Steht da was auf meine Stirn geschrieben, das ich nicht sehe …?

Ich weiß nicht, wie es bei euch ist, aber ich habe manchmal ein kleines Problem mit den lieben Mitmenschen. Beileibe nicht allen, behüte!

Es ist eher eine spezielle Art Mitmensch, und das ist keineswegs böse oder abträglich gemeint. Meist begegne ich ihr in öffentlichen Verkehrsmitteln …

Vergangenen Montag, als ich von meiner Dozentenfron kam und an meinem Umsteigebahnhof auf die S-Bahn wartete, müde und froh, endlich nach Hause zu fahren, passierte es erneut: Ein jüngerer Mann, der mir schon vorher aufgefallen war, weil er wie ein Tiger im Käfig – oder Rainer Maria Rilkes Panther – auf dem Bahnsteig hin und her schlich, fing an, mich zu umkreisen. Und ich wollte doch einfach nur da stehen … Mich irritierte das Gekreise, und ich nahm meine Tasche und entfernte mich einige Meter. Kurz darauf wurde ich erneut umkreist. Ich entfernte mich zum zweiten Male, aber es war wie beim ersten Mal nicht von Erfolg gekrönt.

Und so erhob ich meine Stimme und sagte: „Können Sie mir sagen, warum Sie mir folgen und mich umkreisen, wie die Erde die Sonne umkreist? Es stört mich, und ich hätte gern meine Ruhe. Kreisen Sie, bitte, woanders.“ – „Ich darf sein, wo ich will.“ – „Und ich habe durchaus Anspruch darauf, hier zu stehen, ohne dass man mir folgt und um mich herum zirkuliert. Hören Sie: Es stört mich. Zirkulieren Sie an einer anderen Stelle, bitte. Der Bahnsteig ist lang und breit genug.“

Daraufhin erklärte mir der jüngere Mann, der einen etwas verwirrten Ausdruck sein eigen nannte, er fände mich aber nun einmal sympathisch, und damit hätte ich mich nun abzufinden. Ob er sich in der S-Bahn neben mich setzen dürfe. Man könne sich doch so schön unterhalten. Ich sagte: „Ich hätte gern meine Ruhe, und ich möchte mich nicht unterhalten. Ich hatte einen anstrengenden Tag. Nein, ich möchte mich nicht mit Ihnen unterhalten.“ – „Haben Sie etwas gegen mich?“ – „Nein. Warum sollte ich? Ich kenne Sie nicht.“ – „Ja, aber wir könnten das doch ändern …“ – „Nein, ich bin müde, ich will mich nicht unterhalten. Lassen Sie mir einfach meine Ruhe.“ Aber auch das nutzte nicht, und der merkwürdige junge Mann klebte an mir wie Pech. Zum Glück kam die S-Bahn, und ich galoppierte quasi hinein und suchte mir einen Sitzplatz dort, wo es besonders voll und kein weiterer Sitzplatz frei war. Der junge Mann postierte sich dann an der nächstgelegenen Tür und fixierte mich fortan. Ich fand das extrem nervend und war froh, als er endlich ausstieg. Aber er blieb noch vor dem Fenster stehen, hinter dem ich saß, bis der Zug abfuhr …

Einmal mehr fragte ich mich, warum ich mich eigentlich gerechtfertigt hatte. Eigentlich hätte ich nur ein deutliches: „Nein! Schluss jetzt!“ sagen müssen. Ich ärgerte mich über mich selber – es war ja nicht das erste Mal …

Seit vielen Jahren ist das so. Wiederholt fand ich mich in Situationen wieder, in denen Menschen sich ähnlich verhalten wie der junge Mann. Meist in Bussen und Bahnen, wo die räumliche Situation beengt ist. Einmal saß ich im Zug von Oberhausen nach Aachen, und ein Mann, einige Jahre älter als ich, setzte sich neben mich. Er hatte, wie er erzählte, aufgrund eines Motorradunfalls eine physische Behinderung, und er sagte, er wolle gern neben mir sitzen, weil ich ihm sofort aufgefallen sei – ich sei offenbar ein netter Mensch. Es tat mir leid, dass er einen Unfall mit solchen Folgen gehabt hatte, und das sagte ich ihm auch. Das war ein Fehler. Denn schon fing er an, mich anzufassen, nahm meine Hand, streichelte mich ständig, wenn auch an nicht „heiklen“ Stellen, aber es war extrem unangenehm und ebenso übergriffig. Was fiel ihm ein? Ich sagte, er solle das unterlassen, aber er meinte, ich sei doch so nett – ob wir uns nicht einmal in Aachen treffen könnten. Ich sagte nein. Er fragte, warum – ob mich seine Behinderung stören würde. Ich sagte erneut nein, dass ich aber sein Verhalten zu vertraulich fände und überdies einen Freund hätte. Daraufhin meinte der Mann: „Der muss das ja nicht erfahren! Und wer weiß? Vielleicht ist der Freund dann ja schon bald Geschichte …“

Es reichte, und ich schrie den Kerl an: „Lassen Sie mich sofort in Ruhe! Das ist ja unverschämt – was bilden Sie sich ein!“ Daraufhin schrie er zurück, was für eine dumme Kuh ich sei, dass ich ihn seiner Behinderung wegen diskriminierte! Ich war fast sprachlos, was selten vorkommt. Dann aber riss ich mich zusammen und schnauzte: „Sie lassen mich jetzt sofort hier durch – neben Ihnen will ich nicht sitzen! Und Sie wissen genau, dass das nicht mit Ihrer Behinderung zu tun hat!“  Unvergessen. Und extrem unangenehm.

Diverse andere Ereignisse dieser Art folgten, die meisten in öffentlichen Verkehrsmitteln, wo man sich dem Ganzen nur schwer entziehen kann. Wurde ich energisch, wurde ich in 99 von 100 Fällen laut beschimpft, weil mir angeblich das Mitgefühl und die Empathie fehle. Was mache ich falsch? 😉

Das einzig Positive: Ich habe mal von einer Frau, die eindeutig verwirrt war, in Aachen die Funktionsweise des Busses, der damals auf der Linie 4 fuhr, en détail erläutert bekommen. Es war ein sogenannter Midibus, etwas kleiner als ein herkömmlicher Bus, und die Dame hatte sich wohl eingehend damit befasst und erklärte mir ungefragt dessen Besonderheiten von Aachen Markt bis Hanbruch. Der Bus war brechend voll. Aber klar, dass es mich traf … 😉

Warum nur? Ich fragte eine gute Freundin – sie ist Psychologin. „Stimmt vielleicht mit mir etwas nicht?“ fragte ich sie besorgt, aber sie lachte und meinte: „Mit dir stimmt alles. Du hast aber offenbar eine Ausstrahlung, die diese Leute anzieht. Und dann passiert, was ich durchaus als emotionale Erpressung bezeichne, sobald du dich verständlicherweise diesen Übergriffen entziehen willst.“

Hui – da habe ich ja noch einmal Glück gehabt! Mit mir stimme alles, sagte sie. 😉

Ich werde nun aber doch mal im Bad nachsehen, ob ich nicht einen Spruch auf meiner Stirn stehen habe: „All diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer irgendwie Hilfe suchen: Kommt alle zu mir!“ Bis dato konnte ich dort nichts finden …

Übrigens bin ich durchaus hilfsbereit. Aber ganz freiwillig. Ich mag nur keine Übergriffe und unterhalte mich doch lieber mit Leuten, die mir erlauben, das ganz allein zu entscheiden. Dann umso lieber. 😊

3 Gedanken zu „Steht da was auf meine Stirn geschrieben, das ich nicht sehe …?

  1. piet1811 sagt:

    das kommt davon, wenn man immer ‚freundlich lächelnd‘ durch die Welt zieht …. ab und an mal die Maske Typ:*Fiese Fresse* überstulpen – darunter kann man ja lächeln – und schon ist es oft leichter, sich diese Typen vom Hals zu halten.

    • ali0408 sagt:

      Ich gehe nicht immer freundlich lächelnd durch die Weltgeschichte – und trotzdem scheint man mich zu erkennen … Das ist echt lästig.

      • piet1811 sagt:

        dann solltest Du die Maske tiefer in’s Gesicht ziehen (bildlich gesprochen); erst gar keine Sympathie zeigen, keine Worte, in die ‚erste Verteidigungsstellung des Kung Fu ‚ eintreten ….

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