Vom „Biest“, der „Russen- oder Kältepeitsche“ sowie der „Winterwalze“ – alles völlig cool!

Ich staune ja immer wieder darüber, was Medien bisweilen aus alltäglichen und/oder unabwendbaren Dingen kreieren. Manchmal habe ich den Eindruck, es seien eher Werbetexter und nicht Journalisten am Werke, denn kürzlich erfuhr ich, dass wir – wie inzwischen geschehen – von der Russenpeitsche getroffen werden würden, als ich einfach nur wissen wollte, wie das Wetter werden würde. (Nein, ich habe rein gar nichts gegen Werbetexter, bewundere bisweilen sogar ihre Wortkreationen – wirklich! Ich falle ja selber öfter auf die wohlfeilen und den Reiz auf Neues erzeugenden Worte herein … 😉 )

Aber bitte! Russenpeitsche? Zunächst wunderte ich mich nicht wenig, doch dann schoss mir durch den Kopf, dass das, was wohl gemeint war, vor einigen Jahren schon als Kältepeitsche durch die Tageszeitungen und Gazetten geisterte. Bereits da hatte ich mich so köstlich amüsiert, dass mir gleich viel wärmer wurde und ich das, was die Kältepeitsche dann mit sich brachte, leichter ertrug als andere, die sich von einem schlichten Wort eingeschüchtert fühlten, das sie sofort in ihren Wortschatz übernahmen.

Vor einigen Tagen las ich erstmalig von der Russenpeitsche. Anfangs fand ich es ein bisschen diskriminierend, denn ich dachte mir, dass auch Russen zwar an derlei arktische Temperaturen gewöhnt seien – je nachdem, wo sie leben -, aber doch der Begriff an sich irgendwie nicht sehr freundlich wirke. Russen reisen auch gern in wärmere Gebiete. Warum? Weil sie das vielleicht auch schön finden? Wie kann man dann von Russenpeitsche sprechen, wenn doch selbst Russen gern davor in wärmere Gefilde flüchten bzw. reisen? Sofern sie es sich leisten können – ist bei uns ja nicht anders. 😉

Vorgestern fand ich dann einen weiteren Begriff für das derzeit grassierende Phänomen: die Winterwalze! (Nein, ich lese nicht die Zeitung für Kurzsichtige mit den vier Buchstaben! Es stand auch anderswo – was mir zu denken gab …) O Gott – das klang ungleich bedrohlicher für meine Ohren. Denn eine Walze tut das, dessen sie bezichtigt wird und weswegen sie so heißt, wie sie heißt: Sie walzt alles nieder! Erstmalig stattete ich meinen Wagen, den kleinen Monty, mit der wattierten und alubeschichteten Windschutzscheibenabdeckung aus, da er eine kleine „Bordsteinschwalbe“ ist und keine Garage hat. Ich gebe zu, dass ich am liebsten eine Gesamtummantelung für den armen kleinen Kerl gehabt hätte – aber die hatte ich nicht zur Hand. 😉

Am besten gefiel mir übrigens die Bezeichnung, die ich vorhin in einer Nachrichtensendung hörte, die das derzeitige Wetterphänomen, das seriöse Meteorologen übrigens als „arktische oder sibirische Kälte“ bezeichnen, wie ich las, am besten beschreibt: Man nannte es einfach nur das Biest.

Und das finde ich sehr treffend, obwohl ich, als ich heute früh um 06:45 Uhr aus dem Haus auf die Straße trat, den kleinen Monty gar wundersam und romantisch glitzernd vorfand – bis auf die Windschutzscheibe -, es noch gar nicht so kalt fand. Mag sein, dass es daran lag, dass ich noch nicht richtig wach war, was um diese Uhrzeit bei mir ziemlich normal ist. Wie sollen Kälte- und Schmerzrezeptoren da fehlerlos funktionieren? 😉

Ich nahm die Frontscheibenverhüllung ab, nachdem ich den Motor angelassen hatte, die Lüftung und Heizung bis zum Anschlag Richtung „warm, aber sofort!“ gedreht und die Heckscheibenheizung in Betrieb genommen hatte. Pflichtschuldig – und um das Abtauen bzw. Enteisen etwas zu beschleunigen – scharrte ich die wunderschönen Eiskristalle gnadenlos von sämtlichen Scheiben – bis auf die Windschutzscheibe, denn da gab es dank „Mantel“ ja keine.

Ich hatte ein bisschen Bedenken gehabt, der Motor könne aufgrund der arktisch-sibirischen Kälte nicht anspringen, nachdem er kürzlich schon unerklärliche Fisimatenten gemacht hatte, aber – wie gesagt – er sprang an wie eine Eins (woher kommt der blöde Spruch eigentlich – hat man jemals eine Eins springen, laufen oder sonstige Aktivitäten durchführen gesehen, deren man sie immer bezichtigt?). Das war auch nötig, denn ich musste Monty heute zur Werkstatt bringen. Denn er sollte ein neues Hinterteil bekommen. Eine neue Heckschürze, denn ich hatte die originale ja kürzlich bei einem Unfall nachhaltig beschädigt. Ab 7 Uhr sollte ich den Wagen vorbeibringen. Drei Tage hatte man für die Reparatur veranschlagt.

Um 07:05 Uhr fuhr ich auf den Hof der Werkstatt, parkte schnurgerade ein, nahm alles, was ich mitnehmen wollte, und dann schloss ich den kleinen Kerl ab. Nein, ich habe ihn nicht noch liebevoll getätschelt, aber ich gebe zu, ich warf ihm einen wehmütig-aufmunternden Blick zu, der besagte: „Am Freitag hole ich dich wieder ab!“

Dann gab ich meinen Schlüssel am Empfang ab, und, ich gebe es zu, ein bisschen blutete mein Herz. Vor allem deswegen, weil ich nun auf den ÖPNV angewiesen war … Erst gestern war ich damit unterwegs gewesen, und – wie es der Teufel wollte – just in der Straßenbahn, mit der ich zu meinem Arzt fuhr, neben und um dessen Praxis herum es so gut wie nie Parkplätze gibt (denn ansonsten wäre ich mit dem Auto gefahren, was ich nach einem einmaligen Versuch jedoch aufgegeben habe), gab es eine Schlägerei. Die Bahn musste außerplanmäßig an einer Haltestelle länger halten, mehrere mutige Männer griffen ein und warfen die Idioten, die sich nicht hatten beherrschen können, kurzerhand aus der Bahn, deren Fahrer sofort die Türen schloss, auf dass die Schläger nicht wieder hineinkämen. Immer wieder entzückend, den ÖPNV hier genießen zu dürfen …

Doch zunächst musste ich erst einmal zum Zuge bzw. der Straßenbahn kommen, und von meiner Vertragswerkstatt ist das ein gehöriges Stück Weges. Alle passenden Busse waren weg, und so schritt ich munter drauflos – bloß nicht stehenbleiben, denn ansonsten wäre ein Festfrieren nicht unwahrscheinlich gewesen. Ich schritt etwa fünf Meter, als mir bewusst wurde, dass ich es in der Tat mit einer Kältepeitsche zu tun hatte, denn der eiskalte Wind peitschte in mein Gesicht und überallhin, ging durch und durch, obwohl ich gefütterte Stiefel und Skisocken trug, die ich in einem relativ kalten Winter – harmlos gegen das, was derzeit herrscht – gekauft habe, obwohl ich nicht einmal Ski fahre. Und da ich ja normalerweise immer mit dem Auto zur Arbeit fahre, hatte ich keine Handschuhe dabei. Auch keine Mütze. Aber ich hatte ja eine Kapuze! Die setzte ich auf – „Scheißegal, wie das aussieht!“ – , aber der böse sibirische Wind riss sie wieder von meinem Haupt! Ich setzte sie erneut auf, obwohl mir klar war, dass es sich um ein sinnloses Unterfangen handeln würde. Aber niemals kampflos aufgeben! Nun ja … Irgendwann gab ich auf – es hatte keinen Sinn, und ich hatte den Eindruck, meine Haarwurzeln machten Versuche, bis ins Gehirn zu kriechen … Meine Hände steckte ich in die Jackentaschen, und trotzdem spürte ich nach etwa einem Kilometer meine kleinen Finger kaum noch. O Gott! Zwei kleine Finger, hingerafft und getötet von der Russenpeitsche! 😉

Ich habe es dann tatsächlich, ohne als Eisklotz auf der Strecke stehenzubleiben, bis zur Straßenbahnhaltestelle geschafft – und irgendwann kam ich auch vor Kälte schnatternd bei der Arbeit an. Im Büro tauten auch meine kleinen Finger wieder auf – es gab nicht nur acht, sondern zehn Überlebende! 😉

Glücklicherweise hat meine derzeitige Doppeltätigkeit dann auch dafür gesorgt, dass mir recht schnell sehr warm ums Herz wurde – man glaubt ja kaum, welch schräge Menschen es auf der Welt gibt, die dann für eine Fort- und Weiterbildung eingeschrieben werden wollen und denen man höchstselbst einen Termin dafür gegeben hat! 😉

Am frühen Nachmittag weilte ich dann in einem Webinar, und danach stellte ich fest, dass jemand eine Nachricht in der Mailbox meines Handys hinterlassen hatte. Bei genauerem Nachforschen stellte sich heraus, dass es meine Vertragswerkstatt war … Sogleich geisterten zwei fiese Möglichkeiten vor meinem geistigen Ohr: „Frau B., es tut uns leid – der Schaden ist erheblich größer, als erwartet, und er überschreitet das, was Ihre Versicherung abdeckt.“ Oder: „Frau B., es tut uns furchtbar leid, aber Ihr Wagen ist von der Hebebühne gestürzt und nun ein Totalschaden!“ Man weiß ja nie … 😉

Ich rief sofort an und hörte die Nachricht ab, die da besagte, dass der kleine Monty, der kleine Musterschüler, schon fertig sei und im Kinderparadies auf seine Mama warte. 😉 Nein, nicht ganz so, aber man sagte, mein Wagen sei fertig. Ich hörte die Nachricht zweimal ab – konnte das sein? Man hatte von drei Tagen gesprochen! Hatten sie die Heckschürze etwa in einer Kontrastfarbe installiert? Immerhin hatte man davon gesprochen, dass noch lackiert werden müsse. Würde mein Wagen künftig mit einer flammroten Heckschürze zur ansonsten dunkelblauen Karosserie wie ein paarungsbereiter Pavian umherfahren müssen? Umgehend rief ich in der Werkstatt an …

Nein, alles bestens, der Wagen sei fertig. Und ich könne ihn heute noch abholen. Meine neue Kollegin Jana meinte: „Ich nehme dich gerne mit und werfe dich dann irgendwo raus!“ Ich nahm angesichts der Kältepeitsche das Angebot gerne an, und sie fuhr mich extra noch zum Busbahnhof, der nicht an ihrem Weg lag. Das wollte ich gar nicht, aber sie meinte, sie tue das gern, und es sei gar kein Problem. Ich war wirklich gerührt – sie hatte noch andere Termine, und sie hat zwei Kinder und genug zu tun. Ich werde mich demnächst revanchieren.

Schnatternd vor Kälte traf ich – der Bus hielt leider nicht direkt vor Ort – auch in der Werkstatt ein, bezahlte meine Selbstbeteiligung und nahm meine Wagenschlüssel in Empfang. Fast hätte ich Monty auf dem Hof nicht gefunden, denn da standen nur blitzende Autos. Und auch ein blitzender dunkelblauer kleiner Fiesta mit meinem Kennzeichen. 😉 Nett – man hatte ihn durch die Waschstraße gefahren! Ohne diese Maßnahme hätte die neue dunkelblaue Heckschürze trotz karosseriegleicher Farbgebung jedoch in der Tat wie eine Kontrastfarbe gewirkt – so dreckig, wie der Wagen witterungsbedingt außen war … 😉

Der einzige Nachteil war, dass ich die Fahrertür kaum öffnen konnte – die Feuchtigkeit von der Autowäsche war bereits gefroren … 😉

Alles dank der Russenpeitsche! Inzwischen – und nach mehreren längeren Aufenthalten ohne Handschuhe und Mütze draußen – bin ich fast geneigt, diese Bezeichnung zu akzeptieren.

Obwohl ich finde, dass das Biest die derzeitigen Witterungsverhältnisse noch besser treffe … 😉

Eine Begegnung mit der Vergangenheit – Oder: Kochen kann manchmal frustrierend sein

Heute war ich bei meinen Eltern. Ich hatte eigentlich schon letztes Wochenende hinfahren wollen. Meine Eltern wohnen etwa 20 Kilometer entfernt von mir, aber wir sehen einander nicht so oft, und in der letzten Zeit hatte ich wiederholt das Gefühl, ich sollte mal öfter vorbeifahren, zumal ich meine Eltern sehr mag, jeden der beiden auf seine ureigene Weise. 😊

Aber letztes Wochenende war ich derart erschlagen, dass ich lieber einfach zu Hause bleiben wollte. Meine Mutter klang ein wenig enttäuscht, als ich ihr das am Telefon sagte, und das tat mir leid. Und mein Vater rief aus dem Hintergrund, sie würden gerade Altlasten verklappen, und da wären einige Sachen von mir, die ich doch bitte mal in Augenschein nehmen solle – ob man die gegebenenfalls wegwerfen könne. Oder ob ich die behalten und mitnehmen wolle. Nachdem wir das Telefonat beendet hatten, kam mir eine Idee. Und ich rief erneut an und meinte zu meiner Mutter: „Ich komme nächstes Wochenende, und dann koche ich für euch ein Stifado!“ – „Dieses griechische Schmorgericht, von dem du mir neulich so begeistert erzählt hast?“ – „Genau!“ rief ich selbstbewusst, und meine Mutter meinte, das sei ja eine nette Idee. Dann müsse sie an dem Tag ja gar nicht selber kochen – das sei doch mal eine nette Abwechslung.

Heute fuhr ich hin, und eigentlich hatte ich die Zutaten selber besorgen wollen, aber meine Mutter meinte: „Nee, lass mal, das mache ich schon.“ Und so lagen die wesentlichen Zutaten auch schon bereit, als ich um 14:15 Uhr eintraf. Sogar die Schalotten hatte meine Mutter schon abgezogen, und ein Kilogramm Rindfleisch aus der Hüfte lag bereit. Ich musste es nur noch schneiden, und zwar in Stücke, die etwas größer als die Größe bei einem „normalen“ Gulasch sind.

Doch zunächst wollte ich einmal mehr Montys Wischwassertank auffüllen – die letzte Befüllung auf dem Parkplatz meines Arbeitgebers war im Grunde nur eine „Notbefüllung“ gewesen, da der Tank komplett leer war. Meine Mutter meinte zu meinem Vorhaben: „Du machst das selber?“ – „Ja, klar – wer sonst?“ – „Naja, bei meinem Auto macht das immer Papa.“ Ich sah sie an und staunte. Denn meine Mutter ist ein sehr patenter Mensch, und mehrfach hatte ich sie auf Fahrten gen und in Franken ziemlich tough über die geöffnete Motorhaube ihres jeweiligen Autos gebeugt stehen sehen. Einmal hatten wir auf der Fahrt dorthin ein Problem mit dem Kühlwasser gehabt – der Motor stand wohl kurz vor dem Kochen. Meine Mutter fuhr an der nächsten Raststätte heraus, parkte schwungvoll vor einer der Zapfsäulen und öffnete die Motorhaube, über die sie sich dann kurz darauf beugte. Ich gestehe, meine Mutter war die erste Frau, die ich in dieser Position – über einer geöffneten Motorhaube – wahrnahm und konzentriert in den Motorraum starren sah. Als sie sah, dass sie da wohl nichts machen konnte, meinte sie: „Ali, aussteigen. Du gehst jetzt mal in die Tankstelle und fragst dort jemanden, ob er helfen könne. Wir können so nicht weiterfahren. Das Kühlwasser scheint zu kochen.“ Ich rannte in die Tankstelle und holte Hilfe. Der freundliche Mann riet uns, in die nächste Werkstatt zu fahren – so könnten wir nicht weiterfahren. Meine Mutter meinte: „Das war mir auch klar, aber danke.“ Und wir fuhren in die nächste Werkstatt am Platze. Dort grinste man und meinte: „Ja, der Fiesta hat halt noch einige Mängel. Sie sind nicht der erste Fall, der mit einem Fiesta von der Autobahn kommt und exakt dieses Problem hat. Also machen Sie sich keine Gedanken, gute Frau!“ Ich war erst zehn Jahre alt, aber ich verzog mein Gesicht peinlich berührt – ganz falscher Ansatz … Meine Mutter meinte sehr kühl: „Die ‚gute Frau‘ können Sie sich sparen – ich bin nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen gekommen!“ Der KFZ-Mechaniker entschuldigte sich sogleich, und immerhin wurde der Schaden, offenbar eine „Kinderkrankheit“ bei diesem Auto, behoben, und wir konnten weiterfahren.

Meine Mutter war es, die mir als Kind beibrachte, wie man den Ölstand richtig messe („Der Wagen darf nicht kalt sein – merk dir das!“). Wie man dynamisch und vorausschauend Auto fährt. Und nun wundert sie sich, dass ich in der Lage bin, Wischwasser nachzufüllen? Liegt es an mir, oder liegt es daran, dass sie sich manche Dinge nicht mehr zutraut? Ich fragte sie, und da meinte sie: „Ali, manche Dinge werden schwieriger, je älter man wird. Es liegt nicht an dir, denn du bist ja immer recht unerschrocken gewesen – wieso sollte ich daran zweifeln, dass du so einfache Dinge wie das Nachfüllen von Wischwasser könntest? Mir selber traue ich das nicht mehr so zu. Und ganz ehrlich: Ich war eigentlich immer froh, wenn dein Vater das machte. Ich fand das immer recht lästig, wenn auch notwendig, zu wissen, wie das gehe.“ – „Ja, aber du hast solche Dinge doch immer so pragmatisch angepackt!“ – „Manche Dinge muss man einfach tun, Ali – gefallen hat mir das nie so recht. Oder brichst du in Entzücken aus, wenn du unter eine Motorhaube guckst?“ Nee, kann ich nun wirklich nicht behaupten – es reicht, wenn die Jungs in meiner Vertragswerkstatt sich des Motorraums meines Autos annehmen, sofern nötig.

Nach getaner Arbeit widmete ich mich dem Kochen. Ich machte alles so, wie ich das hinsichtlich des Rezepts kannte. Aber irgendwie hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass etwas Essentielles fehle. Ich briet das Fleisch an, gab die Schalotten dazu, würzte und löschte dann mit Rotwein ab. Und dann schob ich das wunderbare Ofengericht in den vorgeheizten Backofen. Alle Gewürze waren drin, auch Zimt.

Ich ließ das Ganze erst einmal eine Stunde im Ofen. Dann wollte ich eigentlich nachsehen, ob sich alles richtig entwickle, aber meine Mutter meinte: „Mach dir nicht so viel Stress – das Zeug schmort da ganz allein vor sich hin.“ Hätte ich nachgesehen, wäre mir wahrscheinlich aufgefallen, dass etwas Entscheidendes fehlte … 😉

Nach eineinhalb Stunden holte ich den Topf aus dem Ofen und stellte fest, dass zwar das Fleisch gar war, sich aber erstaunlich wenig Sauce im Topf befand. Nicht zu wenig, aber weniger, als ich angenommen hatte. Meine Mutter kam dazu und sagte nach einem Blick in den Topf: „Irgendwie erinnert mich das Ganze an das Gulasch von Oma K.“ Und sie probierte, sah mich an und meinte: „Es schmeckt auch so ähnlich.“ Mit Oma K. war ich nie so auf einer Wellenlänge gewesen, und nun sollte ich etwas gekocht haben, das ihrem „Gulasch“ ähnelte? Ich probierte selber und stellte fest, dass meine Mutter Recht hatte. Und schon fiel mir der Fehler auf: „O Gott – es hätten noch geschälte Tomaten aus der Dose hineingehört! Weil die fehlen, gibt es auch vergleichsweise wenig Sauce! Wie konnte ich nur die Tomaten vergessen?“ Ich raufte mir die Haare, und meine Mutter lachte und meinte: „Immerhin! Dafür, dass du mit Oma K. nie so gut ausgekommen bist, hast du das, was sie immer als ‚Gulasch‘ bezeichnete, sehr gut nachgekocht!“

Hervorragend! Aber ich lachte auch und dachte mir: „Manchmal kommen sie wieder!“ (Das ist der Titel einer Geschichte von Stephen King.) Und als wir uns dann zum Essen hinsetzten und mein Vater probierte, meinte er: „Das schmeckt so ähnlich wie das, was meine Mutter immer als Gulasch gekocht hat!“ Na, danke! Da stehe ich stundenlang in der heißen Küche, gebe mir Mühe – und heraus kommt etwas, das jeder schon einmal gegessen zu haben wähnt! 😉

Ich war zerknirscht – noch nie hatte ich eine Zutat vergessen. Aber meine Mutter meinte, es sei doch gut, und das Einzige, worüber sie etwas verärgert war, war die langfaserige Qualität des Fleischs. Danach verkündete sie, sie wolle ohnehin Vegetarierin werden …

Muss ich mir jetzt Gedanken machen? 😉 Immerhin war das Fleisch so schön weich, dass man es mit der Gabel zerteilen konnte … Und ich habe obendrein etwas gelernt: Oma K. war viel weltoffener, als ich dachte: Sogar Stifado konnte sie! 😉

Mein Tipp: Kocht immer nur für andere, wenn ihr nicht völlig und komplett durch den Wind seid. Kochen bedarf der Konzentration. 😉

„Irgendeine(r) heulte immer …“

Gestern hatten wir anlässlich des Geburtstages einer Kollegin ein kleines Frühstück. Wir saßen zusammen, redeten über alles Mögliche, und irgendwann erzählte eine der Kolleginnen von einem Kindergeburtstag, den sie demnächst ausrichten und überleben müsse, wie sie sagte. Eine andere Kollegin, ebenfalls Mutter, meinte nur: „Mein herzliches Beileid!“ Und alle lachten. Auch die Nichtmütter, denn jede hatte wohl Erinnerungen an eigene Geburtstagsfeiern, die von ihren unerschrockenen Müttern organisiert und trotz aller möglichen Widrigkeiten immer irgendwie gut und vor allem tapfer „gestemmt“ wurden.

Auch ich erinnerte mich an diverse Geburtstagspartys meiner Kindheit und meinte grinsend: „Im Grunde gab es immer ein festes Schema bzw. einen festen Ablauf. Irgendeine(r) heulte immer. Oder – mit Verlaub – kotzte.“ Alle lachten, und die eine der beiden Mütter nickte und meinte: „Ja, das kenne ich auch. Entweder muss man trösten, schlichten, oder man wischt Erbrochenes auf.“ Erneut lachten alle, und alle waren sich einig, dass so ein Kindergeburtstag zwar nach außen als fröhliches Event gelte, aber im Grunde eher einem Pulverfass gleiche und somit eine echte Nervenprobe sei. Für die ausrichtenden Eltern, hier vornehmlich: Mütter. 😉

Ich habe keine Kinder, aber – wie gesagt – ich habe ein sehr gutes Gedächtnis. Und ich erinnerte mich, dass es bei uns damals bisweilen schon vor der eigentlichen Party zu Unstimmigkeiten kam. Nicht bei mir, ich war nicht betroffen, aber zwei Nachbarsmädchen, davon die eine meine damals beste Freundin Britta, hatten beide am selben Tag im Mai Geburtstag. Nur war die eine, Babette, ein Jahr älter und beabsichtigte, just an ihrem Geburtstag eine Party zu veranstalten. Britta protestierte, denn eine ähnliche Idee hatte sie ihrerseits schon gehabt. Und wir luden auch immer die Nachbarskinder mit ein (was die Anzahl der Gäste auf einer der beiden Partys ziemlich schrumpfen lassen würde). Zumindest die, mit denen wir uns im Allgemeinen gut verstanden.

Was mich noch heute vor die Frage stellt, warum ich dann eigentlich Babettes Bruder Christoph immer miteinladen musste – mit dem gab es immer Zoff, und bei einer Geburtstagsparty seiner Schwester hatte er nicht nur sämtliche Mädels dauernd attackiert, sondern – quasi als Höhepunkt der Feier – mich auch noch mittels einer Schaufel, die er mir über die Rübe zog, niedergestreckt, so dass ich eine kurze Zeit bewusstlos auf dem Rasen lag, während Christophs Mutter zunächst einmal Britta und Christoph trennte, da sich zwischen beiden eine Prügelei androhte, da er Britta auch noch attackiert hatte, wenn auch „nur“ mit den Fäusten. Dabei machte sich die Mutter eigentlich nur Sorgen um ihren Sohn – und sicherlich gab sie auch mir die Schuld an meinem KO auf dem Rasen, obwohl Christoph seit jeher als jähzornig und Störenfried bekannt war. Nachdem ich wieder zu mir gekommen war, erschien es der Mutter besser, mich nach Hause zu schicken. Nicht etwa, dass sie Christoph ins Haus geschickt hätte, nein!

Babette und Britta gerieten in Streit, und sie keiften einander furchtbar an, während ich zu schlichten versuchte und den Vorschlag machte, eine von beiden könne ja einen Tag nach ihrem Geburtstag feiern – die Party würde dadurch sicherlich nicht schlechter. Erst wollten sie davon nichts wissen, und wir mussten abzählen, wer als erste würde feiern dürfen, als sie sich schließlich mit der Lösung auseinandersetzten. Und so feierten wir erst bei Babette, am nächsten Tag bei Britta (da dröhnte mein Kopf auch nicht mehr so sehr, denn just in jenem Jahr hatte Christoph während Babettes Feier seine „Charmeoffensive“ gestartet … 😉 )

Ich bekam als Kind immer eingetrichtert, mich bloß nicht zu sehr vollzustopfen, mich eher bescheiden zu verhalten, damit ich nicht als Vielfraß gälte. Ich vermute jedoch, meine Mutter sagte dies aus Gründen der Vorsicht, da ich seit jeher einen etwas empfindlichen Magen habe, der bei allzu viel kalter Limo oder gar O-Saft – egal, ob kalt oder warm – zu streiken begann. Das dann noch in Kombination mit Kuchen, Flips, Chips und später den obligatorischen Würstchen mit Kartoffel- und Nudelsalat hätte durchaus zu einer Katastrophe ausarten können. Das überließ ich dann doch lieber anderen … 😉

Eine meiner Geburtstagspartys artete auch aus. Eigentlich war es nicht nur meine Geburtstagsparty, sondern die meiner Schwester und mir. Unsere Geburtstage liegen nur zweieinhalb Monate auseinander, und an meinem im August waren wir ohnehin in Franken gewesen. Ergo feierte ich nach, während Stephanie an ihrem Geburtstag selber feiern konnte.

Eingeladen waren vergleichsweise viele Kinder, und meine Patentante hatte zugesagt, ebenfalls zu kommen und meiner Mutter in der Betreuung der „Wilden“ zu helfen. Außerdem war noch die Mutter von Stephanies Sandkastenfreund da, um den wir beide immer konkurrierten, wer ihn mal heiraten würde. Einmal sogar, als er dabei war, und meine Schwester meinte gebieterisch, sie habe immerhin die älteren Rechte, da sie ihn länger kenne. Und so fragte sie ihn direkt, welche von uns er heiraten wolle. Daraufhin sagte er zu Stephanie, dass er, wenn es überhaupt dazu käme, wohl mich nehmen würde. Stephanie wurde zickig und fragte, warum, und da meinte er: „Weil Ali nicht so zickig ist und mich nicht dauernd herumkommandiert.“ – „ICH BIN NICHT ZICKIG!“ zickte Stephanie, und er grinste nur. Ich sagte lieber nichts. Merkwürdigerweise war Stephanie danach nur auf mich sauer … irgendwie ungerecht. 😉

Gernots Mutter war eigentlich nur dabei, weil meine Mutter und sie einander gut verstanden – soviel Aufsicht war nun auch nicht vonnöten, und meine Mutter kam im Grunde auch immer allein klar mit der ganzen Bande, aber ich glaube, sie fand es selber netter, nicht nur von schreienden Kindern umgeben zu sein … 😉

Als Christoph und Babette eintrafen, fragte Christoph sofort, ob man nicht einmal den Fernseher einschalten könne. Er war bei jedem Besuch total fixiert auf dieses Gerät, da seine und Babettes Eltern aus ideologischen Gründen keines hatten. Im Prinzip eine gute Methode, ihn in Schach zu halten … Aber meine Mutter meinte, es sei doch schöner, würde er mit den anderen spielen (meine Mutter ist manchmal wirklich todesmutig … 😉 ). Ich hätte Christoph lieber die ganze Zeit vor dem Fernseher gewusst … 😉

Das Geburtstagsgeschenk meiner Tante für Stephanie wurde lieber umgehend aus dem Verkehr gezogen, damit es seine Ruhe haben konnte, denn es handelte sich um einen Goldhamster nebst Käfig und Hamsterzubehör. Meine Mutter brachte den Käfig lieber gleich in Stephanies und mein Zimmer, als zahlreiche Kinder sich darum scharten und einige Hände schon hineingriffen, um den friedlich pennenden „Ulli“ aus seinem Schlaf zu reißen, was bei Hamstern im Allgemeinen keine so gute Idee ist – allein schon angesichts ihrer Zähne … 😉

Dann ging es ans Auspacken der Geschenke, und das dauerte ein bisschen, da es so viele waren. Britta schielte da schon dauernd zum sehr liebevoll dekorierten Esstisch hinüber, auf dem diverse Kuchen standen … Und endlich gab es dann auch Kuchen und im Anschluss viele Spiele. Topfschlagen stand damals auf der Beliebtheitsskala sehr weit oben … 😉

Gegen 6 gab es dann Abendessen – natürlich Würstchen mit Kartoffel- und Nudelsalat; das war von allen Kindern gewünschter Standard.

Und da kam es zum Eklat, denn Babette meinte zu meiner Mutter: „Kann man die Würstchen auch mit der Gabel schneiden? Meine Mami kauft nur Würstchen, die man auch mit der Gabel schneiden kann!“ Und sie mühte sich ab, mit dem Messer ein Stück von ihrer Wurst abzuschneiden, die genauso war, wie Würstchen für meinen Geschmack sein sollten: knackig. 😉

Gernot, der eher ein Gemütsmensch ist, neben ihr saß und den ihre teils recht hysterische Art – mehrfach hatte sie bereits wegen Bagatellen in den höchsten Tönen geheult – schon mehrfach genervt hatte, reichte es. Und er sagte: „Die Würstchen hier sind klasse, und die kann man auch mit der Gabel schneiden!“ Und schon nahm er seine Gabel und zerteilte mit Nachdruck Babettes Würstchen in zwei Hälften. Leider spritzte dabei von der Wurstflüssigkeit etwas auf Babettes Arm und in ihr Gesicht … Und schon verwandelte sie sich erneut in eine Sirene und kreischte hysterisch in den höchsten Tönen, während Christoph, der einige Plätze weiter entfernt gesessen hatte, wutentbrannt aufsprang, dabei erst sein volles Glas, dann seinen Stuhl umwarf und zu Gernot stürmte. „Was hast du mit meiner Schwester gemacht?!?“ brüllte er und fing an, auf Gernot einzuschlagen, untermalt vom sirenenartigen Gekreisch seiner Schwester, die schrie, als wäre sie nicht von ein bisschen lauwarmem Wurstwasser benetzt worden, sondern als würde sie mit glühenden Feuerzangen gefoltert. Eine Stimmung wie im Tollhaus …

Meine Mutter, meine Tante und Gernots Mutter sprangen ihrerseits auf und überwältigten Zerberus Christoph. Meine Mutter donnerte: „Christoph, du setzst dich jetzt sofort wieder auf deinen Platz und gibst Ruhe! Was soll denn das?“ (Ich grinste leise in mich hinein.) Derlei Behandlung war Christoph nicht gewohnt, und offenen Mundes starrte er meine erzürnte Mutter an, schlich dann aber lieber wieder auf seinen Platz. Später wollte er nicht mehr gar so gern zu uns kommen, und seine Mutter fragte meine vorwurfsvoll, was sie denn ihrem kleinen „Toffi“ angetan hätte – der hätte gesagt: „Nee, ich will nicht mehr zu B.s.“ – „Warum denn nicht, Toffi?“ – „Ich habe Angst vor Frau B.!“ – „Was haben Sie mit ihm gemacht, Frau B.?“ – „Ich habe ihm lediglich ein paar passende Worte gesagt, weil er einen Anfall von Jähzorn hatte und einen anderen Jungen geschlagen hat. Übrigens haben einige Kinder Angst vor Ihrem ‚Toffi‘!“ Ich muss sicherlich nicht dazusagen, dass das Verhältnis zwischen Toffis und meiner Mutter danach temporär nicht ganz so herzlich war … 😉

Babette bekam von Gernots Mutter ihr Fett weg: „Ein bisschen Wurstwasser, und du kreischst hier herum, dass das Haus fast zusammenstürzt – du bist doch kein Baby mehr. Mal ehrlich: War das so schlimm?“ Babette war ebenfalls wie vom Donner gerührt und sofort still. Meine Mutter begutachtete sie und fand keinerlei schlimme Brüh- oder Brandverletzungen. Sie fand gar nichts und lenkte dann mittels eines Spiels von dem Vorfall ab.

Später gab es dann eine wirklich Verletzte. Und schon wieder war Gernot involviert, in den sich eine von Stephanies Freundinnen spontan verliebt hatte, was jedoch nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Und auch Britta schien ein Auge auf ihn geworfen zu haben – immerhin hatte er die Würstchen-Affäre so gelassen gehändelt und konnte ja nichts für den hysterisch-jähzornigen Ausbruch der beiden Geschwister aus dem Nachbarhaus … Und irgendwie kam es zu einer Rangelei zwischen Gernot, der sich die beiden Grazien vom Hals halten wollte, Marie und Britta. Marie war recht groß und etwas kräftiger gebaut, und im Wahn, die Konkurrenz von „ihrem Gernot“ fernhalten zu müssen, gab sie Britta einen heftigen Stoß. Britta knallte mit dem Kopf auf den Wohnzimmerteppich und blieb – wie nur wenige Monate zuvor ich auf dem Rasen der Nachbarn – benommen liegen. (Ihr seht: Irgendwie war bei uns regelmäßig jemand kurzzeitig bewusstlos oder benommen, nachdem er ausgeknockt worden war. Wie? Das gehörte bei euch nicht zum festen Programm? 😉 ) Das Ganze war so schnell gegangen, dass niemand rechtzeitig hatte eingreifen können. Meine Mutter war gerade nur kurz in die Küche gegangen, und Gernots Mutter und meine Tante waren auch nicht schnell genug im Zentrum des Wahnsinns gewesen, weil alles zunächst noch harmlos gewesen und sich dann ganz plötzlich in einen Kampf um den offenbar von mehreren Mädels präferierten Gernot gewandelt hatte, schneller, als man „Hallo“ sagen kann. Mama kam sofort herbeigerannt, als sie mich Marie anschreien hörte: „Na, toll! Jetzt ist Britta tot!“ – „Was?“ rief meine Mutter und kam alarmiert angerannt, während Gernots Mutter und meine Tante sich um die hingestreckte Britta kümmerten, die gerade wieder zu sich kam. Meine Tante fuhr dann sicherheitshalber mit ihr ins Krankenhaus, aber zum Glück fehlte ihr nichts Ernsthaftes, wenn man von einer kleinen Platzwunde absah.

Das war der Moment, da meine Mutter aussah, als dächte sie: „Lieber über glühende Kohlen laufen, als einen Kindergeburtstag organisieren …“ Aber sie riss sich zusammen, und wir spielten noch einige Spiele, und Mama regte sich auch gar nicht über eine Vase auf, die dabei zu Bruch ging. Wahrscheinlich hatte sie sich einfach der Tollhaus-Atmosphäre ergeben und dachte sich: „Völlig egal – Hauptsache, es gibt keine Toten!“ 😉

Und daher widme ich den Beitrag allen Müttern und Vätern, die sich diesem Vergnügen aussetzen (müssen). Nicht immer ist es so turbulent, aber manchmal eben schon. Vor dieser Leistung ziehe ich meinen Hut. Außerdem kenne ich ähnliche Situationen – ich habe längere Zeit ehrenamtlich auf der Kinderstation des Krankenhauses von D. gearbeitet, sonntags. Da lernt man einiges … 😉

Ein schönes Wochenende! 😊

Ali bringt Mädels zum Weinen und schämt sich … Aber nur ein bisschen …

Ich gestehe, der Plural „Mädels“ ist ein bisschen übertrieben, denn ich hatte heute und auch jemals zuvor in meiner derzeitigen Position nur ein weinendes Mädel am Telefon. Aber dieses Mädel weinte so heftig, dass es gleich für mehrere gilt …

Gestern um 24 Uhr lief die Bewerbungsfrist für einen bestimmten Aspekt meiner – seit Anfang Oktober – bisherigen Arbeit aus, und ich machte schon gestern zum Feierabend drei Kreuze – obwohl ich damit rechnete, dass der auf dieses Angebot meines Arbeitgebers abgestimmte Mailaccount sicherlich heute explodieren würde. Und ich rechnete auch mit postalisch zugesendeten weiteren Anträgen, obwohl doch explizit gewünscht wurde, diese per Mail zu schicken … (Denn derzeit ist es ja so, dass ich – eher unfreiwillig – stellentechnisch „auf zwei Hochzeiten tanze“, auf denen ich quasi bis dato die Anwesenden und Gepflogenheiten nur rudimentär kenne.)

Heute täuschte mich Outlook zunächst, indem es auf diesem speziellen Account zunächst gar keine neuen Mails anzeigte. Aber ich traute dem Braten nicht. Und kaum klickte ich den Account an, explodierte er auch schon! -zig neue Anträge, die noch zu bearbeiten wären …

Meine neue Kollegin Jana meinte mit einem Blick auf mich: „Ali, ich wollte gerade in die Poststelle – ich könnte Hilfe beim Tragen gebrauchen!“ Und sie winkte mir verstohlen mit ihrer Schachtel „Lucky Strike“ zu. Ich grinste und meinte: „Ich helfe dir gern beim Tragen – ich brauche ja auch noch einiges, vor allem Ordner.“ Und ich winkte mit meiner eigenen Schachtel „Lucky Strike“ zurück. Sehr sympathisch – Jana raucht nicht nur, sondern sie raucht auch noch „meine“ Sorte! 😉 Und schon schritten wir von dannen, erst zur Poststelle, dann zu Janas speziellem Rauchplatz, wo ich auch schon früher mal zum Rauchen war. Dort sagte sie mir: „Boah, ich beneide dich nicht. Von einer neuen Stelle auf die nächste, und dann quasi zweigeteilt. Als ich sah, dass du dir vorhin in die Haare gegriffen hast, und als ich deinen Blick sah, dachte ich, frag Ali, ob sie nicht mitgehen möchte. Tragen können hätte ich das Ganze auch allein. Aber ich finde das schon krass.“ – „Ach, es wird schon gehen.“ – „Ja, sicher. Aber entspannend ist das sicher nicht.“ – „Entspannend ist anders.“ Und schon kamen wir ins Plaudern. Und Lachen.

Zurück am Arbeitsplatz, harrten die zahlreichen neuerlichen Anträge noch immer meiner. (Was hatte ich auch erwartet?) Und eine Mail, in der stand: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte mich gern bewerben – welche Unterlagen brauche ich? Schicken Sie mir die doch bitte zu!“ Abgeschickt um kurz vor 22 Uhr gestern, und ich fragte mich, was die junge Dame – denn eine solche war es – sich dabei wohl gedacht hatte. Die Bewerbungsfrist von Anfang Januar bis gestern – und just gestern um kurz vor 22 Uhr kommt sie auf die Idee … Während mein Schreibtisch unter der Last von Anträgen fast zusammenbricht …

Und ich fragte mich, warum immer die mangelnde Digitalisierung der Gesellschaft beklagt werde. Gerade solch junge Leute wie die junge Frau, die da anfragte, können doch kaum ohne ihr Smartphone, Tablet etc. pp., und sie kennen sich – so die landläufige Meinung – mit derlei Medien erheblich besser aus als ältere Menschen. Warum nur kommen sie nicht auf die Idee, mal rechtzeitig auf Seiten zu gehen, die offenbar wichtig sind? Warum fragen sie um kurz vor 10? Und was erwarten sie – dass der Account 24/7 bedient werde? 😉

Ich schrieb eine freundliche, aber eindeutige Mail an die junge Dame, in der ich ihr erklärte, dass sie leider zu spät dran sei, nachdem die Frist Anfang Januar begonnen und gestern Schlag 12 nachts geendet habe. Ich teilte ihr auch noch mit, wo sie das Antragsformular hätte finden können (das erschreckend viele Antragsteller auch ohne diese Hilfestellung ganz normal gefunden hatten). Sicherlich würde sie das verstehen. Und ich widmete mich den rechtzeitig eingetroffenen Anträgen.

Doch da klingelte mein Telefon, und ich ging dran und meldete mich fröhlich-optimistisch. Und natürlich mit meinem Namen. 😉 Erst hörte ich nichts, obwohl ich merkte, da war jemand am anderen Ende. Es war, als stutzte jemand. Und mit einiger Verzögerung hörte ich ein Schniefen. Und eine etwas piepsige Stimme fragte: „Frau B.?“ – „Ja.“ – „Frau B., ich habe gerade Ihre Mail bekommen. Sie sagen, dass ich mich nicht mehr bewerben könne …“ – „Ja, und das meine ich auch so. Denn die Bewerbungsfrist endete gestern.“ – „Aber – ich habe doch vor Mitternacht angefragt!“ – „Ja, eben. Angefragt.“ – „Aber das gilt dann doch noch! Ich habe mich ja bei Ihnen gemeldet!“ Ich griff mir an den Kopp. (Sorry, aber die letzten Tage waren anfragetechnisch etwas heftig …) Dann sagte ich: „Ja, aber eine Anfrage oder Meldung ist kein Antrag. Ihren Antrag hätten Sie einreichen müssen.“ – „Ich hatte doch kein Formular – das müssen Sie mir doch schicken!“ In sehr forschem Tonfall, und ebenso forsch gab ich zurück: „Nein, das muss ich durchaus nicht, denn es ist alles hübsch auf unserer Webseite zu finden, und ich will auch nichts von Ihnen, sondern Sie von uns. Andere haben das auch gefunden – entschuldigen Sie, bitte, wenn ich das so sage.“ Erneutes Schniefen war die Antwort, und wenn ich auch ein durchaus mitfühlender Mensch bin, war ich hier genervt. Man hatte wohl darauf abgezielt, mich weich zu stimmen. Offenbar hatte man auch mit einem Mann gerechnet, wie man im weiteren Verlauf des Gesprächs erklärte. Ja, tut mir leid – damit konnte ich nicht dienen … 😉

„Ja, aber ich habe doch vor Mitternacht eine Mail geschickt!“ – „Ja. Eine Mail. Aber keinen Antrag.“ – „Frau B. – bitte machen Sie doch eine Ausnahme!“

Erst vor zwei Tagen sagte meine Kollegin Gina, die ein Telefonat mitbekommen hatte, das ich mit einem potentiellen Antragssteller geführt hatte, ich sei zu freundlich und zu lieb. Sie meinte, sie hätte meine Art total schön gefunden und sich sicherlich als Antragssteller sehr wohlgefühlt – aber die sollten doch, bitte, auch noch etwas selber machen! Sie hatte es sehr freundlich gesagt, aber ich hatte sofort verstanden. Je freundlicher, desto mehr Gefahr, ausgenutzt zu werden. Das hatte ich mir zu Herzen genommen.

Und so sagte ich: „Liebe Frau […], ich verstehe Sie durchaus. Aber verstehen Sie auch, bitte, mich! Ich kann und möchte keine Ausnahme machen. Denn wenn ich hier eine Ausnahme mache, haben alle anderen, die sich zu spät um die Dinge kümmern, um die sie sich durchaus eher hätten kümmern können, weil die Frist lang genug war, auch ein Anrecht auf Ausnahmen. Und das sehe ich, ehrlich gesagt, gar nicht ein. Denken Sie bitte auch ein bisschen an die Menschen, von denen Sie erwarten, Ausnahmen zu machen. Ich sitze hier ganz allein und habe einen Haufen Anträge, die rechtzeitig eingereicht wurden. Und da erwarten Sie von mir, eine Ausnahme zu machen. Warum sollte ich das tun? Das sehe ich nicht ein – das würde einen Rattenschwanz anderer Ausnahmen nach sich ziehen!“ – „Sie kennen meine Situation nicht!“ – „Sie meine auch nicht. Also verbleiben wir so: Sie haben sich leider zu spät gerührt, und ich mache keine Ausnahmen.“ Da legte sie auf, allerdings noch mit einem extralauten Schluchzer …

Ich sah Jana an und fragte: „Jana? War ich unfreundlich?“ – „Nein. Du hast nur klipp und klar erklärt, dass das so nicht gehe. Das war gut!“

Na, immerhin. So richtig toll fühlte ich mich dabei nicht. Ich wollte nie ein „Bürokratenhengst“ werden. Aber das war ich ja auch gar nicht … 😉 Es reicht einfach nur irgendwann. 😉 Vor allem nach all den anderen Telefonaten der letzten Tage und Wochen, da ich immer mehr den Eindruck gewann: „Das Bildungsniveau ist nicht unbedingt gestiegen. Wohl aber die Ansprüche derer, die hier anrufen und dich wie Karl Arsch behandeln.“

Immerhin rief dann heute noch eine Bewerberin an, mit der ich auch schon mehrfach telefoniert hatte und ihr heute erneut erklären musste, ihr nicht weiterhelfen zu können. Sie ist aber sehr freundlich, und so sagte ich: „Es tut mir wirklich sehr leid, Frau K. – ich würde Ihnen gerne etwas anderes sagen.“ Da meinte sie: „Ach, Frau B., machen Sie sich keinen Kopp! Es wäre schön, wenn es klappen würde, aber ich weiß, dass es schwierig ist. Aber ich möchte mich bei Ihnen bedanken: Sie sind immer so freundlich und hilfsbereit!“

Ich war fast überwältigt und bedankte mich herzlich. Nicht lange zuvor hatte ich immerhin jemanden zum Weinen gebracht … (Obwohl es ziemlich aufgesetzt klang. So nicht! 😉 )

Kleiner Nachtrag: Weinen hilft nicht immer, auch wenn dieser Irrglaube weitverbreitet ist. Richtig doof wird es, wenn man a priori und aufgrund eines Namens glaubt, gleich mit einem Mann zu telefonieren – und dann meldet sich eine Frau, die ohnehin von Ausreden schon genervt ist und auf Weinen gar nicht so recht anspringen mag. Warum?

Weil sie die Tricks alle selber kennt … 😉 Bisweilen ohne jeglichen Nutzen schon höchstselbst eingesetzt hat. 😉

Euch ein schönes Wochenende – und mir auch. 😉

„Mein Name ist ‚Undzwar‘! ‚Hallo Undzwar‘!“

Ja, ich weiß – das liest sich ziemlich bescheuert. Eine kleine Entlehnung von: Mein Name ist Bond. James Bond. Aber diejenigen unter euch, die oft dienstlich telefonieren müssen, telefonieren mit externen, nicht betriebszugehörigen Menschen, die ratsuchend bei euch anrufen, wissen sicherlich sofort, was ich meine.

Ich habe noch gelernt, meinen Namen zu nennen, wenn ich irgendwo anrufen muss, weil ich eine Frage habe. Eine Auskunft wünsche. Mit einem anderen menschlichen Lebewesen fernmündlich kommuniziere, wie das in grauer Vorzeit so hübsch hieß. 😉

Als ich noch klein war, ziemlich klein im Sinne von sehr jung, hatte ich immer ein bisschen Schiss vor dem Telefon. Vielleicht auch wegen des sehr lauten Klingelns, denn ich bin ein sehr ausgeprägtes Geräuschsensibelchen, und vielleicht war die Klingel des elterlichen Telefons auch etwas sehr laut eingestellt, obwohl keiner von uns je schwerhörig war. Drangehen? Ich? Niemals! Und selbst wenn schon jemand anderes drangegangen war und der Anrufer dann mich sprechen wollte – zum Beispiel an meinem Geburtstag -, nahm ich den Hörer stets derart vorsichtig und zögerlich an mich, als könne er jeden Moment explodieren. Und obwohl ich eigentlich ein sehr sprechfreudiger Mensch bin, war ich als Kind – etwa bis zu meinem sechsten, siebten Lebensjahr – stets knapp mit Worten, wenn ich einen Telefonhörer am Ohr hatte.

Das hat sich grundlegend geändert, und mindestens mein Vater bereute sicherlich spätestens seit meiner Pubertät und solange ich bei meinen Eltern lebte, mir immer wieder gesagt zu haben, ich solle am Telefon ruhig lebhaft sein. Denn das habe ich irgendwann hinreichend verinnerlicht und setze es seither mit Fleiß um. Ich bin eine begnadete Telefoniererin (selbst flirten kann ich da begnadet 😉 ) – und manchmal auch Telefonistin.

Im Dienst, zum Beispiel. Denn ich werde oft angerufen. Spätestens seit Anfang Oktober, da ich meine Stelle nach vielen Jahren intern wechselte. Ich bin seither zuständig für mehr oder minder junge Leute, die sich bildungstechnisch weiterentwickeln oder verändern wollen.

Wann immer mein Telefon klingelt, melde ich mich brav mit dem Namen meines Arbeitgebers, dem ich meinen eigenen hinterherschiebe, und das Ganze in einer fröhlich-optimistisch klingenden Manier. Wir sind ein Dienstleister, und so bin auch ich Dienstleisterin. Und da muss der Ansprechpartner auch einen Namen haben. Ich finde jedoch, das gelte auch für andere nicht-dienstleistende Telefonate. Vielleicht bin ich da etwas altmodisch, aber ich finde, es schade nie, wenn man wisse, mit wem man spreche. Wichtig auch, weil man sich ja durchaus bisweilen verwählen kann …

Meine Schwester Stephanie hat da mal ein einschlägiges Erlebnis gehabt. Sie wollte meine Oma väterlicherseits anrufen und wählte, wie sie glaubte, Vorwahl und Anschluss (in Wirklichkeit wählte sie – da sie meiner Mutter simultan unbedingt noch von einem Erlebnis erzählen wollte – zweimal den Anschluss). Es meldete sich eine ältere Dame mit dem Namen „Wilser“. Meine Oma hieß Ilse, und meine Schwester plauderte, wie es ihre Art ist, wild drauflos: „Hallo, Oma! Wie geht es dir? […] […] […]“ Frau Wilser kam gar nicht zu Wort. Stephanie meinte hinterher, ein wenig habe sie sich schon gewundert, dass meine Oma väterlicherseits, sonst gar nicht so progressiv, sich mit ihrem Vornamen gemeldet habe, und so habe sie zwischendurch auch gefragt, ob es Oma denn gut gehe, was diese jedoch bejaht habe, obwohl ihre Stimme gar nicht so fröhlich und überhaupt so gar nicht wie die ihre geklungen habe. Und Stephanie plauderte und plauderte, und die arme Frau Wilser fragte, ob es der Mama und dem Papa und Stephanie selber denn auch gut gehe, was Stephanie bejahte. Dann jedoch fragte „Oma“ nach „Jacqueline“. Stephanie fragte irritiert, wen „Oma“ denn damit meine, und da meinte „Oma“ wohl: „Aber Kind! Deine Schwester!“ – „Aber Oma! Meine Schwester heißt Ali!“ – „Wer spricht denn da?“ – „Oma! Ich bin es doch, Stephanie!“ – „Ich kenne keine Stephanie!“ So klärte sich alles auf, und Frau Wilser lachte sich halb kaputt und fand das Ganze sehr sympathisch. Meine Schwester habe ich noch nie derart rot angelaufen gesehen, und damals – es war während meiner Pubertät – fand ich das mal ganz lehrreich. 😉

Allein, um solche Situationen zu vermeiden, wenn Frau Wilser sich wohl doch gefreut hatte, dass ihre Familie sie vermeintlich angerufen hatte, sollte man doch gleich, wenn sich jemand meldet, seinen Namen nennen. Oder nicht?

Vermutlich sehe ich das völlig falsch, denn ich habe heute mindestens sechs bis sieben Anrufe entgegengenommen, da man sich nach meinem fröhlich-optimistischen Abnehmen und meinem Spruch wie folgt meldete: „Hallo! Und zwar habe ich ein Problem/eine Frage/viele Probleme/viele Fragen …“

Es ist kein gänzlich neues Phänomen. Ich habe das schon vor einiger Zeit bemerkt, und „Und zwar“ klingt in meinen Ohren wie ein Reizwort, seit es mir erstmalig unangenehm auffiel. Mal im Ernst – was für eine bescheuerte Einleitung zu einem Telefonat ist das? Noch dazu ohne Nennung des Namens … Ich bin ja schon froh, wenn wenigstens ein „Hallo“ vorgeschoben wird – ich habe aber auch schon Telefonate geführt, die ganz ohne „Hallo“, „Guten Morgen“ oder „Guten Tag“ abliefen, sondern bei denen nahtlos an meinen Begrüßungsspruch „Und zwar“ angeschlossen wurde … Frage ich nach einem Namen, klingt der Gesprächspartner nicht selten vorwurfsvoll, nennt er diesen dann, als hätte ich das doch per se wissen müssen …

Mit Verlaub – ihr könnt mich gern engstirnig nennen -, wenn ich dieses „Und zwar“ höre, sehe ich schon rot, und meine Schläfenadern fangen leise zu pochen an. Meist jedoch erst nach dem sechsten, siebten, achten Mal in Folge. Wenn man oft telefonieren muss, fallen einem bestimmte Dinge eher auf als jemandem, der nur selten oder privat telefoniert. (Und mir ist auch bewusst, dass jeder irgendeine nervende Angewohnheit hat. Aber eben jeder irgendeine – das Und-zwar-Phänomen hingegen scheint inzwischen flächendeckende Ausbreitung erfahren zu haben … 😉 )

Ich scheine irgendetwas verpasst zu haben – man meldet sich inzwischen mit „Und zwar“ und nennt um Himmels willen nicht mehr seinen Namen! Offenbar habe ich den Moment verpasst, da dies geschah. (War sicherlich gerade eine rauchen …) Wahrscheinlich gleichzeitig mit dem Wegfall von Bindestrichen, wo sie durchaus sinnvoll sind, mit dem Erstarken dessen, was allgemein als Deppenapostroph bezeichnet wird – und wozu überhaupt Präpositionen? 😉

Nein, ich bin nicht immer so kleinkariert, aber es nervt, wenn man derart unkultiviert und im Grunde unhöflich wieder und wieder angesprochen wird – unter Umständen auch noch unfreundlich. Und das merkt man besonders stark, wenn man viel dienstlich telefoniert. Ich telefoniere übrigens privat großenteils auch ganz anders, aber dann doch nicht so, wie viele meiner Anrufer sich bei meinen Diensttelefonaten artikulieren.

Der oder die Nächste, der oder die mich anruft und sich mit „Und zwar …“ meldet, wird von mir aufs Höflichste und durchgängig mit „Herr/Frau Undzwar“ angeredet. Mal sehen, wie er – oder sie – reagiert … 😉

Ali – très énervée

Ja, auch ich habe schlechte Phasen in meinem Leben, und heute meinte meine (Ex-)Kollegin Kerstin zu mir: „Boah, du redest seit deinem Wechsel nur noch über die Arbeit – ich fange an, mir Sorgen zu machen!“ Ich starrte sie bewusst irre grinsend an und meinte: „Woran könnte das wohl liegen? Zwei komplett neue Stellen binnen etwa viereinhalb Monaten, -zig neue Portale, die ich kennenlernen muss, -zig neue Themengebiete – und erst die ganzen Passwörter! Aber sieh mal, wie fröhlich ich lächle!“ Und ich grinste noch irrer, bis sie – für gewöhnlich hart im Nehmen – rief: „Bitte hör sofort damit auf! Das ist nicht die Ali, die ich kennengelernt habe!“ Und dann lachten wir beide dreckig, ich noch dreckiger als Kerstin. 😉

Denn ich bin derzeit wirklich ein bisschen „fratze“. Es ist nicht nur so, dass ich mich nun binnen kurzer Zeit in ein erneut völlig unbekanntes Gebiet einarbeiten müsse, was keine Probleme bereitet. Nein, ich muss auch noch das Aufgabengebiet der „alten“ „neuen“ Stelle mitmachen, da diese nicht so schnell neu besetzt werden kann. Und bezüglich dieser Aufgaben war oder bin ich ja auch noch in der Einarbeitungsphase … Derzeit fühle ich mich bisweilen wie auf einem Dreimaster, dessen Steuermann plötzlich ins Koma gefallen ist, und der unerwartet in einen Hurrikan geraten ist … 😉

Gestern Abend hatte ich nach Feierabend dann auch noch einen zünftigen Auffahrunfall, an dem ich auch noch schuld bin. Nicht, dass ich geschlafen hätte – beileibe nicht! Es war nur eine sehr hektische Situation auf einem engen Supermarkt-Parkplatz, und ich setzte in meiner matschigen Verfassung auch nur ein Stück zu weit zurück, um einen Idioten durchzulassen, der mich schon bei Einfahren auf den Parkplatz bedrängt hatte, viel zu dicht auffuhr. Ich fuhr eine halbe Runde vor ihm her und fand eine Parklücke, in die ich rückwärts einparken wollte. Hinter mir stand ein anderes Auto. Hatte ich alles gesehen, und so setzte ich an, einzuparken. Aber der Idiot, der zuvor hinter mir gewesen war, kam vor mir nicht vorbei und fing wie ein Bescheuerter zu hupen und aufzublenden an – dazu gestikulierte er in einer Weise, die sogar mir zu obszön vorgekommen wäre. Ich – ohnehin schon „um“ und „in der Wurst“ – wollte den blöden Kerl vorbeilassen, um ihn loszuwerden, und ich drehte mich noch um und befand, da sei noch viel Platz zwischen mir und dem bis dato unbeteiligten Dritten, der in der Parklücke hinter mir stand. Aber es war bereits dunkel, und ich verschätzte mich – und dann machte es bumm!

Ich hatte das Glück, einen netten Unfallgegner zu haben, der sofort meinte: „Der Typ hat Sie genötigt und bedrängt – ich konnte das genau sehen!“ – „Ja, aber der ist nun weg, und im Endeffekt bin ich Ihnen in die Karre gefahren und ganz eindeutig schuld. Ich hätte mich einfach so verhalten sollen wie sonst und mich nicht irritieren lassen sollen. Die Schuld liegt bei mir, das ist ganz klar.“ Und wir riefen vorschriftsmäßig die Polizei, aber der Motorradpolizist, der dann auftauchte, lachte nur und meinte: „Was erwarten Sie nun von mir?“ – „Dass Sie den Unfall aufnehmen?“ meinte ich ein wenig irritiert, aber da lachte er schon und meinte: „Ich bin gerade hierhergefahren, weil ich von der Zentrale darauf aufmerksam gemacht wurde, dass es einen Unfall auf diesem Parkplatz gebe, bei dem die Parteien offenbar nicht einig seien. Ganz ehrlich: Ich bin hierhergekommen in dem Bewusstsein, dass sich hier zwei Parteien die Köppe einschlügen und ich einen Platzverweis, eine Verwarnung aussprechen sowie ein Verwarngeld erheben müsse! Und ich komme hier an und sehe die beiden Beteiligten dastehen, freundlich plaudern, lachen und zusammen eine rauchen! Merken Sie sich: Wir kommen im Grunde zu Unfällen nur noch raus, wenn es hart auf hart kommt.“ Der Unfallgegner und ich starrten einander irritiert an, und ich meinte: „Jahrzehntelange Indoktrination, bei einem Unfall ja sofort die Polizei zu rufen, für die Wurst!“ Der Unfallgegner lachte sich scheckig und meinte: „Sie und ich stammen offenbar aus derselben Zeit.“ So sah es aus. 😉

Die Sache läuft nun, seitdem ich gestern noch meine Versicherung in Kenntnis gesetzt habe.

Heute hatte ich einen Termin bei meinem Bis-dato-Chef, der aber immer noch irgendwie mein Chef ist, da ich ja auch die Sachen aus seiner Abteilung noch voll bearbeite. (Die ich auch zum allerersten Male mache …) Es ging um Klärung des weiteren Prozesses. Ich kam mit einer hübschen Liste und hatte alles im Griff. Ehrlich gestanden, wunderte es mich, dass ich den Termin überhaupt hatte – es lief doch alles.

Man erklärte mir jedoch, dass ich ja so wenig Rückfragen gehabt hätte – offenbar erwartete man Chaos und das Schlimmste. Aber ich hatte ja meine hübsche Liste, und ich konnte auch alle Fragen beantworten. Der Chef starrte mich überrascht an und meinte: „Warum hat Frau N. mich dann angesprochen, dass sie die Befürchtung hätte, irgendetwas laufe nicht so gut?“

Ich sah den Chef an, mit sehr großen Augen, und ich meinte: „Ja, das kann ich Ihnen auch nicht beantworten. Da müssen Sie Frau N. fragen.“ Er sah noch einmal auf meine Unterlagen, rief das Ganze auf dem Server ab und meinte: „Ist doch alles prima! Was will sie denn?“ Ich lächelte und meinte: „Wie gesagt – ich kann Ihnen das nicht beantworten.“ – „Sie meinte, Sie hätten kaum Rückfragen gehabt, und das sei doch nicht normal.“ – „Ach, ich finde, dass der Begriff normal ohnehin über- und bisweilen ganz falsch strapaziert werde.“ – „Ich werde Frau N. darauf ansprechen. Frau B. – mir tut das mit Ihrem Unfall sehr leid. Ich befürchte, dass die von uns induzierte Doppelbelastung daran einen großen Anteil habe – Sie fahren doch immer so umsichtig.“ – „Äääh …“ – „Ich bin mehrfach hinter Ihnen gefahren, als Feierabend war, und Sie waren immer sehr umsichtig.“ – „Ja, das bin ich normalerweise auch. Gestern wohl nicht.“ – „Ja, wahrscheinlich ist diese Mehrfachbelastung schuld.“ – „Aber nein!“ rief ich, obwohl ich ein ähnliches Gefühl hege. 😉 „Ich hätte halt besser aufpassen müssen!“ – „Aber das tun Sie sonst doch. Es tut mir sehr leid!“ – „Jetzt hören Sie aber auf! Sie können nichts dafür – immerhin bin ich gefahren! Ich möchte davon jetzt auch nichts mehr hören.“ – „Na gut.“

Mit Frau N. werde ich auch noch sprechen und mich bedanken, dass sie mich unnötigerweise in eine für mich unangenehme Situation gebracht hat. Ich kenne sie ja nun schon recht lange, wenn wir auch nie direkte Kolleginnen waren. Ich werde jegliche Frage nach ihrem Befinden vermeiden, da ich die Antwort aufgrund jahrelanger Erfahrung ohnehin schon kenne: Seufzen. Stöhnen. Und dann der Satz: „Es geht mir nicht gut …“ Das kenne ich nun schon seit vielen Jahren und staune immer wieder, dass es einem Menschen geschlagene 15 Jahre am Stück nicht ein einziges Mal gut gehen könne …

Da bin ich mit meinem mutmaßlichen 1000-Euro-Schaden am Auto doch noch gut bedient! Und auch, wenn es teurer wird, werde ich auf die Frage, wie es mir gehe, gewiss nicht mit: „Es geht mir nicht gut …“ antworten. 😉 Zumal ich ja nicht Opfer, sondern Täter bin. 😉

Morgen muss ich Zahlungsanweisungen machen und buchen. Drückt mir die Daumen … 😉

Neunzehn Uhr vierzig

Wenn es so weitergeht, wird exakt diese Uhrzeit mein künftiger gewöhnlicher Feierabend sein. Zumindest für die nächsten Wochen – ich hoffe nicht, dass Monate daraus werden …

Denn derzeit gehöre ich zu jenen, die „zween Herren“ dienen. Seit Anfang der Woche sitze ich an meinem neuen Arbeitsplatz – seit der Mittagszeit habe ich einen funktionsfähigen Arbeits-PC (ich ging eigentlich davon aus, dass dieser bereits zu meinem gestrigen Arbeitsbeginn bereitstehen würde – aber ich hatte mich geirrt 😉 ), und es ist immer wieder erstaunlich, worüber man sich freuen kann, wenn es zuvor nicht funktionierte … Ich freute mich heute wie ein Schneekönig, als ich auf meinem Arbeitsdrucker auch endlich drucken konnte … 😉 Zwar funktioniert ein bestimmtes Tool noch nicht, aber ich habe bereits den Zuständigen alarmiert, der hoffentlich morgen Abhilfe leisten wird.

Dabei muss ich jedoch auch noch die Dinge bearbeiten, die ich seit Anfang Oktober auch erst lerne. Kein Wunder, wenn man da etwas länger im Büro sitzt. Schon jetzt fühle ich mich etwas zweigeteilt, tröste mich jedoch mit dem Gedanken, dass vom klassischen Vierteilen betroffen zu sein sicherlich noch schlimmer wäre. 😉 (Ähnlich beliebt in früheren Zeiten wie Teeren und Federn sowie der Scheiterhaufen.)

Gestern stempelte ich mich um 19:40 h aus. Heute desgleichen, und der freundliche Pförtner meinte, als er meiner ansichtig wurde: „Frau B.! Sie gehen aber immer spät in letzter Zeit!“  Ich lächelte, wie ich glaubte, fröhlich, und da meinte er: „O je – so schlimm?“ – „Aber nein, Herr da Silva – alles bestens!“ – „Wirklich? Sie sehen ein bisschen gestresst aus.“ – „Das kommt Ihnen nur so vor. Aber danke der Nachfrage.“

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht nur Herrn da Silva so vorkomme, dass ich irgendwie gestresst wirke. Mir kommt das auch so vor. 😉 Nein, eigentlich habe ich sogar das starke Gefühl, dass dem wirklich so sei. Mein Tipp: Beklagt euch nie über Langeweile am Arbeitsplatz! Denn diese Klagen – wenn auch berechtigt – haben mich erst an diesen 19:40-h-Punkt geführt. 😉

Und im Gefühl, irgendwie zweigeteilt und in beiden Teilen noch recht unzulänglich zu sein, eierte ich zum Parkplatz. Im Dunkeln gekommen, im Dunkeln gegangen. Kenne ich noch aus meinem ersten Semester – Wintersemester – von den Dienstagen, da die erste Vorlesung um 08:15 h begann, die letzte von vier Lehrveranstaltungen um 18:30 h endete. Auch da: Im Dunkeln zur Fron gegangen, im Dunkeln von der Fron heimgekehrt. 😉 Unvergessen.

Und ich hatte heute wieder das typische und übliche Erlebnis, als ich Wischwasser beim kleinen Monty, meinem dunkelblauen Ford Fiesta, nachfüllen wollte, da der Tank heute früh nach dem Enteisen meiner Frontscheibe ganz plötzlich leer war – es hatte sich schon angekündigt. Ich war zwar schon fertig und hatte gerade die Motorhaube wieder einrasten lassen, ja, ich saß sogar schon im Auto, die Tür noch offen, als ein jüngerer Mann des Weges kam, grinste und fragte, ob denn alles in Ordnung sei. Offenbar hatte er mein Tun zuvor schon beobachtet. Und wie üblich äußerte ich meinen bekannten Sermon: „Alles bestens. Ich habe nur Wischwasser nachgefüllt. Sah ich irgendwie hilflos aus?“ – „Nein, aber Sie hatten die Motorhaube geöffnet!“ – „Ja. Sicherlich. Wie sonst sollte ich wohl den Wischwassertank auffüllen? Oder sitzt der bei Ihrem Wagen irgendwo anders als bei anderen Autos?“ Ich klang, glaube ich, ein bisschen nickelig. Es mag daran liegen, dass das Auffüllen des Wischwassers heute eine der wenigen Aktionen war, die mir wirklich perfekt und aus dem Handgelenk gelungen waren – und schon kommt jemand und zweifelt an der Expertise! 😉 Und das nur, weil eine Frau (!) die Motorhaube ihres eigenen Autos geöffnet hat! Ist das etwa Sexismus? 😉 Ich bin mir dessen inzwischen nicht mehr ganz so sicher – bei diesen inflationären Sexismus-Aspekten … (Und teils an ganz falschen Stellen angesetzt …)

Aber ich lenkte rasch ein, als ich den entsetzten Blick des jungen Mannes sah. Ich bin ja kein Unmensch. 😉 Und so riet ich ihm dringend von dem Scheibenreinigungskonzentrat eines Mineralölunternehmens ab, dessen Name an einen sehr großen, jedoch sukzessive schrumpfenden und zwischenzeitlich in mehrere Teile zerfallenen See in Zentralasien erinnert, jedoch damit gar nichts zu tun hat, sondern eher eine Art Akronym chemischen Ursprungs ist. „Wenn Sie das in dem Mischungsverhältnis benutzen, das auf der Flasche empfohlen wird, haben Sie ständig Schlieren auf der Front- und Heckscheibe!“

Der junge Mann lachte und meinte: „Sie gefallen mir! Ich dachte, Sie wären in Schwierigkeiten, als ich Sie da mit offener Motorhaube stehen sah, aber Sie wissen ja genau, was Sie tun!“ – „Und das als Frau,“, ergänzte ich, aber er winkte ab und meinte: „Nehmen Sie es mir nicht übel, aber meine …“ – „… Freundin weiß nicht einmal, wo der Wischwassertank ist. Oder?“ – „Ja, genau! Woher wissen Sie das?“ – „Es ist nicht das erste Mal, dass ich auf diesem Parkplatz Hilfsangebote bekam, wenn ich mit offener Motorhaube dastand. Aber wenn ich zu Hause die Motorhaube öffnen würde, würden gleich diverse Nachbarn mutmaßen, ich hätte wohl ein Problem und direkt angerannt kommen. Demnächst fahre ich am besten in den Wald, wenn ich Wischwasser auffüllen will. Aber bei meinem Glück kommt dann sicher ein Hirsch, so ein Zwölfender, an und fragt, ob ich vielleicht Hilfe brauche. Nehmen Sie es mir nicht übel – ich bin ein Frotzelkopp!“ – „Nee, nehme ich Ihnen nicht übel – ich finde das witzig. Und gleich sage ich meiner Freundin, dass sie das demnächst …“ – „Sagen Sie’s nicht,“, warf ich ein, „das habe ich nun auch schon mehrfach gehört.“ Und wir lachten beide und verabschiedeten uns voneinander.

Danach war ich gleich viel fröhlicher, und so fuhr ich dann auch nach Hause. Und auch morgen werde ich sicherlich wieder um 19:40 h Feierabend machen, vermute ich.

Inzwischen ist immerhin unsere Reinigungskraft eingeweiht, die mich gestern im „alten“ Büro antraf, heute im neuen. In keinem von beiden hatte sie noch jemanden erwartet – nicht um diese Zeit. Sie war extrem überrascht und rief heute aus: „Sie sind offenbar überall!“ – „Nein, keine Sorge. Ich sitze von nun an immer hier.“ Denn inzwischen habe ich ja wenigstens einen funktionsfähigen Rechner auch an meinem neuen Arbeitsplatz! 😉

Bei all dem Stress gibt es jedoch auch einen Vorteil, denn jede Medaille hat ja zwei Seiten: Wenn es so weitergeht, bin ich in wenigen Tagen im Plus, was meine Arbeitsstunden anbelangt. Aber das ist auch eine meiner Lebenseinstellungen: Man muss allem auch etwas Positives abgewinnen können! Und – wer weiß? – vielleicht bin ich auch bald wieder in der Lage, Überstunden abzufeiern. Derzeit sieht es zumindest so aus … 😉

Dieser Abschied fällt wirklich schwer

Morgen ist mein letzter Tag in meinem Büro, in dem ich seit Anfang Oktober sitze. Also noch gar nicht so lange. Aber dieser Abschied fällt mir fast schwerer als der von meinem vorherigen Büro.

Noch bevor ich Kerstin kennenlernte, hörte ich über sie, dass sie „hart, aber herzlich“ sei. Mir rutschte das Herz in die Hose, und ich war froh, dass mein erster Arbeitstag an neuer Stelle gleichzeitig ihr letzter Urlaubstag war. So konnte ich mich erst einmal ganz bescheiden einrichten, und es würde nicht gleich zu einer Klopperei kommen … 😉

Am nächsten Tag war ich ein wenig nervös, als ich meine neue Arbeitsstätte betrat. Als ich das Büro meines Chefs passieren wollte, sah ich, dass die Tür offenstand. Ich trat hinzu und wollte meinem neuen Chef einen guten Morgen wünschen. Aber da stand schon jemand … 😉 Und so schmetterte ich ein lautes: „Guten Morgen!“ von meiner Position aus in sein Büro. Mein Chef rief: „Ah! Frau K. – da lernen Sie Ihre neue Kollegin gleich kennen! Frau K. – das ist Frau B.! Frau B. – das ist Ihre neue Bürogenossin, Frau K.!“ Und „Frau K.“ drehte sich um. Ich sah eine Frau, die um einiges größer als ich ist, keine Kunst – und ich sah sofort: „Das wird entweder total gut- oder völlig in die Hose gehen.“ Sehr herausfordernder Blick, und ich glich meinen gleich an – ich war ja ohnehin schon „vorgewarnt“. Aber freundlich, und wir zogen gleich in unser Büro ab und beschnupperten einander zunächst. Die Wände sind recht dünn, und wenn wir auch heute immer hören, wenn der Chef Besuch hat, sogar einzelne Stimmen unterscheiden und Personen zuordnen können, so herrschte doch in diesen ersten Momenten absolute Stille aus seiner Kemenate. Ich frage mich, womit er gerechnet hatte: katzenartiges Kreischen bei Nichtgefallen, wüstes Knurren und finstere Kampfgeräusche, wie man sie von rivalisierenden Hunden kennt? 😉

Wir saßen die ersten Tage freundlich, aber noch ein bisschen fremdelnd einander gegenüber, aber da wir beide Raucherinnen sind, ging die Gewöhnung aneinander recht schnell, da Kerstin in regelmäßigen Abständen meinte: „Was meinst du – sollen wir eine rauchen gehen?“ – „Na klar- wieso nicht?“ rief ich dann immer. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, in den allerersten Tagen das Heft an mich zu reißen und zuerst zu fragen. 😉 Das war ja ihr Büro – sie dort die Dienstältere. Ich die biologisch Ältere – es liegen durchaus ein paar Jahre zwischen uns. 😉

Und da wir beide gern und viel reden, außerdem noch ganz ähnliche Einstellungen vertreten und ähnlich impulsiv sind, verstanden wir einander schnell recht gut. 😊

Inzwischen so gut, dass ich Kerstin eine „Knalltüte“ nennen kann, wenn sie allzu impulsiv ist, ich aber keineswegs böse bin, wenn sie mir sagt: „Boah! Du bist manchmal echt krass in dem, was du so sagst! Alles in Ordnung? Obwohl … ich verstehe dich!“ Ich verstehe sie auch. Daher die „Knalltüte“. Ich kenne das alles. 😊

Gestern, am Mittwoch, rührte sie mich sogar, als sie sagte: „Noch drei Tage.“ – „Was dann?“ – „Dann bist du nicht mehr hier … Ehrlich, Ali – ich hatte Angst vor deiner Ankunft! Der Chef meinte, du seiest ein paar Jahre älter als ich, und ich hatte Angst, du würdest mir deswegen Vorschriften machen wollen! Aber du bist ja ganz anders, und mir tut es total leid, dass du gehst!“ – „Mir auch,“, gab ich zurück, und da meinte sie: „Wir wollen uns die letzten drei Tage aber richtig schön machen! Oder?“ – „Ja, klar,“, rief ich zurück und kniff ihr ein Auge zu. Und ich fügte hinzu: „Was meinst du – sollen wir eine rauchen gehen?“ Sie grinste und meinte: „Klasse Idee – hätte von mir sein können!“ Was die Frage nach dem Rauchen anbelangt, sind wir inzwischen gleichberechtigt. 😉
Ich werde jedenfalls nie vergessen, wie nett sie reagierte, als ich nach meinem MRT-Termin anrief, mich unter Umständen sogar abholen und nach Hause fahren wollte – das fand ich richtig klasse! Dabei kannten wir einander damals erst knapp sechs Wochen lang.

Und ganz besonders nett war das erste Mitarbeitergespräch mit unserem Dezernenten, den ich ja schon sehr lange kenne. Er meinte: „Ihr beide scheint ja recht gut zusammenzupassen. Oder? Kommst du mit Kerstin gut klar?“ – „Ja, tue ich.“ – „Dachte ich mir schon. Ihr habt beide eine große Klappe.“ – „Ja, danke!“ – „Ganz ehrlich: Ich habe Kerstin neulich auch schon gefragt, ob sie mit dir klarkomme.“ – „O je – was hat sie gesagt?“ – „Sie meinte: ‚Passt super. Sie redet nur sehr viel.‘“

Ich brach in apokalyptisches Gelächter aus, und der Dezernent meinte, ebenfalls lachend: „Aber da meinte sie auch schon: ‚Auf der anderen Seite: Das tue ich ja auch!‘“ Da lachte ich noch mehr, denn das stimmt – wir reden beide sehr gern. Und schnell. Und ich fand es einfach nur sympathisch, dass sie gleich gestand, dasselbe Laster – neben dem Rauchen – zu haben. 😉

Als ich vom Gespräch zurückkam, saß Kerstin da ein wenig unsicher, und sie legte auch gleich los: „Ali, ich habe unserem Chef gesagt, ich käme hervorragend mit dir klar. Das stimmt ja auch. Aber ich habe gesagt, du würdest viel reden. Dabei tue ich das auch. Hat er dir sicher gleich auf die Nase gebunden, oder?“ – „Nein. Hat er nicht. Ist mir völlig neu! Aber interessant …“ gab ich vermeintlich gekränkt von mir. „Ali, ich meinte das nicht böse – es ist einfach nur so, dass ich nicht gewohnt bin, dass andere auch so viel reden …“ – „Ja, ist schon okay …“, gab ich zurück. Aber dann konnte ich nicht mehr und brach in lautes Gelächter aus. Kerstin saß da, starrte mich irritiert an, und dann schrie sie: „Boah! Du Arschloch! Der hat dir das sofort gesagt, ne?“ – „Nicht sofort – wir haben vorher noch zwei oder drei andere Sätze gewechselt.“ – „Und ich mache mir hier Gedanken! Boah, du bist ja echt arschig! Und lachst dann auch noch!“ – „Ja, soll ich weinen?“ – „Nee, bitte nicht!“ Und dann lachte sie noch lauter als ich.

Ja, wir raunzen einander manchmal an – sie bezichtigt mich öfter, nicht ganz gar zu sein, während ich ihr vorwerfe, einen an der Murmel zu haben. Das übrigens immer dann, wenn wir einander im Grunde spiegeln, es aber um Himmels Willen nicht wahrhaben wollen. 😉

Morgen ist der letzte Tag mit Kerstin im Büro. Ich kenne sie noch nicht lange, aber sie wird mir fehlen. Sie ist so herzerfrischend ehrlich und geradeheraus. 🙂

Von Ausständen und Umzügen

Heute war mal wieder ein interessanter Tag. Um kurz vor 7 stand ich bereits senkrecht im Bett, als direkt neben mir – zumindest klang es so – eine Kettensäge, die Bohrmaschine des Grauens oder ein vergleichbares Folterinstrument in Betrieb genommen wurde. WROOOAAAAM! Es klang wie der grässliche Laubbläser eines besonders ordnungsliebenden Nachbarn aus dem Nebenhaus, der sogar seine Garage – gefliest – jeden Samstag feucht wischt.

Unsere Wände hier scheinen recht dünn zu sein, denn eigentlich wird derzeit die Wohnung unter meiner renoviert, da die alte Dame, die unter mir wohnte, inzwischen alleine nicht mehr zurecht- und in ein Pflegeheim kam.

Fluchend stand ich auf – bei dem infernalischen Lärm wollte nicht einmal ich im Bett liegenbleiben. Muss man mit derart lauten Arbeiten um kurz vor 7 beginnen? Dann, wenn ich gerade einen so wunderschönen, fluffigen Traum habe? Fand ich unverschämt, wenn ich natürlich auch Verständnis dafür habe, dass die Arbeiten gemacht werden müssen. Aber um kurz vor 7 gleich so viel Lärm? Knurrend begab ich mich ins Bad, dabei den Blick in den Spiegel meidend. 😉 Weiterhin knurrend, was jedoch durch den ohrenbetäubenden Lärm von unterhalb meines Fußbodens übertönt wurde, machte ich mich zurecht, und alsbald verließ ich die Stätte des (akustischen) Grauens. Ich bin ein Geräuschsensibelchen – laute Geräte, laute Geräusche finde ich grauenhaft; so grauenhaft, dass ich am letzten Samstag – ich musste zu meinen Eltern – schon viel früher dorthin fuhr, als ich geplant hatte. Genauer: Es handelte sich eher um eine Flucht. 😉

Es erinnerte mich an eine Begebenheit von vor diversen Jahren, als ich einmal meine damalige Wohnung in der Nähe von Düsseldorf fluchtartig verließ, weil ich sonst unter Umständen einen Doppelmord begangen hätte. 😉  Ich beherbergte damals ein Wellensittichpärchen, Julius und Jakobine, die just an jenem Tage beschlossen hatten, sich völlig verstrahlt zu benehmen und extrem enervierend dauerzuschreien, und das in einer Art, die selbst geduldigere Menschen als mich zu mordlüsternen Gewaltphantasien bewogen hätte. Nun, so werdet ihr jetzt sagen, was will die dumme Nuss! Da legt man einfach ein Tuch oder eine Decke drüber – schon herrscht Stille! Jaaa – in der Theorie und durchaus auch oft in der Praxis funktioniert das auch, und die treuen Tiere glauben dann, es wäre Nacht … Nicht so an jenem Tage, denn natürlich hatte ich bereits längst der beiden Nervensägen Decke über den Käfig geworfen, die leider nicht dick genug war, das schrille und nervenzerreißende Gekreisch dieser beiden gefiederten Sargnägel merklich zu dämpfen. Ich sprach mit lieblicher Stimme zu den beiden türkisfarbenen bzw. blauen Wechselbälgern, ich schimpfte, ich flehte – nichts half. Nach etwa eineinhalb Stunden raffte ich meine Sachen zusammen und floh aus der Wohnung – Mordgedanken hatten sich meiner bemächtigt. Obwohl … Sicherlich hätte man auf Totschlag, Tötung im Affekt plädieren können, wäre es soweit gekommen … 😉

Garantiert würden sich die beiden kleinen Landplagen schämen, sobald sie sähen, was sie angerichtet hatten! Ihre Futterverdienerin und -geberin vertrieben durch impertinentes Gekreisch, dessen Ursprung sicherlich nur langjährigen – möglicherweise schwerhörigen – Ornithologen plausibel war. Als ich drei Stunden später wieder heimkehrte – ich hatte zwischenzeitlich eine Freundin besucht oder Asyl gefunden -, war Ruhe im Karton. Herrlich! (Von jedweder Scham leider nichts zu bemerken …) Was dann – später – half, ist bezeichnend für die Lernfähigkeit von Papageien, egal, wie groß oder klein sie sind. Denn wann immer die beiden kleinen Stinker mal wieder über die Stränge schlugen – lärmtechnisch gesehen -, musste ich nur noch laut und streng: „Bierteig!“ rufen – schon waren sie weitgehend still. „Bierteig“? Ja, richtig. Denn ich war eines Tages in einem chinesischen Takeaway gewesen und hatte dort gesehen, wie gerade Garnelen in Bierteig zubereitet und ausgebacken bzw. frittiert wurden. Alles in diesen Teig gehüllt, nur die Schwanzspitze lugte aus dem Teig heraus – sofort assoziierte ich Julius‘ und Jakobines Schwanzfedern … 😉 Und als die beiden eines Tages mal wieder auf die Kacke hauen wollten, schnauzte ich sie an: „Wenn ihr so weitermacht, werdet ihr in Bierteig getunkt und frittiert! Hier ist jetzt Ruhe! Verstanden? Merkt euch ‚Bierteig‘!“ Ich gebe zu, ich hatte nicht an einen Erfolg geglaubt – aber irgendwie funktionierte es. Sobald ich laut und streng dieses Wort rief, war Ruhe im Puff. Wahrscheinlich lag es an jenem besonderen Klang, den meine Stimme dabei annahm … 😉 (Und für alle tierlieben Menschen: Niemals hätte ich so etwas gemacht! Aber es half, die beiden zur Räson zu bringen. Und man sagt, im Krieg und in der Liebe seien alle Mittel erlaubt. Wobei ich bei meinen beiden kleinen Hausgenossen nie so recht wusste, ob das nun Liebe oder nicht vielleicht doch schon Krieg sei. Die Grenzen sind ja manchmal fließend. 😉 )

Schnell ins Auto gestiegen, und ab zur Arbeit. Sogar dort wollte ich lieber sein als in diesem akustischen Inferno, das sich Zuhause nennt!

Da man sich morgens immer erst akklimatisieren muss, trifft man bei der Arbeit ein, gingen Kerstin und ich erst einmal eine rauchen, und ich nahm die Kanne meiner Kaffeemaschine mit, um im Anschluss Wasser für den morgendlichen Retter, den einzig wahren Wecker, zu holen.

Auf dem Weg zur Küche trafen wir auf Frederick, den Systemadministrator, und er grinste und meinte: „Ali, ich weiß, was du heute Abend machst!“ Ich starrte ihn irritiert an. Er wusste, was ich am Abend machen würde? Spontan fiel mir der Titel eines älteren Films ein, der da lautet: „Ich weiß, was du letzten Sommer gemacht hast“, und ich meinte zu Frederick: „Hast du dir inzwischen eine Kristallkugel zugelegt? Oder eine Fortbildung gemacht? Wie errate ich die privaten Pläne meiner Kollegen?“ Frederick lachte und meinte: „Hast du dir denn schon für morgen einen Tag Urlaub genommen?“ – „Wie meinen?“ – „Naja, ich weiß, dass du heute Abend mit Lydia Cocktails trinken gehst!“ – „Einen Cocktail – ich wollte mich nicht abschießen! Und woher weißt du das schon wieder?“ – „Ich habe vorhin mit Lydia gesprochen, als die etwas in der Personalabteilung abgeben wollte, und da erwähnte sie es.“

Da ich mich mit Lydia, meiner langjährigen Arbeitskollegin, die vor zwei Jahren intern die Stelle wechselte, öfter treffe, ahnte ich etwas, und ich grinste und meinte: „Dann wird sie wohl heute Abend etwas zu erzählen haben.“ – „Ja, das denke ich auch,“, meinte Frederick, „und sicherlich habt ihr sehr viel Spaß, wie ich euch kenne!“

Kurz darauf kam dann eine Mail von Lydia, in der sie verkündete, heute sei ihr allerletzter Arbeitstag bei unserem Arbeitgeber, und sie bedanke sich für die gute Zusammenarbeit. Ich grinste und freute mich für sie. Sie hatte schon längere Zeit andere Pläne gehabt, und mich freute, dass diese nun wohl in Erfüllung gehen würden.

Und vorhin saßen wir zusammen, lachten viel, laut und ein bisschen dreckig bei einem Aperol Spritz und einem Lillet Wild Berries (mit Himbeeren – ich hätte mich hineinlegen können …). Ich hatte von Lydias Plänen gewusst, und ich freute mich für sie. Auf der anderen Seite ist mir ein wenig wehmütig ums Herz – sie wird fehlen. ☹ Aber da es ein fröhlicher Ausstand sein sollte, tranken wir noch einen zweiten Aperol Spritz und Lillet Wild Berries und lachten danach noch viel dreckiger. 😉

Lydias Einstand habe ich damals – 2005 – nicht mitbekommen, da ich im Krankenhaus lag. Dafür habe ich aber schon zwei Ausstände von ihr miterlebt. Und mir steht am kommenden Montag der dritte Umzug bei meinem Arbeitgeber bevor, zwei davon binnen recht kurzer Zeit. Ich hasse Umzüge, und sei es auch nur beim Arbeitgeber und nur von einem Büro in ein 20 Meter weiter entferntes. Ich bin nun einmal kein Nomade. 😉

Auf alle Fälle haben Lydia und ich heute beschlossen, uns bald wieder zu treffen – wir bleiben in Kontakt. 😊