Ali bringt Mädels zum Weinen und schämt sich … Aber nur ein bisschen …

Ich gestehe, der Plural „Mädels“ ist ein bisschen übertrieben, denn ich hatte heute und auch jemals zuvor in meiner derzeitigen Position nur ein weinendes Mädel am Telefon. Aber dieses Mädel weinte so heftig, dass es gleich für mehrere gilt …

Gestern um 24 Uhr lief die Bewerbungsfrist für einen bestimmten Aspekt meiner – seit Anfang Oktober – bisherigen Arbeit aus, und ich machte schon gestern zum Feierabend drei Kreuze – obwohl ich damit rechnete, dass der auf dieses Angebot meines Arbeitgebers abgestimmte Mailaccount sicherlich heute explodieren würde. Und ich rechnete auch mit postalisch zugesendeten weiteren Anträgen, obwohl doch explizit gewünscht wurde, diese per Mail zu schicken … (Denn derzeit ist es ja so, dass ich – eher unfreiwillig – stellentechnisch „auf zwei Hochzeiten tanze“, auf denen ich quasi bis dato die Anwesenden und Gepflogenheiten nur rudimentär kenne.)

Heute täuschte mich Outlook zunächst, indem es auf diesem speziellen Account zunächst gar keine neuen Mails anzeigte. Aber ich traute dem Braten nicht. Und kaum klickte ich den Account an, explodierte er auch schon! -zig neue Anträge, die noch zu bearbeiten wären …

Meine neue Kollegin Jana meinte mit einem Blick auf mich: „Ali, ich wollte gerade in die Poststelle – ich könnte Hilfe beim Tragen gebrauchen!“ Und sie winkte mir verstohlen mit ihrer Schachtel „Lucky Strike“ zu. Ich grinste und meinte: „Ich helfe dir gern beim Tragen – ich brauche ja auch noch einiges, vor allem Ordner.“ Und ich winkte mit meiner eigenen Schachtel „Lucky Strike“ zurück. Sehr sympathisch – Jana raucht nicht nur, sondern sie raucht auch noch „meine“ Sorte! 😉 Und schon schritten wir von dannen, erst zur Poststelle, dann zu Janas speziellem Rauchplatz, wo ich auch schon früher mal zum Rauchen war. Dort sagte sie mir: „Boah, ich beneide dich nicht. Von einer neuen Stelle auf die nächste, und dann quasi zweigeteilt. Als ich sah, dass du dir vorhin in die Haare gegriffen hast, und als ich deinen Blick sah, dachte ich, frag Ali, ob sie nicht mitgehen möchte. Tragen können hätte ich das Ganze auch allein. Aber ich finde das schon krass.“ – „Ach, es wird schon gehen.“ – „Ja, sicher. Aber entspannend ist das sicher nicht.“ – „Entspannend ist anders.“ Und schon kamen wir ins Plaudern. Und Lachen.

Zurück am Arbeitsplatz, harrten die zahlreichen neuerlichen Anträge noch immer meiner. (Was hatte ich auch erwartet?) Und eine Mail, in der stand: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte mich gern bewerben – welche Unterlagen brauche ich? Schicken Sie mir die doch bitte zu!“ Abgeschickt um kurz vor 22 Uhr gestern, und ich fragte mich, was die junge Dame – denn eine solche war es – sich dabei wohl gedacht hatte. Die Bewerbungsfrist von Anfang Januar bis gestern – und just gestern um kurz vor 22 Uhr kommt sie auf die Idee … Während mein Schreibtisch unter der Last von Anträgen fast zusammenbricht …

Und ich fragte mich, warum immer die mangelnde Digitalisierung der Gesellschaft beklagt werde. Gerade solch junge Leute wie die junge Frau, die da anfragte, können doch kaum ohne ihr Smartphone, Tablet etc. pp., und sie kennen sich – so die landläufige Meinung – mit derlei Medien erheblich besser aus als ältere Menschen. Warum nur kommen sie nicht auf die Idee, mal rechtzeitig auf Seiten zu gehen, die offenbar wichtig sind? Warum fragen sie um kurz vor 10? Und was erwarten sie – dass der Account 24/7 bedient werde? 😉

Ich schrieb eine freundliche, aber eindeutige Mail an die junge Dame, in der ich ihr erklärte, dass sie leider zu spät dran sei, nachdem die Frist Anfang Januar begonnen und gestern Schlag 12 nachts geendet habe. Ich teilte ihr auch noch mit, wo sie das Antragsformular hätte finden können (das erschreckend viele Antragsteller auch ohne diese Hilfestellung ganz normal gefunden hatten). Sicherlich würde sie das verstehen. Und ich widmete mich den rechtzeitig eingetroffenen Anträgen.

Doch da klingelte mein Telefon, und ich ging dran und meldete mich fröhlich-optimistisch. Und natürlich mit meinem Namen. 😉 Erst hörte ich nichts, obwohl ich merkte, da war jemand am anderen Ende. Es war, als stutzte jemand. Und mit einiger Verzögerung hörte ich ein Schniefen. Und eine etwas piepsige Stimme fragte: „Frau B.?“ – „Ja.“ – „Frau B., ich habe gerade Ihre Mail bekommen. Sie sagen, dass ich mich nicht mehr bewerben könne …“ – „Ja, und das meine ich auch so. Denn die Bewerbungsfrist endete gestern.“ – „Aber – ich habe doch vor Mitternacht angefragt!“ – „Ja, eben. Angefragt.“ – „Aber das gilt dann doch noch! Ich habe mich ja bei Ihnen gemeldet!“ Ich griff mir an den Kopp. (Sorry, aber die letzten Tage waren anfragetechnisch etwas heftig …) Dann sagte ich: „Ja, aber eine Anfrage oder Meldung ist kein Antrag. Ihren Antrag hätten Sie einreichen müssen.“ – „Ich hatte doch kein Formular – das müssen Sie mir doch schicken!“ In sehr forschem Tonfall, und ebenso forsch gab ich zurück: „Nein, das muss ich durchaus nicht, denn es ist alles hübsch auf unserer Webseite zu finden, und ich will auch nichts von Ihnen, sondern Sie von uns. Andere haben das auch gefunden – entschuldigen Sie, bitte, wenn ich das so sage.“ Erneutes Schniefen war die Antwort, und wenn ich auch ein durchaus mitfühlender Mensch bin, war ich hier genervt. Man hatte wohl darauf abgezielt, mich weich zu stimmen. Offenbar hatte man auch mit einem Mann gerechnet, wie man im weiteren Verlauf des Gesprächs erklärte. Ja, tut mir leid – damit konnte ich nicht dienen … 😉

„Ja, aber ich habe doch vor Mitternacht eine Mail geschickt!“ – „Ja. Eine Mail. Aber keinen Antrag.“ – „Frau B. – bitte machen Sie doch eine Ausnahme!“

Erst vor zwei Tagen sagte meine Kollegin Gina, die ein Telefonat mitbekommen hatte, das ich mit einem potentiellen Antragssteller geführt hatte, ich sei zu freundlich und zu lieb. Sie meinte, sie hätte meine Art total schön gefunden und sich sicherlich als Antragssteller sehr wohlgefühlt – aber die sollten doch, bitte, auch noch etwas selber machen! Sie hatte es sehr freundlich gesagt, aber ich hatte sofort verstanden. Je freundlicher, desto mehr Gefahr, ausgenutzt zu werden. Das hatte ich mir zu Herzen genommen.

Und so sagte ich: „Liebe Frau […], ich verstehe Sie durchaus. Aber verstehen Sie auch, bitte, mich! Ich kann und möchte keine Ausnahme machen. Denn wenn ich hier eine Ausnahme mache, haben alle anderen, die sich zu spät um die Dinge kümmern, um die sie sich durchaus eher hätten kümmern können, weil die Frist lang genug war, auch ein Anrecht auf Ausnahmen. Und das sehe ich, ehrlich gesagt, gar nicht ein. Denken Sie bitte auch ein bisschen an die Menschen, von denen Sie erwarten, Ausnahmen zu machen. Ich sitze hier ganz allein und habe einen Haufen Anträge, die rechtzeitig eingereicht wurden. Und da erwarten Sie von mir, eine Ausnahme zu machen. Warum sollte ich das tun? Das sehe ich nicht ein – das würde einen Rattenschwanz anderer Ausnahmen nach sich ziehen!“ – „Sie kennen meine Situation nicht!“ – „Sie meine auch nicht. Also verbleiben wir so: Sie haben sich leider zu spät gerührt, und ich mache keine Ausnahmen.“ Da legte sie auf, allerdings noch mit einem extralauten Schluchzer …

Ich sah Jana an und fragte: „Jana? War ich unfreundlich?“ – „Nein. Du hast nur klipp und klar erklärt, dass das so nicht gehe. Das war gut!“

Na, immerhin. So richtig toll fühlte ich mich dabei nicht. Ich wollte nie ein „Bürokratenhengst“ werden. Aber das war ich ja auch gar nicht … 😉 Es reicht einfach nur irgendwann. 😉 Vor allem nach all den anderen Telefonaten der letzten Tage und Wochen, da ich immer mehr den Eindruck gewann: „Das Bildungsniveau ist nicht unbedingt gestiegen. Wohl aber die Ansprüche derer, die hier anrufen und dich wie Karl Arsch behandeln.“

Immerhin rief dann heute noch eine Bewerberin an, mit der ich auch schon mehrfach telefoniert hatte und ihr heute erneut erklären musste, ihr nicht weiterhelfen zu können. Sie ist aber sehr freundlich, und so sagte ich: „Es tut mir wirklich sehr leid, Frau K. – ich würde Ihnen gerne etwas anderes sagen.“ Da meinte sie: „Ach, Frau B., machen Sie sich keinen Kopp! Es wäre schön, wenn es klappen würde, aber ich weiß, dass es schwierig ist. Aber ich möchte mich bei Ihnen bedanken: Sie sind immer so freundlich und hilfsbereit!“

Ich war fast überwältigt und bedankte mich herzlich. Nicht lange zuvor hatte ich immerhin jemanden zum Weinen gebracht … (Obwohl es ziemlich aufgesetzt klang. So nicht! 😉 )

Kleiner Nachtrag: Weinen hilft nicht immer, auch wenn dieser Irrglaube weitverbreitet ist. Richtig doof wird es, wenn man a priori und aufgrund eines Namens glaubt, gleich mit einem Mann zu telefonieren – und dann meldet sich eine Frau, die ohnehin von Ausreden schon genervt ist und auf Weinen gar nicht so recht anspringen mag. Warum?

Weil sie die Tricks alle selber kennt … 😉 Bisweilen ohne jeglichen Nutzen schon höchstselbst eingesetzt hat. 😉

Euch ein schönes Wochenende – und mir auch. 😉