Vom Schrecken des Nikolauses …

Heute ist Nikolaustag. Dieser Tag, neben meinem Geburtstag im August, dem ersten Dezember (der Adventskalender!) und dem Weihnachtsfest, war für mich als Kind stets ein sehr, sehr wichtiger Tag im Jahr. Nicht, dass ich materialistisch eingestellt wäre, aber mal im Ernst: Wer bekommt nicht gern Geschenke? (Naja, obwohl ich sagen muss, dass ich da bisweilen ein bisschen heikel und peinlich berührt bin, wenn sich Menschen ernsthafte Gedanken machen, was mir wohl gefallen könnte und es mir wirklich manchmal etwas unangenehm ist, etwas geschenkt zu bekommen. Ich bin da etwas eigen … geworden. Warum? Keine Ahnung. 😉 )

Als Kind war das noch anders – da freute ich mich immer riesig über Geschenke. (Im Vertrauen: Ich freue mich auch heute noch. 😉 ) Ich war ein ganz normales Kind, wie es scheint. 😉

Und der Nikolaustag war – neben den anderen genannten Tagen – für mich immer sehr schön. Denn hier kam auch noch dieses leicht Verwunschene und Überraschende hinzu, dass man morgens einen gefüllten Stiefel oder einen gefüllten Strumpf an der Tür vorfand. Wenn man diese Dinge vorfand …

Natürlich weiß man irgendwann, dass Mama und Papa Nikolaus spielen, aber als noch recht kleines Kind ist es doch bisweilen spannend, und bis zu meinem sechsten Lebensjahr fand ich auch immer zuverlässig einen gut gefüllten Stiefel – oder Strumpf – vor. Genauer: einen sehr hübschen, roten Stiefel aus Stoff, den man aufhängen konnte und auf dem vorne ein Nikolausgesicht aus Filz war. Der war immer voll, was daran lag, dass ich ihn mir mit Stephanie teilen und der Inhalt für zwei reichen musste, was aber kein Problem war, da wirklich reichhaltig.

Genaugenommen bekam ich auch nach meinem sechsten Lebensjahr – auch, als ich schon gar nicht mehr an ihn glaubte, das Ganze aber eine nette Tradition war – zuverlässig derlei Gaben in diesem Stiefel verabreicht, der immer an der Türklinke der Haustür hing, um zu signalisieren, dass der Nikolaus kurz hereingekommen sei, den Stiefel gefüllt habe und dann wieder abgezittert sei, das gute Stück noch rasch innen an die Türklinke hängend. 😉

In meinem sechsten Lebensjahr jedoch passierte etwas, das mir zu denken gab. Sehr früh am Morgen des 6. Dezember schlich ich aus dem Zimmer, das ich mit Stephanie bewohnte, die auch schon wach war. Und ich schlich die Treppe hinunter, nahm Kurs auf die Haustür, an deren Klinke ja immer der Nikolausstiefel hing. Ich langte dort an und sah … nichts. Rein gar nichts. (Was ich dabei empfand, muss ähnlich sein wie das, was heute mancher empfindet, wenn er eine WhatsApp-Nachricht oder eine Mail verschickt, und es kommt keine Antwort. 😉 )

Aber ich ging den Dingen schon als Kind gern auf den Grund, und so machte ich Licht und sah mich um, wie ich es Ostern immer tat, wenn Osternester gesucht werden mussten, die dann bisweilen raffiniert unter oder hinter irgendwelchen Möbelstücken oder dem Klavier verborgen waren. Und welche Freude immer, wenn man sie entdeckte! Ostern verbrachte ich bei der Nestsuche zumeist bäuchlings auf dem Boden. 😉 (Wobei es bei uns immer „nur“ Schokoladen- und gefärbte hartgekochte Hühnereier sowie Schokoladenhasen gab – anders als heute, wo Kinder bisweilen mit echten „Preziosen“ bedacht werden. Fragt man herum, was Ostern eigentlich sei und bedeute, erntet man nicht selten wortloses Staunen. Wie jetzt – ist das nicht ein Geschenkefest? 😉 Und das stößt sogar mir als Nichtgläubiger auf! 😉 )

Nirgendwo hing dieser Stiefel, weder im Flur, noch im Wohnzimmer, wo er ohnehin nicht hingehörte. Ich ging zurück in den Flur, und da stachen sie mir – im übertragenen Sinne – in die Augen: spätherbstliche Zweige in einer Bodenvase (ich hasse Bodenvasen – ob ein Zusammenhang mit dem Erlebnis hier besteht? 😉 ). An den Zweigen hingen Weihnachtsbaum-Schokoladenanhänger einer namhaften Schweizer Schokoladenmanufaktur, und ich atmete auf! Zumindest fürs erste, denn dann sah ich zwischen den Anhängern noch etwas: einen Zettel. Einen oben gefalzten Zettel mit Buchstaben darauf, einer Botschaft. Und ich griff zu und nahm den Zettel an mich. Zu meinem Erstaunen sah ich, dass die Botschaft in einer Schrift geschrieben war, die zu keinem aus meiner Familie passte – eine völlig fremde Schrift! Und die Botschaft in dieser Schrift war auch nicht gerade aufmunternd, denn da stand: „Liebe Stephanie und liebe Ali! Weil ihr im vergangenen Jahr nur ganz selten lieb gewesen seid, gibt es dieses Jahr keinen Stiefel, sondern dieses hier. Teilt es mit euren Eltern, denn mehr habt ihr dieses Jahr nicht verdient! Alles Gute und viele Grüße, Euer Nikolaus.“

Mir sank das Herz in die Hose – ach, du Scheiße! Ich war zwar nicht so naiv, zu glauben, der Nikolaus sei wirklich zu uns ins Haus gekommen, um die Schokoladenanhänger in die Zweige dieser hässlichen Bodenvase zu hängen – aber ganz sicher war ich mir nun doch nicht mehr. Diese Schrift war völlig anders als alles, was ich an Handschriften aus meiner Familie kannte! Und bei uns wurden auch keine oben gefalzten Zettel benutzt … Ich gebe zu, das stürzte mich in arge Zweifel, und so nahm ich den Zettel mit, als ich wieder in Stephanies und mein Zimmer zurückschlich. Auf der Treppe glaubte ich, ein leises und unterdrücktes Kichern zu hören, das aus der Richtung kam, in der das Schlafzimmer meiner Eltern lag, aber ich war zu aufgewühlt, mir darüber Gedanken zu machen. (Heute vermute ich, es war mein Vater, der da das Lachen unterdrücken musste. Er ist Frühaufsteher und daher sehr früh wach. 😉 )

Oben angelangt, teilte ich Stephanie das Ungeheuerliche mit – es gebe keinen Stiefel! Stephanie meinte: „Unsinn! Hast du genau geguckt? Oder soll ich lieber noch einmal gehen?“ – „Nein. In den Zweigen in der Bodenvase hängen Schokoladenanhänger. Und dann war da dieser Zettel …“ Ich streckte ihn Stephanie hin, aber die lachte zunächst und meinte: „Sicherlich hängt der Stiefel dieses Jahr woanders – Mama und Papa haben sich sicherlich einen anderen Ort ausgesucht.“ – „Nein! Hier! Da hing dieser Zettel in den Zweigen!“

Stephanie lästerte darüber, wie leicht ich mich doch ins Bockshorn jagen ließe, aber ich meinte: „So schreiben Mama und Papa nicht! Das ist nicht ihre Schrift!“ Da sah sich Stephanie den Zettel etwas genauer an und meinte: „Mist! Du hast Recht – das ist weder Mamas, noch Papas Schrift!“ Und angesichts der Botschaft meinte sie nur: „Offenbar haben wir Scheiße gebaut! Aber so schlimm waren wir doch gar nicht, oder?“ – „Nee!“ rief ich voller Inbrunst. Zumindest waren wir gefühlt keineswegs schlimmer als die Jahre davor gewesen … 😉

„Kein Wort zu Mama und Papa“ war unsere Devise – und immerhin darin hielten wir damals zusammen. Obwohl wir öfter zusammenhielten, wenn Not am Mann war. Aber eben auch nur dann. 😉

Heute sehe ich des Rätsels Lösung(en) so:

a) Meine Eltern hatten vergessen, etwas zum Nikolaus zu kaufen und „nur“ diese „Schwindt“-Schokoladenanhänger im Haus.

b) Meine Eltern waren echt stinkig, weil meine Schwester und ich uns dauernd stritten und/oder kloppten. Und so kombiniere man a) mit b) und schlage zwei Fliegen mit einer Klappe.

c) Es war wirklich der Nikolaus. 😉

Nachtrag: Auch meine Eltern haben an jenem und den folgenden Tagen nie ein Wort über die Sache verloren. Aber als Stephanie und ich in ungewohntem Maße liebreizend waren, zuckte es wiederholt um ihre Mundwinkel. Mission geglückt! 😉


Euch einen schönen Abend! 😊

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