Dieser Abschied fällt wirklich schwer

Morgen ist mein letzter Tag in meinem Büro, in dem ich seit Anfang Oktober sitze. Also noch gar nicht so lange. Aber dieser Abschied fällt mir fast schwerer als der von meinem vorherigen Büro.

Noch bevor ich Kerstin kennenlernte, hörte ich über sie, dass sie „hart, aber herzlich“ sei. Mir rutschte das Herz in die Hose, und ich war froh, dass mein erster Arbeitstag an neuer Stelle gleichzeitig ihr letzter Urlaubstag war. So konnte ich mich erst einmal ganz bescheiden einrichten, und es würde nicht gleich zu einer Klopperei kommen … 😉

Am nächsten Tag war ich ein wenig nervös, als ich meine neue Arbeitsstätte betrat. Als ich das Büro meines Chefs passieren wollte, sah ich, dass die Tür offenstand. Ich trat hinzu und wollte meinem neuen Chef einen guten Morgen wünschen. Aber da stand schon jemand … 😉 Und so schmetterte ich ein lautes: „Guten Morgen!“ von meiner Position aus in sein Büro. Mein Chef rief: „Ah! Frau K. – da lernen Sie Ihre neue Kollegin gleich kennen! Frau K. – das ist Frau B.! Frau B. – das ist Ihre neue Bürogenossin, Frau K.!“ Und „Frau K.“ drehte sich um. Ich sah eine Frau, die um einiges größer als ich ist, keine Kunst – und ich sah sofort: „Das wird entweder total gut- oder völlig in die Hose gehen.“ Sehr herausfordernder Blick, und ich glich meinen gleich an – ich war ja ohnehin schon „vorgewarnt“. Aber freundlich, und wir zogen gleich in unser Büro ab und beschnupperten einander zunächst. Die Wände sind recht dünn, und wenn wir auch heute immer hören, wenn der Chef Besuch hat, sogar einzelne Stimmen unterscheiden und Personen zuordnen können, so herrschte doch in diesen ersten Momenten absolute Stille aus seiner Kemenate. Ich frage mich, womit er gerechnet hatte: katzenartiges Kreischen bei Nichtgefallen, wüstes Knurren und finstere Kampfgeräusche, wie man sie von rivalisierenden Hunden kennt? 😉

Wir saßen die ersten Tage freundlich, aber noch ein bisschen fremdelnd einander gegenüber, aber da wir beide Raucherinnen sind, ging die Gewöhnung aneinander recht schnell, da Kerstin in regelmäßigen Abständen meinte: „Was meinst du – sollen wir eine rauchen gehen?“ – „Na klar- wieso nicht?“ rief ich dann immer. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, in den allerersten Tagen das Heft an mich zu reißen und zuerst zu fragen. 😉 Das war ja ihr Büro – sie dort die Dienstältere. Ich die biologisch Ältere – es liegen durchaus ein paar Jahre zwischen uns. 😉

Und da wir beide gern und viel reden, außerdem noch ganz ähnliche Einstellungen vertreten und ähnlich impulsiv sind, verstanden wir einander schnell recht gut. 😊

Inzwischen so gut, dass ich Kerstin eine „Knalltüte“ nennen kann, wenn sie allzu impulsiv ist, ich aber keineswegs böse bin, wenn sie mir sagt: „Boah! Du bist manchmal echt krass in dem, was du so sagst! Alles in Ordnung? Obwohl … ich verstehe dich!“ Ich verstehe sie auch. Daher die „Knalltüte“. Ich kenne das alles. 😊

Gestern, am Mittwoch, rührte sie mich sogar, als sie sagte: „Noch drei Tage.“ – „Was dann?“ – „Dann bist du nicht mehr hier … Ehrlich, Ali – ich hatte Angst vor deiner Ankunft! Der Chef meinte, du seiest ein paar Jahre älter als ich, und ich hatte Angst, du würdest mir deswegen Vorschriften machen wollen! Aber du bist ja ganz anders, und mir tut es total leid, dass du gehst!“ – „Mir auch,“, gab ich zurück, und da meinte sie: „Wir wollen uns die letzten drei Tage aber richtig schön machen! Oder?“ – „Ja, klar,“, rief ich zurück und kniff ihr ein Auge zu. Und ich fügte hinzu: „Was meinst du – sollen wir eine rauchen gehen?“ Sie grinste und meinte: „Klasse Idee – hätte von mir sein können!“ Was die Frage nach dem Rauchen anbelangt, sind wir inzwischen gleichberechtigt. 😉
Ich werde jedenfalls nie vergessen, wie nett sie reagierte, als ich nach meinem MRT-Termin anrief, mich unter Umständen sogar abholen und nach Hause fahren wollte – das fand ich richtig klasse! Dabei kannten wir einander damals erst knapp sechs Wochen lang.

Und ganz besonders nett war das erste Mitarbeitergespräch mit unserem Dezernenten, den ich ja schon sehr lange kenne. Er meinte: „Ihr beide scheint ja recht gut zusammenzupassen. Oder? Kommst du mit Kerstin gut klar?“ – „Ja, tue ich.“ – „Dachte ich mir schon. Ihr habt beide eine große Klappe.“ – „Ja, danke!“ – „Ganz ehrlich: Ich habe Kerstin neulich auch schon gefragt, ob sie mit dir klarkomme.“ – „O je – was hat sie gesagt?“ – „Sie meinte: ‚Passt super. Sie redet nur sehr viel.‘“

Ich brach in apokalyptisches Gelächter aus, und der Dezernent meinte, ebenfalls lachend: „Aber da meinte sie auch schon: ‚Auf der anderen Seite: Das tue ich ja auch!‘“ Da lachte ich noch mehr, denn das stimmt – wir reden beide sehr gern. Und schnell. Und ich fand es einfach nur sympathisch, dass sie gleich gestand, dasselbe Laster – neben dem Rauchen – zu haben. 😉

Als ich vom Gespräch zurückkam, saß Kerstin da ein wenig unsicher, und sie legte auch gleich los: „Ali, ich habe unserem Chef gesagt, ich käme hervorragend mit dir klar. Das stimmt ja auch. Aber ich habe gesagt, du würdest viel reden. Dabei tue ich das auch. Hat er dir sicher gleich auf die Nase gebunden, oder?“ – „Nein. Hat er nicht. Ist mir völlig neu! Aber interessant …“ gab ich vermeintlich gekränkt von mir. „Ali, ich meinte das nicht böse – es ist einfach nur so, dass ich nicht gewohnt bin, dass andere auch so viel reden …“ – „Ja, ist schon okay …“, gab ich zurück. Aber dann konnte ich nicht mehr und brach in lautes Gelächter aus. Kerstin saß da, starrte mich irritiert an, und dann schrie sie: „Boah! Du Arschloch! Der hat dir das sofort gesagt, ne?“ – „Nicht sofort – wir haben vorher noch zwei oder drei andere Sätze gewechselt.“ – „Und ich mache mir hier Gedanken! Boah, du bist ja echt arschig! Und lachst dann auch noch!“ – „Ja, soll ich weinen?“ – „Nee, bitte nicht!“ Und dann lachte sie noch lauter als ich.

Ja, wir raunzen einander manchmal an – sie bezichtigt mich öfter, nicht ganz gar zu sein, während ich ihr vorwerfe, einen an der Murmel zu haben. Das übrigens immer dann, wenn wir einander im Grunde spiegeln, es aber um Himmels Willen nicht wahrhaben wollen. 😉

Morgen ist der letzte Tag mit Kerstin im Büro. Ich kenne sie noch nicht lange, aber sie wird mir fehlen. Sie ist so herzerfrischend ehrlich und geradeheraus. 🙂

3 Gedanken zu „Dieser Abschied fällt wirklich schwer

  1. Chaosvater sagt:

    so, ich habe Deinen Lagebericht bis zum letzten ( . ) gelesen. Hey, was ist? sollen wir eine rauchen gehen?
    *grinse teuflisch*

Kommentare sind geschlossen.