Eine Begegnung mit der Vergangenheit – Oder: Kochen kann manchmal frustrierend sein

Heute war ich bei meinen Eltern. Ich hatte eigentlich schon letztes Wochenende hinfahren wollen. Meine Eltern wohnen etwa 20 Kilometer entfernt von mir, aber wir sehen einander nicht so oft, und in der letzten Zeit hatte ich wiederholt das Gefühl, ich sollte mal öfter vorbeifahren, zumal ich meine Eltern sehr mag, jeden der beiden auf seine ureigene Weise. 😊

Aber letztes Wochenende war ich derart erschlagen, dass ich lieber einfach zu Hause bleiben wollte. Meine Mutter klang ein wenig enttäuscht, als ich ihr das am Telefon sagte, und das tat mir leid. Und mein Vater rief aus dem Hintergrund, sie würden gerade Altlasten verklappen, und da wären einige Sachen von mir, die ich doch bitte mal in Augenschein nehmen solle – ob man die gegebenenfalls wegwerfen könne. Oder ob ich die behalten und mitnehmen wolle. Nachdem wir das Telefonat beendet hatten, kam mir eine Idee. Und ich rief erneut an und meinte zu meiner Mutter: „Ich komme nächstes Wochenende, und dann koche ich für euch ein Stifado!“ – „Dieses griechische Schmorgericht, von dem du mir neulich so begeistert erzählt hast?“ – „Genau!“ rief ich selbstbewusst, und meine Mutter meinte, das sei ja eine nette Idee. Dann müsse sie an dem Tag ja gar nicht selber kochen – das sei doch mal eine nette Abwechslung.

Heute fuhr ich hin, und eigentlich hatte ich die Zutaten selber besorgen wollen, aber meine Mutter meinte: „Nee, lass mal, das mache ich schon.“ Und so lagen die wesentlichen Zutaten auch schon bereit, als ich um 14:15 Uhr eintraf. Sogar die Schalotten hatte meine Mutter schon abgezogen, und ein Kilogramm Rindfleisch aus der Hüfte lag bereit. Ich musste es nur noch schneiden, und zwar in Stücke, die etwas größer als die Größe bei einem „normalen“ Gulasch sind.

Doch zunächst wollte ich einmal mehr Montys Wischwassertank auffüllen – die letzte Befüllung auf dem Parkplatz meines Arbeitgebers war im Grunde nur eine „Notbefüllung“ gewesen, da der Tank komplett leer war. Meine Mutter meinte zu meinem Vorhaben: „Du machst das selber?“ – „Ja, klar – wer sonst?“ – „Naja, bei meinem Auto macht das immer Papa.“ Ich sah sie an und staunte. Denn meine Mutter ist ein sehr patenter Mensch, und mehrfach hatte ich sie auf Fahrten gen und in Franken ziemlich tough über die geöffnete Motorhaube ihres jeweiligen Autos gebeugt stehen sehen. Einmal hatten wir auf der Fahrt dorthin ein Problem mit dem Kühlwasser gehabt – der Motor stand wohl kurz vor dem Kochen. Meine Mutter fuhr an der nächsten Raststätte heraus, parkte schwungvoll vor einer der Zapfsäulen und öffnete die Motorhaube, über die sie sich dann kurz darauf beugte. Ich gestehe, meine Mutter war die erste Frau, die ich in dieser Position – über einer geöffneten Motorhaube – wahrnahm und konzentriert in den Motorraum starren sah. Als sie sah, dass sie da wohl nichts machen konnte, meinte sie: „Ali, aussteigen. Du gehst jetzt mal in die Tankstelle und fragst dort jemanden, ob er helfen könne. Wir können so nicht weiterfahren. Das Kühlwasser scheint zu kochen.“ Ich rannte in die Tankstelle und holte Hilfe. Der freundliche Mann riet uns, in die nächste Werkstatt zu fahren – so könnten wir nicht weiterfahren. Meine Mutter meinte: „Das war mir auch klar, aber danke.“ Und wir fuhren in die nächste Werkstatt am Platze. Dort grinste man und meinte: „Ja, der Fiesta hat halt noch einige Mängel. Sie sind nicht der erste Fall, der mit einem Fiesta von der Autobahn kommt und exakt dieses Problem hat. Also machen Sie sich keine Gedanken, gute Frau!“ Ich war erst zehn Jahre alt, aber ich verzog mein Gesicht peinlich berührt – ganz falscher Ansatz … Meine Mutter meinte sehr kühl: „Die ‚gute Frau‘ können Sie sich sparen – ich bin nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen gekommen!“ Der KFZ-Mechaniker entschuldigte sich sogleich, und immerhin wurde der Schaden, offenbar eine „Kinderkrankheit“ bei diesem Auto, behoben, und wir konnten weiterfahren.

Meine Mutter war es, die mir als Kind beibrachte, wie man den Ölstand richtig messe („Der Wagen darf nicht kalt sein – merk dir das!“). Wie man dynamisch und vorausschauend Auto fährt. Und nun wundert sie sich, dass ich in der Lage bin, Wischwasser nachzufüllen? Liegt es an mir, oder liegt es daran, dass sie sich manche Dinge nicht mehr zutraut? Ich fragte sie, und da meinte sie: „Ali, manche Dinge werden schwieriger, je älter man wird. Es liegt nicht an dir, denn du bist ja immer recht unerschrocken gewesen – wieso sollte ich daran zweifeln, dass du so einfache Dinge wie das Nachfüllen von Wischwasser könntest? Mir selber traue ich das nicht mehr so zu. Und ganz ehrlich: Ich war eigentlich immer froh, wenn dein Vater das machte. Ich fand das immer recht lästig, wenn auch notwendig, zu wissen, wie das gehe.“ – „Ja, aber du hast solche Dinge doch immer so pragmatisch angepackt!“ – „Manche Dinge muss man einfach tun, Ali – gefallen hat mir das nie so recht. Oder brichst du in Entzücken aus, wenn du unter eine Motorhaube guckst?“ Nee, kann ich nun wirklich nicht behaupten – es reicht, wenn die Jungs in meiner Vertragswerkstatt sich des Motorraums meines Autos annehmen, sofern nötig.

Nach getaner Arbeit widmete ich mich dem Kochen. Ich machte alles so, wie ich das hinsichtlich des Rezepts kannte. Aber irgendwie hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass etwas Essentielles fehle. Ich briet das Fleisch an, gab die Schalotten dazu, würzte und löschte dann mit Rotwein ab. Und dann schob ich das wunderbare Ofengericht in den vorgeheizten Backofen. Alle Gewürze waren drin, auch Zimt.

Ich ließ das Ganze erst einmal eine Stunde im Ofen. Dann wollte ich eigentlich nachsehen, ob sich alles richtig entwickle, aber meine Mutter meinte: „Mach dir nicht so viel Stress – das Zeug schmort da ganz allein vor sich hin.“ Hätte ich nachgesehen, wäre mir wahrscheinlich aufgefallen, dass etwas Entscheidendes fehlte … 😉

Nach eineinhalb Stunden holte ich den Topf aus dem Ofen und stellte fest, dass zwar das Fleisch gar war, sich aber erstaunlich wenig Sauce im Topf befand. Nicht zu wenig, aber weniger, als ich angenommen hatte. Meine Mutter kam dazu und sagte nach einem Blick in den Topf: „Irgendwie erinnert mich das Ganze an das Gulasch von Oma K.“ Und sie probierte, sah mich an und meinte: „Es schmeckt auch so ähnlich.“ Mit Oma K. war ich nie so auf einer Wellenlänge gewesen, und nun sollte ich etwas gekocht haben, das ihrem „Gulasch“ ähnelte? Ich probierte selber und stellte fest, dass meine Mutter Recht hatte. Und schon fiel mir der Fehler auf: „O Gott – es hätten noch geschälte Tomaten aus der Dose hineingehört! Weil die fehlen, gibt es auch vergleichsweise wenig Sauce! Wie konnte ich nur die Tomaten vergessen?“ Ich raufte mir die Haare, und meine Mutter lachte und meinte: „Immerhin! Dafür, dass du mit Oma K. nie so gut ausgekommen bist, hast du das, was sie immer als ‚Gulasch‘ bezeichnete, sehr gut nachgekocht!“

Hervorragend! Aber ich lachte auch und dachte mir: „Manchmal kommen sie wieder!“ (Das ist der Titel einer Geschichte von Stephen King.) Und als wir uns dann zum Essen hinsetzten und mein Vater probierte, meinte er: „Das schmeckt so ähnlich wie das, was meine Mutter immer als Gulasch gekocht hat!“ Na, danke! Da stehe ich stundenlang in der heißen Küche, gebe mir Mühe – und heraus kommt etwas, das jeder schon einmal gegessen zu haben wähnt! 😉

Ich war zerknirscht – noch nie hatte ich eine Zutat vergessen. Aber meine Mutter meinte, es sei doch gut, und das Einzige, worüber sie etwas verärgert war, war die langfaserige Qualität des Fleischs. Danach verkündete sie, sie wolle ohnehin Vegetarierin werden …

Muss ich mir jetzt Gedanken machen? 😉 Immerhin war das Fleisch so schön weich, dass man es mit der Gabel zerteilen konnte … Und ich habe obendrein etwas gelernt: Oma K. war viel weltoffener, als ich dachte: Sogar Stifado konnte sie! 😉

Mein Tipp: Kocht immer nur für andere, wenn ihr nicht völlig und komplett durch den Wind seid. Kochen bedarf der Konzentration. 😉

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