„Décoluchisée“

Heute, am Karsamstag, hatte ich endlich Zeit, mal wieder zum Friseur zu gehen – meine Haare reichten schon fast bis zu den Schultern, ließen sich morgens nicht mehr so recht bändigen, und meinen Pony hatte ich bereits zweimal höchstselbst ein wenig gekappt, weil er schon weit über die Augen reichte, zumindest im nassen Zustand, und sich seinen Weg bis zur Nase bahnen wollte. Ich erinnerte im Aussehen mehr und mehr an den Bobtail meiner Patentante – Gott habe es selig, das liebe, wenn auch ein wenig unbedarfte Tier, das einmal vor meinen Augen versehentlich gegen eine Wand rannte, weil sein „Pony“ rassetypisch weit über die Augen reichte, die man nur sehen konnte, wenn man den Schopf des Hundes anhob. Da es so schnell ging, hatte ich leider nicht mehr eingreifen können. Zum Glück aber war ich da, den armen Kerl zu trösten, als er nach der Kollision weinend durch die Gegend taumelte … Und er erholte sich auch glücklicherweise schnell und hatte fortan immer einen echten Pony, so geschnitten, dass man nicht nur seine Augen, sondern er auch ungehindert aus denselben sehen konnte … 😉 (Wenn ich es recht überlege, ist es total pervers, einem Hund die Rute derart zu kupieren, dass er, wenn er mit dem Schwanz wedeln will, mit dem gesamten Hinterteil wackeln muss, aber seine Stirnhaare derart lang wachsen lässt, dass er dauernd Gefahr läuft, gegen Hindernisse zu rennen. Meine Patentante, die sehr an dem lieben Tier hing, schnitt ihm daraufhin höchstselbst immer einen Pony, der ihn ein bisschen wie Coluche aussehen ließ. Es fehlte nur die Brille.)

Ein bisschen erinnerte auch ich – vor dem Friseurbesuch – an diesen französischen Humoristen, wenn auch sein Pony erheblich kürzer war als meiner und an seiner Stirn klebte, als hätte man ihn dort mit Sekundenkleber fixiert. Das tat meiner nicht, ganz im Gegenteil – er verfügte eher über ein flatterhaftes Wesen. 😉 Ansonsten aber sahen meine Haare ähnlich sauerkrautartig aus wie die seinen. Nur dass meine nicht dunkel und auch nicht lockig sind.

Nachdem ich gestern einen Film gesehen hatte, in dem dieser leider bei einem Motorradunfall tödlich verunglückte, recht krasse und provokante, mir aber nicht zuletzt daher sehr sympathische Humorist mitspielte, war mir klar, dass ich heute keineswegs ausschlafen, sondern schnurstracks zum Friseur eilen würde. Ich sah den Film zunächst auf Deutsch, dann auf Französisch, da ich meine brachliegenden Fertigkeiten in der französischen Sprache, die ich einst fast fließend sprach, ein wenig aufpeppen wollte. Und wenn ich auch Coluche seiner provokanten und kompromiss- wie furchtlosen Art dem sogenannten Establishment gegenüber schätze, wollte ich doch nicht so aussehen wie er. 😉

Als ich beim Friseursalon eintraf, war ich mir nicht sicher, ob ich auch wirklich drankommen würde – es war Samstag, und da sitzen sehr gern Rentnerinnen da. Ausgerechnet am einzigen Tag, da auch Berufstätige die Dienste der Inhaberin dieses Unternehmens ohne Einschränkungen in Anspruch nehmen können. Obwohl Rentnerinnen jeden Tag in der Woche – abgesehen von Montag, da Friseure traditionell frei haben – Zeit für den Friseurbesuch haben.

Und exakt so war es, als ich eintraf: Im Wartebereich saßen bereits eine Rentnerin und eine Frau, die nicht viel älter als ich gewesen sein mag, aber offenbar ein inniges Verhältnis zu Sonnenbänken und sehr, sehr lange blondierte Haare hatte. Etwas zögerlich rief ich: „Guten Morgen!“ Und Frau K., die Inhaberin des Salons, ihres Zeichens Friseurmeisterin, grüßte zurück und rief gleich, als sie mein zögerliches Verhalten sah: „Nein, nix da – nicht weggehen. Es kann etwas dauern, aber Sie kommen auf jeden Fall noch dran, Frau B.!“ – „Gehen auch noch Strähnchen – oder nur Schneiden?“ Schneiden war zwar vorrangig vonnöten, aber ich konnte meinen Ansatz auch nicht mehr ertragen – er sah aus wie eine Start- oder Landebahn auf einem Flughafen … 😉 Frau K. meinte: „Kommt ganz darauf an, wann Sie drankommen – ich kann das im Moment nicht genau abschätzen.“ Denn sie und Melly, die heute Dienst hatte, hatten da einige Damen jenseits des Erwerbstätigenalters sitzen, und eine meinte mit Blick auf mich: „Ach herrje, Frau K.! Da sollen Sie auch noch strähnen! Sie wollen doch auch mal Feierabend haben! Ach, könnten Sie mir bitte noch die Augenbrauen färben, wenn Sie mit meinen Haaren fertig sind? Die Haare bitte gründlich waschen, denn ich habe das jetzt seit zwei Wochen nicht gemacht.“ Die Dame hatte ziemlich kurze Haare, und ich fragte mich, weshalb sie überhaupt dort saß, indem ich meine Haare ordnete, die sich erneut coluchemäßig verselbstständigt hatten, nachdem ich meinen Schal abgenommen hatte. Und im Spiegel sah mein recht dunkler Haaransatz noch mehr wie eine Landebahn aus. Einzig die Bahnbefeuerung fehlte … Und da regte sich eine Rentnerin, die von Dienstag bis Freitag jeden Tag nutzen könnte, an einem Samstag auf, dass eine Berufstätige sich um kurz vor 10 erdreistete, sich Strähnchen machen und die Haare schneiden zu lassen, weil sie sonst keine Zeit dazu hat … 😉

Die Frau mit den langen blondierten Haaren und dem gegerbten Antlitz sah mich grinsend an, und ich hob die Schultern und meinte: „Ich kann nur samstags.“ Sie grinste noch mehr und meinte: „Ich auch. Und ich hätte auch gern so richtig ausgeschlafen. Aber einige alte Damen sind zeit ihres Lebens immer samstags zum Friseur gegangen, weil der Samstag ja auch der Badetag war. Das kriegen Sie und ich denen nicht mehr ausgetrieben. Die kommen gar nicht auf die Idee, dass der Samstag im Grunde anderen vorbehalten sein sollte, die sonst nicht können, weil die Arbeit es nicht zulässt. Die meisten von denen kennen das wahrscheinlich gar nicht. Der Höhepunkt ist allerdings, dass dann auch noch Bemerkungen kommen, die besagen, dass sie es ungeheuerlich finden, dass Sie oder ich sich erdreisten, eine umfangreichere Behandlung vornehmen lassen zu wollen, während sie – nachdem sie jeden anderen Tag Zeit hätten – an einem Samstag mit ihrem Hintern einen Platz blockieren.“ Und sie kniff mir ein Auge zu. Ich platzte in einem Lachanfall heraus. Die Rentnerin, die mit uns im Wartebereich saß, warf uns vorwurfsvolle Blicke zu, und ich meinte schnell: „Wir meinen nicht Sie – Sie sitzen ja genauso hier wie wir und warten.“ Da meinte die alte Dame: „Wenn ich es recht überlege, haben Sie Recht! Ich könnte auch an jedem anderen Tag. Ich werde mir das merken. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Übrigens … ich fand die Bemerkung der Dame da, die offenbar auch Rentnerin ist und kritisierte, dass Sie sich Strähnchen machen lassen wollen, auch doof.“ Und sie strahlte mich an, ich strahlte zurück. Und sie meinte: „Ich werde künftig nicht mehr samstags zum Friseur gehen. Eine muss ja den Anfang machen, junge Frau! Immerhin arbeiten Sie auch für meine Rente!“ Ich grinste sie an und bedankte mich, und die Langmähnige bedankte sich ebenfalls.

Immerhin brachte der Friseurbesuch heute neben der Aufhübschung meiner sogenannten Frisur und Haarfarbe ein Erfolgserlebnis mit sich. Aber nicht nur eines: Ich hatte hinreichend Zeit, mich über die neuesten Trends zu informieren, und gleich am Dienstag werde ich mir violetten Lidschatten besorgen. Der dernier cri – einmal wieder. Einen kleinen Rest dieses dernier cri , quasi den avant-dernier cri habe ich noch im Badezimmerschrank, denn als ich den Friseursalon verließ, hatte der Drogeriemarkt leider schon geschlossen. So muss der Rest aus dem Badezimmerschrank bis Dienstag reichen. Endlich ein Ende dieser Nude- und Erdton-Phase! Violett passt auch viel besser zu meinen Augen, da Rot darin enthalten ist, und das ist die Komplementärfarbe zu meiner Augenfarbe. 😉

Höchst befriedigt verließ ich den Friseursalon und tauchte ein in den Wahnsinn, der sich im nächstgelegenen Supermarkt abspielte. Denn morgen und übermorgen droht ja Ostern – und da muss man sich bevorraten … Ich wollte doch nur Kaffee, All-in-one-Lösung für meine Kontaktlinsen, die dieser Supermarkt erfreulicherweise führt, Mineralwasser sowie Sardellenfilets, Kapern und Tomaten, da ich morgen als Osteressen Spaghetti alla puttanesca zubereiten möchte. Strozzapreti am Vorabend des Karfreitags, Spaghetti alla puttanesca am Ostersonntag: Merkt man, dass ich zu Kirche und Religion ein gespaltenes Verhältnis habe? 😉

Nein, nicht wahr? 😉 Ich muss jedoch sagen, dass Strozzapreti zu meinen Lieblings-Pastasorten gehören und dass ich alla puttanesca einfach nur gern esse. 😊

Euch ein schönes Osterfest!

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