Von einem Extrem ins andere

Diesen Beitrag widme ich meiner Ex-Kollegin Janine, obwohl sie ja noch immer meine Kollegin ist, wenn wir nun auch in völlig unterschiedlichen Gebäuden sitzen und ganz unterschiedliche Themengebiete bearbeiten. 😉

Aber hier geht es um etwas ganz anderes. Es geht darum, dass unterschiedliche Abteilungen offizielle Feste ganz unterschiedlich begehen. Es ist eine Sache von: „Ganz oder gar nicht“, „Overknee oder barfuß“, „Sekt oder Selters“.

Kurz: Früher war keineswegs mehr Lametta an meinem Arbeitsplatz. Eher weniger. Weihnachtsfeier? Was ist das? Ich war es so gewohnt, und wir organisierten etwaige Weihnachtsfeiern dann auf meinem ehemaligen Flur lieber selber. Die Chefs waren selbstverständlich eingeladen.

Und nun das! Anfang Oktober wechselte ich in eine völlig andere Abteilung, und es war eine immense Umstellung. Nicht nur, dass ich so viele Dinge völlig neu lernen musste, nein! Auch, was das Thema sozialer Umgang, hier im Besonderen „Weihnachtsfeier(n)“, anbelangte, hatte ich hinzuzulernen, denn ich habe inzwischen den Eindruck, dass ich vor dem erst kürzlich vergangenen Weihnachtsfest all die Feiern nachgeholt habe, die mir in der Zeit auf dem anderen Platz versagt geblieben waren. Gefühlt war es so. Dauernd hieß es, wir würden uns hier und da treffen, und dann wurden Kaffee, Tee und Plätzchen kredenzt! Fast überforderte mich das, weil ich das ja so gar nicht gewohnt war. 😉 Am 22. Dezember aß ich bei einer erneuten Zusammenkunft selbstgemachten Lebkuchen – und war begeistert. Zwar war die Konsistenz etwas sehr locker, aber der Geschmack stimmte. Und ich hatte selber mal versucht, Lebkuchen zu backen und wusste um die Klippen und Untiefen, die sich dabei auftun können, was von vornherein einen Riesenbonus gab. Allein schon für den Willen. 😉

Aber das war ja noch nicht unsere echte Weihnachtsfeier! Beileibe nicht. Denn diese trug sich gestern zu – mitten im Januar, aber umso schöner. Denn mein gesamtes Dezernat traf sich zu einem Kochkurs in einer hiesigen Familienbildungsstätte, einer katholischen, in die sogar ich eingelassen wurde, obwohl ich konfessionslos bin. Und völlig ungläubig (Ersteres ergibt sich aus Letzterem … 😉 ) Es spricht für die Bildungsstätte. 😉 Auf der anderen Seite finanzieren ja auch Konfessionslose kirchliche Einrichtungen mehr oder weniger freiwillig via Steuern und Sozialabgaben mit … 😉 Dann werde ich da doch wohl auch kochen dürfen! 😉 (Ich habe lange in einem von der evangelischen Kirche getragenen Chor mitgesungen, obwohl ich früher katholisch gewesen war, und das zu diesem Zeitpunkt auch schon lange nicht mehr … 😉)

Als wir eintrafen, waren in der großen Küche mit von mir ungezählten Herden und Backöfen – es gab aber leider nur zwei Spülmaschinen – neun Stationen aufgebaut, die ich eine nach der anderen abschritt, um zu entscheiden, wo ich was kochen wolle.

Auf 1 war eine Vorspeise aus der Kategorie Bistroküche angesagt: „Überbackene Lauch-Croissants“. Nicht meins, obwohl das Ergebnis sehr lecker war.

Nr. 2: Kartoffeln, in relativ dicke Stifte geschnitten und mit Olivenöl und Zitrone im Ofen gegart? Klang toll, schmeckt auch toll, aber es erschien mir nicht wie eine Herausforderung, da ich ja schon viele Jahre koche, und das sehr gern. Tsatsiki? Bauernsalat? Nee – da musste man auch nur schnippeln, raspeln und zusammenrühren. Das Dessert, eine Kokoscreme mit Ananas, war auch nicht meins, da ich Desserts und süße Sachen nicht gern zubereite – das entspricht nicht meinen Vorlieben. Ich mag es eher herzhaft. 😉

„Chili-Erdnuss-Mie-Nudeln“ interessierte mich schon mehr, nachdem ich die Station „Pastinaken-Cremesuppe“ passiert hatte, auf die sich gleich die einzigen beiden esoterisch-homöopathisch interessierten Kolleginnen gestürzt hatten. Ich mag die beiden wirklich gern, aber unsere Ansichten divergieren sehr stark – und irgendwie war mir vorher schon klar gewesen, dass diese beiden die Suppe zubereiten würden, denn Suppe hat so etwas … Meditatives. Und sie ist stets eine Zusammenkunft völlig unterschiedlicher Elemente. Nicht wahr? Und hat auch stets etwas Mystisches an sich, wie man da in einem großen Topf etwas anrührt, das andere auslöffeln müssen. 😉

Die Nudeln konnten mich aber auch nicht recht überzeugen, und so blickte ich zu den Stationen 8 und 9. Auf 8 war Winterkabeljau auf einem Tomaten-Knoblauch-Bett angesagt. Auf 9 Stifado, eine griechische Variante des allgemein bekannten Gulaschs. Obwohl ich von klein auf mit meinem Onkel angeln ging und keine Panik vor der Zubereitung von Fisch haben sollte, habe ich mich nach langem Schwanken für das Fleisch-Schmorgericht entschieden. Und so kochte ich zusammen mit Kollegin Larissa, während Gina und Marion zum Fisch kamen wie die Jungfrau zum Kind. Zu lange gezaudert, wollten sie, als Larissa und ich gerade nach dem notwendigen Handwerkszeug für die Zubereitung des Stifados Ausschau hielten, unsere Station vereinnahmen! 😉 Aber Larissa verjagte sie mit den Worten: „Hey – nee! Das hier ist schon besetzt!“ – „Aber hier stand doch keiner!“ – „Nee, weil Ali und ich schon nach den Instrumenten suchten! Ali! Einer von uns muss hier Wache halten, wie es scheint!“ – „Ich kann nur eines! Soll ich jetzt die Gewürznelken suchen oder Wache schieben? Du stehst doch gerade da!“ Aber Gina und Marion hatten es schon eingesehen und waren zum Winterkabeljau weitergezogen. (Um es vorwegzunehmen: Sie haben die Aufgabe hervorragend gelöst! 😊 )

Voller Inbrunst zogen Larissa und ich ein Kilogramm Zwiebeln ab und teilten diese in Viertel, brieten dann zwei Kilogramm Rindfleisch in Würfeln an, als gäbe es kein Morgen, würzten es dann mit Salz und Pfeffer, warfen dann die Zwiebeln dazu, vier Lorbeerblätter, mindestens 10 Pfefferkörner und zwei Zweige Rosmarin, vier Gewürznelken, danach Tomatenmark und eine große Dose geschälter Tomaten. Und dann flossen noch vier Tassen Rotwein in den Topf. Wir probierten mehrfach – es schmeckte im Ansatz natürlich nicht besonders gut. Nicht so, wie ich das Gericht kannte. Es fehlte etwas, und Larissa meinte dann irgendwann: „Ich könnte es auch so schon essen, aber irgendwas fehlt. Da sind Nelken drin – und Pfeffer. Irgendwas fehlt zum Weihnachtlichen.“ – „Zimt,“, sagte ich, muss aber auch zugeben, dass ich das Gericht schon kannte. Zumindest passiv. Larissa stutzte, sah mich an und meinte: „Ja! Du hast Recht! Zimt! Wie kommst du darauf?“ Ich grinste und meinte: „Ich kenne das Gericht. Zimt gehört da standardmäßig hinein.“ – „Ah!“

Wir hatten aber keinen Zimt zur Hand, und so schoben wir das Eintopfgericht, das mindestens eineinhalb Stunden schmoren musste, ohne diesen in den Ofen – es würde auch so sicher schmecken. Die Zeit drängte.

Zwischendurch aßen wir peu à peu die anderen Gerichte. Unerreicht: Der Winterkabeljau, den Gina und Marion zubereitet hatten. Der war wirklich hervorragend. Danach dann das Stifado, das die Kursleiterin besonders lobte, zumal ich zweimal in der Küche verschwunden war, um abzuschmecken. Die Kursleiterin wusste das zu schätzen und meinte: „Sie kochen nicht zum ersten Mal! Ich habe schon vorhin gesehen, dass bei Ihnen alles zack-zack geht. Sie wissen, was Sie tun!“ Ich lachte und meinte: „Beim Kochen schon!“ Und dann schmeckten wir das Stifado ab. Die Kursleiterin meinte: „Das ist nicht mein Rezept – das ist nicht so, wie ich das kenne! Da fehlt etwas! Da fehlt …“ – „Zimt!“ rief ich, und sie strahlte mich an und meinte: „Wie ich schon sagte: Sie kochen nicht zum ersten Mal!“ – „Ich kenne das Gericht, da ist es kein Wunder.“ – „Ja, aber trotzdem! Sie waren die Einzige von denen, die wirklich gearbeitet haben, die dabei gelächelt hat. Einige haben so ausgesehen, als würden sie auf Hühnerkacke beißen, während sie kochten. Und ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, aber die beiden Kolleginnen, die die Suppe gemacht haben, haben fast eine Wissenschaft daraus gemacht! Ich bin von Beruf Köchin und finde, dass man da pragmatisch herangehen müsse. Und so lange, wie die an der Suppe laborierten, hätten andere ein Kind ausgetragen! Entschuldigen Sie, bitte, dass ich das so sage!“

Ich kniff der Kursleiterin ein Auge zu – ich hatte den Suppenkochprozess ja vor Augen gehabt, da die beiden Kolleginnen an dem Arbeitsplatz standen, auf den ich stets blickte, hob ich meine Augen von den zu schälenden Zwiebeln. 😉 Und ich kenne beide Kolleginnen und wusste, was die Kursleiterin meinte … 😉 Eine von beiden wurde auch plötzlich von einer Übelkeit angefallen, bekam von ihrer Suppenkoch-Kollegin sogleich ein Homöopathikum verabreicht, musste dennoch von ihrem Partner abgeholt werden, nachdem alle ihre Suppentassen ausgelöffelt hatten und ihre Mit-Verursacherin ihr Resultat gelobt und als „politisch korrekt“ gepriesen hatte … 😉 So macht Kochen richtig Spaß! 😉

Nachdem ich mich mit der Kursleiterin länger über küchentechnische Fragen unterhalten hatte, fragte diese mich: „Jetzt mal ehrlich: Wo haben Sie Kochen gelernt?“ Ich sagte: „Bei meiner Mutter und meiner Oma. Ich habe mich immer so gern mit beiden unterhalten, und das oft in der Küche. Offenbar habe ich vieles einfach so übernommen, durch Zusehen. Und durch Ausprobieren dann später, als ich auf mich gestellt war. Aber bei Ihnen mache ich gerne noch einen Kurs!“ Die Kursleiterin freute sich, und inzwischen bin ich mir ziemlich sicher, dass ich bei ihr einen weiteren Kurs mache. 😉

(Und es führte immerhin dazu, dass sie und ich uns ohne jegliche Abmachung quasi verbrüderten, sie dann voller Elan die Küche durchforstete und tatsächlich noch zwei Zimtstangen zutage förderte … 😉 )

Nachdem wir dann noch Schrottwichteln gemacht haben und ich mit noch Schlimmerem nach Hause ging, als ich mitgebracht hatte, war diese Weihnachtsfeier dann beendet. Eine sehr schöne Weihnachtsfeier. Ich bin gespannt, wann die nächste kommt. Bei der bisherigen Schlagzahl kann es nicht mehr lange dauern … 😉

Ein schönes Wochenende! 🙂