„Jäädrr nur einen wänzigen Schlock!“

Wie den Menschen, die mich kennen, bekannt ist, vertrage ich Rotwein nicht wirklich, und das wegen meiner leider ebenso eklatanten wie unfreiwilligen Neigung zu Migräneattacken, weswegen ich auch keinen trinke. Es gibt exakt zwei Gegebenheiten, da ich Ausnahmen mache. Beide fallen in die Vorweihnachtszeit. Zum einen ist es der Gemeine Glühwein, den ich – auf dem Weihnachtsmarkt – trinke. (Zum Glück gibt es ja auch weißen Glühwein – aber ich trinke tatsächlich ab und an auch roten. Ich vermute, das Weihnachtsmarktgebräu stelle keine Gefahr dar, weil es ohnehin meist stark verdünnt ist … 😉 )

Zum zweiten handelt es sich um eine Zubereitungsart von Rotwein, die ich zuletzt vor drei Jahren zu mir nahm. Auf dem Christkindlesmarkt in Nürnberg. (Ich bekam zwar keine Migräne davon, aber ich erinnere mich, anderntags durchaus heftigere Kopfschmerzen gehabt zu haben. 😉 ) Es handelt sich um etwas, das noch viel besser schmeckt als jeglicher Glühwein: Feuerzangenbowle.

Meine allererste Feuerzangenbowle trank ich im zarten Alter von 16 Jahren auf einer Party. Sie schmeckte so gut, dass ich noch mehr davon trank (damals litt ich noch nicht unter Migräne … 😉 ). Wahrscheinlich habe ich das Ganze nur deswegen so gut überstanden, weil ich die meiste Zeit in Bewegung war und die ganze Nacht durchtanzte. 😉

Im Grunde ist Feuerzangenbowle ein sehr unmodernes Gebräu, hat dafür aber Tradition. Und ich freue mich immer, wenn sie irgendwo angeboten wird. Scheiß auf die Migräne! Allemal besser, ich bekomme sie von Feuerzangenbowle, als von Stress – und letzteres ist meist der Grund. 😉

Heiligabend gestern verbrachte ich bei meinen Eltern in D. Nein, es gab keine Feuerzangenbowle, aber irgendwann wurde der gleichnamige Film im Fernsehen ausgestrahlt. Altmodisch bis dorthinaus, aber ich besitze ihn auf DVD. Ich liebe diesen Film!

Warum? Denn er ist wirklich altmodisch, und gegen Ende kommen mir sogar grundsätzlich die Tränen. In dem Moment, da gesagt wird, dass alles gar nicht wahr sei und dass man sich mit den Wünschen und Träumen, ergo nicht Realem, bescheiden solle. Ich vermute, es hängt damit zusammen, dass der Film in einer sehr dunklen Zeit dieses Landes hier entstand.

Im Grunde also eher ein Film, um den man einen weiten Bogen machen sollte. Aber ich liebe ihn, denn ich habe einst in Aachen studiert, und wer sich in Aachen etwas auskennt, weiß, dass Anfang, Mitte November vom Filmstudio der RWTH, in dieser Hinsicht engagierten Studenten, ein Event stattfindet, das sämtlichen Kneipiers, die näher oder weiter von den zentralen Einrichtungen der Uni entfernt ihr Gewerbe betreiben, viel Umsatz und damit auch Gewinn beschert.

Denn dann – jedes Jahr von neuem – wird im Audimax, der Aula und diversen anderen größeren und großen Hörsälen Die Feuerzangenbowle ausgestrahlt. Der Film ist aus den 1940ern, und doch rennen noch heute die Studis hin. Auch viele Ehemalige, sowie Dozenten. Und es wird in den meisten mehr oder weniger nahegelegenen Kneipen an jenem Abend neben dem normalen Angebot sowohl Feuerzangenbowle, als auch Heidelbeerwein ausgeschenkt. Wenn ein Film wirklich als Kult bezeichnet werden kann, dann in jedem Falle dieser. (Neben einigen anderen ausgewählten Filmen und Dingen.)

Ich war als Studentin wiederholt dabei und dachte immer: „Gut, dass das Ganze meist an einem Freitagabend stattfindet!“ 😉

Einmal war ich erneut im Besitz einer Karte für das Event, zusammen mit einigen Freunden. Ich hatte mehrere Freikarten für die Vorstellung bekommen, da ich einen Bekannten hatte, der beim Filmstudio mitarbeitete. Gut – es war nicht zur besten Zeit, denn die Vorstellung, für die die Freikarten galten, begann bereits um 18:30 h im Fo1 des Kármán-Auditoriums, einem sehr großen Hörsaal. 18:30 h und Fo1 – ich hätte den Film lieber um 20:00 h im Audimax oder der Aula gesehen – aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. 😉

Schon vor dem Kármán-Auditorium wie auch den anderen Vorführungsstätten waren Stände aufgebaut, an denen Glühwein verkauft wurde – Feuerzangenbowle gab es dort nicht, da deren Herstellung etwas aufwändiger ist, als Glühwein aus Flaschen zu erhitzen. 😉 Und somit war auch das Publikum in Teilen etwas angeheitert, als wir uns alle in den Fo1 begaben. Irgendwann, fast alle Plätze waren bereits besetzt, wobei wir – meine Freunde und ich – ziemlich weit hinten und erhöht saßen, entstand mitten in der Hörsaalbestuhlung, wirklich fast mittendrin, eine Art Loch, und das in atemberaubendem Tempo! Menschen, die ihre Plätze bereits eingenommen hatten, sprangen plötzlich auf – teils unter spitzen Schreien – und strebten zum rechten bzw. linken Rand der Bestuhlung. Fast entstand so etwas wie Panik – aber nur fast.

Und irgendwann gab es dann in der Tat ein großes Loch aus nichtbesetzten Klappsitzen mitten im Fo1. Nur ein einzelner Mensch hockte da noch, vornübergeneigt, auf den sich viele Augen richteten. Warum nur? Er saß doch da ganz still …

Jedoch nicht lange, und dann war auch recht schnell klar, warum die Umsitzenden geflohen waren, denn in die lethargisch wirkende Gestalt kam plötzlich Leben. Ja, sie schien sich gewissermaßen aufzubäumen, wobei sie merkwürdige, jedoch eindeutige Geräusche und leider nicht nur das von sich gab. Letzteres in hohem Bogen … 😉 Dieser Student würde nach der Vorstellung sicherlich nicht mehr in eine der feuerzangenbewehrten Kneipen einkehren, da er bereits zuviel Glühwein konsumiert hatte. Kein Ersatz für Feuerzangenbowle – wahrscheinlich ein Erstsemester. (Wer das Gefüge an einer Uni je mitbekommen hat, weiß, dass die Erstsemester, auch „Erstis“ genannt, zumeist mit einem immensen Selbstbewusstsein aufgrund des – bisweilen haarscharf – bestandenen Abiturs an die Uni drängen und demgemäß erst einmal „eingenordet“ werden müssen, damit sie wissen, dass sie im Grunde nichts wissen. 😉 Ja, Hackordnung gibt es nicht nur auf dem Hühnerhof. 😉 Jetzt seht mich nicht so strafend an! Ich habe das auch durch- und mitmachen müssen! 😉 )

Ich war froh, dass wir hinten und damit erhöht saßen. Hätte ich in der Nähe des Studenten gesessen, der den Slogan des Kurbades Aachen (das eigentlich „Bad Aachen“ heißt) – „Sprudelnde Vielfalt“ – wohl allzu wörtlich genommen hatte, hätte der sich sicherlich noch einiges anhören dürfen … 😉 Nix dagegen, etwas zu trinken – aber doch bitte mit Verstand, solange noch vorhanden. Und man betrinkt sich bei einem solchen Angebot doch nicht schon vorher bis zur Besinnungslosigkeit! 😉 Wohl wirklich ein Ersti! 😉

Den Rest des Abends haben zumindest wir mit Feuerzangenbowle und Heidelbeerwein verbracht. Die meisten von uns stiegen jedoch alsbald auf Bier um. Das erschien harmloser. 😉

Das ist der Grund, weswegen ich diesen Film so mag, dass ich ihn sogar auf DVD besitze. 😊

Ich hatte immer vor, mal wieder nach Aachen zu reisen, Mitte November, um dann an diesem Event teilzuhaben, nachdem ich zuvor mit dem Filmstudio Kontakt aufgenommen hätte. Aber inzwischen hat die Studentenkneipe, in die wir damals immer einkehrten, in der ich lange neben dem Studium als Tresenfrau gejobbt habe, final geschlossen.

Ich plane es trotzdem mal fürs kommende Jahr. Und zum Glück habe ich noch Kontakt zu einigen Weggefährten. 😊

In diesem Sinne: „Jäädrr nur einen wänzigen Schlock!“ 😉 (Hätte es der Studi mitten im Fo1 nur wörtlich genommen … 😉 )

7 Gedanken zu “„Jäädrr nur einen wänzigen Schlock!“

  1. Chaosvater schreibt:

    auch ich beschäftigte mich in meiner ‚Schölerzeit‘ vorwiegend mit der Bekämpfung der alkoholischen Gärung, statt mich um quadratische Gleichungen und Polynome bzw. um Logarithmen komplexer Zahlen zu kümmern. Ich muss aber auch gestehen, dass ich das dann in meinem zukünftigen Leben nie wieder anweden musste. Bei Mathe und mir trafen halt die Welten voll aufeinander. Fast genauso, wie junge Frauen, Glühwein und Migräne!
    ps.: aber den Typen mit den 3 f liebte ich (und war mit Beendigung der Schule fast in der Lage, das Buch auswendig darzubieten; bei der Glocke oder dem Schimmelreiter ging das nicht so gut

    • ali0408 schreibt:

      Sehr sympathisch – Mathe und ich stehen auch eher diametral zueinander. 😉

      Über die „jungen Frauen“ musste ich gerade lachen … 😀

      Ich kann zumindest beim Film die Dialoge auch quasi mitsprechen. 🙂

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