Vom „Biest“, der „Russen- oder Kältepeitsche“ sowie der „Winterwalze“ – alles völlig cool!

Ich staune ja immer wieder darüber, was Medien bisweilen aus alltäglichen und/oder unabwendbaren Dingen kreieren. Manchmal habe ich den Eindruck, es seien eher Werbetexter und nicht Journalisten am Werke, denn kürzlich erfuhr ich, dass wir – wie inzwischen geschehen – von der Russenpeitsche getroffen werden würden, als ich einfach nur wissen wollte, wie das Wetter werden würde. (Nein, ich habe rein gar nichts gegen Werbetexter, bewundere bisweilen sogar ihre Wortkreationen – wirklich! Ich falle ja selber öfter auf die wohlfeilen und den Reiz auf Neues erzeugenden Worte herein … 😉 )

Aber bitte! Russenpeitsche? Zunächst wunderte ich mich nicht wenig, doch dann schoss mir durch den Kopf, dass das, was wohl gemeint war, vor einigen Jahren schon als Kältepeitsche durch die Tageszeitungen und Gazetten geisterte. Bereits da hatte ich mich so köstlich amüsiert, dass mir gleich viel wärmer wurde und ich das, was die Kältepeitsche dann mit sich brachte, leichter ertrug als andere, die sich von einem schlichten Wort eingeschüchtert fühlten, das sie sofort in ihren Wortschatz übernahmen.

Vor einigen Tagen las ich erstmalig von der Russenpeitsche. Anfangs fand ich es ein bisschen diskriminierend, denn ich dachte mir, dass auch Russen zwar an derlei arktische Temperaturen gewöhnt seien – je nachdem, wo sie leben -, aber doch der Begriff an sich irgendwie nicht sehr freundlich wirke. Russen reisen auch gern in wärmere Gebiete. Warum? Weil sie das vielleicht auch schön finden? Wie kann man dann von Russenpeitsche sprechen, wenn doch selbst Russen gern davor in wärmere Gefilde flüchten bzw. reisen? Sofern sie es sich leisten können – ist bei uns ja nicht anders. 😉

Vorgestern fand ich dann einen weiteren Begriff für das derzeit grassierende Phänomen: die Winterwalze! (Nein, ich lese nicht die Zeitung für Kurzsichtige mit den vier Buchstaben! Es stand auch anderswo – was mir zu denken gab …) O Gott – das klang ungleich bedrohlicher für meine Ohren. Denn eine Walze tut das, dessen sie bezichtigt wird und weswegen sie so heißt, wie sie heißt: Sie walzt alles nieder! Erstmalig stattete ich meinen Wagen, den kleinen Monty, mit der wattierten und alubeschichteten Windschutzscheibenabdeckung aus, da er eine kleine „Bordsteinschwalbe“ ist und keine Garage hat. Ich gebe zu, dass ich am liebsten eine Gesamtummantelung für den armen kleinen Kerl gehabt hätte – aber die hatte ich nicht zur Hand. 😉

Am besten gefiel mir übrigens die Bezeichnung, die ich vorhin in einer Nachrichtensendung hörte, die das derzeitige Wetterphänomen, das seriöse Meteorologen übrigens als „arktische oder sibirische Kälte“ bezeichnen, wie ich las, am besten beschreibt: Man nannte es einfach nur das Biest.

Und das finde ich sehr treffend, obwohl ich, als ich heute früh um 06:45 Uhr aus dem Haus auf die Straße trat, den kleinen Monty gar wundersam und romantisch glitzernd vorfand – bis auf die Windschutzscheibe -, es noch gar nicht so kalt fand. Mag sein, dass es daran lag, dass ich noch nicht richtig wach war, was um diese Uhrzeit bei mir ziemlich normal ist. Wie sollen Kälte- und Schmerzrezeptoren da fehlerlos funktionieren? 😉

Ich nahm die Frontscheibenverhüllung ab, nachdem ich den Motor angelassen hatte, die Lüftung und Heizung bis zum Anschlag Richtung „warm, aber sofort!“ gedreht und die Heckscheibenheizung in Betrieb genommen hatte. Pflichtschuldig – und um das Abtauen bzw. Enteisen etwas zu beschleunigen – scharrte ich die wunderschönen Eiskristalle gnadenlos von sämtlichen Scheiben – bis auf die Windschutzscheibe, denn da gab es dank „Mantel“ ja keine.

Ich hatte ein bisschen Bedenken gehabt, der Motor könne aufgrund der arktisch-sibirischen Kälte nicht anspringen, nachdem er kürzlich schon unerklärliche Fisimatenten gemacht hatte, aber – wie gesagt – er sprang an wie eine Eins (woher kommt der blöde Spruch eigentlich – hat man jemals eine Eins springen, laufen oder sonstige Aktivitäten durchführen gesehen, deren man sie immer bezichtigt?). Das war auch nötig, denn ich musste Monty heute zur Werkstatt bringen. Denn er sollte ein neues Hinterteil bekommen. Eine neue Heckschürze, denn ich hatte die originale ja kürzlich bei einem Unfall nachhaltig beschädigt. Ab 7 Uhr sollte ich den Wagen vorbeibringen. Drei Tage hatte man für die Reparatur veranschlagt.

Um 07:05 Uhr fuhr ich auf den Hof der Werkstatt, parkte schnurgerade ein, nahm alles, was ich mitnehmen wollte, und dann schloss ich den kleinen Kerl ab. Nein, ich habe ihn nicht noch liebevoll getätschelt, aber ich gebe zu, ich warf ihm einen wehmütig-aufmunternden Blick zu, der besagte: „Am Freitag hole ich dich wieder ab!“

Dann gab ich meinen Schlüssel am Empfang ab, und, ich gebe es zu, ein bisschen blutete mein Herz. Vor allem deswegen, weil ich nun auf den ÖPNV angewiesen war … Erst gestern war ich damit unterwegs gewesen, und – wie es der Teufel wollte – just in der Straßenbahn, mit der ich zu meinem Arzt fuhr, neben und um dessen Praxis herum es so gut wie nie Parkplätze gibt (denn ansonsten wäre ich mit dem Auto gefahren, was ich nach einem einmaligen Versuch jedoch aufgegeben habe), gab es eine Schlägerei. Die Bahn musste außerplanmäßig an einer Haltestelle länger halten, mehrere mutige Männer griffen ein und warfen die Idioten, die sich nicht hatten beherrschen können, kurzerhand aus der Bahn, deren Fahrer sofort die Türen schloss, auf dass die Schläger nicht wieder hineinkämen. Immer wieder entzückend, den ÖPNV hier genießen zu dürfen …

Doch zunächst musste ich erst einmal zum Zuge bzw. der Straßenbahn kommen, und von meiner Vertragswerkstatt ist das ein gehöriges Stück Weges. Alle passenden Busse waren weg, und so schritt ich munter drauflos – bloß nicht stehenbleiben, denn ansonsten wäre ein Festfrieren nicht unwahrscheinlich gewesen. Ich schritt etwa fünf Meter, als mir bewusst wurde, dass ich es in der Tat mit einer Kältepeitsche zu tun hatte, denn der eiskalte Wind peitschte in mein Gesicht und überallhin, ging durch und durch, obwohl ich gefütterte Stiefel und Skisocken trug, die ich in einem relativ kalten Winter – harmlos gegen das, was derzeit herrscht – gekauft habe, obwohl ich nicht einmal Ski fahre. Und da ich ja normalerweise immer mit dem Auto zur Arbeit fahre, hatte ich keine Handschuhe dabei. Auch keine Mütze. Aber ich hatte ja eine Kapuze! Die setzte ich auf – „Scheißegal, wie das aussieht!“ – , aber der böse sibirische Wind riss sie wieder von meinem Haupt! Ich setzte sie erneut auf, obwohl mir klar war, dass es sich um ein sinnloses Unterfangen handeln würde. Aber niemals kampflos aufgeben! Nun ja … Irgendwann gab ich auf – es hatte keinen Sinn, und ich hatte den Eindruck, meine Haarwurzeln machten Versuche, bis ins Gehirn zu kriechen … Meine Hände steckte ich in die Jackentaschen, und trotzdem spürte ich nach etwa einem Kilometer meine kleinen Finger kaum noch. O Gott! Zwei kleine Finger, hingerafft und getötet von der Russenpeitsche! 😉

Ich habe es dann tatsächlich, ohne als Eisklotz auf der Strecke stehenzubleiben, bis zur Straßenbahnhaltestelle geschafft – und irgendwann kam ich auch vor Kälte schnatternd bei der Arbeit an. Im Büro tauten auch meine kleinen Finger wieder auf – es gab nicht nur acht, sondern zehn Überlebende! 😉

Glücklicherweise hat meine derzeitige Doppeltätigkeit dann auch dafür gesorgt, dass mir recht schnell sehr warm ums Herz wurde – man glaubt ja kaum, welch schräge Menschen es auf der Welt gibt, die dann für eine Fort- und Weiterbildung eingeschrieben werden wollen und denen man höchstselbst einen Termin dafür gegeben hat! 😉

Am frühen Nachmittag weilte ich dann in einem Webinar, und danach stellte ich fest, dass jemand eine Nachricht in der Mailbox meines Handys hinterlassen hatte. Bei genauerem Nachforschen stellte sich heraus, dass es meine Vertragswerkstatt war … Sogleich geisterten zwei fiese Möglichkeiten vor meinem geistigen Ohr: „Frau B., es tut uns leid – der Schaden ist erheblich größer, als erwartet, und er überschreitet das, was Ihre Versicherung abdeckt.“ Oder: „Frau B., es tut uns furchtbar leid, aber Ihr Wagen ist von der Hebebühne gestürzt und nun ein Totalschaden!“ Man weiß ja nie … 😉

Ich rief sofort an und hörte die Nachricht ab, die da besagte, dass der kleine Monty, der kleine Musterschüler, schon fertig sei und im Kinderparadies auf seine Mama warte. 😉 Nein, nicht ganz so, aber man sagte, mein Wagen sei fertig. Ich hörte die Nachricht zweimal ab – konnte das sein? Man hatte von drei Tagen gesprochen! Hatten sie die Heckschürze etwa in einer Kontrastfarbe installiert? Immerhin hatte man davon gesprochen, dass noch lackiert werden müsse. Würde mein Wagen künftig mit einer flammroten Heckschürze zur ansonsten dunkelblauen Karosserie wie ein paarungsbereiter Pavian umherfahren müssen? Umgehend rief ich in der Werkstatt an …

Nein, alles bestens, der Wagen sei fertig. Und ich könne ihn heute noch abholen. Meine neue Kollegin Jana meinte: „Ich nehme dich gerne mit und werfe dich dann irgendwo raus!“ Ich nahm angesichts der Kältepeitsche das Angebot gerne an, und sie fuhr mich extra noch zum Busbahnhof, der nicht an ihrem Weg lag. Das wollte ich gar nicht, aber sie meinte, sie tue das gern, und es sei gar kein Problem. Ich war wirklich gerührt – sie hatte noch andere Termine, und sie hat zwei Kinder und genug zu tun. Ich werde mich demnächst revanchieren.

Schnatternd vor Kälte traf ich – der Bus hielt leider nicht direkt vor Ort – auch in der Werkstatt ein, bezahlte meine Selbstbeteiligung und nahm meine Wagenschlüssel in Empfang. Fast hätte ich Monty auf dem Hof nicht gefunden, denn da standen nur blitzende Autos. Und auch ein blitzender dunkelblauer kleiner Fiesta mit meinem Kennzeichen. 😉 Nett – man hatte ihn durch die Waschstraße gefahren! Ohne diese Maßnahme hätte die neue dunkelblaue Heckschürze trotz karosseriegleicher Farbgebung jedoch in der Tat wie eine Kontrastfarbe gewirkt – so dreckig, wie der Wagen witterungsbedingt außen war … 😉

Der einzige Nachteil war, dass ich die Fahrertür kaum öffnen konnte – die Feuchtigkeit von der Autowäsche war bereits gefroren … 😉

Alles dank der Russenpeitsche! Inzwischen – und nach mehreren längeren Aufenthalten ohne Handschuhe und Mütze draußen – bin ich fast geneigt, diese Bezeichnung zu akzeptieren.

Obwohl ich finde, dass das Biest die derzeitigen Witterungsverhältnisse noch besser treffe … 😉