestanden: Da hatte ich die Befürchtung, dass ich nunmehr zu jeglichen unangenehmen Übungen herangezogen werden würde. Ich kenne das von manchen Dozenten: Sie kennen ein Gesicht und greifen dann in Zweifelsfällen gern auf dessen Inhaber zurück. Wie auf einen Rettungsanker. Ich habe das in meiner Dozententätigkeit nie gemacht, war aber während eines Seminars im Rahmen einer Fortbildung schon einmal „Opfer“.

Die Dozentin hier war jedoch wirklich gut und behandelte uns alle gleich. Und sie war nett, dennoch unnachgiebig, und wir haben gestern wirklich von 9 bis Viertel vor 6 gearbeitet, und das, da es auch um Themen ging, die den Umgang mit Emotionen in der Beratungstätigkeit behandelten, wirklich energieraubend. Heute von 9 bis Punkt 1. Und sie hat geschafft, dass auch ich inzwischen glaube, in ferner Zukunft mal eine gute Beraterin zu werden. 😉 Offenbar habe ich bis dato auch viel durchaus richtig gemacht, wie sie mir bescheinigte, da ich mich trotz geringer Erfahrung häufig einbrachte. Sie sagte mir heute in der U-Bahn: „Ihre Eingangsfrage fand ich wirklich nett, als ich fragte, wie Sie alle Ihre Kunden begrüßen würden: ‚Was führt Sie zu mir?‘ Und Ihre Attitüde fand ich so nett: Sie vermittelten wirklich, interessiert zu sein, und Sie bringen etwas herüber, das dem Ratsuchenden zeigt, dass er Ihnen alles erzählen kann.“ Ich grinste, weil ich dachte: „Ja, derzeit bin ich liebreizend, da ich noch nicht viel von der Tätigkeit weiß und mir die Ratsuchenden leidtun, da sie just auf mich treffen. Da muss man doch wenigstens lieb sein und sie lieb begrüßen.“ Das sagte ich auch der Dozentin, die schallend zu lachen begann.

Dann meinte sie: „Ich glaube, Sie unterschätzen sich. Sie scheinen wirklich sehr schön mit Ihren Kunden umzugehen. Sie müssen sich nur Zeit lassen – Sie sind doch noch ganz am Anfang. Hat sich denn schon mal jemand über Sie beschwert?“ – „Nein. Eher im Gegenteil.“ – „Na, sehen Sie! Das meine ich.“ So erzählte sie mir heute in der U-Bahn Richtung Chaos, auch Bonn Hbf genannt.

Dort trennten sich unsere Wege, denn sie musste weiter nach Köln, während ich für drei Stunden strandete.

Da der Arbeitgeber Öffentlicher Dienst nurmehr die günstigsten Tickets bei Dienstreisen akzeptiert und erstattet und da ich mit Verzögerungen gerechnet hatte und nach Möglichkeit ohne Umsteigen zurück ins Ruhrgebiet wollte, hatte ich mir eine bestimmte Verbindung herausgesucht. Ging erst zwei Stunden nach meiner Ankunft an diesem … Bahnhof.

Ich war schon am Mittwoch entsetzt, als ich dort eintraf. Es schienen nur drei Gleise überhaupt befahren zu sein, davon eines lediglich geringfügig. Die Gleise 2 und 3 dafür verstärkt, und exakt diese Situation bot sich mir heute erneut. Der Bahnhof eine Großbaustelle, Gleis 1 gesperrt, die Gleise 2 und 3 dafür übervölkert.

Nachdem ich etwas gegessen hatte – an Gleis 1 eingenommen, da dort hinreichend Sitzgelegenheiten warteten -, machte ich mich auf zu Gleis 2, wo mein Zug später abfahren sollte. Ein Gewühl dort, als bestünde irgendein Notstand. In all dem Gewühl sah ich Malina, eine Seminarkollegin, als ich mich gerade auf den hinteren Gleisbereich begeben und den Raucherbereich suchen wollte. Sie sah mich auch und winkte heftig – ich schwenkte um und kämpfte mir den Weg zu ihr durch.

„Das ist ja schön – so sehen wir einander noch einmal!“ schrie sie. „Hoffentlich hast du mehr Glück mit deinem Zug als ich!“ – „Der fährt erst in über einer Stunde, und eigentlich könnte ich noch in die Stadt …“ – „Mach das bloß nicht! Auf die Weise habe ich schon mal den letzten Zug verpasst!“ – „Ja, es lohnt sich auch für mich nicht. Aber was ist mit dir?“

Es stellte sich heraus, dass sie – sie kam von der Uni in Frankfurt – eine Verbindung hatte, die mit mehrmaligem Umsteigen u. a. in Köln verbunden war. Aber am Nebengleis war eine Direktverbindung nach Frankfurt Hbf angezeigt, die bei der Vorab-Buchung nicht angezeigt worden war. Ebensowenig auf bahn.de, wie mir Malina sehr lebhaft sofort auf ihrem Smartphone zeigte und beteuerte, sie habe inzwischen alles versucht, umzubuchen, was aber mit einem Sparticket nicht gehe.

Ich sah eine Bahnbedienstete am Gleis und sagte: „Da hinten ist eine Bahnbedienstete – los, die fragen wir jetzt!“ Gesagt – getan, und sie war eine sehr gute Beraterin. 😉 Denn sie erklärte, dass sie, sobald der Zug einfahren würde, mit dem Zugführer sprechen würde, der Malinas Sparticket, mit dem man nur und ausschließlich den zuvörderst gebuchten Zug besteigen dürfe, sicherlich umwandeln könne. Ich weiß noch, dass wir ihr sagten: „Wir setzen uns dort vorn hin!“ Sie meinte, sobald der Zug einführe, würde sie uns ganz sicher finden …

Malina und ich redeten und redeten … Sie erzählte mir, dass sie in der zwölften Woche schwanger sei und sich so freue. Ich dachte: „Die Dritte in der reinen Frauenveranstaltung dieses Seminars!“ Denn offenbar verirren sich wenige Männer in diese Tätigkeit, warum auch immer, denn es war in der Tat eine reine Frauenveranstaltung gewesen. 😉

Ich freute mich aber auch für sie, und als wir beide kaskadenartig redeten, muss wohl der Zug eingefahren sein, der ohne Umstieg nach Frankfurt gefahren ist, heute, von Bonn Hbf … 😉

Als Malina zehn Minuten später die Nähe der zuvor gedungenen Bahnbediensteten suchte, sah ich nur noch, wie diese in einer Art gestikulierte, die für mich so aussah, als sagte sie: „Wo waren Sie denn?“ Es bestätigte sich, als Malina dann zu mir zurückkam. Immerhin: Wir lachten beide, und ich habe sie dann in den nächsten Zug verfrachtet, der gen Köln fuhr. Sie nahm mich zum Abschied in den Arm, ich drückte sie auch, wies dann auf ihren Bauch und meinte: „Alles Gute für euch!“ Das hatte immerhin zur Folge, dass nicht ich – wie ich es eigentlich geplant hatte – ihren Trolley in den Zug hob, sondern ein Mann, der Richtung Malina meinte: „Sie dürfen nicht schwer heben!“ Ich kniff ihr ein Auge zu, sie kniff zurück.

Und mein IC – zumindest besser als das Ding, mit dem ich am Mittwoch gen Bonn gefahren war – kam auch irgendwann mit nur 40 Minuten Verspätung nach eigentlicher Abfahrzeit.

Immerhin war es ein schönes Seminar mit netten Kolleginnen, deren Probleme mit den meinen zumindest arbeitstechnisch bisweilen fast deckungsgleich sind. Mindestens drei waren schwanger – das bin ich nicht. 😉

Der Bonner Hauptbahnhof ist – zumindest derzeit – jedoch eine Katastrophe. Nichts fährt, wie es sollte, und es gibt nur zwei ernsthaft befahrene Gleise, aber der Nutzer dieser Institution wird zumindest darauf hingewiesen, dass derzeit 150 Bahnhöfe innerhalb Deutschlands auf ähnlich schöne Weise nicht nur renoviert, sondern beglückt werden.

Ich kann nur eines sagen: Den Bonner Hauptbahnhof habe ich als Kind oft befahren, wenn auch nur auf der Durchreise zu schöneren Zielen. Und wenn es so bleibt, wie es ist, wird sich daran nichts ändern. 😉

Aber es gab wohl einmal ein sehr schönes – aus meiner Sicht – Staatsgeschenk seitens Deutschlands an Großbritannien, und das vor der Wiedervereinigung: ein Pferd. Ich glaube, es war ein Hannoveraner Wallach, der wie eine Eins in die britische „Kavallerie“ passte, die an Tagen bemüht wurde, da Repräsentationspflichten anstanden. Der Rappwallach aus deutschen Gefilden trabte in schönem Gleichschritt mit seinen Kollegen anderer Provenienz mit. Sein Name: Bonn.

Was für ein Name für ein so stolzes Tier! 😉

Der Fels in der Brandung – das Auge des Hurrikans: Ali …

Ostern ging viel zu schnell vorüber. Vier Tage der Ruhe. Gestern Abend saß ich ein wenig niedergeschlagen auf der Couch – niedergeschlagen, weil alles immer so schnelllebig ist und ich am Folgetag, ergo heute, wieder in das eintreten würde, was man gerne metaphorisch als Hamsterrad bzw. – für Anglophile – als rat race bezeichnet.

Ich arbeite gern, und ich möchte gar nicht dauernd zu Hause sitzen, aber derzeit dreht sich das Hamsterrad für mich noch schneller als gewöhnlich, etwa doppelt so schnell, da ich schneller treten muss, weil die Tätigkeitsfelder zweier Stellen von mir bedient und erledigt werden müssen. Und beide sind mir neu … 😉

Ergo hoffte ich, als ich heute den Weg zur Arbeit antrat, darauf, es möge ein relativ ruhiger Tag werden. Mit absoluter Ruhe rechne ich schon gar nicht mehr. 😉

Er fing auch ruhig an, der Arbeitstag. Ich gratulierte meiner Kollegin Saskia nachträglich zum Geburtstag und überreichte ihr ein kleines Geschenk. Wir waren heute allein in unserer Abteilung, da alle anderen noch Urlaub hatten. Und ich kochte erst einmal Kaffee …

Dann begann ich, das zu erledigen, was ich am Donnerstag nicht mehr hatte erledigen können. Vergleichsweise wenige Mails in der jeweiligen Mailbox meiner vier Dienstaccounts – ich begab mich auf die Seite der Deutschen Bahn, da ich für morgen und Freitag ein Ticket benötigte, denn morgen am frühen Nachmittag muss ich mich zu einer Fortbildung aufmachen, einen Workshop, in dem es um die Optimierung von Kundengesprächen geht. Ich freue mir schon jetzt die Hucke voll, da einer der Programmpunkte Rollenspiele lautet. Ich hasse Rollenspiele! Zumindest dann, wenn ich Bestandteil und nicht nur Beobachter bin. 😉

Dann klingelte mehrfach das Telefon, und glücklicherweise konnte ich den Anrufern helfen. Na, also! Es lief doch alles prima, obwohl Jana im Urlaub war und mehrere Leute nicht nur telefonisch, sondern höchstpersönlich Rat suchend auftauchten. Ich glaube, ich habe das ganz gut hinbekommen. 😉

Doch bei einem weiteren Telefonat, das auch recht erfolgreich verlief, pochte es plötzlich an meine Bürotür, und ein junger Mann streckte seinen Kopf durch die Tür. Ich kannte ihn, ich hatte ihn bzw. seine Unterlagen erst am vergangenen Donnerstag weiterbildungstechnisch geprüft und registriert, auf dem letzten Drücker, da er eine Prüfung absolvieren wollte, die bereits diese Woche stattfinden soll. Ich nickte und lächelte ihm zu und bedeutete ihm mimisch wie gestisch, einen Moment vor der Tür zu warten, bis ich das Telefonat beendet hätte. Er verschwand sofort wieder auf dem Gang vor Janas und meiner Bürotür.

Als ich mit dem Telefonat mit dem anderen Kunden, meinem zweiten Themengebiet zugehörig, fertig war, holte ich den jungen Mann wieder ins Büro. In der Zeit, da ich den Hörer aufgelegt, mich erhoben hatte und zur Tür schritt, durchliefen mehrere Gedanken mein Hirn: „Was will er hier? Es ist doch alles gut ausgegangen, und er wurde gerade noch rechtzeitig eingeschrieben … Was ist passiert? Er sah so besorgt aus! O Gott!“ Ich hatte kein gutes Gefühl …

„Herr […]? Kommen Sie doch bitte herein! Entschuldigen Sie, bitte – ich musste das Gespräch noch zu Ende führen, aber jetzt bin ich ganz für Sie da!“ rief ich derart strahlend, als hätte ich an der Losbude auf der Kirmes – nach vielen kostspieligen und Löcher ins Kinderportemonnaie reißenden Nieten – endlich den großen himmelblauen Plüschelefanten gewonnen, dessen Materialwert den Preis der dafür aufgewendeten Lose bei weitem unterschreitet. (Verzeihung! Heute wäre es sicherlich ein in den Farben des Regenbogens schillerndes Riesen-Einhorn mit güldenem Plüschhorn auf der Stirn – und da komme ich mit Elefanten! 😉 )

„Nehmen Sie doch bitte Platz!“ rief ich womöglich noch strahlender und mit fanfarenartig fröhlicher Stimme und wies auf einen der beiden Besucherstühle vor Janas und meinen Arbeitsplätzen. Insgeheim dachte ich: „Warum kann Ostern nicht doppelt so lange dauern? Was will er? Und hoffentlich bin ich in der Lage, das Problem zu beheben!“ Denn dass es sich um ein solches handeln musste, war mir so klar, wie etwas nur klar sein kann.

Und mit aufmunterndem, fröhlichem Lächeln ließ ich mich auf meinem Bürostuhl nieder. „Was gibt es denn, Herr […]?“

Mit besorgter Miene hielt mir der junge Mann drei Schriftstücke entgegen. Bei dem einen handelte es sich um seinen von mir höchstselbst ausgestellten Zulassungsbescheid, aber offenbar um eine Kopie aus dem Prüfungsamt, denn zwei Aspekte waren mit grünem Textmarker hervorgehoben. Ich erinnerte mich dunkel daran, dies mit leichter Hand selber getan zu haben, den zweiten Aspekt besonders nachdrücklich, bei dem es sich um die Bezeichnung der Prüfung handelte, die der junge Mann absolvieren wollte. Der nachdrückliche Markierduktus trat sogar auf dieser Farbkopie deutlich hervor. 😉

Das zweite war seine Registrierungsbescheinigung, die jedoch nur bis zum 31. März und damit vorläufig gültig war, da er eine endgültige erst nach Überweisung des Beitrages erhalten würde. Das dritte Papier war der Überweisungsnachweis seiner Bank. Er hatte wohl direkt nach seiner Registrierung am Donnerstag brav den Beitrag angewiesen. Dazu sagte er: „Ich muss mich morgen mit einer gültigen Registrierungsbescheinigung ausweisen, wenn ich die Prüfung antreten will. Ich habe aber nur diese hier, und die ist seit drei Tagen abgelaufen. Was mache ich denn jetzt?“

Diese Frage stellte sich mir auch. Ich bin noch völlig neu in diesem Metier und leider noch nicht mit allen Wassern gewaschen. Es war doch alles nach Plan gelaufen – nur war der Plan zumindest offenbar partiell scheiße … 😉 Ich merkte, dass ich selber etwas unsicher wurde, aber ich verstärkte mein Lächeln daraufhin und meinte: „Sie haben alles richtig gemacht und sofort überwiesen. Es kann natürlich ein paar Tage dauern, bis der Betrag auf unserem entsprechenden Konto gebucht ist – und es war ja auch Ostern.“ (Ja, genau. O Gott! Und morgen war die Prüfung!)

„Warten Sie, das haben wir gleich,“, meinte ich optimistisch. Zumindest nach außen.

Ich habe früher oft und viel mit Kindern gearbeitet, und Kinder brauchen Sicherheit, die man ihnen am besten auch dann möglichst überzeugend vermittelt, wenn man selber gar nicht so sicher ist. Das ist mir offenbar in Fleisch und Blut übergegangen, und es scheint sich nun, da ich mit Erwachsenen arbeite, auszuzahlen. Denn die brauchen auch Sicherheit.
😉

Und schon wählte ich meine Kollegin Sabrina an, die immer alles weiß. Sie verwies mich an den Vorgesetzten. Den rief ich kurz darauf an, und er meinte: „Ein Fall fürs Prüfungsamt.“ Dort rief ich an, erreichte aber niemanden. Ich rief erneut den Vorgesetzten an, der mich an eine andere Stelle verwies. Dort meldete sich auch niemand. Mir wurde ganz anders, aber ich ertappte mich dabei, wie ich meinen armen „Kunden“ gewinnend ansah und derart optimistisch, dass es schon fast an für mich völlig untypische Euphorie grenzte, sagte: „Keine Sorge, Herr […], alles wird gut!“

Wie viele Anrufe an verschiedene Stellen ich insgesamt startete, habe ich nicht gezählt. Sie gingen allesamt erfolglos aus, und ich habe irgendwann sogar in der Finanzabteilung angerufen und eine der Buchhalterinnen gefragt, ob denn inzwischen die Buchung eingegangen sei. Sie war total nett, und ich hatte den Eindruck, es tue ihr leid, dass sie mir keinen positiven Bescheid geben konnte. Mein Mut sank, aber ich lächelte den jungen Mann gewinnend an und rief: „Keine Sorge! Alles wird gut!“ Dabei stand mir der kalte Schweiß auf der Stirn …

Nachdem ich noch weitere Stellen vergeblich angerufen hatte – Ferien und Urlaubszeit! – und ziemlich allein auf weiter Flur stand, meinte ich: „Bei wem schreiben Sie die Prüfung?“ – „Bei Herrn Müller!“ – „Alles klar, dann rufe ich jetzt den an! Und keine Sorge: Alles wird gut!“ strahlte ich den jungen Mann an, wobei meine Schläfenadern aufs Empfindlichste pochten. Die Erholung über Ostern ebenso empfindlich dahin …

Herr Müller ging gleich nach dem ersten Klingeln dran – fast hätte ich vor Schreck den Hörer fallengelassen! Aber ich bin ja professionell – zumindest musste ich es hier sein. 😉 Und so rief ich vermeintlich fröhlich: „Herr Müller! Guten Tag – und ich hoffe, Sie hatten ein erholsames und schönes Osterfest!“ – „Ich hoffe, Sie auch, Frau B.! [Ja. Nur das, was danach kam, war nicht so erholsam …] Was kann ich für Sie tun?“

Rasch schilderte ich das Problem, dabei stets mit aufmunternder Alles-wird-gut-Attitüde zu meinem „Kunden“ blickend und nickend, der inzwischen einen unserer Dienstkulis vor Nervosität irreversibel auseinandernahm. Ich habe den Kuli danach entsorgt – er war nicht mehr zu gebrauchen.

Herr Müller meinte: „So ein Zufall! Ich sitze gerade vor der Teilnehmerliste der Kandidaten für die morgige Prüfung! Herr […] ist zugelassen. Und er soll einfach den Zulassungsbescheid mitbringen, ebenso einen amtlichen Ausweis mit Lichtbild. Und dann noch […]. Und auch […] noch! Dann kriegen wir das hin.“ – „Danke, Herr Müller. Ich gebe es weiter. Herzlichen Dank – Sie haben sehr geholfen!“

Und ich legte auf und strahlte den jungen Mann an: „Sehen Sie! Ich habe doch gesagt, dass alles gut werde! Sie müssen nur morgen einiges vorlegen …“ Und ich zählte alles auf, er notierte sich alles, und dann sagte ich erneut: „Alles gutgegangen – wie ich es sagte!“

Da meinte der junge Mann: „Frau B. – ich bedanke mich bei Ihnen ganz herzlich. Ich bin selten derart nett behandelt worden. Ich hatte irgendwann den Eindruck, dass Sie an Ihren eigenen Worten zweifelten, dass alles gutgehen würde. Aber ich hatte auch danach keine Minute Zweifel an Ihnen. Sie waren so engagiert, dass ich dachte: ‚Es sieht zwar offenbar nicht so gut aus, aber sie wird sicherlich eine Lösung finden‘. Und das haben Sie – ganz herzlichen Dank! Auch für Ihre gekonnte Ansprache, dass alles gut werden würde – ich habe erst relativ spät gemerkt, dass Sie sich dessen ganz und gar nicht sicher waren.“

Ich platzte vor Lachen heraus und meinte: „In der Tat. Aber jetzt ist ja wirklich alles in trockenen Tüchern, und das freut mich sehr. Und ich drücke Ihnen für die Prüfung morgen ganz fest die Daumen!“ – „Danke. Und Sie empfehle ich weiter – ich habe selten jemanden erlebt, der derart überzeugend beteuert, alles werde gut und man dann erst mit einiger Verzögerung merkt, dass die Dinge gar nicht so sicher liegen. Ich hatte aber dennoch wirklich keine Zweifel an Ihnen.“

Als ich den in seinen Grundfesten zerstörten Kunden-Kugelschreiber in meinen Papierkorb entsorgte und durch einen neuen ersetzte, grinste ich. Denn im Grunde hatte ich mich selber zu beruhigen versucht, als mir klar war, dass ich in der Tat allein auf weiter Flur stand – hatte durchaus genutzt. 😉

Danach rauchte ich erst einmal eine Zigarette mit Kerstin, die offenbar auch einen stressigen Tag hatte. Aber ich meinte nur: „Keine Sorge, Kerstin! Alles wird gut!“ Sie war danach auch schon viel besser gelaunt. 😉

Ganz im Ernst: Wozu da noch die Fortbildung bis Freitag? Am heutigen Kundengespräch wäre nichts mehr zu optimieren gewesen … 😉 Und künftig verlasse ich mich nur noch auf mich selbst und frage in vergleichbaren Fällen gleich nach dem Prüfer, wenn der vorgeschriebene Dienstweg schon in ersten Ansätzen nicht funktionieren will. 😉