„Irgendeine(r) heulte immer …“

Gestern hatten wir anlässlich des Geburtstages einer Kollegin ein kleines Frühstück. Wir saßen zusammen, redeten über alles Mögliche, und irgendwann erzählte eine der Kolleginnen von einem Kindergeburtstag, den sie demnächst ausrichten und überleben müsse, wie sie sagte. Eine andere Kollegin, ebenfalls Mutter, meinte nur: „Mein herzliches Beileid!“ Und alle lachten. Auch die Nichtmütter, denn jede hatte wohl Erinnerungen an eigene Geburtstagsfeiern, die von ihren unerschrockenen Müttern organisiert und trotz aller möglichen Widrigkeiten immer irgendwie gut und vor allem tapfer „gestemmt“ wurden.

Auch ich erinnerte mich an diverse Geburtstagspartys meiner Kindheit und meinte grinsend: „Im Grunde gab es immer ein festes Schema bzw. einen festen Ablauf. Irgendeine(r) heulte immer. Oder – mit Verlaub – kotzte.“ Alle lachten, und die eine der beiden Mütter nickte und meinte: „Ja, das kenne ich auch. Entweder muss man trösten, schlichten, oder man wischt Erbrochenes auf.“ Erneut lachten alle, und alle waren sich einig, dass so ein Kindergeburtstag zwar nach außen als fröhliches Event gelte, aber im Grunde eher einem Pulverfass gleiche und somit eine echte Nervenprobe sei. Für die ausrichtenden Eltern, hier vornehmlich: Mütter. 😉

Ich habe keine Kinder, aber – wie gesagt – ich habe ein sehr gutes Gedächtnis. Und ich erinnerte mich, dass es bei uns damals bisweilen schon vor der eigentlichen Party zu Unstimmigkeiten kam. Nicht bei mir, ich war nicht betroffen, aber zwei Nachbarsmädchen, davon die eine meine damals beste Freundin Britta, hatten beide am selben Tag im Mai Geburtstag. Nur war die eine, Babette, ein Jahr älter und beabsichtigte, just an ihrem Geburtstag eine Party zu veranstalten. Britta protestierte, denn eine ähnliche Idee hatte sie ihrerseits schon gehabt. Und wir luden auch immer die Nachbarskinder mit ein (was die Anzahl der Gäste auf einer der beiden Partys ziemlich schrumpfen lassen würde). Zumindest die, mit denen wir uns im Allgemeinen gut verstanden.

Was mich noch heute vor die Frage stellt, warum ich dann eigentlich Babettes Bruder Christoph immer miteinladen musste – mit dem gab es immer Zoff, und bei einer Geburtstagsparty seiner Schwester hatte er nicht nur sämtliche Mädels dauernd attackiert, sondern – quasi als Höhepunkt der Feier – mich auch noch mittels einer Schaufel, die er mir über die Rübe zog, niedergestreckt, so dass ich eine kurze Zeit bewusstlos auf dem Rasen lag, während Christophs Mutter zunächst einmal Britta und Christoph trennte, da sich zwischen beiden eine Prügelei androhte, da er Britta auch noch attackiert hatte, wenn auch „nur“ mit den Fäusten. Dabei machte sich die Mutter eigentlich nur Sorgen um ihren Sohn – und sicherlich gab sie auch mir die Schuld an meinem KO auf dem Rasen, obwohl Christoph seit jeher als jähzornig und Störenfried bekannt war. Nachdem ich wieder zu mir gekommen war, erschien es der Mutter besser, mich nach Hause zu schicken. Nicht etwa, dass sie Christoph ins Haus geschickt hätte, nein!

Babette und Britta gerieten in Streit, und sie keiften einander furchtbar an, während ich zu schlichten versuchte und den Vorschlag machte, eine von beiden könne ja einen Tag nach ihrem Geburtstag feiern – die Party würde dadurch sicherlich nicht schlechter. Erst wollten sie davon nichts wissen, und wir mussten abzählen, wer als erste würde feiern dürfen, als sie sich schließlich mit der Lösung auseinandersetzten. Und so feierten wir erst bei Babette, am nächsten Tag bei Britta (da dröhnte mein Kopf auch nicht mehr so sehr, denn just in jenem Jahr hatte Christoph während Babettes Feier seine „Charmeoffensive“ gestartet … 😉 )

Ich bekam als Kind immer eingetrichtert, mich bloß nicht zu sehr vollzustopfen, mich eher bescheiden zu verhalten, damit ich nicht als Vielfraß gälte. Ich vermute jedoch, meine Mutter sagte dies aus Gründen der Vorsicht, da ich seit jeher einen etwas empfindlichen Magen habe, der bei allzu viel kalter Limo oder gar O-Saft – egal, ob kalt oder warm – zu streiken begann. Das dann noch in Kombination mit Kuchen, Flips, Chips und später den obligatorischen Würstchen mit Kartoffel- und Nudelsalat hätte durchaus zu einer Katastrophe ausarten können. Das überließ ich dann doch lieber anderen … 😉

Eine meiner Geburtstagspartys artete auch aus. Eigentlich war es nicht nur meine Geburtstagsparty, sondern die meiner Schwester und mir. Unsere Geburtstage liegen nur zweieinhalb Monate auseinander, und an meinem im August waren wir ohnehin in Franken gewesen. Ergo feierte ich nach, während Stephanie an ihrem Geburtstag selber feiern konnte.

Eingeladen waren vergleichsweise viele Kinder, und meine Patentante hatte zugesagt, ebenfalls zu kommen und meiner Mutter in der Betreuung der „Wilden“ zu helfen. Außerdem war noch die Mutter von Stephanies Sandkastenfreund da, um den wir beide immer konkurrierten, wer ihn mal heiraten würde. Einmal sogar, als er dabei war, und meine Schwester meinte gebieterisch, sie habe immerhin die älteren Rechte, da sie ihn länger kenne. Und so fragte sie ihn direkt, welche von uns er heiraten wolle. Daraufhin sagte er zu Stephanie, dass er, wenn es überhaupt dazu käme, wohl mich nehmen würde. Stephanie wurde zickig und fragte, warum, und da meinte er: „Weil Ali nicht so zickig ist und mich nicht dauernd herumkommandiert.“ – „ICH BIN NICHT ZICKIG!“ zickte Stephanie, und er grinste nur. Ich sagte lieber nichts. Merkwürdigerweise war Stephanie danach nur auf mich sauer … irgendwie ungerecht. 😉

Gernots Mutter war eigentlich nur dabei, weil meine Mutter und sie einander gut verstanden – soviel Aufsicht war nun auch nicht vonnöten, und meine Mutter kam im Grunde auch immer allein klar mit der ganzen Bande, aber ich glaube, sie fand es selber netter, nicht nur von schreienden Kindern umgeben zu sein … 😉

Als Christoph und Babette eintrafen, fragte Christoph sofort, ob man nicht einmal den Fernseher einschalten könne. Er war bei jedem Besuch total fixiert auf dieses Gerät, da seine und Babettes Eltern aus ideologischen Gründen keines hatten. Im Prinzip eine gute Methode, ihn in Schach zu halten … Aber meine Mutter meinte, es sei doch schöner, würde er mit den anderen spielen (meine Mutter ist manchmal wirklich todesmutig … 😉 ). Ich hätte Christoph lieber die ganze Zeit vor dem Fernseher gewusst … 😉

Das Geburtstagsgeschenk meiner Tante für Stephanie wurde lieber umgehend aus dem Verkehr gezogen, damit es seine Ruhe haben konnte, denn es handelte sich um einen Goldhamster nebst Käfig und Hamsterzubehör. Meine Mutter brachte den Käfig lieber gleich in Stephanies und mein Zimmer, als zahlreiche Kinder sich darum scharten und einige Hände schon hineingriffen, um den friedlich pennenden „Ulli“ aus seinem Schlaf zu reißen, was bei Hamstern im Allgemeinen keine so gute Idee ist – allein schon angesichts ihrer Zähne … 😉

Dann ging es ans Auspacken der Geschenke, und das dauerte ein bisschen, da es so viele waren. Britta schielte da schon dauernd zum sehr liebevoll dekorierten Esstisch hinüber, auf dem diverse Kuchen standen … Und endlich gab es dann auch Kuchen und im Anschluss viele Spiele. Topfschlagen stand damals auf der Beliebtheitsskala sehr weit oben … 😉

Gegen 6 gab es dann Abendessen – natürlich Würstchen mit Kartoffel- und Nudelsalat; das war von allen Kindern gewünschter Standard.

Und da kam es zum Eklat, denn Babette meinte zu meiner Mutter: „Kann man die Würstchen auch mit der Gabel schneiden? Meine Mami kauft nur Würstchen, die man auch mit der Gabel schneiden kann!“ Und sie mühte sich ab, mit dem Messer ein Stück von ihrer Wurst abzuschneiden, die genauso war, wie Würstchen für meinen Geschmack sein sollten: knackig. 😉

Gernot, der eher ein Gemütsmensch ist, neben ihr saß und den ihre teils recht hysterische Art – mehrfach hatte sie bereits wegen Bagatellen in den höchsten Tönen geheult – schon mehrfach genervt hatte, reichte es. Und er sagte: „Die Würstchen hier sind klasse, und die kann man auch mit der Gabel schneiden!“ Und schon nahm er seine Gabel und zerteilte mit Nachdruck Babettes Würstchen in zwei Hälften. Leider spritzte dabei von der Wurstflüssigkeit etwas auf Babettes Arm und in ihr Gesicht … Und schon verwandelte sie sich erneut in eine Sirene und kreischte hysterisch in den höchsten Tönen, während Christoph, der einige Plätze weiter entfernt gesessen hatte, wutentbrannt aufsprang, dabei erst sein volles Glas, dann seinen Stuhl umwarf und zu Gernot stürmte. „Was hast du mit meiner Schwester gemacht?!?“ brüllte er und fing an, auf Gernot einzuschlagen, untermalt vom sirenenartigen Gekreisch seiner Schwester, die schrie, als wäre sie nicht von ein bisschen lauwarmem Wurstwasser benetzt worden, sondern als würde sie mit glühenden Feuerzangen gefoltert. Eine Stimmung wie im Tollhaus …

Meine Mutter, meine Tante und Gernots Mutter sprangen ihrerseits auf und überwältigten Zerberus Christoph. Meine Mutter donnerte: „Christoph, du setzst dich jetzt sofort wieder auf deinen Platz und gibst Ruhe! Was soll denn das?“ (Ich grinste leise in mich hinein.) Derlei Behandlung war Christoph nicht gewohnt, und offenen Mundes starrte er meine erzürnte Mutter an, schlich dann aber lieber wieder auf seinen Platz. Später wollte er nicht mehr gar so gern zu uns kommen, und seine Mutter fragte meine vorwurfsvoll, was sie denn ihrem kleinen „Toffi“ angetan hätte – der hätte gesagt: „Nee, ich will nicht mehr zu B.s.“ – „Warum denn nicht, Toffi?“ – „Ich habe Angst vor Frau B.!“ – „Was haben Sie mit ihm gemacht, Frau B.?“ – „Ich habe ihm lediglich ein paar passende Worte gesagt, weil er einen Anfall von Jähzorn hatte und einen anderen Jungen geschlagen hat. Übrigens haben einige Kinder Angst vor Ihrem ‚Toffi‘!“ Ich muss sicherlich nicht dazusagen, dass das Verhältnis zwischen Toffis und meiner Mutter danach temporär nicht ganz so herzlich war … 😉

Babette bekam von Gernots Mutter ihr Fett weg: „Ein bisschen Wurstwasser, und du kreischst hier herum, dass das Haus fast zusammenstürzt – du bist doch kein Baby mehr. Mal ehrlich: War das so schlimm?“ Babette war ebenfalls wie vom Donner gerührt und sofort still. Meine Mutter begutachtete sie und fand keinerlei schlimme Brüh- oder Brandverletzungen. Sie fand gar nichts und lenkte dann mittels eines Spiels von dem Vorfall ab.

Später gab es dann eine wirklich Verletzte. Und schon wieder war Gernot involviert, in den sich eine von Stephanies Freundinnen spontan verliebt hatte, was jedoch nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Und auch Britta schien ein Auge auf ihn geworfen zu haben – immerhin hatte er die Würstchen-Affäre so gelassen gehändelt und konnte ja nichts für den hysterisch-jähzornigen Ausbruch der beiden Geschwister aus dem Nachbarhaus … Und irgendwie kam es zu einer Rangelei zwischen Gernot, der sich die beiden Grazien vom Hals halten wollte, Marie und Britta. Marie war recht groß und etwas kräftiger gebaut, und im Wahn, die Konkurrenz von „ihrem Gernot“ fernhalten zu müssen, gab sie Britta einen heftigen Stoß. Britta knallte mit dem Kopf auf den Wohnzimmerteppich und blieb – wie nur wenige Monate zuvor ich auf dem Rasen der Nachbarn – benommen liegen. (Ihr seht: Irgendwie war bei uns regelmäßig jemand kurzzeitig bewusstlos oder benommen, nachdem er ausgeknockt worden war. Wie? Das gehörte bei euch nicht zum festen Programm? 😉 ) Das Ganze war so schnell gegangen, dass niemand rechtzeitig hatte eingreifen können. Meine Mutter war gerade nur kurz in die Küche gegangen, und Gernots Mutter und meine Tante waren auch nicht schnell genug im Zentrum des Wahnsinns gewesen, weil alles zunächst noch harmlos gewesen und sich dann ganz plötzlich in einen Kampf um den offenbar von mehreren Mädels präferierten Gernot gewandelt hatte, schneller, als man „Hallo“ sagen kann. Mama kam sofort herbeigerannt, als sie mich Marie anschreien hörte: „Na, toll! Jetzt ist Britta tot!“ – „Was?“ rief meine Mutter und kam alarmiert angerannt, während Gernots Mutter und meine Tante sich um die hingestreckte Britta kümmerten, die gerade wieder zu sich kam. Meine Tante fuhr dann sicherheitshalber mit ihr ins Krankenhaus, aber zum Glück fehlte ihr nichts Ernsthaftes, wenn man von einer kleinen Platzwunde absah.

Das war der Moment, da meine Mutter aussah, als dächte sie: „Lieber über glühende Kohlen laufen, als einen Kindergeburtstag organisieren …“ Aber sie riss sich zusammen, und wir spielten noch einige Spiele, und Mama regte sich auch gar nicht über eine Vase auf, die dabei zu Bruch ging. Wahrscheinlich hatte sie sich einfach der Tollhaus-Atmosphäre ergeben und dachte sich: „Völlig egal – Hauptsache, es gibt keine Toten!“ 😉

Und daher widme ich den Beitrag allen Müttern und Vätern, die sich diesem Vergnügen aussetzen (müssen). Nicht immer ist es so turbulent, aber manchmal eben schon. Vor dieser Leistung ziehe ich meinen Hut. Außerdem kenne ich ähnliche Situationen – ich habe längere Zeit ehrenamtlich auf der Kinderstation des Krankenhauses von D. gearbeitet, sonntags. Da lernt man einiges … 😉

Ein schönes Wochenende! 😊