„Platz da – ich bin Verziehungsberechtigter, und mein Sohn muss sofort ans Kassenband!“ Oder: Vorsicht, Hubschrauber im Anflug!

Ich liebe Kinder. Ich mag sie wirklich sehr. Nicht ohne Grund habe ich lange mit Kindern gearbeitet. Es macht Freude, mit Kindern zu arbeiten, und meist öffnet es einem das Herz ganz weit, wenn die kleinen Kerle einem offenen Mundes zuhören und/oder einen anhimmeln. Mir geht es dabei nicht darum, dass ich angehimmelt werden müsse – ich finde es einfach nur bezaubernd, wie offen und wissbegierig Kinder sein können. Meist auch sind. Und – umgekehrt – wie man begeistert mit ihnen Lieder singt, deren Texte und Melodien nicht gerade herausfordernd sind. Aber man fängt ja immer klein an, und es ist immer schön, wenn man die kleinen Gesichter sieht, die voller Begeisterung und Spannung auf einen gerichtet sind. Wenn die Kleinen einen umarmen und/oder gar weinen, wenn sie Abschied nehmen müssen und einen ganz fest drücken und nicht loslassen wollen. Abschiednehmen ist nicht schön, und mir fällt das auch nicht leicht. Von daher verstand ich die kleinen Kerlchen immer, wenn sie weinten. Und was für ein Kompliment für mich, dass sie weinten, weil sie mich verlassen mussten! Ich hatte auch immer einen Kloß im Hals, aber bloß nicht vor den Kindern weinen!

Ich mag Kinder auch jetzt noch. Ich mag nur manche Eltern nicht. Überhaupt nicht. Und ich frage mich manchmal, ob ich – von mir selber unbemerkt – mehrere, viele Jahre im Koma gelegen habe, wenn ich manche Kinder sehe, die offenbar die Rolle der Sonne eingenommen haben, um die die Erde kreist.

Keine Frage – Kinder sind wichtig, und ich bedauere sehr, keine eigenen zu haben. Aber andere Menschen sind auch wichtig, und im Grunde sollten alle Menschen gleiche Rechte haben.

Offenbar aber hat der Jugendwahn schon extrem an Fahrt aufgenommen, und inzwischen freut es mich schon, dass man ältere Menschen, älter als 30, nicht gleich über die Klippe schubst. Jenseits der 30 – es sei denn, man hat Kinder – sollte man ohnehin besser die Fresse halten, den Strickstrumpf in die Hand nehmen, sich in den Schaukelstuhl setzen und eifrig nickend einfach nur Strümpfe stricken. Zumindest als Frau. Für Männer in dieser Situation empfehle ich Laubsägearbeiten. 😉

So habe ich es nie gesehen, würde und werde es auch nie so sehen. Aber heute ist irgendwie alles anders. Früher durfte ich Kinder auch noch betreuen, obwohl ich keine eigenen habe. Heute würde ich mich einem immensen Risiko aussetzen, weil ich die kleinen Prinzen und Prinzessinnen möglicherweise falsch behandeln würde, würde ich ihnen einfach nur erklären, dass sie – wie alle anderen – ganz normale Menschen seien. Und – wie alle anderen Menschen – gefälligst Rücksicht auf andere Menschen, egal, welchen Alters nehmen müssten. Aber das muss ich einschränken: Es gibt – zum Glück – noch immer viele Eltern, die mit ihren Kindern ganz natürlich umgehen. Wie man mit ernstzunehmenden Menschen eben umgeht, die kein „Projekt“ oder etwas Exotisches sind.

Denn so kommt es mir bisweilen vor – dass Kinder etwas ganz Exotisches seien. Ein Studienobjekt, das es zu optimieren gelte. So wie der kleine Junge, etwa drei Jahre alt, dem ich am vergangenen Freitag in einem REWE-Supermarkt in D. begegnete.

Ich war ganz harmlos nach der Arbeit nach D. gefahren, wo mein Elternhaus steht. Ich wollte nach dem Rechten sehen, da meine Eltern derzeit in Franken sind, wo sie zweimal im Jahr für mehrere Wochen sind. Einer muss ja nach dem Rechten sehen. 😉

Nachdem ich gesehen hatte, dass im und um das Haus herum alles ganz prächtig sei, fuhr ich zurück, machte aber noch einen Abstecher zu REWE, weil dieser spezielle Supermarkt wirklich sehr attraktiv ist.

Schon beim Betreten des Marktes fiel mir etwas auf, das mir bei vorherigen Besuchen nicht aufgefallen war: Hatten die hier eine spezielle Zeit, da ausschließlich Familien, ergo Menschen mit Kindern, den Supermarkt betreten durften – und war ich da hineingeraten? Denn man hörte schon beim Betreten des Marktes aus allen nur denkbaren Himmelsrichtungen wenig fröhliches Kindergeschrei, auch -geheul. Ich hatte einen langen und anstrengenden Arbeitstag hinter mir. Die Kinder, die da heulten und schrien, hatten offenbar auch Stress. Ich konnte sie verstehen.

Aber ich bin stolz auf mich, da ich offenbar in der Lage bin, auch mit einem Einkaufswagen sehr reaktionsschnell ausweichen zu können. 😉 Das musste ich öfter, da sich mehrere Kleinkinder, deren Eltern offenbar andere Probleme hatten oder den Supermarkt für eine große Kleinkind-Austobzone zu halten schienen, in mutmaßlich suizidaler Absicht just dorthin stürzen mussten, wohin ich gerade mit dem Wagen fahren wollte. Laut kreischend und im Vollbesitz des Bewusstseins, dass dieser Supermarkt eigentlich gar kein Ort sei, an dem Menschen die zum Leben notwendigen Dinge erst aussuchen, dann an der Kasse käuflich erwerben (ich liebe diesen Ausdruck! 😉 ), sondern eine Erweiterung des elterlichen Gartens. Ich war genervt, aber weniger der Kinder wegen, die es nicht anders gelernt hatten. Ich griff sogar noch ein, als ein älterer Mann die Kinder anschrie, ob sie sich nicht benehmen könnten. Ich meinte: „Bitte – die Kinder können nichts dafür. Es sind Kinder, und die rennen halt hier herum und achten nicht auf andere.“ – „Ja, aber – die müssen doch aufpassen!“ – „Ja, klar. Aber sagen Sie das den Eltern!“ – „Und wo sind die Eltern?“ – „Keine Ahnung – wohl mit anderem beschäftigt.“ Der ältere Mann regte sich auf, wie es sein könne, dass Eltern nicht auf ihre Kinder achtgäben. Ich grinste. Ich finde zwar auch, dass Kinder Kinder sein müssen, aber nicht in einem Supermarkt zur Stoßzeit rücksichtslos andere Leute über den Haufen rennen müssen oder veranlassen, dass sie selber möglicherweise über den Haufen gefahren werden. Rücksichtnahme ist schon wichtig – von allen Seiten.

Endlich hatte ich alle Sachen zusammen und begab mich zur Kasse, wo ich alles auf das Kassenband legte. Mitten in dieser Handlung verspürte ich einen Schmerz knapp unterhalb des linken Knies. Ich blickte hinab. Da stand ein kleiner Junge, etwa drei Jahre alt, und er starrte mich total giftig an. Simultan drang eine salbungsvoll tönende Stimme an mein Ohr: „Würden Sie bitte Ihren Einkaufswagen beiseiteschieben? Mein Sohn muss [!] an das Laufband!“

Ich starrte den Vater an, der das geäußert hatte, dann starrte ich den Zwerg an, der knapp über mein Knie reichte. Was ich in dem Moment dachte, ist nicht mehrheitsfähig. Und so sagte ich nur: „Aber natürlich!“ Und das in einem Ton, der eindeutig war. Zumindest für Leute, die mich kennen. Aber der besorgte Vater meinte: „Noch etwas weiter – er kommt doch sonst nicht an das Band!“ Und das in einem Tonfall, als hätte ich gegen die Gottesordnung verstoßen!

Da wurde es mir dann doch etwas zu blöd. Und ich sagte: „Sehen Sie sich hier um – hier ist gerade Stoßzeit! Wohin soll ich mit dem Wagen? Soll ich ihn mir auf den Kopf setzen? Ihr Sohn reicht so oder so noch nicht an das Band heran.“ – „Ja, aber braucht doch das Erfolgserlebnis!“ So die Antwort des sogleich empörten Vaters. Ich meinte: „Wissen Sie, ich finde schön, wenn Kinder gefördert werden. Aber bitte zur rechten Zeit am rechten Ort. Hier ist gerade Stoßzeit, und ich kann mich leider mitsamt Einkaufswagen nicht in Luft auflösen. Will ich auch gar nicht, weil ich unter anderem den Kindergarten Ihres reizenden Sohnes mitfinanziere. Ich habe das Recht, hier einzukaufen, ohne mich einschränken zu müssen. Das hier ist ein Supermarkt – kein Erlebnisspielplatz für Kinder! Kommen Sie doch am besten irgendwann an einem Montagmorgen mit dem Kleinen hierher – da gibt es sicherlich weniger Probleme. Ich sehe nicht ein, dass ich mich Ihren Erziehungsmethoden beugen soll. Im Übrigen: Es wäre eine wunderbare Gelegenheit, Ihrem übrigens sehr niedlichen Sohn beizubringen, dass man bisweilen auch warten muss, bis man an der Reihe ist. Mussten vor Ihrem Sohn schon ganz viele Menschen lernen, dass man Rücksicht nehmen muss.“

Ich war an jenem Freitag wirklich total genervt, aber es half: Der Vater war sprachlos, und ich konnte ungestört mit meinem Einkaufswagen die Kasse passieren und bezahlen. Und der kleine Sohn hat mich sogar angegrinst! 😉

Ich mag Kinder noch immer – nur eben manche Eltern nicht. Das ist keine generelle Elternkritik, und nicht alle Eltern sind Helikopter. Ich kenne ja selber viele total tolle Eltern. 😊

Nur habe ich bei gewissen Eltern heute den Eindruck, dass es sich eher um Ver- als Erziehungsberechtigte handle. Aber ich muss dazusagen, dass es das schon immer gab.

Nur nicht in diesem Ausmaß. 😉

6 Gedanken zu “„Platz da – ich bin Verziehungsberechtigter, und mein Sohn muss sofort ans Kassenband!“ Oder: Vorsicht, Hubschrauber im Anflug!

  1. malinsalltagsgedoens schreibt:

    Ich verstehe was du meinst, aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen: mit Kindern einkaufen ist auch für Eltern nicht schön. Mit mehr als einem schon gar nicht (deswegen tue ich es auch nur noch sehr selten). Manchmal kann man da gar nicht so schnell gucken, wie die weg sind. 🙈 Dennoch, Rücksicht auf andere muss sein und der Heiligenschein der manchen Kindern aufgesetzt wird ist wirklich anstrengend. Kinder sind keine Engel, manchmal sind sie sogar eher kleine Teufelchen. 😉

    • ali0408 schreibt:

      Dem kann ich nur beipflichten. Ich habe früher sehr viel mit Kindern gearbeitet – manchmal könnte man zwei Arme und Hände zusätzlich gebrauchen. Vielleicht sogar mehr davon – wie eine dieser Hindu-Göttinnen. 😉

      Mich nervt im Allgemeinen auch nur dieser ganz selbstverständliche Anspruch mancher (!) Eltern, alle müssten auf ihr Kind Rücksicht nehmen, das sie als Zentrum des Universums ansehen. Diese Eltern sind es, die nerven. Der Vater an der Kasse gehörte auch dazu, der von mir erwartete, mitten in der „rush hour“ zur Seite zu gehen – mitsamt Einkaufswagen, wobei sich die Frage stellte: wohin? Es war brechend voll im Supermarkt … Es sind mehr solche Eltern als deren Kinder – denn letztere können nix dafür -, die mir empfindlich auf die Nerven gehen. Vor allem nach Feierabend … 😉

      • malinsalltagsgedoens schreibt:

        Musterbeispiel für „solche“ Eltern: Ich stand vor kurzem mit meiner Kleinen vor einer Schaukel auf der ein Junge schaukelte – schätzungsweise fünf oder sechs. Sie lief los und ich fing sie gerade noch ab bevor ihr die Schaukel gegen den Kopf donnerte. Wir warteten dann davor, weil sie halt auch schaukeln wollte. Selbst der kurz zuvor gerade noch verhinderte Unfall hielt ihn nicht davon ab weiter im stehen wie wild zu schaukeln. Soweit ok, ist auch nur ein Kind. Dann sprang er irgendwann im vollen Schwung ab, direkt vor unsere Füße. Und was höre ich von der Seite (bis dahin unbemerkt oder nicht als Eltern erkannt, weil meines Erachtens nach schon etwas alt dafür): „Na da hat die Kleine ja nochmal Glück gehabt. Da hätte unser Anton gar nichts dafür gekonnt, wenn das schief gegangen wär. So dicht davor ist ja auch unverantwortlich“ … Ich verkniff mir den Kommentar, dass ein Unterlassen des Abspringens auch eine nicht ganz abwegige Unfallverhindernde Möglichkeit gewesen wäre und dachte mir meinen hier nicht aussprechbaren Teil… 🙄

      • ali0408 schreibt:

        Vielleicht waren es ja die Großeltern. 😉 Aber solche Situationen kenne ich: Kind macht Unfug, schädigt dabei andere u. U., und die dürfen sich noch unverschämte Belehrungen anhören. Das gab es zwar schon immer, aber ich glaube, nicht in diesem Ausmaß. Ich habe selber als noch relativ kleines Kind damit sehr schlechte Erfahrungen gemacht, nachdem der Nachbarsjunge mich zweimal mit voller Absicht verletzt hatte (einmal eine Schüppe übern Kopp gezogen, einmal die Treppe hinuntergeworfen) und ich dann – anders als die anderen Kinder – nicht mehr zum Spielen zu diesen Nachbarn kommen sollte, weil ich den „armen Jan“ reize. Dabei hatte ich Schiss vor ihm, da er extrem jähzornig war und mich ohnehin schon von ihm fernhielt, so gut es ging. „Der arme Jan“ wurde – als er sah, was er angerichtet hatte – von seiner Mama getröstet, die dann mir gegenüber eine Art „Hausverbot“ aussprach. Die Situation sei zu gefährlich, da ihr „armer Jan“ ja … Und so fort. Nett: Die anderen Kinder waren dann solidarisch, und keiner wollte mehr dort spielen. Aber die Vorgehensweise war irgendwie ungeheuerlich. 😉 Nur: Das war damals ein Einzelfall … 😉

      • malinsalltagsgedoens schreibt:

        Ich bewundere an solchen Eltern auch immer deren Selbstbewusstsein. Ich würde mich in Grund und Boden schämen wenn meine Mädchen so rücksichtslos oder gar bösartig
        wären, aber anscheinend scheinen diese keinen Zweifel an ihrer Erziehung zu haben. Aber heutzutage weiß es sowieso jeder besser wie man (fremde) Kinder zu erziehen hat. Sinnbildlich dafür die wundervolle Sendung „Mein Kind, dein Kind. Wie erziehst du denn?“ ….

      • ali0408 schreibt:

        Ich bewundere diese Art „Selbstbewusstsein“ auch immer, nenne es aber Hybris. 😉

        Ja, heutzutage weiß jeder alles besser. Es ist nicht nur bei Kindern so, es wird einem auch immer in die Arbeit hineingeredet, ins eigene Fachgebiet. Und das nicht selten von Menschen, die keinen blassen Schimmer von der Materie haben. Daher würde ich mich niemals in die Erziehung anderer einmischen. Aber ich sage, wenn mir etwas aufstößt, wenn es z. B. unfair oder zur Zumutung für andere wird, die auch Rechte haben. 🙂 Und ich sage nur den Hybris-Eltern etwas, weil die meines Erachtens den Schuss nicht gehört haben.

        Dir und Deinen beiden kleinen Töchtern wünsche ich alles Liebe und Gute! 🙂

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