„Hoffentlich ist niemand Diabetiker!“ Ali backt …

Auf den Tag genau vor drei Jahren habe ich das letzte Mal gebacken. Beziehungsweise: Ich hatte bis heute vor drei Jahren exakt letztmalig gebacken. Damals gab es etwas zu feiern, und ich stand am 11. März 2015 abends in meiner Küche (in Bleu) und rührte müde, aber eifrig einen Teig für Muffins zusammen. Genauer: Mandarinen-Muffins. Ein neues Rezept, das ich aus dem Internet hatte. Nicht so süß sollten die Muffins sein, und wer mich kennt, weiß: Süß ist nicht mein „Element“.

Ein wunderbarer Duft zog durch die Wohnung, als die zwölf netten Muffins in meinem Muffinblech, das ich früher oft genutzt hatte, immer mehr an Volumen zunahmen und in entzückender Weise erst goldgelb, dann goldbraun wurden, als sie fertig gebacken waren. Ich schaltete den Backofen aus und ließ die kleinen Kerlchen noch einige Minuten drin.

Kaum draußen an der frischen Luft, zeigte sich, dass irgendetwas anders war als sonst. Denn die Muffins, die im Ofen noch so wunderschön ausgesehen hatten, prall und drall, begannen draußen peu à peu, zu schrumpfen, als versuchten sie, zur Gänze wieder in die Muffinformen zurückzukriechen. Ich raufte mir die Haare – so etwas war mir noch nie passiert. Und als sie dann ausgekühlt waren und ich einen probierte, steigerte sich – sofern überhaupt möglich – die Frustration noch: Sie waren in der Tat nicht sonderlich süß, und sie hatten die Konsistenz von Gummi. Hätte ich mal eines der Rezepte verwendet, die ich sonst immer benutzte! Aber nun war nichts mehr zu ändern, und ich musste die Muffins mitnehmen, von denen ich annahm, sie würden von der Wand zurückspringen, wenn man sie dagegen würfe. 😉

Sie waren dann auch kein großer Erfolg, und ein Kollege bezeichnete sie als Türstopper. Normalerweise wäre ich wahrscheinlich etwas beleidigt gewesen, aber in diesem Falle nicht – und er hatte ja Recht. Und seitdem habe ich die Finger von selbst hergestellten Backwaren gelassen … Ich backe ohnehin nicht so gern – ich liebe es dafür, zu kochen.

Nach diesen drei Jahren freiwilligen Verzichts habe ich mich heute doch mal wieder daran gemacht, mich der hohen Kunst des Backens hinzugeben. Etwas ganz Einfaches zum Wiedereinstieg sollte es sein … Und da ich ja die französische Küche sehr liebe, erschien auch sogleich ein Bild vor meinen Augen. Ein Bild von einem saftigen Kuchen, den ich stets bewundert habe. Ein Kuchen, der seinerseits aus einem Küchenunfall entstanden sei, wie es immer wieder heißt. Genauer: Es handelt sich um eine Tarte Tatin, jene Tarte, die als renversée et caramélisée bekannt ist. Das heißt, der Belag wird zunächst karamelisiert und dabei schon einmal halb weich gegart, und dann kommt der Boden aus Mürbeteig auf den Belag, wird seitlich schön festgedrückt, um die Früchte herum – und dann backt man das Ganze eine halbe Stunde im Ofen, bis der Boden goldbraun ist, was man gut sehen kann, da die Tarte ja auf dem Kopf steht. 😉

Klassischerweise macht man diese Tarte mit Äpfeln, am besten säuerlichen solchen. Ich hatte keine Äpfel. Aber Birnen, denn ich wollte eine Tarte Tatin aux poires machen, eine Birnen-Tarte. Und schon schritt ich zur Tat, setzte einen Mürbeteig an, den ich – zu einer Kugel geformt – für eine Stunde in den Kühlschrank legte. Dann schälte ich die Birnen, vierteilte sie brutal und entfernte das Kerngehäuse. Sehr, sehr saftige Birnen … Parallel schmolz ich 80 Gramm Butter in einem Topf (denn ich besitze leider keine echte Tarte-Tatin-Form), gab die im Rezept angegebene Menge Zucker hinzu, sowie – ganz raffiniert – etwas Salz, da Karamel (ich weigere mich, das mit zwei L zu schreiben …) mit einem Hauch Salz noch besser schmeckt. Ich rührte in dem Gebräu herum, auf dass der Zucker sich auflöse, dann gab ich die Birnenviertel hinzu, die 12 Minuten auf mittlerer Stufe vor sich hinschmoren und karamelisieren sollten. Inzwischen butterte ich die Form aus – eine Original-Pyrex-Form aus feuerfestem Glas, in die ich schließlich die Birnen und das wild blubbernde Karamel gab. Die Birnen noch hübsch mit der Wölbung nach unten drehen und nett anordnen, dabei etwas Platz für den Teigrand lassen. Mensch, das ging mir alles flott von der Hand – ich war begeistert! 😉

Schnell den Teig ausgerollt, etwas größer als die Form, und ihn dann zügig – er durfte ja nicht reißen – über die noch immer behäbig blubbernden Birnen gebreitet und mittig leicht festgedrückt. Dann auch seitlich in den schmalen Raum zwischen Birnen und Rand gedrückt, toll, wie das klappte … Aua! Was zum Henker …

Mist! Ich war wohl in der Herstellung des Karamels etwas zu großzügig verfahren – es blubberte an einigen Stellen unter dem Rand hervor und mir auf die empfindsamen Fingerchen … Wer je Karamel gemacht hat, weiß, wie höllenmäßig heiß das ist und wie exzellent man sich damit verbrennen kann. Ich wusste das auch … Jetzt ist es mir noch klarer als zuvor.

Schnell noch mit einer Gabel den Teig eingestochen, und noch schneller hinein in den vorgeheizten Ofen mit dem Gesamtkunstwerk.

Binnen kurzem roch es einfach nur betörend in meiner Wohnung, und ich warf zwischendurch immer wieder einige Blicke auf die Tarte, deren Boden hervorragend bräunte. An einigen Stellen blubberte Karamel hervor und bräunte seinerseits. Nach 30 Minuten schaltete ich den Ofen aus, und schließlich holte ich das karamelisierte OEuvre heraus. Es darf nicht zu lange in der Form bleiben, weil sonst das Karamel fest wird und man zwar den Boden aus der Form bekommt, der Belag aber darin kleben bleibt.

Tarte etwas abkühlen lassen, dann eine Tortenplatte auf die Form legen, Platte und Form fest aufeinanderdrücken und mit Schwung umdrehen – dann löst sich die Tarte ganz leicht.

So stand es im Rezept. Ganz einfach. Ich jedoch stand vor einem Problem. Ich habe keine Tortenplatte … Wozu auch? Ich backe ja nie … Was nun? Die Zeit drängte.

Immerhin besitze ich ein Kuchengitter, auf das ich – vorausschauend – eine Lage Backpapier legte, da die Tarte nicht nur sehr saftig, sondern auch sehr klebrig wirkte. Und mit vorsichtigem Schwung stülpte ich die Tarte aus der Form. Vorsichtig, weil es eine sehr rutschige Angelegenheit war und ich weder den Kuchen zerstören, noch die relativ teure Pyrex-Hyper-Super-Form fallenlassen wollte. 😉

Nun ja. Abgesehen davon, dass der Teigrand an einer Seite nicht ganz so hoch ist und beim Lösen aus der Form kleinere Teile an Mr Pyrex hängenblieben, so dass an diesen Stellen der Eindruck entstehen könnte, Mäuse – möglicherweise die Weihnachtsmaus von James Krüss – hätten sich am Teig zu schaffen gemacht, sieht das Gesamtergebnis gar nicht so schlecht aus …

Wie gesagt: Es sieht gar nicht so schlecht aus. Dann probierte ich ein noch in der Form befindliches Stück Mürbeteig, an dem noch ein Birnenfragment hing. Und ich erstarrte. Nicht zu einer Salzsäule. Eher zu einem Zuckerhut. Denn: Dieser Kuchen ist das Gegenstück zu den wenig süßen Türstoppern, die ich auf den Tag genau heute vor drei Jahren gebacken habe … Er ist so süß, dass man Angst um seinen Blutzuckerspiegel bekommt! Dabei habe ich mich exakt an die Angaben im Rezept gehalten …

Er ist so süß, dass mir vor Schreck wahrscheinlich die Augen halb aus dem Kopf traten, als ich ihn testete. Und obwohl ich mir danach die Hände gewaschen habe, blieb zunächst sowohl das Backpapier, das ich ins Regal zurückräumte, als auch der Rezeptausdruck, den ich ins Altpapier befördern wollte, an meinen Fingern hängen …

Immerhin weiß ich nun, warum man diese Tarte am besten mit möglichst säuerlichen Äpfeln machen sollte. Und ich habe vorhin erst einmal die Küche gereinigt – irgendwie schien alles zu kleben, und das mag ich absolut nicht.

Da ich nun nichts mehr ändern kann, muss ich die Tarte so, wie sie ist, mit zur Arbeit nehmen. Dummerweise hatte ich sie bereits angekündigt. Und nun hoffe ich, dass keine meiner Kolleginnen Diabetikerin ist. Ich befürchte jedoch fast, diese Tarte könnte glatt in der Lage sein, einen spontanen Diabetes auszulösen …

Umso weniger verstehe ich, warum im Rezept noch angegeben ist, am besten schmecke die Tarte lauwarm mit Sahne oder einer Kugel Vanilleeis. Damit wäre eine irreversible Lähmung der Geschmacksnerven garantiert.

Ich habe beschlossen, diese Tarte nie, nie wieder mit Birnen zu machen. Nur noch mit Äpfeln. Oder sauren Gurken. 😉