Ein Ausgleich wäre schön …

Hier sitze ich nun, soeben heimgekehrt von des Montags Horror. Denn der Montag ist nicht nur ganz normal der furchtbarste Wochentag für mich, sondern ganz speziell im Moment. Morgens quasi mit den Hühnern (welche Hühner eigentlich – ich habe keine Hühner …) aufstehen, ergo „vor Tau und Tag“, wie man so hübsch sagt, um dann um sieben Uhr bei der Arbeit zu sein, da ich um vierzehn Uhr schon wieder die Biege machen muss. Und das bei all meinen Minusstunden … Zum Ausgleich bin ich an den Montagabenden immer erst gegen zwanzig Uhr dreißig oder gar später zu Hause.

Auf meiner alten Stelle wäre mir etwas Derartiges gar nicht in den Sinn gekommen – so früh bei der Arbeit zu sein! Aber ich habe seit Anfang Oktober eine neue Stelle, und da will ich nicht gleich noch viel mehr Minus machen. So etwas sieht immer irgendwie blöd aus, finde ich. Zumal mein neuer Chef sehr kooperativ ist und mich immer anfeuert, unbedingt auch meiner eigentlichen Berufung nachzukommen, und das bedeutet, jeden Montag zusätzlich zur Vollzeitstelle zu einer der Unis der Nachbarstädte zu fahren, um dort ein Seminar zu leiten, das mit dem von mir erfolgreich studierten und absolvierten Fach in gewisser Weise Hand in Hand geht. 😉 (Das ist total nett und gut gemeint, aber derzeit befinde ich mich – da ja noch in der Einarbeitungsphase meiner neuen Stelle – im Vollstress.)

Am schlimmsten ist der Weg hin und zurück – das Seminar selber macht Spaß. Ich leite solche Seminare ja auch schon seit neun Jahren, und das macht mir wirklich große Freude, was wohl daran liegt, dass ich eine kleine Rampensau bin (was ich auch erst durch die Seminare erfahren habe) und gern mit Menschen arbeite.

Als ich heute Abend nach der Session in der S-Bahn saß (meine Autobahnaversion liegt noch immer nicht ad acta …), schoss mir plötzlich folgender Gedanke durch den Kopf: „Du brauchst dringend einen Ausgleich! Irgendetwas Sportliches am besten!“ Und ich überlegte …

Laufen? Nicht so mein Ding – außerdem bin ich Raucherin. Nordic Walking? Och nee – wenn ich mit Stöcken durch die Gegend stoche, dann doch gleich Ski! Aber das traue ich mich nicht. Und Schnee ist hier Mangelware. Es gäbe zwar die Möglichkeit von kunstschneegeprägten Institutionen – aber da ist zuviel Publikum. Das geht gar nicht.

Schwimmen? Nee – auch nicht so mein Ding, es sei denn, in einem Pool, der mir gehörte …

Fußball? Sehe ich zwar sehr gern. Aber selber spielen? Nee. Basketball? Zu klein, wie schon in der Schule im Sportunterricht klar war. Ich wurde von meiner Sportlehrerin immer Miss Bounce Pass genannt, denn die Pässe, die über den Boden gingen, waren die einzigen, die ich spielen und annehmen konnte. Alles, was in oder über Brusthöhe an Pässen von mir versucht wurde, führte nur dazu, dass jemand, der größer war als ich, wie aus dem Boden gewachsen vor mir stand, als er sah, was ich plante, mir den Ball abnahm und sich höflich dafür bedankte. Demütigend. Denn die meisten in meinem Sportkurs waren größer als ich, und so verlagerte ich mich auf die Bounce Passes. Die beherrschte ich aber dann auch recht gut. 😉

Zumba? Ich kenne einige Leute, die Zumba machen. Alles Frauen. Und die sind total ehrgeizig. Bei der Vorstellung, mit lauter derart ehrgeizigen Geschlechtsgenossinnen antreten zu müssen, verschlug es mir gleich die Lust, denn ich musste mit Schaudern an die einzige Stunde Step Aerobic denken, die ich beim Hochschulsport in Aachen mitgemacht hatte … Zum Glück war ich nicht die einzige Bewegungslegasthenikerin … 😉

Dann schoss mir etwas durch den Kopf, das ich früher so gern getan habe: „Vielleicht solltest du doch wieder mit Reiten anfangen!“ Ich muss zugeben, dass diese Idee mir alle Jahre wieder durch den Kopf geistert. Reiten ist ein schöner Sport, vor allem so, wie ich es mag: keine Turniere, kein Ehrgeiz, einfach nur Freizeitreiten. Außerdem liebe ich Tiere sehr, und Pferde ganz besonders.

Na, also! Da hatte ich doch etwas gefunden!

Doch als der Zug in Castrop-Rauxel gehalten hatte und erneut anfuhr, ereilte mich eine furchtbare Erinnerung, die schon sehr lange zurückliegt, und doch war es so, als wäre es erst gestern geschehen …

Ein wunderschöner Oktobertag, die Sonne scheint, und man kann wirklich von goldenem Oktober sprechen. Es ist Samstag, und ich sitze im Auto mit Bea, meiner besten Freundin, ihrem Bruder Tobias, und ihrer beider Mutter, die das Auto fährt. Es ist eines dieser wunderbaren Wochenenden, an denen ich bei Bea übernachten darf, und wir sind unterwegs mitten in die Hohe Mark, um dort bei einem Mietstall drei Pferde zu mieten und auszureiten, während Beas und Tobias‘ Mutter mit dem Familienhund einen längeren Spaziergang machen möchte. Und so geschieht es dann auch.

Bea und Tobias, beide im selben Reitverein wie ich, bekommen zwei etwas kleinere Pferde, einen Schimmel und einen Rappen, und ich bekomme ein relativ großes Pferd, eine braune Stute. Das Tier sieht freundlich und harmlos aus, stupst seine Nüstern vorsichtig gegen meine Nase, und so mache ich mir natürlich gar keine Gedanken … 😉

Und schon reiten wir los. Wunderbare Stimmung, alles herbstlich, die Sonne scheint golden vom Himmel, es riecht nach Pilzen. Also ein echtes Konglomerat von Dingen, die ich mag, und das noch zu Pferd – was könnte es Besseres geben?
Zunächst reiten wir Schritt, man muss ja nicht gleich übertreiben. Doch irgendwann meinen Bea und Tobias, es sei doch nun an der Zeit, ein wenig zu traben und dann auch zu galoppieren. Und schon traben sie los. Da wir ausbildungstechnisch auf gleicher Höhe sind, gebe auch ich die erforderlichen Hilfen, aber Stella, mein Ausreit-Mietpferd, reagiert nicht. Sie latscht lieber weiter Schritt und zupft hie und da an ein paar Gräsern, indem sie mir die Zügel brutal aus den Händen reißt. Noch sind Bea und Tobias in Sichtweite.

Mir fällt spontan auf, dass ich die Einzige bin, die vom Vermieter eine Gerte in die Hand gedrückt bekommen hat, und das mit dem freundlich-zurückhaltenden Hinweis, es gebe Situationen, da brauche man diese, obwohl Stella natürlich ein absolut superliebes Pferd sei. Ich mag ihr aber nicht gleich beim ersten Vorfall eins auf den Arsch geben, was ich ohnehin nicht gern tue, und so versuche ich es weiter mit den gängigen – und bei den meisten Pferden erfolgreichen – Hilfen. Aber Stella ist nicht „die meisten Pferde“, und erst, als Bea und Tobias um die nächste Wegbiegung herum und außer Sichtweite sind, reagiert sie. Und wie! Sie wiehert und trabt unvermittelt los. Solch einen Trab habe ich noch nie erlebt und vermute, sie müsse Traber unter ihren Vorfahren haben, denn Stella ist in dieser Art Trab schneller als manch anderes Pferd im Galopp! Es ist nur halt für den Reiter nicht so bequem. Aussitzen ist ganz furchtbar, und die Frequenz im leichten Trab höher als alles, was ich bis dato erlebt hatte …

Irgendwann galoppiert sie dann sogar, und das kann sie erstaunlich bequem, und mit freudigem Wiehern, eher einem eselartigen Trompeten, begrüßt sie ihre beiden Kumpels, die von Bea und Tobias ganz normal geritten werden. „Endlich wieder bei der Herde!“ So klingt es. Nun – ich hatte sie von ihrer Herde gar nicht fernhalten wollen. Ganz im Gegenteil. 😉

Es war ein recht anstrengender Ausritt, denn anfangs mussten Bea und Tobias an Wegbiegungen, gar -kreuzungen, geduldig warten, bis ich mit dem trompetenden „Esel“ Stella endlich ankam. Meine Beine waren da schon fast gefühllos, nachdem sie Stellas offenbar komplett gefühllosen Flanken wiederholt und erfolglos Hilfen gegeben hatten, bei denen andere Pferde sofort wissen: „Oh! Ich soll wohl schneller gehen! Na, dann mache ich das doch mal.“ Und Bea, die Tiere sehr liebt, meinte irgendwann: „Du hast doch eine Gerte – zieh ihr eins über!“

Damit tat ich mich ein bisschen schwer. Es war ein Verleihpferd, und die haben es ohnehin schon schwer und kein schönes Leben. Kein Wunder, wenn sie dann irgendwann „schräg drauf“ sind. Aber es gab eine Situation, da ich die Gerte in der Tat zum Einsatz brachte, als es wirklich angemessen war.

Ab diesem Zeitpunkt verwandelte sich „mein“ Pferd. Es ging, wie es sollte, und das ganz ohne Gerte. Es galoppierte, wenn ich die entsprechenden Hilfen gab. Und der Ausritt wurde schön.

Zumindest für einige Zeit, bis wir auf einer Waldwiese waren und mal sehen wollten, was die Pferde wohl so an Dressuraufgaben könnten. Die beiden Pferde, die von Bea und Tobias geritten wurden, waren recht unterschiedlich hinsichtlich ihrer Ausbildung: Während Tobias‘ Schimmel problemlos mehrere Schritte rückwärts ging, wenn er die entsprechenden Hilfen zum „Rückwärtsrichten“ bekam, stieg Beas Rappe sogleich.

Stella hatte auf so einen Scheiß offenbar gar keinen Bock. Zwar trat sie drei, vier Schritte zurück, als ich diese Übung ausprobierte. Doch dann hielt sie inne, zunächst ganz ruhig. Aber dann preschte sie unerwartet nach vorne, um plötzlich ihre Vorderhufe in den Boden zu stemmen! Ich hatte den Fehler begangen, ihre anfängliche Ruhe dazu zu nutzen, mich im Sattel zurechtzurücken und ein bisschen entspannter in die Runde zu blicken. 😉

Durch diese plötzliche Attacke jedoch sauste ich nach vorne. Meine Knie klemmte ich an den Sattel, und zunächst sah es auch so aus, als würde ich meine Balance wiederfinden und ganz normal im Sattel wieder einsitzen. Doch da senkte Stella ihren Kopf. Just in dem Moment, da es auf Messers Schneide stand, ich mein Gleichgewicht beinahe wiedergefunden hatte. Eine Sache von Sekundenbruchteilen. Sie senkte den Kopf (wahrscheinlich, um zu grasen), ich verlor die Balance und – so Bea – fiel so elegant vom Pferd, und das in einem Salto, wie sie noch nie jemanden vom Pferd habe stürzen sehen. Und das Ganze auch noch quasi in Zeitlupe …

Zum Glück hatte ich die Zügel festgehalten (lernt man von der ersten Reitstunde an), war allerdings auf einem etwas matschigen Fleck gelandet, wollte mich erst einmal vom gröbsten Dreck befreien, und so drückte ich Bea die Zügel in die Hand: „Würdest du bitte mal halten?“ Und nach erfolgter Grundreinigung saß ich wieder auf und wollte gerade Bea die Zügel aus der Hand nehmen, als Stella sich herumwarf und lospreschte! Bea hatte zu früh die Zügel losgelassen, da sie glaubte, ich hätte bereits alles im Griff! Und so saß ich auf diesem durchgehenden Pferd quasi „freihändig“, denn die Zügel, die ich nicht in den Händen hielt, flatterten wild, und das Einzige, was ich sah, war ein gigantischer Nadelbaum, wahrscheinlich eine Kiefer, auf die Stella zuhielt. Es ist nur meinem festen „Knieschluss“ zu verdanken, dass ich oben blieb, und kurz vor dem Baum bekam ich auch das Heft bzw. die Zügel wieder in die Hand … Knapp überlebt.

Der Rückweg war auch spannend, da Stella auf einem Wegstück, da rechts des Weges Stacheldraht gespannt war, wider alle Hilfen und Nach-links-Stellen einen immensen Rechtsdrall bekam, so dass mein rechtes Bein dem Stacheldraht gefährlich nahekam. Es war irgendwann so drastisch, dass ich mitten im Galopp meinen rechten Fuß aus dem Steigbügel nahm, dessen Riemen ich vorsichtig festhielt, damit der Bügel dem Pferd nicht gegen den Bauch schlüge. Dann legte ich den Steigbügel über Stellas Hals und hob mein rechtes Bein ebenfalls darüber, das ich vor der linken Sattelpausche ablegte und abstützte, wobei ich mich ein bisschen nach rechts hinten legte. Reiten im Damensitz ohne Damensattel, aber im Galopp – ich war froh, dass ich früher voltigiert hatte und im Bein-über-den-Pferdehals-Schwingen ziemlich gut war. Ein Wunder, und das bis heute, dass ich nicht den Abgang machte. Doch zum Glück kam uns da Beas und Tobias‘ Mutter mit dem Familienhund entgegen, und Stella verzögerte ihr Tempo, was in dieser Damensitz-Situation auch nicht ganz ungefährlich war, aber ich schwang schnell mein rechtes Bein wieder über ihren Hals und überlebte erneut knapp.

Der restliche Heimweg war im Grunde harmlos, bis auf die Wespe, die mich plötzlich umschwirrte und dann im Sturzflug in Stellas Mähne flog. O Gott! Das nicht auch noch! Was würde passieren, würde sie zustechen? Und todesmutig griff ich in des Pferdes Mähne, griff die Wespe, frei nach dem Motto: „Besser ich, als das Pferd! Denn so bin ich nur beschädigt, anderenfalls könnte es mehrere Tote geben, da dieses Pferd offenbar suizidgefährdet ist.“ Und ich dachte damals: „Reiten kann so richtig scheiße sein! Zum Glück bin ich den Zossen gleich los!“

Aber als ich Stella dem Vermieter wieder aushändigte, stupste sie erneut ihre Nüstern gegen meine Nase und knabberte an meinem Jackenärmel. Offenbar mochte sie mich. Ich streichelte sie, drückte sie sogar und meinte: „Das war ein echt schöner Ausritt! Vor allem jetzt – rückblickend betrachtet, und zumal ich überlebt habe!“ Der Vermieter grinste und meinte: „Du hast dich offenbar tapfer geschlagen, und Stella scheint dich zu mögen. Das kommt nicht oft vor.“

Wahrscheinlich war sie überrascht, dass ich oben geblieben war – zumindest die meiste Zeit – und wollte mir Respekt zollen. Und als wir im Auto saßen und zurückfuhren, meinte Tobias: „Ich wollte ja nichts sagen, aber ich hatte Stella auch schon mal bei einem Ausritt, und seitdem bin ich bedient. Du hast dich echt tapfer geschlagen, Ali! Ich bin damals zu Fuß nach Hause gegangen.“

Seit damals habe ich mir geschworen, um derartige Mietställe einen großen Bogen zu machen. Und ich zweifle nach dieser Erinnerung daran, ob ich wirklich wieder reiten möchte … 😉

3 Gedanken zu “Ein Ausgleich wäre schön …

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