Alis erstes Mal …

… im Kino. (Also, das erste Mal, dass ich einen Film im Kino sah … 😉 )

Ich habe mir vorhin erstmalig einen Film auf einem Kanal angesehen, den ich sonst nie auswähle: den Disney Channel. Es hatte historische Gründe. 😉

Mein erster Film in einem Kino war Das Dschungelbuch von Disney. Da war ich noch reichlich klein. Ziemlich klein. Also etwa drei Jahre alt oder so. Und man hatte überlegt, dass die Zeit reif wäre, mich mit dem, was man Kino nennt, vertraut zu machen. Meiner Mutter, die nie eine Helikoptermutter war, was ich noch heute an ihr sehr schätze, weswegen wir – zumeist – auch gut miteinander klarkommen, war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, der den süddeutschen Teil meiner Familie überfiel, als wir gerade dort waren. Denn sie wusste, dass ich mich nicht nur im Dunkeln fürchtete, sondern auch bei anderen Dingen bisweilen eine kleine Bedenkenträgerin war.

Besichtigung des Münsteraner Doms? Da, wo eine überlebensgroße Statue des Heiligen Christophorus steht? Man hatte es einst mit Magenschmerzen ausprobiert, war ich doch bei vergleichbaren Gelegenheiten zuvor schon mal in Tränen ausgebrochen, hatte jedoch beschlossen, dass Kinder am besten frühzeitig mit den Dingen des Lebens konfrontiert werden müssten, auch wenn es nicht immer angenehm sei – allzu Großes, Übernatürliches überforderte mich offenbar in dem Sinne, dass es mir Angst einjagte.

Der Heilige Christophorus damals in Münster schien mich auch zu faszinieren, wie auch immer, denn ich stand wie festgetackert davor, die Statue sehr skeptisch betrachtend. Meine Mutter sah es und kam lieber schnell zu mir, bevor ich mich in eine Sirene verwandeln konnte, was in einer Kirche nicht immer so gut ankommt. Und ich – so sagt sie – hätte sie gefragt: „Was ist das da?“ – „Das ist der Heilige Christophorus mit dem Jesuskind auf dem Arm.“ – „Was hat der da in der Ha-hand?“ – „Einen Baum.“ Langes Schweigen von meiner Seite, aber wohl mindestens eine hochgezogene Augenbraue. Dann, so meine Mutter, die inbrünstige Frage von meiner Seite: „Kaputt, ne?“ Bis heute weiß keiner, was ich damit meinte: den Baum, den Heiligen Christophorus oder das Jesuskind. Wie ich mich einschätze, wenn ich so zurückdenke, wollte ich wohl wissen, ob diese drei Gestalten, der Heilige, das Kind und der Baum nicht gleich zum Leben erwachen und von ihrem Standort herunterkommen würden … Allzu bedrohlich wirkte es auf mich. 😉

Da ich schon mehrfach an Orten, die ich als verunsichernd betrachtete, zu weinen begonnen hatte – und kleine Kinder können erschreckend laut weinen -, hatte meine Mutter ziemliches Muffensausen vor dem erstmaligen Kinobesuch. Da sie aber zum Glück immer sehr natürlich mit meiner Schwester und mir umging, erklärte sie mir möglichst beiläufig, dass es im Kino dunkel sei, aber dann ein total schöner Film gezeigt werde – schöne Bilder, die mir sicherlich gefallen würden. Ich nahm es wohl recht gelassen zur Kenntnis. 😉

Man brachte mich ohne Probleme in den Kinosaal – erstes Aufatmen. Aber da war es ja noch hell. Dann wurden die Türen geschlossen, und das Licht ging aus. Meine Mutter muss Blut und Wasser geschwitzt haben … Aber kein Ton von mir, auch während des Vorfilms nicht.

Dann begann der Hauptfilm, und auch da zunächst kein Piep von mir. Meine Mutter saß auf heißen Kohlen – schon im nächsten Sekundenbruchteil könnte sich die trügerische Ruhe in ein Inferno von Geheul, Schluchzen, als garte ich am Bratspieß, und Geplärr wandeln …

Aber konsequentes Schweigen von meiner Seite, obwohl es zuvor schon einige Szenen gegeben hatte, da im Kino gelacht wurde. Nicht ein Ton von mir …

Und dann eine völlig unspektakuläre Szene, da es im Kinosaal still war. Da muss ich wohl irgendetwas Lustiges entdeckt haben, denn plötzlich wurde die Stille von einem hellen Kleinkindlachen unterbrochen, das gar nicht abreißen wollte. Zunächst herrschte wohl erstauntes Schweigen – und dann lachte der ganze Kinosaal.

Ab diesem Moment war der Bann gebrochen, und meine Mutter atmete auf und konnte – sie hat ein Faible für gute Comics und Zeichentrickfilme – den Film auch genießen. Ihre kleine Heulboje zum Glück selber begeistert … 😉

Viele Jahre später, ich war Erstsemester in Aachen, wurde der Film im Bavaria am Holzgraben gezeigt. Seit vielen Jahren das erste Mal, dass ich diesen allerersten Film meiner „Kinokarriere“ sehen konnte. Die 20-Uhr-Vorstellung war bereits ausverkauft, und meine damals beste Freundin Sonja und ich mussten auf die 17-Uhr-Vorstellung ausweichen. Die Kindervorstellung. Aber da wir „Erstis“ waren, waren ja auch wir irgendwie noch „Kinder“. 😉

Und es war so süß! Außer uns und einigen wenigen versprengten mehr oder minder Erwachsenen ohne Familienanhang saßen nur Mütter und Väter mit ihren kleinen Kindern im Kinosaal. Rechts neben mir eine Mutter mit ihren zwei kleinen Söhnen. Der jüngere etwa so alt wie ich damals bei meiner „Dschungelbuch-Premiere“. Und offenbar recht frühreif, denn er flirtete heftig mit mir. Seine Mutter sah mich, grinste und meinte: „Ach, du Scheiße – der fängt schon früh an und steht ganz eindeutig auf Blond! Aber er hat Geschmack!“ Ich grinste zurück und bedankte mich.

Dann ging das Licht aus, und der Film nahm seinen Lauf. An der Stelle, da Balu, der Bär, mit Shir Khan kämpft, um Moglis Leben zu retten und dabei getötet worden zu sein scheint, herrschte atemlose, gelähmte Stille im Saal. Man hätte wohl eine Stecknadel fallen hören können, und als es wirklich unumkehrbar schien, hörte man von rechts, links, vorn und hinten lautes Schluchzen. Balu war halt der Held aller Kinder – und nun sollte er tot sein? Sogar mir stahlen sich angesichts der so echten Trauer der kleinen Kerlchen einige Tränen in die Augen, obwohl ich es doch besser wusste: Balu war nicht tot – doch nicht Balu, dieser liebenswerte Spinner! 😊

Und als der Film dann zu Ende war – Balu lebend und Shir Khan verjagt -, lachten wieder alle: Das Gute hatte gesiegt!

Heute Abend rief Mama mich an und meinte: „Ali, auf dem Disney Channel kommt Das Dschungelbuch. Falls du es sehen möchtest … Ich werde mir den Film auf alle Fälle ansehen – den ersten Teil habe ich damals ja gar nicht richtig sehen können. Blut und Wasser habe ich geschwitzt! Und danach hatte ich nie wieder Gelegenheit … Manche Dinge kann man im Leben nachholen.“

Ich lachte und habe mir den Film dann auch angesehen, diesen Film, der noch heute so nett ist. 😊 Zumindest steht er bis heute bei mir sehr weit oben auf meiner persönlichen Liste der beliebtesten Filme. 😉

Euch ein schönes Wochenende! 😊

19 Gedanken zu “Alis erstes Mal …

  1. Chaosvater schreibt:

    soweit ich weiss war mein erster Film: „Helga – die Frau, das unbekannte Wesen.“ Ob ich allerdings geweint hatte ob der Szenen, die mich förmlich aus den Socken hauten, kann ich nicht mehr sagen. Vom Kino zu meinem Elternhaus waren es ca. 400 Meter (direkter Weg). Da ich ja gar nicht (also für meine Erziehungsberechtigten) im Kino, sondern bei Wolfgang war, musste ich zunächst einmal ca. 2 km Umweg laufen, um dann, direkt von Wolfgang, den Heimweg anzutreten. Ich brauchte diesen Weg aber auch, um das alles zu verarbeiten.
    Es erschloss sich mir eine vollkommen neue Welt! Frauen sah ich ab diesem Tag mit absolut anderen Augen!

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