Eine Frage der Kreativität

Vorhin – ich machte gerade eine kleine Pause von meinen noch zu erledigenden Aufgaben – las ich einen Artikel über eines meiner Lieblingsspielzeuge meiner Kindheit. Aus Dänemark stammend, ein echter Verkaufsschlager in der Welt: Lego.

Ich liebte Lego heiß und innig, und mein Vater baute einen sehr schönen, großen Holzkasten mit Innenfächern und einem Deckel, den er in meiner damaligen Lieblingsfarbe Rot lackierte. (Meine Schwester Stephanie besaß quasi das „Schwestermodell“ in Blau. Für ihre Fischertechnik-Bauteile. 😉 ) Darin bewahrte ich die vielen Legosteine und -bauteile auf, denn es wurden immer mehr, und meist spielten Stephanie und ich beide mit den Steinen aus meiner roten Holzkiste. 😉

Schon damals gab es diese Lego-Sets, mit denen man dann ein bestimmtes Haus oder anderes Objekt bauen konnte. Das habe ich genau zweimal gemacht, da ich zwei solch spezieller Sets geschenkt bekam. Viel konnte man mit dem Bungalow und der Villa jedoch nicht anfangen, nur betrachten, und so kam es zum Rückbau, und die Steine wanderten zu ihren Brüdern und Schwestern in den Holzkasten. Herumliegenlassen war nicht. (Denn: Seit meine Mutter einst barfuß auf einen herumliegenden Legostein getreten war, bestand sie darauf, dass die kleinen Dinger, sofern unbenutzt, stets sofort wieder ihrer Lagerstätte zuzuführen seien. Nachdem ich dann auch einmal barfuß auf eines der unflexiblen Dinger getreten war, sah ich es auch sofort ein … 😉 )

Nun las ich also den Artikel, da die Verfasserin beklagte, Lego fördere die Kreativität nicht, da alles haarklein beschriftet und in einzelne Tüten verpackt nach einer sehr präzisen Bauanleitung zusammenzubauen sei, was die Kinder auch brav machten, deren Eltern hinterher die Kreativität der Kinder priesen. Das sei doch nicht kreativ!

Nein, das ist es wirklich nicht. Ich würde jedoch nicht Lego beschuldigen – es liegt doch mehr an den Kindern. Niemand zwingt sie, ausschließlich das zu bauen, wozu die Steine laut Set vorgesehen sind. Es reicht doch, wenn überhaupt, das Objekt einmal nachzubauen, wenn man Spaß daran hat. Danach kann man die Steine mit anderen kombiniert zu anderen Gebäuden oder Objekten verbauen.

Ich habe als Kind stundenlang voller Begeisterung Phantasiehäuser gebaut, einmal mit Stephanie zusammen sogar eine Art Puppenhaus, mit dem man ganz toll spielen konnte. Ich vergaß die Zeit, musste mindestens dreimal zum Essen gerufen werden – ich konnte mich kaum losreißen. Es kam immer etwas Kreatives heraus. 😊

Die Kritik geht meiner Meinung nach an der Sache vorbei: Nicht Lego ist etwas anzulasten, sondern eher den Kindern, die offenbar gar nicht auf die Idee kommen, die Steine quasi zweckentfremdet zu benutzen. (Zum Glück kenne ich auch heute noch andere Fälle. 😊 ) Nicht der Hammer ist schuld, wenn sich jemand damit auf die Finger haut … 😉

Liebe Kinder, die ihr heute unter dem Weihnachtsbaum irgendein Themenset von Lego vorfinden solltet: Ihr werdet nicht verhaftet, wenn ihr die Steine anderweitig verwendet. Seid kreativ, lasst euch nicht alles vorschreiben. 😉 Und: Lego ist einfach klasse!

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten! 😊

Das Grauen lauert an der Kasse …

Speziell dieser Tage wird wieder und wieder die Verrohung der Gesellschaft beklagt – nicht unbedingt zu Unrecht. Lese ich die Zeitung, stolpere ich Tag für Tag über Dinge, die mich resignieren ließen, hätte ich nicht die Fähigkeit zum Galgenhumor. Ich schwanke nur immer zwischen den Begriffen Verrohung und Egoismus hoch drei. Vielleicht ist es aber auch so, dass aus Egoismus hoch drei über kurz oder lang Verrohung wird – ich weiß es nicht, und damit sollen sich Sozio- und Psychologen befassen. Ich habe zu wenig Ahnung von deren Themengebieten, und ich darf auch nicht allzu lange darüber nachdenken, weil ich ansonsten entweder trübsinnig oder wütend werde – beides ist nicht schön. Für mich nicht schön, noch weniger aber für meine Umwelt. 😉 (Nein, so schlimm bin ich nicht – ich finde es nur selber immer recht schade, wenn ich mich über etwas ärgern muss. Und trübsinnig bin ich noch weniger gern. 😉 )

Allerdings ist mir auch schon aufgefallen, dass sich irgendwie etwas verändert hat im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen. Nicht allen – bewahre! 😉 (Aber zu vielen.) Und ich freue mich immer, wenn ich unterwegs angelächelt werde, lächle selber auch andere Leute an. Kurz: Ich benehme mich so, wie man es mir beigebracht hat. Aber nicht nur deswegen – ich bin ja zum Glück nicht dressiert worden, lächle keineswegs auf Knopfdruck und habe obendrein ein ganz eigenes Bewusstsein. Dieses Bewusstsein jedoch wird in letzter Zeit mehr und mehr brüskiert und vor den Kopf gestoßen. Falls ein Bewusstsein überhaupt einen Kopf hat. 😉

Das Lieblingswort vieler Menschen scheint ich zu sein. So zumindest kommt es mir vor. Und wenn ich dann einmal nicht Nummer 1 ist, wird es bisweilen ungemütlich.

Der „allgemeinen Verrohung“ Widerspruch leisten wollend, leistete ich mir kürzlich an der Kasse eines Discounters offenkundig Ungeheuerliches: Ich ließ jemanden vor!

Es war ein stressiger Tag gewesen. Ich hatte dienstlich etwas heikle Gespräche gehabt und nach der Arbeit noch einen Termin bei meinem Zahnarzt. Danach wollte ich rasch noch einige Dinge einkaufen, so zum Beispiel je ein kleines Weihnachtsgeschenk für zwei meiner Kolleginnen, weswegen ich den Drogeriemarkt mit den zwei Buchstaben ansteuerte und dort viel Geld ließ, da es nicht bei den beiden kleinen Geschenken blieb, zumal der Drogeriemarkt vor kurzem renoviert worden war – ein viel größeres und attraktiveres Angebot fand ich vor! 😉

Danach ging es weiter, zu einem Discounter (es verbindet mich mit Discountern eine gewisse Hassliebe …), und ich lud einige Dinge in meinen Einkaufswagen, die ich zum einen wirklich brauchte, aber auch andere, die – zum anderen – durchaus verzichtbar gewesen wären, aber doch irgendwie verlockend wirkten. 😉 („Zum anderen“ erklärt meine Hassliebe. 😉 )

Anschließend schob ich meinen Einkaufswagen in den Kassenbereich. Nur eine von drei Kassen war geöffnet, aber zum Glück gab es vor mir keine Großeinkäufer. Dumm nur, dass ich mich dann kurz umdrehte: Da stand ein junger türkischer Mann, drei Positionen hinter meiner, und er war schwer beladen: Mit beiden Armen hielt er ein ganzes Konglomerat an Mehlpackungen!

Mir tat das leid, obwohl er mich anlächelte, und so sagte ich laut: „Das kann man ja nicht mitansehen!“ Und, ebenso zu den beiden hinter mir Stehenden gerichtet: „Wenn es recht ist, gehen Sie ruhig vor!“

Es schien recht zu sein, da kein Protest von den beiden Leuten hinter mir kam, obwohl sie der Angelegenheit sichtlich folgten. Der junge Mann mit den Mehltüten bedankte sich überschwänglich, und er legte vor mir aufatmend die Last auf das Kassenband. Es vergingen auch noch etwa zwei Sekunden, bis der ältere Herr hinter mir sich zu beschweren begann, das aber nachhaltig, denn er schnauzte mich an: „Was soll das? Ich habe auch nur zwei Teile! Warum lassen Sie den Kerl vor und mich nicht? Unverschämtheit!“

Ich blickte auf die beiden Margarinebecher in seinen Händen, dann meinte ich: „Eben! Sie haben nur zwei Artikel, und die scheinen mir nicht sonderlich gewichtig zu sein. Ganz im Gegensatz zu den Mehlpackungen des jungen Mannes!“ – „Frechheit! Typisch Frau!“ – „Nun regen Sie sich nicht auf, bitte. Ich habe heute einen ganz besonders gutmütigen Tag, und deswegen gehen Sie auch gern noch vor.“ So sagte ich in sarkastischem Tonfall.

Daraufhin kreischte es von hinten an mein Ohr: „Wie sind Sie denn drauf? Sie können doch nicht alle vorlassen!“ Ich blickte mich um und sah eine überschminkte Frau, jünger als ich und dafür ziemlich drall, die sich aufregte. Der Grund war mir nicht a priori ersichtlich, und ich meinte: „Nun, ich lasse ja nicht alle vor. Außerdem entsteht Ihnen lediglich ein kleiner Nachteil dadurch, dass ich den jungen Mann mit dem Mehl vorgelassen habe. Der Herr mit den Reform-Margarinebechern stand ja ohnehin vor Ihnen.“ – „Sie können doch nicht alle … Ich komme von der Arbeit!“

Sollte ich ihr nun dazu gratulieren, dass sie – wie sie es wohl empfand – die einzige Stütze des Staates sei? Zu ihrer Verteidigung muss ich sagen, dass bei diesem Discounter in der Tat oft Kunden mit dauernder Tagesfreizeit anzutreffen sind, aber darum ging es ja gar nicht, und so sagte ich zu ihr: „Sehen Sie, auch ich habe nicht den ganzen Tag auf der Couch gesessen und Käffchen getrunken. Ich komme auch von der Arbeit, und da war es heute besonders stressig. Aber da ich ein freundlicher Mensch bin – bitte: Gehen Sie ruhig auch noch vor.“

Das tat die Dame, aber sie motzte noch immer, und da drehte sich auch der Margarine-Opa wieder um und motzte mit. Warum, verstand ich nicht. Ich hatte gefragt, ob es recht sei, den schwer beladenen jungen Mann vorzulassen, niemand schien etwas dagegen gehabt zu haben, und der Rest war sowieso kabarettreif gewesen in seiner Absurdität. Dennoch meckerten die beiden, als würden sie dafür bezahlt. Ich stand grinsend und kopfschüttelnd dabei – jedes Wort wäre eines zuviel und die pure Energieverschwendung gewesen. Nur einmal sagte ich noch etwas, als die dralle Dame meinte: „Der hätte sich ja einen Einkaufswagen nehmen können!“ Ich blickte auf ihren randvollen Einkaufskorb und meinte nur freundlich: „Nun ja – Sie doch auch.“ Trotz der immanenten Logik kreischte die Dame erneut los …

Da aber drehte sich der junge Türke plötzlich um und sagte laut: „Das ist ja wohl das Letzte! Da ist mal jemand nett und freundlich, und dann wird sie auch noch ausgeschimpft und angemotzt! Und Sie hat sie auch vorgelassen – Sie haben sich nicht einmal bedankt! Geht ja gar nicht! Wo sind wir denn hier?“ Da war Ruhe im Karton, und ich streckte meinen Daumen hoch, lächelte den jungen Mann an und rief: „Halt jeder, wie er kann. Danke schön!“ (Das konnte ich mir dann doch nicht verkneifen. 😉 ) Und als er bezahlt und das Mehl in eine große Tüte gepackt hatte, winkte mir der junge Türke zum Abschied zu und rief: „Noch einmal ganz herzlichen Dank! Sie sind sehr freundlich. Und Ihnen wünsche ich einen schönen Abend, schöne Feiertage und alles Gute für das neue Jahr!“ Ich lachte und erwiderte seine guten Wünsche, die ich um den Satz erweiterte: „Und danke auch dafür, dass Sie sich für mich eingesetzt haben!“ Er gab zurück: „Das ist doch selbstverständlich. Sie sind ja erst durch mich in die Lage gekommen.“ – „Nein. Nicht durch Sie,“, sagte ich in prophetischer Attitüde und blickte auf den Margarine-Opa und die dralle Dame vor mir. 😉

Die beiden haben sich bis zum Schluss nicht dafür bedankt, dass sie nun eher nach Hause kamen. Nette Gesellschaft. 😉

Ich werde trotzdem in Zukunft schwer beladene Menschen an der Kasse vorlassen, ebenso solche, die nur zwei, drei, vier Teile in der Hand halten und ich mit erheblich mehr Waren im Einkaufswagen vor ihnen stehe. Margarine-Opa und die dralle Dame werden daran nichts ändern. 😉

Ich befürchte nur, dass ich demnächst schon leicht nervös werde, sobald die Kassen in Sichtweite kommen … Ganz gefährliches Terrain, eindeutig … 😉

Euch wünsche ich ein frohes Weihnachtsfest! 😊