„Jag heter Ali! Vad heter du?“

Immer dann, wenn ich eigentlich gar nicht soviel Zeit übrig, sondern andere Dinge zu tun habe, überfällt mich das Bedürfnis, etwas ganz anderes zu tun. So habe ich schon – völlig untypisch für mich – Schals gestrickt, ein Selbstportrait gezeichnet, mich endlich in Aquarellmalerei versucht …

Gestern überfiel es mich wieder, als ich gerade die Wohnung putzte (weshalb die Wohnung auch noch immer nicht fertig ist) und als Unterhaltung den Fernseher laufen hatte. Genauer: eine DVD. Ich gebe zu, die DVD aus nostalgischen Gründen ausgewählt zu haben, denn im Grunde ist sie eher für Kinder: „Madita“ oder – im schwedischen Original – „Madicken“ von Astrid Lindgren. Die DVD lief im Hintergrund, während ich in Küche und Wohnzimmer zugange war. Ich bekam sie zunächst auf Deutsch mit, und als sie zu Ende war, wechselte ich die Tonspur, denn es gibt auch noch eine für Schwedisch. Und schon ging es los …

Ich gestehe, ich wurde an manchen Stellen ein bisschen von Lachen geschüttelt, weil diese Sprache irgendwie knuffig ist. Sie liest sich – von den Wörtern her – bisweilen etwas sperrig, klingt aber meist ziemlich weich. Sollte man gar nicht meinen, wenn man sie nur liest. Interessant: Lese ich Schwedisch, verstehe ich Sinnzusammenhänge durchaus besser, als wenn ich es höre. Denn die Wörter klingen gesprochen doch irgendwie ganz anders – die Lautung geht im Schwedischen nicht immer Hand in Hand mit der Schreibung. Und das ist nicht das Einzige, was diese Sprache gar nicht so einfach zu durchdringen macht.

Denn da ist ja noch das, was ihren Klang so possierlich macht – eine Eigenart, die das Deutsche so nicht hat, obwohl relativ nah mit dem Schwedischen verwandt: Schwedisch lebt von einer gewissen Sprechmelodie, die nicht nur auf Sätze, sondern auf einzelne Wörter zutrifft, denn oft ergibt sich aufgrund unterschiedlicher Betonung und Melodie ein und desselben Wortes eine gewisse Bedeutungsverschiebung. Viele Menschen bezeichnen das als „ulkigen Singsang“, und so kommt es einem durchaus auch vor, wenn man sich nicht genauer damit beschäftigt. 😉

Vor einigen Jahren – ich lebte noch in der Nähe von Düsseldorf – kam ich aufgrund meiner Vorliebe für Skandinavien, speziell Schweden, auf die Idee, mir einen CD-ROM-Kurs „Schwedisch für Anfänger“ zuzulegen. Ich fand – und finde – diese Sprache so drollig und süß, und wer wusste schon, ob ich sie nicht eines Tages würde brauchen können? 😉

Endlich traf meine Bestellung ein, und voller Elan stürzte ich mich in die Arbeit! Ich sprach all die Sätze nach, die mir geduldige Muttersprachler vorsprachen, musste zwischendurch ab und an unterbrechen, wenn mich ein alberner Lachanfall anfiel, aber ich hielt tapfer durch. So lustig war nicht mal mein Niederländischkurs an der Uni gewesen, obwohl auch dieser stets lachend stattfand. Aber Schwedisch ist doch noch etwas lustiger, obwohl es eine völlig seriöse Sprache ist, ebenso wie das Niederländische, nur eben für bisher Uneingeweihte vom Klang her … irgendwie niedlich. 🙂 (Schwedisch hat immerhin den Vorteil, dass man nach einer Lektion keine Halsschmerzen hat. Eine halbe Stunde Niederländisch am Stück, und mein Rachenraum schmerzte aufs Possierlichste. 😉 )

Mein damaliger Freund Henrik hingegen verließ jedes Mal fluchtartig das Wohnzimmer, wenn ich mich an den PC setzte, und er beschwerte sich gar: „Ist dir klar, wie bekloppt das klingt?“ – „Vad menar du med det?“ – „Hä???“ – „Was meinst du damit?“ – „Ja, hör doch mal hin!“ – „Tue ich doch! Ich muss genau hinhören – sonst kann ich das Ganze ja nicht authentisch lernen!“ – „Es klingt, als würde jemand mit drei Promille zu sprechen versuchen!“ – „Echt?“ – „Ja! Und dieser Singsang! Es klingt, als wärest du nicht ganz dicht!“ – „Danke verbindlichst. Du solltest besser einen großen Bogen um Skandinavien machen. Und nun störe mich bitte nicht länger.“ Henrik verließ genervt das Wohnzimmer.

Und als er mir eines Morgens empört vorwarf, sogar im Schlaf würde ich derartig alberne Dinge äußern (dass ich bisweilen im Schlaf spreche, wusste ich schon …) und hätte, als er nachts zuvor von einem Toilettengang zurückgekommen wäre, sich wieder ins Bett und den Arm um mich gelegt hätte, das Ganze mit den Worten: „Jag heter Ali. Vad heter du?“ kommentiert, woran ich mich – da schlafend – nicht erinnern konnte, war mir klar, dass ich meinen fremdsprachlichen Bestrebungen besser nicht mehr in seiner direkten Gegenwart nachkommen sollte.

Eine Bekannte kam mir zu Hilfe. Liisa war Finnin, ihre Muttersprache jedoch Schwedisch, Finnisch hingegen ihre erste Fremdsprache, Englisch die zweite. Und sie wollte so gern Französisch lernen wie ich Schwedisch. Wir vereinbarten einen Deal: Sie würde mir Schwedisch beibringen, ich ihr Französisch. Und so geschah es.

Die Französischstunden sollten bei mir stattfinden, Schwedisch hingegen bei Liisa, die vier S-Bahn-Stationen von mir in meinem Essener Geburtsort – födelseort – lebte. Und so saßen wir eines Tages fröhlich und voller Motivation zusammen in meinem Wohnzimmer, ein Bierchen dabei, und ich lehrte sie die Grundzüge der französischen Sprache. In der Woche darauf saßen wir ebenso fröhlich in ihrer Küche im Essener Süden, ein Bierchen dabei, und die erste Schwedischstunde nahm ihren Lauf.

Sie hatte kaum begonnen, da rief Liisa irritiert in ihrem reizenden schwedischen Akzent: „A-li! Du hassst eine Ss-tockholmerr Akssent! Wiesso? Ssag mal!“ – „Wie bitte? Was habe ich? Einen Stockholmer Akzent?“ – „Jo. Du ss-prrichsst sso, wie Ssweden in Ss-tockholm ss-prrechen!“

Ich ss-taun…, äh, staunte. Wie kam ich, bitte, an einen solchen Akzent? Verarschte sie mich? Ich fragte nach, aber sie meinte: „Nein, wirrklich! Isst mirr errnst.“ Wir rätselten und rätselten. Bis ich mir mit der flachen Hand gegen die Ss-tirrn schlug. Liisa sah mich irritiert an, und ich schrie begeistert: „Der CD-ROM-Kurs! Das ist eine Ss-tockholmer Produktion mit lokalen Ss-prrecherrn!“ – „Ah! Und ich dachte schon an ein underverk!“ – „Woran? Underberg?“ – „An ein Wunder.“

Nein, ein underverk war es nun wirklich nicht, aber Liisa fand klasse, dass ich so genau hingehört hatte.

Leider mussten wir die beiden Sprachkurse dann abbrechen, da Liisa mit ihrem englischen Freund nach England zog. Schade.

Aber ich habe den CD-ROM-Kurs wieder hervorgeholt und arbeite erneut an meinem Stockholmer Akzent. Unterbrochen durch zahlreiche Lachanfälle, weil es wirklich gar zu drollig klingt. 😉

Und damit verbleibe ich wie folgt: Ha en fortsatt trevlig dag! Hej då! 😀

Irgendwie habe ich den Eindruck, es falle einem leichter, Schwedisch zu lernen, wenn man Fränkisch kann. Da gibt es auch vornehmlich ein scharfes S – auch im Anlaut -, manche anderen Laute ähneln einigen im Schwedischen, und man spricht ein Zungenspitzen-R. Wer hätte das gedacht? 😉

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