„Mein Name ist ‚Undzwar‘! ‚Hallo Undzwar‘!“

Ja, ich weiß – das liest sich ziemlich bescheuert. Eine kleine Entlehnung von: Mein Name ist Bond. James Bond. Aber diejenigen unter euch, die oft dienstlich telefonieren müssen, telefonieren mit externen, nicht betriebszugehörigen Menschen, die ratsuchend bei euch anrufen, wissen sicherlich sofort, was ich meine.

Ich habe noch gelernt, meinen Namen zu nennen, wenn ich irgendwo anrufen muss, weil ich eine Frage habe. Eine Auskunft wünsche. Mit einem anderen menschlichen Lebewesen fernmündlich kommuniziere, wie das in grauer Vorzeit so hübsch hieß. 😉

Als ich noch klein war, ziemlich klein im Sinne von sehr jung, hatte ich immer ein bisschen Schiss vor dem Telefon. Vielleicht auch wegen des sehr lauten Klingelns, denn ich bin ein sehr ausgeprägtes Geräuschsensibelchen, und vielleicht war die Klingel des elterlichen Telefons auch etwas sehr laut eingestellt, obwohl keiner von uns je schwerhörig war. Drangehen? Ich? Niemals! Und selbst wenn schon jemand anderes drangegangen war und der Anrufer dann mich sprechen wollte – zum Beispiel an meinem Geburtstag -, nahm ich den Hörer stets derart vorsichtig und zögerlich an mich, als könne er jeden Moment explodieren. Und obwohl ich eigentlich ein sehr sprechfreudiger Mensch bin, war ich als Kind – etwa bis zu meinem sechsten, siebten Lebensjahr – stets knapp mit Worten, wenn ich einen Telefonhörer am Ohr hatte.

Das hat sich grundlegend geändert, und mindestens mein Vater bereute sicherlich spätestens seit meiner Pubertät und solange ich bei meinen Eltern lebte, mir immer wieder gesagt zu haben, ich solle am Telefon ruhig lebhaft sein. Denn das habe ich irgendwann hinreichend verinnerlicht und setze es seither mit Fleiß um. Ich bin eine begnadete Telefoniererin (selbst flirten kann ich da begnadet 😉 ) – und manchmal auch Telefonistin.

Im Dienst, zum Beispiel. Denn ich werde oft angerufen. Spätestens seit Anfang Oktober, da ich meine Stelle nach vielen Jahren intern wechselte. Ich bin seither zuständig für mehr oder minder junge Leute, die sich bildungstechnisch weiterentwickeln oder verändern wollen.

Wann immer mein Telefon klingelt, melde ich mich brav mit dem Namen meines Arbeitgebers, dem ich meinen eigenen hinterherschiebe, und das Ganze in einer fröhlich-optimistisch klingenden Manier. Wir sind ein Dienstleister, und so bin auch ich Dienstleisterin. Und da muss der Ansprechpartner auch einen Namen haben. Ich finde jedoch, das gelte auch für andere nicht-dienstleistende Telefonate. Vielleicht bin ich da etwas altmodisch, aber ich finde, es schade nie, wenn man wisse, mit wem man spreche. Wichtig auch, weil man sich ja durchaus bisweilen verwählen kann …

Meine Schwester Stephanie hat da mal ein einschlägiges Erlebnis gehabt. Sie wollte meine Oma väterlicherseits anrufen und wählte, wie sie glaubte, Vorwahl und Anschluss (in Wirklichkeit wählte sie – da sie meiner Mutter simultan unbedingt noch von einem Erlebnis erzählen wollte – zweimal den Anschluss). Es meldete sich eine ältere Dame mit dem Namen „Wilser“. Meine Oma hieß Ilse, und meine Schwester plauderte, wie es ihre Art ist, wild drauflos: „Hallo, Oma! Wie geht es dir? […] […] […]“ Frau Wilser kam gar nicht zu Wort. Stephanie meinte hinterher, ein wenig habe sie sich schon gewundert, dass meine Oma väterlicherseits, sonst gar nicht so progressiv, sich mit ihrem Vornamen gemeldet habe, und so habe sie zwischendurch auch gefragt, ob es Oma denn gut gehe, was diese jedoch bejaht habe, obwohl ihre Stimme gar nicht so fröhlich und überhaupt so gar nicht wie die ihre geklungen habe. Und Stephanie plauderte und plauderte, und die arme Frau Wilser fragte, ob es der Mama und dem Papa und Stephanie selber denn auch gut gehe, was Stephanie bejahte. Dann jedoch fragte „Oma“ nach „Jacqueline“. Stephanie fragte irritiert, wen „Oma“ denn damit meine, und da meinte „Oma“ wohl: „Aber Kind! Deine Schwester!“ – „Aber Oma! Meine Schwester heißt Ali!“ – „Wer spricht denn da?“ – „Oma! Ich bin es doch, Stephanie!“ – „Ich kenne keine Stephanie!“ So klärte sich alles auf, und Frau Wilser lachte sich halb kaputt und fand das Ganze sehr sympathisch. Meine Schwester habe ich noch nie derart rot angelaufen gesehen, und damals – es war während meiner Pubertät – fand ich das mal ganz lehrreich. 😉

Allein, um solche Situationen zu vermeiden, wenn Frau Wilser sich wohl doch gefreut hatte, dass ihre Familie sie vermeintlich angerufen hatte, sollte man doch gleich, wenn sich jemand meldet, seinen Namen nennen. Oder nicht?

Vermutlich sehe ich das völlig falsch, denn ich habe heute mindestens sechs bis sieben Anrufe entgegengenommen, da man sich nach meinem fröhlich-optimistischen Abnehmen und meinem Spruch wie folgt meldete: „Hallo! Und zwar habe ich ein Problem/eine Frage/viele Probleme/viele Fragen …“

Es ist kein gänzlich neues Phänomen. Ich habe das schon vor einiger Zeit bemerkt, und „Und zwar“ klingt in meinen Ohren wie ein Reizwort, seit es mir erstmalig unangenehm auffiel. Mal im Ernst – was für eine bescheuerte Einleitung zu einem Telefonat ist das? Noch dazu ohne Nennung des Namens … Ich bin ja schon froh, wenn wenigstens ein „Hallo“ vorgeschoben wird – ich habe aber auch schon Telefonate geführt, die ganz ohne „Hallo“, „Guten Morgen“ oder „Guten Tag“ abliefen, sondern bei denen nahtlos an meinen Begrüßungsspruch „Und zwar“ angeschlossen wurde … Frage ich nach einem Namen, klingt der Gesprächspartner nicht selten vorwurfsvoll, nennt er diesen dann, als hätte ich das doch per se wissen müssen …

Mit Verlaub – ihr könnt mich gern engstirnig nennen -, wenn ich dieses „Und zwar“ höre, sehe ich schon rot, und meine Schläfenadern fangen leise zu pochen an. Meist jedoch erst nach dem sechsten, siebten, achten Mal in Folge. Wenn man oft telefonieren muss, fallen einem bestimmte Dinge eher auf als jemandem, der nur selten oder privat telefoniert. (Und mir ist auch bewusst, dass jeder irgendeine nervende Angewohnheit hat. Aber eben jeder irgendeine – das Und-zwar-Phänomen hingegen scheint inzwischen flächendeckende Ausbreitung erfahren zu haben … 😉 )

Ich scheine irgendetwas verpasst zu haben – man meldet sich inzwischen mit „Und zwar“ und nennt um Himmels willen nicht mehr seinen Namen! Offenbar habe ich den Moment verpasst, da dies geschah. (War sicherlich gerade eine rauchen …) Wahrscheinlich gleichzeitig mit dem Wegfall von Bindestrichen, wo sie durchaus sinnvoll sind, mit dem Erstarken dessen, was allgemein als Deppenapostroph bezeichnet wird – und wozu überhaupt Präpositionen? 😉

Nein, ich bin nicht immer so kleinkariert, aber es nervt, wenn man derart unkultiviert und im Grunde unhöflich wieder und wieder angesprochen wird – unter Umständen auch noch unfreundlich. Und das merkt man besonders stark, wenn man viel dienstlich telefoniert. Ich telefoniere übrigens privat großenteils auch ganz anders, aber dann doch nicht so, wie viele meiner Anrufer sich bei meinen Diensttelefonaten artikulieren.

Der oder die Nächste, der oder die mich anruft und sich mit „Und zwar …“ meldet, wird von mir aufs Höflichste und durchgängig mit „Herr/Frau Undzwar“ angeredet. Mal sehen, wie er – oder sie – reagiert … 😉