Neunzehn Uhr vierzig

Wenn es so weitergeht, wird exakt diese Uhrzeit mein künftiger gewöhnlicher Feierabend sein. Zumindest für die nächsten Wochen – ich hoffe nicht, dass Monate daraus werden …

Denn derzeit gehöre ich zu jenen, die „zween Herren“ dienen. Seit Anfang der Woche sitze ich an meinem neuen Arbeitsplatz – seit der Mittagszeit habe ich einen funktionsfähigen Arbeits-PC (ich ging eigentlich davon aus, dass dieser bereits zu meinem gestrigen Arbeitsbeginn bereitstehen würde – aber ich hatte mich geirrt 😉 ), und es ist immer wieder erstaunlich, worüber man sich freuen kann, wenn es zuvor nicht funktionierte … Ich freute mich heute wie ein Schneekönig, als ich auf meinem Arbeitsdrucker auch endlich drucken konnte … 😉 Zwar funktioniert ein bestimmtes Tool noch nicht, aber ich habe bereits den Zuständigen alarmiert, der hoffentlich morgen Abhilfe leisten wird.

Dabei muss ich jedoch auch noch die Dinge bearbeiten, die ich seit Anfang Oktober auch erst lerne. Kein Wunder, wenn man da etwas länger im Büro sitzt. Schon jetzt fühle ich mich etwas zweigeteilt, tröste mich jedoch mit dem Gedanken, dass vom klassischen Vierteilen betroffen zu sein sicherlich noch schlimmer wäre. 😉 (Ähnlich beliebt in früheren Zeiten wie Teeren und Federn sowie der Scheiterhaufen.)

Gestern stempelte ich mich um 19:40 h aus. Heute desgleichen, und der freundliche Pförtner meinte, als er meiner ansichtig wurde: „Frau B.! Sie gehen aber immer spät in letzter Zeit!“  Ich lächelte, wie ich glaubte, fröhlich, und da meinte er: „O je – so schlimm?“ – „Aber nein, Herr da Silva – alles bestens!“ – „Wirklich? Sie sehen ein bisschen gestresst aus.“ – „Das kommt Ihnen nur so vor. Aber danke der Nachfrage.“

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht nur Herrn da Silva so vorkomme, dass ich irgendwie gestresst wirke. Mir kommt das auch so vor. 😉 Nein, eigentlich habe ich sogar das starke Gefühl, dass dem wirklich so sei. Mein Tipp: Beklagt euch nie über Langeweile am Arbeitsplatz! Denn diese Klagen – wenn auch berechtigt – haben mich erst an diesen 19:40-h-Punkt geführt. 😉

Und im Gefühl, irgendwie zweigeteilt und in beiden Teilen noch recht unzulänglich zu sein, eierte ich zum Parkplatz. Im Dunkeln gekommen, im Dunkeln gegangen. Kenne ich noch aus meinem ersten Semester – Wintersemester – von den Dienstagen, da die erste Vorlesung um 08:15 h begann, die letzte von vier Lehrveranstaltungen um 18:30 h endete. Auch da: Im Dunkeln zur Fron gegangen, im Dunkeln von der Fron heimgekehrt. 😉 Unvergessen.

Und ich hatte heute wieder das typische und übliche Erlebnis, als ich Wischwasser beim kleinen Monty, meinem dunkelblauen Ford Fiesta, nachfüllen wollte, da der Tank heute früh nach dem Enteisen meiner Frontscheibe ganz plötzlich leer war – es hatte sich schon angekündigt. Ich war zwar schon fertig und hatte gerade die Motorhaube wieder einrasten lassen, ja, ich saß sogar schon im Auto, die Tür noch offen, als ein jüngerer Mann des Weges kam, grinste und fragte, ob denn alles in Ordnung sei. Offenbar hatte er mein Tun zuvor schon beobachtet. Und wie üblich äußerte ich meinen bekannten Sermon: „Alles bestens. Ich habe nur Wischwasser nachgefüllt. Sah ich irgendwie hilflos aus?“ – „Nein, aber Sie hatten die Motorhaube geöffnet!“ – „Ja. Sicherlich. Wie sonst sollte ich wohl den Wischwassertank auffüllen? Oder sitzt der bei Ihrem Wagen irgendwo anders als bei anderen Autos?“ Ich klang, glaube ich, ein bisschen nickelig. Es mag daran liegen, dass das Auffüllen des Wischwassers heute eine der wenigen Aktionen war, die mir wirklich perfekt und aus dem Handgelenk gelungen waren – und schon kommt jemand und zweifelt an der Expertise! 😉 Und das nur, weil eine Frau (!) die Motorhaube ihres eigenen Autos geöffnet hat! Ist das etwa Sexismus? 😉 Ich bin mir dessen inzwischen nicht mehr ganz so sicher – bei diesen inflationären Sexismus-Aspekten … (Und teils an ganz falschen Stellen angesetzt …)

Aber ich lenkte rasch ein, als ich den entsetzten Blick des jungen Mannes sah. Ich bin ja kein Unmensch. 😉 Und so riet ich ihm dringend von dem Scheibenreinigungskonzentrat eines Mineralölunternehmens ab, dessen Name an einen sehr großen, jedoch sukzessive schrumpfenden und zwischenzeitlich in mehrere Teile zerfallenen See in Zentralasien erinnert, jedoch damit gar nichts zu tun hat, sondern eher eine Art Akronym chemischen Ursprungs ist. „Wenn Sie das in dem Mischungsverhältnis benutzen, das auf der Flasche empfohlen wird, haben Sie ständig Schlieren auf der Front- und Heckscheibe!“

Der junge Mann lachte und meinte: „Sie gefallen mir! Ich dachte, Sie wären in Schwierigkeiten, als ich Sie da mit offener Motorhaube stehen sah, aber Sie wissen ja genau, was Sie tun!“ – „Und das als Frau,“, ergänzte ich, aber er winkte ab und meinte: „Nehmen Sie es mir nicht übel, aber meine …“ – „… Freundin weiß nicht einmal, wo der Wischwassertank ist. Oder?“ – „Ja, genau! Woher wissen Sie das?“ – „Es ist nicht das erste Mal, dass ich auf diesem Parkplatz Hilfsangebote bekam, wenn ich mit offener Motorhaube dastand. Aber wenn ich zu Hause die Motorhaube öffnen würde, würden gleich diverse Nachbarn mutmaßen, ich hätte wohl ein Problem und direkt angerannt kommen. Demnächst fahre ich am besten in den Wald, wenn ich Wischwasser auffüllen will. Aber bei meinem Glück kommt dann sicher ein Hirsch, so ein Zwölfender, an und fragt, ob ich vielleicht Hilfe brauche. Nehmen Sie es mir nicht übel – ich bin ein Frotzelkopp!“ – „Nee, nehme ich Ihnen nicht übel – ich finde das witzig. Und gleich sage ich meiner Freundin, dass sie das demnächst …“ – „Sagen Sie’s nicht,“, warf ich ein, „das habe ich nun auch schon mehrfach gehört.“ Und wir lachten beide und verabschiedeten uns voneinander.

Danach war ich gleich viel fröhlicher, und so fuhr ich dann auch nach Hause. Und auch morgen werde ich sicherlich wieder um 19:40 h Feierabend machen, vermute ich.

Inzwischen ist immerhin unsere Reinigungskraft eingeweiht, die mich gestern im „alten“ Büro antraf, heute im neuen. In keinem von beiden hatte sie noch jemanden erwartet – nicht um diese Zeit. Sie war extrem überrascht und rief heute aus: „Sie sind offenbar überall!“ – „Nein, keine Sorge. Ich sitze von nun an immer hier.“ Denn inzwischen habe ich ja wenigstens einen funktionsfähigen Rechner auch an meinem neuen Arbeitsplatz! 😉

Bei all dem Stress gibt es jedoch auch einen Vorteil, denn jede Medaille hat ja zwei Seiten: Wenn es so weitergeht, bin ich in wenigen Tagen im Plus, was meine Arbeitsstunden anbelangt. Aber das ist auch eine meiner Lebenseinstellungen: Man muss allem auch etwas Positives abgewinnen können! Und – wer weiß? – vielleicht bin ich auch bald wieder in der Lage, Überstunden abzufeiern. Derzeit sieht es zumindest so aus … 😉

3 Gedanken zu “Neunzehn Uhr vierzig

  1. Chaosvater schreibt:

    vielleicht ist dieser Bericht auch eine Rechtfertigung für die Erstellung eines Klons durch unbekannte Mächte – harmlos mit der Öffnung einer Motorhaube beginnend, dann über die verwunderte Reinigungskraft führend bis zum Abbau von Überstunden endend? 😉
    man weiss es nicht; Verschwörungstheoretikern sei ja hier Tür und Tor geöffnet!

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