Auch eine Klosterschülerin ist nur ein Mensch …

Immer wieder stolpere ich über den falschen Einsatz des Begriffs Klosterschülerin. Er ist im Grunde nicht selten als Beleidigung gedacht, zumindest jedoch als mehr oder minder freundlicher Rüffel. Als Kritik, wenn jemand nicht wagemutig genug erscheint. Im Grunde rangiert er im landläufigen Verständnis irgendwo zwischen Blaustrumpf und Mauerblümchen.

Ich kann nur sagen: Wer den Begriff so verwendet, kann ganz furchtbar falsch liegen … 😉 Woher ich das weiß? Nun … man erwirbt mit der Zeit eine gewisse Lebenserfahrung. Vor allem als Ex-Klosterschülerin. Da bisweilen besonders nachhaltig. 😉

Ich habe mein Abi auf einem Gymnasium gemacht, das eine solche Klosterschule ist, und es ereignete sich wieder und wieder Geläster seitens des städtischen Gymnasiums. „Ja, ach, die Nönnekes da! Bei denen lernt man sicher nur Kochen und solche Dinge! Und von morgens bis abends wird gebetet!“ wurde da behauptet, ohne dass auch nur irgendjemand eine Ahnung hatte, was hinter den Klostermauern gelehrt wurde.

Ja, sicher, es herrschte die Pflicht, bis 13.1 Religionsunterricht zu haben, den man erst mit Beginn der 13.2 abwählen konnte (was ich sofort getan habe) – also kurz vor dem Abitur. Ich hatte ein längeres Gespräch mit unserer damaligen Direktorin, einer Nonne, aber ohne Tracht, die auch meine Deutsch- und Literaturlehrerin war, und sie war eine sehr, sehr gute Lehrerin, wenn auch bisweilen etwas sehr von sich überzeugt. Wir sprachen, da ich wissen wollte, ob ich nicht doch irgendwie dem Religionsunterricht entfleuchen könne. Da sagte sie: „Kein Problem, Ali – Sie müssen halt die Schule wechseln!“ Klar, in der 12 wechselt man auch besonders gern … 😉  Ich zog eine Fresse, und sie sagte: „Ja, aber warum haben Sie diese Schule ausgesucht?“ Ich platzte heraus: „Als hätte ich irgendeinen Einfluss darauf gehabt! Ich wurde hier angemeldet, weil diese Schule einen sehr guten Ruf hat – nur halt nicht beim Augustinum [dem städtischen Gymnasium], denn die haben ja immer was zu kamellen!“ – „Sie wollten also gar nicht hierher?“ – „Ich war 10, als ich hier angemeldet wurde. Ich hatte keine Wahl. Aber verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin sehr gern hier, und ich weiß den fundierten Unterricht zu schätzen! Allein der religiöse Aspekt …“ – „Ja, aber Sie sind doch katholisch …“ – „Noch!“ entfleuchte mir. „Aber das gedenke ich, zu ändern.“ – „Ah, Sie möchten lieber in den protestantischen Religionskurs?“ – „Nein, auch nicht. Ich möchte gar keinen Religionsunterricht! Ethikunterricht wie an manch anderen Schulen fände ich toll!“ – „Ja, Ali, dann müssen Sie wechseln. Oder Sie beißen in den für Sie sauren Apfel … Ich kann nachvollziehen, was Sie bewegt, wenn ich persönlich es auch nicht verstehe. Aber das ist nicht Ihr Ding, und Sie werden mich auch nie sagen hören, dass eines Tages …“ – „Danke. Das ist schon mal gut, zu wissen,“, unterbrach ich schnell, und ich biss dann in den sauren Apfel und hielt mich mit Referaten über Marx, Feuerbach und Sartre sowie als Advocata diaboli im Religionsunterricht über Wasser. 😉 Nicht nur dort, sondern auch im Französisch-LK wurde ich bisweilen angefeindet, weil ich eher atheistische oder zumindest agnostizistische Perspektiven vertrat. Eine Mitschülerin riet mir im LK Französisch sogar mal aufs Heftigste, ich solle doch gefälligst die Schule wechseln, wenn ich mehr auf so „gottloses Zeug“ wie Sartre stünde! (Interessanterweise hielt die Schulleitung das „gottlose Zeug“ für durchaus lernenswert – es stand zwar ohnehin auf dem „Spielplan“ bzw. im Curriculum, aber die Schulleitung fand das überdies völlig okay, da sie der Meinung war, ein jeder müsse ein möglichst weitgefächertes Weltbild haben, wozu auch „gottloses Zeug“ gehöre – bzw. Sartre. Und auch Camus … Denn nur so entwickle sich die Weitsicht, sich für dieses, jenes oder welches zu entscheiden – mit der jederzeitigen Möglichkeit, zu einer anderen Überzeugung zu kommen.)

Und genau dafür, für die Weltoffenheit trotz der Klostersache, habe ich meine Schule immer so geschätzt! 😊

Von diesem Aspekt abgesehen, war es eine mehr oder minder gewöhnliche Schule. Oder nicht? Ich habe zumindest nie davon gehört, dass am Augustinum auf dem Schulhof Nacktfotos von einer Schülerin vertickt wurden. 😉 Bei uns schon. 😉

Bei uns war immer mehr los. Denn trotz aller Weltoffenheit war unsere Schule schon immer etwas anders als andere – etwas familiärer. In dem Sinne, dass die lieben Kinder sich nur nicht zu weit aus dem Fenster lehnen sollten. Ergebnis: Sie lehnten sich zu weit aus dem Fenster. 😉

Lange vor meinem Abi, lange vor jedweder Wende fand einst eine Oberstufenfahrt nach Prag statt – zu Zeiten des Kalten Krieges, des Eisernen Vorhangs. Und da haben wohl einige Schüler etwas zuviel vom wunderbaren tschechischen Bier genossen. Sie vertrugen es nicht, denn sie kamen auf die unglaublich schlaue Idee, vor einem offiziellen Gebäude eine Fahne abzumontieren. Was für eine Mühe sie sich dabei gaben, und das mit dem Kopp voll Bier! Einer kletterte den Fahnenmast hoch, die anderen standen Schmiere. Und wie groß die Überraschung, als die, die Schmiere standen, plötzlich von der český policie nicht nur umstellt waren, sondern – unter Zuhilfenahme und Vorhalten von Schusswaffen – zu Boden gerungen wurden und man ihnen Handschellen anlegte, während der auf dem Fahnenmast mittlerweile ganz oben Angekommene fröhlich: „‘ch hab sie!“ brüllte. Er hatte dort oben im besoffenen Kopp noch gar nicht mitbekommen, was seinen Kumpels passiert war, und die Polizei ließ ihn auch noch in seinem Triumph mitsamt der Fahne den Abstieg vom Mast vervollkommnen, bis man ihm dann, als er unten angelangt war und sich über den ausbleibenden Jubel wunderte, die Fahne entriss und auch ihn zu Boden drückte.

Es geht die Sage, dass mein späterer Klassenlehrer, Herr Zuhoff, damals seinen zweiten Herzinfarkt erlitten habe … Zumindest kurz nach der Stufenfahrt … Dem war jedoch einiges vorausgegangen, denn man hatte die Herren Fahnendiebe, die ein bisschen zu viel pivo, ergo Bier, zu sich genommen hatten, kurzerhand festgenommen und in Einzelhaft verfrachtet. Der restliche Kurs habe umgehend das Land zu verlassen, so hieß es. Ohne die Inhaftierten. Die beiden Begleitlehrer, einer davon Herr Zuhoff, sahen sich in einer schwierigen Situation: Sie konnten doch nicht einfach abreisen und drei Schüler ihrem Schicksal in einem Prager Knast überantworten! Herr Zuhoff soll da schon geschwächelt haben, und so bot sich Frau Hau-Böhmer als Geisel an, im Austausch gegen die drei Schüler. Einem sehr gutmütigen Dolmetscher, so hieß es, sei zu verdanken gewesen, dass schließlich alle gemeinsam überstürzt nach Hause reisen muss…, ääh, durften.

Im Folgejahr gab es keine Oberstufenfahrt. (Einmal mehr hatten völlig Unschuldige bzw. Schuldlose auszubaden, was andere versiebt hatten, die wahrscheinlich noch heute bei jedwedem Abitreffen sagen: „Weiße noch, damals? Im Knast in Prag? Hahaha!“ …)

Erst einige Jahrgänge später gab es wieder eine Oberstufenfahrt nach Prag. Auf der entstanden auch die später auf dem Schulhof vertickten Nacktfotos von Marceline, einer ziemlich coolen Schülerin, zwei Stufen über meiner. Marceline musste zur Direktorin kommen und bekam eine Abmahnung. Noch so etwas, und sie würde von der Schule fliegen. Marceline war ziemlich locker, und doch hat sie ein Jahr später – ohne von der Schule zu fliegen – ihr Abi bestanden. Es gab auch keine Nacktfotos mehr. (Interessanterweise wurden die, die – ohne Marcies Wissen – die Fotos vertickt hatten, nicht bestraft … 😉 )

Der Jahrgang über meinem fuhr trotz alledem nach Prag, und es wurde auch nur eine Schülerin dort schwanger. 😉

Trotz all dieser Unbilden durfte auch in meinem Jahrgang wieder eine Reise nach Prag angetreten werden. Drei Leistungskurse reisten hin, und immerhin musste nur ein Schüler daraus mit einer Alkoholvergiftung in ein dortiges Krankenhaus. Es wunderte uns nicht, als wir den Namen hörten. 😉 Zwei weitere Kurse waren nach Rom gefahren, wo eine Mitschülerin fast im Tiber ertrunken wäre, eine andere halbnackt in der Fontana di Trevi tanzte. Ein Mitschüler soll das Sechserzimmer im Jugendhotel mittels billigen Chiantis bzw. dessen Resten, die er sich noch einmal durch den Kopf gehen ließ, annähernd unbewohnbar gemacht haben. Und ein weiterer hatte ein Tête-à-tête mit einer rassigen Römerin, die nur einen Nachteil mit sich brachte: ihren Ehemann, der die beiden in flagranti erwischte. Der Mitschüler konnte seiner physischen Bestrafung nur dadurch entgehen, dass er Fersengeld gab. Kein Problem – er war im Sportkurs mit Schwerpunkt Leichtathletik und ein recht guter Sprinter. Leider nur war sein Orientierungssinn weniger gut ausgeprägt als seine Sprintfähigkeit, und so irrte er bis zum nächsten Tag durch Rom und musste zuvor auf einer Bank übernachten … 😉

Wie harmlos verhielt sich dagegen unser Kurs in Berlin! Fast schämten wir uns, hinterher erzählen zu müssen, dass es bei uns keinen „Skandal“ gegeben habe … (Bis auf ein paar mehr oder weniger Angetrunkene, die nächtens vor dem Jugendhotel laut obszöne Lieder sangen und am nächsten Tag zum Rapport zu beiden Begleitlehrern gebeten wurden – ich erinnere mich noch heute ungern daran … 😉 Beide Begleitlehrer hatten ihr Zimmer zur Straße hinaus … Das hatten wir … ääh … die, die da gesungen hatten, wohl nicht bedacht.)

Immerhin ist bei uns keine schwanger geworden! (Was wohl aber auch daran lag, dass wir nur drei Jungs dabeihatten: einer stand nicht auf Mädels, der andere war nur mitgefahren, weil auch seine Freundin in dem Kurs war, denn eigentlich hätte er nach Prag mitfahren sollen, und der Dritte im Bunde war irgendwie schräg …) Und auch nicht halb ertrunken. Unsere einzigen Sünden waren, dass viel billiger Wein und viel Bier konsumiert wurde, geraucht bis zum Abwinken, und es gab ein zusammengebrochenes Bett. Wie langweilig. 😉

Aber trotzdem passierte bei uns immer wesentlich mehr als auf dem Augustinum. Wehe, wenn sie losgelassen – und das geht halt am besten bei Klosterschülern. Und hält offenbar auch ein Leben lang an … 😉

Mir hat man jedenfalls noch nie geglaubt, wenn ich sagte: „Ich war auf einer Klosterschule.“ Die meisten lachen sich dann schlapp und tippen sich gegen die Stirn. Man stellt sich unter einer solchen Absolventin wohl etwas anderes vor als jemanden wie mich. 😉

Dazu – wie zu so vielen anderen Aspekten des menschlichen Miteinanders – fällt mir nur eine englische Redensart ein: Don’t judge a book by its cover … 😉

Ein Gedanke zu „Auch eine Klosterschülerin ist nur ein Mensch …

  1. Chaosvater sagt:

    wenn ich meine Erlebnisse hier von mir geben würde – man würde meinen Blog schliessen. Wobei ich ja aber immer nur ‚dabei war‘ – also nicht ‚mittendrin‘ … Und schwanger wurde bei unseren Mitreisenden auch niemand; kein Wunder – ich absolvierte mehr schlecht als recht- eine reine Jungenschule (da konnten die Damen und Herren Lehrer beruhigt schlafen WAS DAS BETRAF) also keine rhythmische Bewegungen bzw. zusammenbrechende Betten ;-))

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