Von Ausständen und Umzügen

Heute war mal wieder ein interessanter Tag. Um kurz vor 7 stand ich bereits senkrecht im Bett, als direkt neben mir – zumindest klang es so – eine Kettensäge, die Bohrmaschine des Grauens oder ein vergleichbares Folterinstrument in Betrieb genommen wurde. WROOOAAAAM! Es klang wie der grässliche Laubbläser eines besonders ordnungsliebenden Nachbarn aus dem Nebenhaus, der sogar seine Garage – gefliest – jeden Samstag feucht wischt.

Unsere Wände hier scheinen recht dünn zu sein, denn eigentlich wird derzeit die Wohnung unter meiner renoviert, da die alte Dame, die unter mir wohnte, inzwischen alleine nicht mehr zurecht- und in ein Pflegeheim kam.

Fluchend stand ich auf – bei dem infernalischen Lärm wollte nicht einmal ich im Bett liegenbleiben. Muss man mit derart lauten Arbeiten um kurz vor 7 beginnen? Dann, wenn ich gerade einen so wunderschönen, fluffigen Traum habe? Fand ich unverschämt, wenn ich natürlich auch Verständnis dafür habe, dass die Arbeiten gemacht werden müssen. Aber um kurz vor 7 gleich so viel Lärm? Knurrend begab ich mich ins Bad, dabei den Blick in den Spiegel meidend. 😉 Weiterhin knurrend, was jedoch durch den ohrenbetäubenden Lärm von unterhalb meines Fußbodens übertönt wurde, machte ich mich zurecht, und alsbald verließ ich die Stätte des (akustischen) Grauens. Ich bin ein Geräuschsensibelchen – laute Geräte, laute Geräusche finde ich grauenhaft; so grauenhaft, dass ich am letzten Samstag – ich musste zu meinen Eltern – schon viel früher dorthin fuhr, als ich geplant hatte. Genauer: Es handelte sich eher um eine Flucht. 😉

Es erinnerte mich an eine Begebenheit von vor diversen Jahren, als ich einmal meine damalige Wohnung in der Nähe von Düsseldorf fluchtartig verließ, weil ich sonst unter Umständen einen Doppelmord begangen hätte. 😉  Ich beherbergte damals ein Wellensittichpärchen, Julius und Jakobine, die just an jenem Tage beschlossen hatten, sich völlig verstrahlt zu benehmen und extrem enervierend dauerzuschreien, und das in einer Art, die selbst geduldigere Menschen als mich zu mordlüsternen Gewaltphantasien bewogen hätte. Nun, so werdet ihr jetzt sagen, was will die dumme Nuss! Da legt man einfach ein Tuch oder eine Decke drüber – schon herrscht Stille! Jaaa – in der Theorie und durchaus auch oft in der Praxis funktioniert das auch, und die treuen Tiere glauben dann, es wäre Nacht … Nicht so an jenem Tage, denn natürlich hatte ich bereits längst der beiden Nervensägen Decke über den Käfig geworfen, die leider nicht dick genug war, das schrille und nervenzerreißende Gekreisch dieser beiden gefiederten Sargnägel merklich zu dämpfen. Ich sprach mit lieblicher Stimme zu den beiden türkisfarbenen bzw. blauen Wechselbälgern, ich schimpfte, ich flehte – nichts half. Nach etwa eineinhalb Stunden raffte ich meine Sachen zusammen und floh aus der Wohnung – Mordgedanken hatten sich meiner bemächtigt. Obwohl … Sicherlich hätte man auf Totschlag, Tötung im Affekt plädieren können, wäre es soweit gekommen … 😉

Garantiert würden sich die beiden kleinen Landplagen schämen, sobald sie sähen, was sie angerichtet hatten! Ihre Futterverdienerin und -geberin vertrieben durch impertinentes Gekreisch, dessen Ursprung sicherlich nur langjährigen – möglicherweise schwerhörigen – Ornithologen plausibel war. Als ich drei Stunden später wieder heimkehrte – ich hatte zwischenzeitlich eine Freundin besucht oder Asyl gefunden -, war Ruhe im Karton. Herrlich! (Von jedweder Scham leider nichts zu bemerken …) Was dann – später – half, ist bezeichnend für die Lernfähigkeit von Papageien, egal, wie groß oder klein sie sind. Denn wann immer die beiden kleinen Stinker mal wieder über die Stränge schlugen – lärmtechnisch gesehen -, musste ich nur noch laut und streng: „Bierteig!“ rufen – schon waren sie weitgehend still. „Bierteig“? Ja, richtig. Denn ich war eines Tages in einem chinesischen Takeaway gewesen und hatte dort gesehen, wie gerade Garnelen in Bierteig zubereitet und ausgebacken bzw. frittiert wurden. Alles in diesen Teig gehüllt, nur die Schwanzspitze lugte aus dem Teig heraus – sofort assoziierte ich Julius‘ und Jakobines Schwanzfedern … 😉 Und als die beiden eines Tages mal wieder auf die Kacke hauen wollten, schnauzte ich sie an: „Wenn ihr so weitermacht, werdet ihr in Bierteig getunkt und frittiert! Hier ist jetzt Ruhe! Verstanden? Merkt euch ‚Bierteig‘!“ Ich gebe zu, ich hatte nicht an einen Erfolg geglaubt – aber irgendwie funktionierte es. Sobald ich laut und streng dieses Wort rief, war Ruhe im Puff. Wahrscheinlich lag es an jenem besonderen Klang, den meine Stimme dabei annahm … 😉 (Und für alle tierlieben Menschen: Niemals hätte ich so etwas gemacht! Aber es half, die beiden zur Räson zu bringen. Und man sagt, im Krieg und in der Liebe seien alle Mittel erlaubt. Wobei ich bei meinen beiden kleinen Hausgenossen nie so recht wusste, ob das nun Liebe oder nicht vielleicht doch schon Krieg sei. Die Grenzen sind ja manchmal fließend. 😉 )

Schnell ins Auto gestiegen, und ab zur Arbeit. Sogar dort wollte ich lieber sein als in diesem akustischen Inferno, das sich Zuhause nennt!

Da man sich morgens immer erst akklimatisieren muss, trifft man bei der Arbeit ein, gingen Kerstin und ich erst einmal eine rauchen, und ich nahm die Kanne meiner Kaffeemaschine mit, um im Anschluss Wasser für den morgendlichen Retter, den einzig wahren Wecker, zu holen.

Auf dem Weg zur Küche trafen wir auf Frederick, den Systemadministrator, und er grinste und meinte: „Ali, ich weiß, was du heute Abend machst!“ Ich starrte ihn irritiert an. Er wusste, was ich am Abend machen würde? Spontan fiel mir der Titel eines älteren Films ein, der da lautet: „Ich weiß, was du letzten Sommer gemacht hast“, und ich meinte zu Frederick: „Hast du dir inzwischen eine Kristallkugel zugelegt? Oder eine Fortbildung gemacht? Wie errate ich die privaten Pläne meiner Kollegen?“ Frederick lachte und meinte: „Hast du dir denn schon für morgen einen Tag Urlaub genommen?“ – „Wie meinen?“ – „Naja, ich weiß, dass du heute Abend mit Lydia Cocktails trinken gehst!“ – „Einen Cocktail – ich wollte mich nicht abschießen! Und woher weißt du das schon wieder?“ – „Ich habe vorhin mit Lydia gesprochen, als die etwas in der Personalabteilung abgeben wollte, und da erwähnte sie es.“

Da ich mich mit Lydia, meiner langjährigen Arbeitskollegin, die vor zwei Jahren intern die Stelle wechselte, öfter treffe, ahnte ich etwas, und ich grinste und meinte: „Dann wird sie wohl heute Abend etwas zu erzählen haben.“ – „Ja, das denke ich auch,“, meinte Frederick, „und sicherlich habt ihr sehr viel Spaß, wie ich euch kenne!“

Kurz darauf kam dann eine Mail von Lydia, in der sie verkündete, heute sei ihr allerletzter Arbeitstag bei unserem Arbeitgeber, und sie bedanke sich für die gute Zusammenarbeit. Ich grinste und freute mich für sie. Sie hatte schon längere Zeit andere Pläne gehabt, und mich freute, dass diese nun wohl in Erfüllung gehen würden.

Und vorhin saßen wir zusammen, lachten viel, laut und ein bisschen dreckig bei einem Aperol Spritz und einem Lillet Wild Berries (mit Himbeeren – ich hätte mich hineinlegen können …). Ich hatte von Lydias Plänen gewusst, und ich freute mich für sie. Auf der anderen Seite ist mir ein wenig wehmütig ums Herz – sie wird fehlen. ☹ Aber da es ein fröhlicher Ausstand sein sollte, tranken wir noch einen zweiten Aperol Spritz und Lillet Wild Berries und lachten danach noch viel dreckiger. 😉

Lydias Einstand habe ich damals – 2005 – nicht mitbekommen, da ich im Krankenhaus lag. Dafür habe ich aber schon zwei Ausstände von ihr miterlebt. Und mir steht am kommenden Montag der dritte Umzug bei meinem Arbeitgeber bevor, zwei davon binnen recht kurzer Zeit. Ich hasse Umzüge, und sei es auch nur beim Arbeitgeber und nur von einem Büro in ein 20 Meter weiter entferntes. Ich bin nun einmal kein Nomade. 😉

Auf alle Fälle haben Lydia und ich heute beschlossen, uns bald wieder zu treffen – wir bleiben in Kontakt. 😊