Lost in time – lost in space …

Dieses Gefühl hat – wie alle Dinge im Leben – zwei Seiten. Es gab schon Momente, da ich mich so fühlte, es aber durchaus angenehm war. Es gibt aber auch andere Momente …

Einer – oder vielmehr viele – davon heute. Ich musste sehr früh aufstehen, da ich um halb acht einen „wundervollen“ Termin hatte: im Luisenhospital. Genauer: in der Radiologie. Dort harrte der MRT oder Kernspin-Tomograph meiner, da bei einer regulären Untersuchung etwas entdeckt worden war, was genauer untersucht werden musste. Vor vier Wochen entdeckt, hatte ich mich nun genau diese vier Wochen durchgeschleppt, bis ich endlich einen Termin ergattern konnte.

Da die Krankenversicherungen sich just bei dieser MRT-Untersuchung sträuben, die Kosten zu übernehmen, obwohl diese nie grundlos geschieht und vielen Frauen im schlimmsten Falle das Leben retten kann, musste ich eine Einweisung zur stationären Behandlung mitbringen. (Wenn ich bedenke, welchen Humbug Krankenversicherungen jedoch unhinterfragt übernehmen, kann ich nur den Kopf schütteln, zumal eine solche MRT-Untersuchung, privat gezahlt, ein immenses Loch ins Portemonnaie reißt, denn die kostet ungelogen 1000,- Euro!) Es war auch nicht klar, ob ich nicht doch zumindest eine Nacht würde bleiben müssen. Wer mich kennt, weiß, dass ich auf die Aussicht, stationär ins Krankenhaus zu müssen, eher unruhig reagiere.

Und so hatte ich letzte Nacht auch sehr schlecht geschlafen. Meine Hausärztin hatte mir ein Beruhigungsmittel verschrieben, da ich in sehr engen Räumen nicht selten Beklemmungen bekomme, aber sie hat mir einen derartigen Hammer verschrieben, dass mir beim Gedanken, diesen nehmen zu müssen, noch zusätzlich unwohl war.

Ich nehme es mal vorweg: Ich habe auf die Einnahme verzichtet. Ich stehe nicht auf Psychopharmaka, und dazu gehört das Präparat, das sicherlich in ernsten Fällen sehr gute Dienste leistet. Aber ich beschloss, es müsse auch so gehen: „Keine Feigheit vor dem Feind – das schaffst du!“

Und ich habe es geschafft, obwohl knapp 45 Minuten in dieser Röhre, und das noch in Bauchlage, eine echte Herausforderung für Klaustrophobiker sind. (Ich hasse Bauchlage – ich gehöre nicht zu den Menschen, die auch noch bequem bäuchlings schlafen können. Das ist so, seit ich denken kann. Meine Mutter behauptet noch heute, ich hätte schon als noch kleines Baby wild protestiert, wollte sie mich in Bauchlage ins Bett legen. Woran liegt das? Ich finde, es sehe immer so entspannt aus, wenn Leute auf dem Bauch liegend schlafen. 😉)

Ich war furchtbar angespannt, als ich in die Patientenaufnahme kam. Und ich musste auch noch längere Zeit warten, obwohl ich die erste Patientin war, was mich noch nervöser machte. Aber dann wurde ich hereingerufen, und ich stieß auf Frau Özdemir, die meine Angelegenheit bearbeitete. Frau Özdemir war total nett, und wir haben viel gelacht. Sie meinte: „Frau B., machen Sie sich keine Sorgen – oft ist es blinder Alarm. Ich drücke Ihnen ganz, ganz fest die Daumen. Und ich finde sehr schön, dass Sie meine erste Kundin waren, weil Sie so freundlich und fröhlich gewesen sind, obwohl Sie offenbar Angst haben, und darüber lachen können, dass Sie ganze 14 Dokumente unterschreiben müssen. So viele Unterschriften muss man nicht einmal leisten, wenn man ein Haus kauft! Manche Patienten sind da ganz anders: nörgelig, als sei ich schuld, dass sie hierherkommen müssen. Aber Sie fand ich total nett. Und trotzdem hoffe ich, dass wir einander nicht allzu oft sehen – in Ihrem Interesse. Ansonsten gern.“

Und sie schickte mich in die Radiologie, wo ich mich anmeldete, eine Viggo gelegt bekam, was ich hasse, aber es sollte ja unter der MRT-Untersuchung ein Kontrastmittel geben, und da braucht man einen venösen Zugang. Der Assistent, der die Viggo legte, war kleiner als ich und glich einem Kubus. Einem fröhlichen Kubus, und er meinte: „Sie müssen in den Kernspin-Tomographen?“ – „Ja …“ – „Keine zehn Pferde bekämen mich da hinein!“ – „Sie machen mir ja Mut! Danke!“ Ich lachte. Er meinte: „Nein, keine Sorge – alles halb so schlimm!“ – „Ja, ich war ja wegen anderer Dinge auch schon zweimal drin, mag es aber nicht.“ – „Alles halb so schlimm. Aber mich bekämen keine zehn Pferde hinein!“ Ich musste lachen. Obwohl er nun wirklich nicht beruhigend wirkte, war doch seine Ehrlichkeit sehr sympathisch – und ich musste ja so oder so in das Ding. Da lacht man doch lieber mit. 😊 Obwohl ich in der Um- bzw. Entkleidekabine neben dem Tomographen dann fast in Tränen ausgebrochen wäre, so angespannt war ich.

Dann ging es los. Ich musste mich zu 50 Prozent entkleiden und durfte kein Metall tragen. (Dass ich in der linken Hosentasche noch Wechselgeld hatte – gestern in Eile dort deponiert und dann vergessen -, merkten wir auch erst, als ich aus dem Tomographen wieder herausgefahren wurde, aber die sehr nette Assistentin meinte, es sei nicht schlimm, da die Körperteile, die untersucht wurden, nicht auf Höhe meiner Hosentasche lagen. 😉 Mir war es nur ein bisschen peinlich, aber die Assistentin lachte und meinte: „Es ist doch alles okay – ich habe auch oft -zig Euro in den Hosen- und Jackentaschen!“ Na, dann! 😉

Ich musste mich bäuchlings auf die fahrbare Liege legen, an die Viggo in meinem Arm wurde ein Infusionsschlauch angeschlossen, man wies noch einmal darauf hin, dass ich mich um Himmels willen nicht bewegen dürfe, und man gab mir den Rat, am besten die Augen zu schließen und eine Einkaufsliste zu machen. Oder an etwas Schönes zu denken. Dann stülpte man mir Kopfhörer über und legte mir den Alarmknopf zwischen die beiden Hände, die malerisch vor meinem Kopf ausgestreckt lagen. Den Kopf hatte ich nach links gedreht und in das Kissen geschmiegt, das am Kopfende lag. Es hätte etwas praller sein können, das Kissen … 😉

Und so fuhr man mich in den Tomographen, der sich schon warmgelaufen hatte und – von außen – Geräusche machte wie meine Waschmaschine, kurz bevor sie vom letzten Spül- in den Schleudergang wechselt. Und ein bisschen wie eine Waschmaschinentrommel sieht dieser Tomograph auch aus … Ein bisschen beruhigte mich der typische Siemens-Schriftzug, den er trug. Man krallt sich in bedrohlichen Situationen ja gern an Bekanntes und Vertrautes, und mein Herd, Backofen und Spülmaschine sind von dieser Firma, in der mein Vater als Jungingenieur vor langen Zeiten gearbeitet hat. 😊

Drinnen wurde es dann interessant. Wer noch nie in einem Kernspin-Tomographen war, sollte sich auf bisweilen irritierend klingende Geräusche und Lautabfolgen gefasst machen. In Beschreibungen für unerfahrene Patienten steht oft: „Zu Beginn wird Sie das dezente Klopfen des Tomographen vielleicht irritieren, aber das gibt sich bald.“ Habe ich durchaus schon öfter gelesen. Und dann schallend gelacht. „Dezentes Klopfen“!

Es beginnt stets mit einem lauten und Mark wie Bein durchdringenden Tock-tock-tock-tock-[…]. Das ist zwar ein Klopfen, aber gewiss nicht „dezent“, und ein Glück, dass man Kopfhörer und/oder Ohrstöpsel hat. 😉 Das Tock-tock geht dann erst einmal ein bisschen. Dann bricht es ab. Stille – wie schön. Doch dann! Dann kommt die nächste Sequenz: Dengel-dengel- dengel- dengel- dengel-[…] Und das geht wie die Tock-tock-Phase auch einige Minuten so.

Kaum daran gewöhnt, folgt nach einem kurzen Moment der Stille dann Klong-klong-klong-klong-klong-[…]. Und danach folgt die Dröhn-Phase, die durch Kling-kling-kling-kling-kling-[…] abgelöst wird. Dann folgen einige Disharmonien und die Schepper-Phase.

Dann kommt das Kontrastmittel und noch weitere Dengel-, Tock-tock-, Dröhn-, Schepper- und sonstige Geräuschphasen …

Mir war jegliches Raum- und Zeitgefühl abhandengekommen, irgendwann. Es gab immerhin drei Momente, da ich fast den Alarmknopf gedrückt hätte. Aber ich riss mich zusammen und stellte fest: „Man braucht gar kein Beruhigungsmittel, wenn man nur genügend Kinderlieder kennt, die gefühlt tausend Strophen haben!“ 😉 Denn – Dank an meine neue Kollegin Kerstin, die mich neulich an dieses Lied erinnerte, das ich lange vergessen hatte – ich rettete mich mit dem netten, aber höchst meditativ wirkenden Lied Ein Schneider fing `ne Maus mit ungezählten Strophen aus der ersten Notsituation, das ich zwar nicht sang, aber ganz, ganz leise vor mich hin summte, während in meinem Kopf der zugehörige Text abgespult wurde. Danach kam dann Ten Green Bottles, ein englisches Kinderlied, mit dem Kinder die Zahlen bis 10 lernen – nette, schmissige Melodie, ansonsten aber eher eintönig-beruhigend. (Ich hatte dieses Lied selber mit einem kleinen Nachhilfeschüler wieder und wieder gesungen, der sich mit den Zahlen im Englischen schwertat.) Und danach kam Ein Hund kam in die Küche … 😉 Und zuletzt Row your boat. Das hat zwar nur wenige Strophen – ich kenne nur zwei -, wirkt aber sehr aufmunternd. 😉

Nur einmal noch ein Schreckmoment: Nach einer Phase relativer Stille dröhnte der Tomograph plötzlich wie eine Schiffs-Alarmsirene, und ich schrak fast hoch, im Impuls: „Alle Mann von Bord! Frauen und Kinder zuerst!“ zu schreien. 😉 Allein die Aussicht, damit die Untersuchung zu versauen und noch einmal in dieses dengelnde Ding zu müssen, konnte mich davon abhalten.

Nach den vierzig Minuten, die die Klaustrophobiker-Folter gedauert hatte, war ich erlöst. Und hatte dann noch ein Gespräch mit der Oberärztin in der Radiologie, die „nichts Besorgniserregendes“ gefunden hatte, aber riet, mich leise zu freuen, da ihr Chef noch einen Blick auf die Aufnahmen werfen müsse. Ich gehe davon aus, dass sie mir das nicht gesagt hätte, gäbe es größere Zweifel. Man muss ja auch die Arbeitshierarchie beachten. Ich hoffe, dass es sich nur darum handle. 😉 Am Montag habe ich dann einen Termin bei ihrem Chef.

Ich bin in mehrerer Hinsicht erleichtert. 😊 Und dazu fällt mir nur eines ein:

Row, row, row your boat,
Gently down the stream.
Merrily, merrily, merrily, merrily,
Life is but a dream.

Row, row, row your boat,
Gently down the stream.
And if you see a crocodile,
Don’t forget to scream. (Ahh!)

Euch einen schönen Tag! 😊 Meiner ist seit kurz vor 10 erheblich schöner. 😊

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