„Just one more minute, Mrs B., please!”

Heute ist eine große Last von mir abgefallen. Denn heute habe ich nicht nur meinen neuen Arbeitsvertrag unterzeichnet, nein, es fand auch noch die Abschlussklausur meines Seminars an der Uni einer der Nachbarstädte statt!

Das bedeutet, dass ich künftig montags nicht mehr mit den Hühnern aufstehen muss (was mir heute nicht einmal gelang – böse Minusstunden zusätzlich zu denen, mit denen ich nun ohnehin schon seit geraumer Zeit ringe, und sie werden mal weniger, dann wieder mehr …), sondern wie jeder normale Mensch bis 7 Uhr schlafen kann – wenn ich das denn will. (Und das will ich auf alle Fälle – wenn nicht darüber hinaus!) Ich tue mich doch so schwer mit dem frühen Aufstehen! 😉

Schon beim Fertigmachen im Bad festgestellt, dass es ein schwieriger Tag werden würde – meine blöden Haare wollten nicht so, wie ich wollte, und wenn ich mich jetzt so betrachte, frage ich mich, wieso sich die Spitzen nach außen statt nach innen biegen. Liegt es an der Feuchtigkeit, die draußen herrscht? Bekomme ich endlich die seit meiner Kindheit heißbegehrten Locken? Oder habe ich einfach einen bad hair day? Obwohl – das sieht eigentlich gar nicht so schlecht aus. Ich sollte morgen früh versuchen, das gleich so … Stop! Wenn ich versuche, das, was höhere Mächte bzw. das Wetter – was aufs Gleiche herauskommt – aus meiner Frisur gemacht haben, künstlich herzustellen, wird es garantiert nicht gelingen. Und wenn ich dann versuche, den misslungenen Versuch wieder zu korrigieren, komme ich garantiert erst um 10 Uhr bei der Arbeit an. Geht ja gar nicht! 😉

Als ich bei meiner Hauptarbeit ankam, bin ich zuerst zur Pförtnerin gestürzt, denn ich hatte am Samstag festgestellt, dass ich ein Päckchen von einer bekannten Parfümeriekette irrtümlich nicht zu mir nach Hause, sondern an den Arbeitsplatz hatte schicken lassen. Der Paketdienst hatte mir gemeldet, am Samstag komme mein Päckchen an! Und da kam nichts … Ich wollte erst auf den Paketdienst schimpfen, beschloss dann jedoch, lieber noch einmal nachzusehen. Und da dann die Erkenntnis, dass ein hellblaues Päckchen mit dem Parfümerie-Logo wahrscheinlich gerade bei meinem Arbeitgeber abgeliefert wurde! Hoffentlich war Herr Filipowski nicht im Dienst, wenn ich es abholen müsste! Denn Herr Filipowski ist sehr streng und schimpft stets, wenn man sich private Päckchen an den Arbeitgeber schicken lässt. Das mag Herr Filipowski gar nicht – wie er so vieles andere nicht mag und immer meint, die Menschen, deren Chef er nicht ist, erziehen zu müssen. Und ich hatte keine Lust auf eine erneute Standpauke von Herrn Filipowski – zu viele hatte ich schon über mich ergehen lassen müssen. Zwar „funktioniere“ ich noch immer nicht so, wie Herr F. sich das vorstellt – aber gelernt habe ich doch daraus: Ich vermeide nach Möglichkeit, damit konfrontiert zu werden. Und seit ich die Stelle gewechselt habe, habe ich mit Päckchen und sonstigen Sendungen so gut wie gar keine Last mehr. Nur eben heute …

Zum Glück hatte heute früh Liselotte, die nette Pförtnerin, Dienst, und sie lachte, als ich meinte: „Liselotte, ich habe mir versehentlich ein Päckchen hierherschicken lassen, das eigentlich …“ – „Ja, ich hatte dich auch schon angerufen, aber du warst noch nicht da. Ich dachte: ‚Ruf sie mal lieber früh an, damit sie das Päckchen abholt, bevor sie wieder eins aufs Dach bekommt!‘ Denn mein Kollege Filipowski hat heute Nachmittag Dienst.“ – „Danke, Liselotte – wo muss ich unterschreiben?“ – „Hier, auf der ersten Seite.“ Und Liselotte sah mich neugierig an und fragte: „Was ist denn drin?“ – „Nix Revolutionäres – nur ‚Roberto Cavalli‘. Der letzte Flakon ist kürzlich leer geworden.“ Und ich unterschrieb, und wir verabschiedeten uns voneinander.

Der Arbeitstag war durchwachsen. Am Freitag hatte ich die Kasse gemacht, sogar ein aktuelles Kassenbuch angelegt, und als Erstes brachte ich das Ergebnis in die Finanzabteilung. Ich hatte sogar alles richtig gemacht! 😉

Gegen Mittag verschwand ich dann Richtung Nachbarstadt, und das im Bewusstsein, dass ich heute noch später nach Hause kommen würde, als ich dies montags ohnehin schon tue. Oder – seit heute – tat. Kurz: Ich war schon genervt, als ich hinfuhr … 😉

Aber die Studis waren nett, und als ich eintraf, saßen sie schon alle brav im Seminarraum. Einige Englisch-Englisch-Wörterbücher sah ich daliegen – das einzige Hilfsmittel, das sie benutzen dürfen. Und schon nahm die Abschlussklausur ihren Lauf.

120 Minuten sollte sie dauern, wobei ich mich selber frage, wozu die lange Zeit … Es geht nicht um Raketenwissenschaft, auch wenn es ein fachsprachliches Seminar ist. 😉 (Denn Raketenwissenschaft und ich sind zwei Welten, die aufeinanderprallen würden. 😉 )

Nun sollte man meinen, dass ich bei der ganzen Sache einen lauen Lenz hätte. Doch nein. Denn der erste der drei Aufgabenbereiche ist eine Hörverständnisaufgabe, bestehend aus zwei Teilen und zwei Texten. Da ich bei der diesmaligen Klausurrecherche und -vorbereitung keinen geeigneten Podcast gefunden hatte, nur zwei blanke Texte, musste ich wohl oder übel selber vorlesen. Und ich war heute offenbar schwach bei Stimme …

Der erste Aufgabenteil erstreckte sich insgesamt über eine etwas zu lange Zeit, was daran lag, dass die Vorleserin, von jedwedem Studi seit 2008 nur „Ms B.“ bzw. „Mrs B.“ genannt, bei der ersten Vorleserunde des ersten Texts einen eklatanten Hustenanfall erlitt, sich wieder fing, dann aber in der zweiten Runde des zweiten Texts mit dem zu kämpfen hatte, was umgangssprachlich als „Frosch im Hals“ bekannt ist. „Ms“ bzw. „Mrs B.“, ergo ich, sank erleichtert auf den Stuhl hinter dem Dozentenpult, als das anstrengende Vorlesen endlich sein Ende gefunden hatte. Ab da musste sie nur noch ein genaues Auge auf die Studis haben – nicht, dass da einer spickte! 😉

Wenn ich ganz ehrlich bin, hätte ihnen Spicken ohnehin nicht genutzt, und so saß ich an meinem Dozentenplatz, warf ab und an einen mehr oder minder strengen Blick in die eifrig schreibende Runde (keiner spickte!) und spielte die meiste Zeit „Exchange“ auf dem PC im Seminarraum, hatte aber immer einen Blick auf die Studis und war stets bereit, Fragen zu beantworten.

So auch die von Tobias gestellte: „Was würden Sie empfehlen: Wann sollen wir mit der dritten Aufgabe anfangen?“ Ich stutzte. Wie meinen? Und dann grinste ich und meinte: „Rein rational würde ich empfehlen: dann, wenn Sie mit der zweiten Aufgabe fertig sind.“

Die Studis – bis auf Tobias und die nicht-deutschsprachigen Erasmus-Studenten – lachten, und Stina schrie begeistert: „Eine echte Frau-B.-Antwort! Boah, Tobias! Was soll sie denn darauf antworten? ‚Fangen Sie exakt um 17:17 h damit an‘?“ Und sie schüttete sich vor Lachen fast aus.

Ich lenkte dann ein, obwohl ich schon öfter hatte feststellen müssen, dass Stinas und mein Humor Hand in Hand gehen, und meinte: „Tobias, ich habe für die dritte Aufgabe maximal eine halbe Stunde vor Augen gehabt. Man kann sie aber auch in 20 Minuten lösen.“

Und die Zeit tat das, was sie immer so zuverlässig tut: Sie schritt voran. Netterweise waren diverse Studis tatsächlich schon vor 18 h fertig. Aber einige saßen noch da und sahen aus, als bissen sie auf Hühnerkacke. Ich schlug großzügig noch zehn Minuten drauf. Wie gesagt: Es ist keine Raketenwissenschaft, und ich bin nicht päpstlicher als der Papst. Es geht darum, dass sie fachsprachliches Englisch können, dass sie sich in ihrem Fach ausdrücken können. Ich bin ja keine Lehrerin in dem Sinne. Ich freue mich, wenn sie sich trauen, das, was ich ihnen fachsprachlich beibringe, aktiv und ohne Scheu anzuwenden. 😉

Gegen Ende der draufgeschlagenen zehn Minuten hörte ich hie und da noch verzweifelte Schreie: „Just one more minute, Mrs B., please!“ Eine Minute, ja, die gab ich auch noch drauf, aber dann ordnete ich an, dass nun alle „Schreibgeräte“, wie mein Deutschlehrer das immer genannt hatte, niedergelegt werden müssten, und „brutal“ sammelte ich alle Klausuren ein. Ich bin mir ohnehin sicher, dass sie alle bestanden haben – es war ein sehr guter Kurs, und niemand muss sich ernsthafte Sorgen machen. 😊 (Obwohl ich allen Ernstes auf einem Tisch „Bachblüten-Rescue-Bonbons“ entdeckte … So schlimm bin weder ich, noch sind es meine Klausuren, dass man dafür „Rescue-Bonbons“ benötigte! 😉 )

Nett war, wie sich just die, von denen ich es nicht erwartet hätte, von mir verabschiedeten. Und wie jedes Mal war es so, dass ich einerseits froh war, das Semester geschafft zu haben, es mir aber auch leidtut, die Leute nicht mehr zu sehen. Da bin ich halt ein bisschen sentimental. Wie sonst auch. 😉

Und nun muss ich die Klausuren korrigieren. Das macht keinen Spaß, wenn man auch manchmal Überraschungen erlebt – negativ wie positiv.

Euch eine schöne Woche! 😊

33 Gedanken zu “„Just one more minute, Mrs B., please!”

  1. Chaosvater schreibt:

    ich kann mir vorstellen, dass es ‚ein gutes Semester‘ war ….. ich musste immer nur pauken, büffeln, schuften, lernen und Klausuren abliefern; ohne Humor und mit nicht einem einzigen Lachen ….
    wie sich doch die Zeiten ändern!

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