Harmonie und Einklang pur? Von wegen! Hauen und Stechen …

Gestern unterhielt ich mich zum Thema Musik. Ich bin ja des Klavierspielens mächtig, und ich liebe Musik. Passiv wie aktiv. Da ähneln meine Kollegin Kerstin und ich einander sehr, und es ist – an Tagen, an dem im Büro wenig los war – sogar schon vorgekommen, dass wir neue oder alte Songs von allen möglichen Interpreten auf YouTube hörten und laut mitsangen. Wir haben damit sogar unseren stets unerschrockenen SysAdmin verschreckt, der zwischenzeitlich hereinkam, um meine beiden neuen Monitore zu installieren. Als die Tür aufging, rief ich: „Hey, Frederick, komm rein! Du kannst gleich mitsingen!“ Frederick, ansonsten ziemlich cool, starrte mich entgeistert an, und als ich eine leicht freche Bemerkung machte, schüttelte er nur sein weises, dreißigjähriges Haupt und meinte: „Ali, was ist passiert? Du warst ja immer schon ein wenig … frech. Aber seit du hier in diesem Büro sitzst, ist es noch heftiger geworden. Wo soll das noch hinführen?“ Und zu Kerstin gerichtet: „Ich glaube, du übst einen schlechten Einfluss auf Ali aus!“ Kerstin protestierte und meinte: „Klar, ich soll es wieder gewesen sein! Ich glaube, wir sind einander nur recht ähnlich, was das anbelangt.“ Ich protestierte, ich sei nicht frech, und Frederick sagte schnell, nein, aber sehr direkt. Und schon sangen Kerstin und ich laut und fröhlich Ironic von Alanis Morissette, auch schon älter, aber ein Lied, angesichts dessen Texts ich immer behaupte, es sei exakt für mich geschrieben worden. Ich hatte den Eindruck, Frederick arbeitete schneller als sonst – er wollte auch gar keinen Kaffee, und er verabschiedete sich schnell, er habe so viel zu tun … 😉

Zunächst ging es im gestrigen Gespräch um einfache Dinge, zum Beispiel, dass ein Klavier leichter wiege als ein Flügel, und ich streute noch einige Aspekte ein, die sich zwischen dem Spielen auf einem Klavier und einem Flügel (ich hätte immer gern einen eigenen Flügel gehabt, aber wohin mit dem Monster? 😉 ) unterschieden. Schließlich kenne ich beides, denn ich spielte zu Hause auf einem Klavier, gehörte damit zu den Unglücklichen, die im Musikunterricht an der Schule vor jedweden Ferien den „nicht instrumentalisierten“ und feixenden Mitschülern etwas vorspielen mussten, zur Feier der beginnenden Ferien … Dort spielte ich auf einem Flügel, den der ein wenig sonderlich-versponnene Musiklehrer, Herr Lenz, zur Feier des Tages sogar öffnete! (Damit man die eventuell auftretenden falschen Töne möglichst laut und donnernd hörte … 😉 ) Ich muss zugeben, ich habe exakt dreimal als Solo-Pianistin dort vorgespielt, und alles klappte gut, aber meine Hände waren vor Nervosität klatschnass. Danach suchte ich mir – geteiltes Leid ist halbes Leid! – immer eine Mitspielerin. Mehrfach spielte ich mit meiner Freundin Gunilla, die Geige, Verzeihung, Violine spielte, zweimal auch mit meiner Freundin Nicola, deren Instrument mein Lieblingsinstrument und damit die Querflöte war. So ließ sich die grässliche Zwangsvorführung leichter ertragen, und wir bekamen sogar noch Lob, weil wir uns besonders viel Mühe gegeben hatten … 😉 Immerhin mussten wir uns mehrfach treffen und zusammen proben, bis alles saß. Die Treffen fanden nachvollziehbarer Weise stets bei mir statt – eine Violine und eine Querflöte lassen sich leichter transportieren als ein Klavier. 😉 (Einziger Nachteil bei meiner Querflötistinnen-Freundin Nicola: Ihr Flötenlehrer bestand darauf, dass wir ihm das Ganze in der Musikschule in D. noch einmal vortrugen. Was für ein Mist – ein Vor-Vorspiel und erneute Nervosität! Ich gurkte also hin und setzte mich dort nervös an den Flügel, und Nicola und ich trugen unser Stück vor. Der Flötenlehrer war sehr angetan, und er ließ mir durch Nicola später auch noch ausrichten, ich könne aber sehr gut Klavier spielen. Hach – ich wuchs gleich gefühlt um diverse Zentimeter! Hatte sich das zähe Üben doch gelohnt … 😉 )

Dann ging das Gespräch in Richtung Singen. Ich habe in meinem bisherigen Leben in zwei Chören gesungen: im Unter- und Mittelstufenchor meines Gymnasiums bei einer sehr rabiaten Chorleiterin und im Zweiten Sopran. Später dann in Aachen in einem durchaus renommierten Chor und dort – meine Stimme war ziemlich nachgedunkelt – im Zweiten Alt. Tiefer geht für Frauen nicht. 😉

Das machte – fast – immer Spaß, und viele Menschen denken bei Chören: „Was für eine wunderbare Harmonie! Einklang pur!“

Ich denke da etwas anders – ich kenne die Situation hinter den Kulissen. 😉 Einklang pur? Ha! Bisweilen Hauen und Stechen! Auf alle Fälle sehr viel Konkurrenzkampf und Rivalität. Und das wohl nicht nur in den beiden Chören, denen ich meine Stimme lieh.

Man muss als Außenstehender wissen, dass die einzelnen Stimmen im Chor zwar im Endergebnis optimaler Weise harmonieren, aber zwischenmenschlich bzw. -stimmlich gibt es – zumindest so meine Erfahrungen – nicht selten durchaus Rivalität. So war bei uns der gesamte Sopran eine Ansammlung von Diven – Ausnahmen bestätigten die Regel. Die Sopranistinnen waren die „lieben Mädchen“, die mit silber- und glockenhellen Stimmen herausragten. Die drei Tenöre, die wir hatten – nein, die Rede ist nicht von den prominenten Drei Tenören – waren zu zwei Dritteln ähnlich wie die Sopranistinnen, weil sie ihre höheren Stimmen für eine besondere Gabe Gottes hielten. Einzig Christoph fiel aus dem Raster, der immer in Motorradklamotten mit seinem Moped zu den Proben kam und in der Pause immer mit den anderen Rauchern – alle aus dem Alt und dem Bass, denn man muss ja die Tiefe der Stimme irgendwie „fördern“ – eine rauchen ging, was Chorleiter Peter mit missmutigem Ausdruck betrachtete. Interessanterweise aber hatte Christoph trotz des Rauchens die klangreinste und schönste Stimme im Tenor … 😉 Seine beiden Tenorkollegen betrachtete er stets mit ironischem Grinsen: Vor allem Gernot Gottwald, ein etwas spilleriges Männchen mit einem weichgespülten Prinz-Eisenherz-Haarschnitt und ebenso spillerigem Stimmchen, der stets ein seidenes Tüchlein um seinen kostbaren Kehlkopf geschlungen hatte. Und auch die Sopranistinnen kamen großenteils nicht so gut weg, speziell Serena, die ab und an mal ein Solo singen durfte, dabei aber immer gar furchterregend grimassierte und entsetzliche Fratzen zog, was auf falsche Sing- und Atemtechnik hinweise, wie Christoph grinsend anmerkte. Dabei war sie Logopädin und Sprachtherapeutin – hätte es eigentlich besser wissen müssen. Aber sie bildete sich nicht wenig auf ihre gottgleichen Soli ein.

Ich gebe zu, wir waren einmal entsetzlich unfair, aber das nicht mit Absicht. Wir sangen in einer Ostersonntagsmesse oben auf der Orgelempore. Das Fass mit dem Weihrauch wurde geschwenkt, der sich – hervorragend! – aufs Possierlichste auf unsere Stimmbänder legte, weswegen wir zunächst alle husten mussten, aber – vorbildlich und im Chor darauf getrimmt – alle zeitversetzt und möglichst leise, damit es nicht so auffalle. Dann trat Serena für ihr Solo vor uns, und leider, leider wandte sie uns ihr edles Antlitz zu. Hätte sie mal lieber nach vorn ins Kirchenschiff geblickt! Denn als sie loslegte und ihre Grimassen schnitt, von denen ich annahm, frau würde solche, ohne sich zu schämen, höchstens unter den Presswehen im Kreißsaal offenbaren, wo einem – Erzählungen vieler Mütter zufolge – ohnehin alles scheißegal sei, sogar das Abbrennen von Haus und Hof, starrten wir sie zunächst fasziniert an, und dann breitete sich ein zwar sehr, sehr leises und unterdrücktes Kichern aus – natürlich zeitversetzt. Ute, meine Alt-Kollegin zu meiner Linken, flüsterte mir frotzelige Dinge ins Ohr, die grimassierende Darbietung betreffend, und ich rammte ihr mit Nachdruck den Ellbogen in die Seite – aufhören, sofort! Ein Lachanfall drohte. Gemein, das alles, ich weiß, aber es ließ sich leider nicht umgehen. Und für eine Sache zog ich meinen Hut vor Grimassen-Serena: Sie sang einfach weiter und ließ sich nicht irritieren. Möglich jedoch, dass sie gar nichts mitbekam, da sie ihre Augen derart zusammenkniff, dass sie uns gar nicht sehen konnte … Und sie sang sehr laut und hörte uns wohl auch nicht …

Dem Alt stand der Sopran stets mit einer gewissen Überheblichkeit gegenüber. Wir hatten ja alle nur so tiefe Stimmen und konnten nicht einmal das hohe C! Und auch der Chorleiter hatte ständig etwas auszusetzen. Wir waren – zusammen mit dem Bass – die Stiefkinder des Chors. Und so fühlten wir uns auch. Ute meinte nach einer besonders kritikreichen Probe mal zu mir: „Ich habe schon keine Lust mehr, überhaupt noch zur Probe zu kommen! An uns wird ja sowieso immer nur herumgemeckert.“ Ich pflichtete ihr bei, während die schlimmsten zwei Sopran-Diven uns hämisch angrinsten. Sie erinnerten mich irgendwie an die beiden Siamkatzen im Disney-Film „Susi und Strolch“ … 😉

Eines Tages, eine der letzten Proben fand statt, bevor wir ein „Gastspiel“ in einer Essener Kirche hatten, wurde erneut heftig an uns herumgemäkelt, als wir einmal mehr Schiffbruch an einer besonders heiklen Partie der Johannes-Passion erlitten: „Jetzt reißt euch doch mal zusammen! So geht das nicht! Verdammt nochmal – wie oft muss ich euch noch sagen …“ Hämisch-triumphales Grinsen aus dem Sopran, während wir Altistinnen bedrückt und frustriert dasaßen, mit gesenkten Köpfen. Aber da muss Chorleiter Peter wohl ein schlechtes Gewissen bekommen haben, denn er fing sich und meinte: „Naja, mal im Ernst! Ich bin vielleicht zu euch immer etwas strenger, aber ihr müsst bedenken, ihr seid zusammen mit dem Bass das Fundament, ohne das nichts geht! Ohne euch klingt der Sopran nur wie ein Haufen hoher Stimmchen – ihr gebt dem Ganzen doch erst die Fülle. Ohne euch ist der Sopran und auch der Tenor so gut wie nichts. Deshalb bin ich mit euch etwas strenger.“ Na, toll! Benachteiligt wegen tieferer Stimme – wo war der Antidiskriminierungs-Beauftragte? 😉

Sofort regte sich der gesamte Sopran auf: „Frechheit! Wir können singen – die machen dauernd Fehler!“ Doch Peter fuhr den kreischenden Künstlerinnen sofort über den Mund: „Ruhe jetzt! Ja, ihr denkt, ihr könntet hier als Einzige singen! Das ist Unsinn. Ihr habt oft die einfachsten Partien von allen, und ohne die tiefen Stimmen klingt ihr nach nichts! So sieht das aus – und jetzt ist hier Ruhe! Weitermachen!“

Danach war eine ganze Zeit wirklich Ruhe im Karton. Und das war auch gut so. Und Christoph, der Tenor, meinte irgendwann, als mal wieder der Sopranstolz sich durchsetzen wollte: „Das nervt! Bis auf einige sehr nette Ausnahmen nur Zicken im Sopran, die ständig die Besten sein müssen, sonst Zoff! Eins muss ich sagen: Im Alt sind die cooleren Mädels.“ Und darauf tranken er, Ute und ich erst einmal ein lecker‘ Pilsken! 😉 Die Stimmen mussten geölt werden. 😉

Musik ist toll, Chöre wirken sehr harmonisch.  Jedoch nicht mehr ganz so, wenn man hinter die Kulissen blickt … 😉 Es sind halt alle nur Menschen. 😉

Nachtrag: Es gibt natürlich auch nette Sopranistinnen. Die, die – anders als ihre Stimmen – auf dem Boden geblieben sind. Und es gibt auch blöde Altistinnen, Tenöre und Bassisten. Ich gebe hier nur wieder, was ich erlebte … 😉

14 Gedanken zu „Harmonie und Einklang pur? Von wegen! Hauen und Stechen …

  1. Chaosvater sagt:

    das erinnert mich ein wenig an die Worte meines Vaters (ich war vielleicht 15 oder 16 und hatte nix schlimmes angestellt/in meinen Augen) … Weisst Du was, Bürschchen, Dir werde ich auch noch die Flötentöne beibringen…
    Ergebnis u.a. ch flog aus dem Schulchor 😉
    Ich glaube aber, ich schweife ab und komme wieder von Kuchen backen auf Arschbacken – Verzeihung: Pobacken:-))

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