Besinnliches Wochenende

Heute ist ein merkwürdiger Tag. Andererseits war der gestrige Tag ebenfalls merkwürdig, und dem morgigen blicke ich bereits jetzt schon voller Spannung entgegen, denn aller merkwürdigen Tage seien drei, heißt es doch im Volksmund. Oder so ähnlich.

Gestern hatte ich Urlaub. Klingt ja eigentlich gar nicht so schlecht und war mir auch sofort von meinem neuen Chef bewilligt worden, nachdem meine neue Kollegin Kerstin sofort bereitwillig die Urlaubskarte im Sinne der Vertretung unterschrieben hatte.

Der Anlass war jetzt nicht so spannend, denn zwei Wochen zuvor war ich an einem Freitagabend etwas später von der Fron und einem Abstecher nach D. heimgekehrt und hatte im Treppenhaus einen Zettel vorgefunden, dass die Heizkostenverteiler abgelesen werden würden – am Freitag der Folgewoche zwischen 10 und 12 Uhr. Ich jubelte einmal mehr über die arbeitnehmerfreundliche Zeitspanne und schrieb dem Dienstleister gleich eine Mail, in der ich um einen anderen Termin bat. Das hatte ich schon mehrfach machen müssen, und es war nie ein Problem gewesen. Gleichzeitig erwähnte ich, dass die Vorlaufzeit von einer Woche recht knapp sei, da ich inzwischen nach einem Dienst- oder Schichtplan arbeite, der leider schon feststehe und ich auch nicht einfach zwischendurch von der Arbeit abhauen könne.

Am Montag drauf rief mich ein Herr aus Bochum an, der bei dem Dienstleister arbeitet und offenbar in die Kategorie Gib ihnen ein bisschen Macht, und sie werden sie missbrauchen gehörte. Denn der Herr erklärte mir zunächst sehr wortreich, außer mir hätten sich viele andere Nachbarn beschwert, dass der Termin Mist und die Vorlaufzeit zu knapp sei. In besonders hoher Sprechfrequenz schob ich ein, ich hätte mich keineswegs beschwert. Nein, nein, ich nicht, und ich hätte ja auch einen Schichtplan – das sei etwas anderes. Und schon ging es weiter mit der Logorrhoe, bis ich in einer kurzen Atempause meines Gesprächspartners besonders liebreizend – da ist Vorsicht geboten – fragte: „Wie verbleiben wir denn jetzt?“

Man beschied mir, ich würde einen Bescheid vom Ableser hinsichtlich des Ersatztermins in den Briefkasten geworfen bekommen, und sicherlich lasse sich auch meine Bitte um einen Nachmittagstermin, wenn möglich, erfüllen.

Als ich am Freitag letzter Woche nach Hause kam, fand ich den Bescheid, der auf den achten Dezember festgesetzt war. Und ich hatte sogar einen Nachmittagstermin bekommen: Zwischen 8 und 10 Uhr würde man zum Ablesen schreiten … 😉 Vergangenen Montag nahm ich leise genervt einen Tag Urlaub für den gestrigen Freitag, an dem ich dennoch nicht würde ausschlafen können …

Von meinem Vater darauf gedrillt, dass man bei derlei Terminen schon etwa eine Stunde früher gestiefelt und gespornt sein müsse, war ich um 7 Uhr bereits vollständig bekleidet und hergerichtet. Das war ich logischerweise auch um 8, um 9 und um 10 Uhr noch. Da ich weiß, dass sich Termine auch schon einmal verzögern können, wartete ich auch weiterhin. Zwischendurch rief ich bei dem Bochumer Dienstleister an, bekam aber niemanden ans Telefon. Entweder war besetzt, oder es ging niemand dran. Und der Ableser hatte seine Handynummer nicht auf meinem Bescheid notiert. Nun, immerhin konnte ich ein bisschen herumgammeln und sah mehrere DVDs. Zweimal war ich auch unten am Briefkasten, denn beim DVD-Schauen war ich zweimal eingenickt und befürchtete, den Ableser, der just da an der Tür klingelte und Einlass begehrt haben könnte, verpasst zu haben. Aber nein – der Briefkasten war leer. Der Typ hatte mich einfach versetzt!

Höflich, aber sehr bestimmt schrieb ich eine Mail an den Bochumer Dienstleister und schilderte, was passiert sei. Oder auch eben nicht. (Im Vertrauen: Ich fürchte mich jetzt schon ein bisschen vor Montag! Nicht, dass der Typ von neulich mich wieder anruft, der so viel redete und sich in seiner Rolle gefiel, Leuten vorschreiben zu können, wann sie zu Hause sein oder dass sie ihren Schlüssel beim Nachbarn abgeben müssten, was hier offenbar niemand machen möchte …)

Zum Trost legte ich mich in die Badewanne, als es an der Tür klingelte. Ich hatte die Badezimmertür halb geöffnet – mein Bad liegt direkt links hinter der Wohnungstür – und rief: „Wer ist da? Sorry, kann gerade nicht aufmachen!“ Von draußen rief ein Nachbar: „Ah, so, ah, na ja – haben Sie Fernsehempfang. Frau B.?“ Es konnte sich nur um meinen etwas schrägen Nachbarn, Herrn Einhorn, handeln, der so wirkt, als sei er nicht von dieser Welt … Ich rief zurück: „Im Bad nicht, Herr Einhorn! Entschuldigen Sie, bitte, dass ich nicht an die Tür komme, aber ich liege in der Badewanne!“ – „Ah so, ah, na ja …“ – „Wenn Sie keinen TV-Empfang haben, habe ich sicherlich auch keinen. Kann ich jetzt aber nicht testen.“ – „Ah, so. Na, ja … Schönen Abend …“ – „Ihnen auch,“, rief ich und plätscherte ein wenig mit dem Wasser in der Wanne, damit Herr Einhorn nicht etwa dächte, ich säße auf dem Klo … 😉

Der heutige Morgen begann grau, da es draußen nicht recht hell wurde und auch noch heftig schneite, wie ich später feststellte. Ich wachte in meinem Bett auf, in das ich mich irgendwann gegen 2 Uhr morgens begeben hatte, nachdem ich lange nach meinem Bad erneut auf der Couch eingeschlafen war … 😉 Ich wachte von einem zunächst scharrenden, dann leicht quietschenden und en tout ungewohnten Geräusch auf, das vom Fenster zu kommen schien. Die Jalousie hatte ich nachts um 2 nicht mehr hinunterlassen wollen – ein wenig Rücksicht auf die Nachbarn sollte man schon nehmen. 😉

Ich zwang mich, die Augen ganz zu öffnen – was scharrte und quietschte denn da so? Als meine Augen erfassten, was diese beiden Geräusche erzeugte, war ich zunächst nicht geneigt, ihnen zu glauben. 😉 Ein kastanienrotes, kleines, sich bewegendes „Ding“ war es, und zum Glück bin ich direkt nach dem Aufwachen noch nicht so bewegungsfreudig, denn ansonsten wäre es vielleicht geflüchtet und ich hätte nicht höchst fasziniert dem Treiben des kleinen „Dings“ zusehen können. 😉

Es war ein Eichhörnchen, das auf meinen Balkon gekommen war. Genauer: „mein“ Eichhörnchen. Es kommt öfter vorbei, bedient sich am Vogelfutter, dabei auf seinen kleinen Keulen sitzend und niedlich aussehend, und es pflegt danach die Sonnenblumenkern-Schalen nicht wegzuräumen, die es dabei hinterlässt. Aber ich mag es trotzdem. 😉

Heute musste ich jedoch zweimal hinsehen. Es saß auf der Außenfensterbank meines Schlafzimmerfensters, scharrte mit seinen kleinen Vorderläufen und den immensen Krallen am Fenster, und wenn es nicht gerade scharrte, sah ich, wie es das Fenster mit seiner rosa Zunge ableckte! (Okay, ja, das Fenster muss mal wieder geputzt werden, aber der Wirkungsgrad des Hörnchens war nicht der größte, außerdem war Samstagmorgen …) Dann scharrte es wieder.

Irgendwie fühlte ich mich ein bisschen unangenehm berührt und beobachtet. Woran erinnerte mich dieses Szenario nur? Ich überlegte. Dann fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren …

Es begab sich während meiner Studienzeit in Aachen. Ich war seit einigen Wochen mit Richie zusammen, und es war Mitte Januar. Die Stadt und gesamte Region war speziell am Vorabend von einem furchtbaren Wintersturm heimgesucht worden, und es hatte geheißen, man solle die Häuser nur unter besonderer Vorsicht verlassen, da überall Dachpfannen von den Dächern fielen. So etwas möchte man nicht auf dem Kopf haben. Es könnte das erste und das letzte Mal sein.

Der Sturm heulte die ganze Nacht hindurch, es schneite wie verrückt und ließ erst gegen Morgen nach. Richie stand gegen 8 auf, brachte mir sogar einen Kaffee ans Bett und meinte: „Du hast es gut – du kannst liegenbleiben! Ich muss zur Arbeit.“ Er arbeitete als studentische Hilfskraft, als Hiwi an einem Institut, das zur Fakultät Maschinenbau gehörte. Ich hatte erst kurz zuvor meine Zwischenprüfung – in anderen Fächern Vordiplom genannt – abgelegt, an jenem Tag keine einzige Vorlesung und kein einziges Seminar, und so konnte ich bequem und ohne schlechtes Gewissen liegenbleiben. Richie meinte zum Abschied, er müsse nun leider gehen, obwohl er eigentlich viel lieber bleiben würde. 😉

Ich hörte noch, wie er die Wohnungstür ins Schloss zog, dann schlief ich ein. Irgendwann wurde ich wach und sah auf die Uhr: 11 Uhr! Vielleicht sollte ich doch mal aufstehen, dachte ich noch, warf die Decke zurück, bereit, aus dem Bett zu steigen. Da fiel mir etwas auf …

Richies Wohnung hatte keine Jalousien an den Fenstern, und im Schlafzimmer gab es nur Vorhänge. Der neben dem Bett war halb zurückgeschoben, und als ich da gerade die Decke zurückgeworfen hatte und mich streckte und dehnte, sah ich ein Gesicht außen vor dem Fenster! Genauer: einen Kopf, der einen Helm trug. Ich sah auch die Ausläufer einer Leiter. Ein Feuerwehrmann – direkt vor dem Fenster, hinter dem ich mich genüsslich streckte und dehnte!

Hätte ich wenigstens ein T-Shirt getragen – in dem Falle hätte ich den Feuerwehrmann höchstwahrscheinlich angegrinst und fröhlich gegrüßt. Vielleicht sogar das Fenster geöffnet und einen Kaffee angeboten.

In dieser T-Shirt-losen Situation allerdings hätte ich zu gern mein Gesicht gesehen. An das des Feuerwehrmannes kann ich mich bis heute erinnern … Das Grinsen und den nach oben gestreckten Daumen und sein nach unten zu seinen Kollegen gerichtetes: „Hey, Jungs!“ werde ich nie vergessen. Ebenso wenig meine völlig absurde Reaktion, denn ich riss nach der ersten Schrecksekunde hektisch die nach hinten geschlagene Bettdecke an mich, stülpte sie mir über den Kopf und ließ mich rücklings wieder ins Bett sinken, wo ich eine gefühlte Stunde reglos liegen blieb … 😉 Eindeutig: eine Art Schock hatte mich ereilt. Aber mal im Ernst: Wer rechnet denn im vierten Stock mit einem Gesicht vor dem Fenster? 😉 Und im Stillen verfluchte ich Richies Vermieterin, Frau Goldberg – dass das Dach ihres Mietshauses nicht auf dem neuesten Stand war und ausgerechnet von diesem Dachziegel herunterfielen, weswegen die Feuerwehr das Ganze absichern musste, lag nur daran, dass sie extrem geizig war. (Daher gab es ja auch keine Jalousien …)

Dass mich das Ganze aber derart konditioniert habe, war mir nicht bewusst, bis ich heute früh das Eichhörnchen begeistert an meinem Fenster herumscharren und -lecken sah. Dabei hatte ich ein T-Shirt an! 😉

Und als heute am späten Nachmittag, als ich vom Einkaufen kam, Herr Einhorn, den ich vor der Haustür traf, auch noch ganz normal mit mir sprach, mich gar anlächelte, fast anstrahlte, war mir klar: Dieser Tag ist nicht normal. 😉

Wer weiß, was morgen passiert … 😉

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.