„Haben Sie Stevia?“ Oder: Handwerker sind auch nicht mehr das, was sie mal waren …

Heute hatte ich einen Tag Urlaub, da sich Handwerker angesagt hatten. Genauer: Handwerker der – wie sie selber sagen – Gas-Wasser-Scheiße-Fraktion. Ich bewundere diese Leute immer – ich würde weder mit Gas, noch mit Wasser, ganz zu schweigen: mit Scheiße gern arbeiten. Aber bei uns im Haus musste der Abwasserfallstrang gewartet werden.

Für acht Uhr hatten sie sich angekündigt, und pünktlich um 08:05 Uhr gab meine äußerst penetrante Türklingel Laut. Es ist eine moderne Türklingel, kombiniert mit einer Gegensprechanlage, und sie klingelt derart penetrant, dass sie wohl auch Tote erwecken würde. Nicht, weil sie so laut sei, gewiss nicht. Eher aufgrund ihrer widerlichen, aber sehr modernen Art, gar nicht mehr mit dem Klingeln, Tönen oder Läuten aufzuhören, selbst wenn der Einlass Begehrende schon lange den Finger vom Klingelknopf genommen hat. Nervend hoch sechs, aber wirkungsvoll, denn ich hörte das penetrante Geräusch sogar durch den Lärm hindurch, den meine Fönbürste macht. 😉

Zum Glück war ich aber ohnehin mit dem Fönbürsten fertig. Nur geschminkt war ich nicht, als ich auf den Türöffner drückte. (Wenn frau sich tagtäglich schminkt, fühlt sie sich annähernd nackt, wenn sie gezwungenermaßen ungeschminkt die Tür öffnen muss … 😉 ) Aber immerhin wohlfrisiert und vollständig bekleidet. 😉

Zwei jüngere Männer kamen die Treppe hoch, und der mit der Baseballmütze, der als Erster meine Wohnungstür erreichte, meinte: „Ah! Super! Da haben wir ja gleich die Richtige erwischt!“ (Wie meinen? Wieso war ich „die Richtige“? Hatte ich mir etwa etwas zuschulden kommen lassen? Nein – ich werfe keine Damen-Hygieneartikel, wie die Dinger bürokratisch und politisch korrekt so „nett“ genannt werden, in die Toilette, meine Herren! 😉 )

Der andere jüngere Mann war ein echter „Schrank“. Aber beide wirkten einfach nur nett – und waren es auch. Sie kamen mit ihrem umfangreichen Instrumentarium in meine Wohnung, und ich fragte: „Nur Bad oder auch Küche?“ – „Nur Bad, Frau B. – und wir hoffen, dass das besser als im Nachbarhaus läuft! Da war alles problematisch, und wir hoffen, wir kommen bei Ihnen besser rein!“ Ich stutzte, grinste und meinte: „Das hoffe ich auch. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“ (Ich hatte, von klein auf daran gewöhnt, dass Handwerker sehr gern Kaffee – und davon nicht wenig, ähnlich wie ich – trinken, gleich eine größere Menge gekocht. Und das mit einer „French Press“! Den einen Teil in eine Thermoskanne gekippt, während der andere Teil noch in der Zubereitungskanne vor sich hin reifte.

Nun, ich muss immer wieder feststellen, dass die Zeiten sich massiv geändert haben. Denn der Baseballbemützte und sein schrankartiger Kollege sahen verlegen drein, und der „Schrank“ meinte: „Wir sind beide keine Kaffeetrinker, Frau B.“ Ich bin ja nun nicht frei von Klischees, und in dem Moment hätte ich gern mein Gesicht gesehen … 😉

Doch ich fing mich extrem schnell und meinte: „Ich kann Ihnen auch einen Tee kochen, wenn Sie mögen!“ Der „Schrank“ strahlte mich an und meinte: „Das ist ja lieb! Darüber würden wir uns wirklich freuen!“ – „Was für einen Tee hätten Sie denn gern?“ fragte ich in die überschaubare Runde, und der „Schrank“ meinte: „Irgendetwas Fruchtiges – wenn Sie so etwas haben. Ich finde es ja ohnehin total lieb, dass Sie fragen!“ Und der Baseballfan meinte: „Für mich etwas anderes.“ Ich strahlte und fragte voller Hoffnung: „Sie trinken sicherlich schwarzen Tee, nicht wahr?“ Der Baseballfan sah mich an, als hätte ich gefragt, ob er denn wirklich regelmäßig kiffe, und er meinte: „Nee, lieber etwas mit Kräutern.“

Ich fing mich erneut schnell, sagte, dass es gar kein Problem sei, und dann eilte ich in die Küche und bereitete einen Pfefferminz- und einen Malventee. Vor noch nicht langer Zeit gekauft, standen die beiden Sorten in meinem Schrank. (Pfefferminztee habe ich eigentlich immer da, meist aber die Sorte „Minze mit Zitrone“ – und die schmeckt nicht jedem. Glücklicherweise aber hatte kürzlich einer der bekannten Discounter ein spezielles Angebot, das sich „Intense Mint“ nennt.)

Das Wasser kochte, und ich schüttete es in zwei Tassen. In einer ein Malven-Teebeutel, in der anderen einer der Gattung „Intense Mint“. Und dann kam der Baseball-Mann vorbei, und ich fragte ihn: „Möchten Sie den Tee plain, also pur, oder möchten Sie noch etwas hinein?“

Da sah er mich an, zögerte und sagte dann: „Haben Sie Stevia im Haus?“ Glücklicherweise wusste ich, was Stevia ist und verneinte mit den Worten: „Nee, habe ich nicht. Nur ungesunden Industriezucker. In diesem Haushalt finden Sie nur wenig Gesundes!“ Da lachte er und meinte: „Zumindest die Hausherrin scheint mit einem gesunden Humor ausgestattet. Ich nehme auch Industriezucker – aber nur ein bisschen, bitte. Vielen Dank überhaupt für das Angebot!“ – „Da nich für,“, grinste ich und gab ein Fitzelchen Zucker in den Pfefferminztee. Ein anderes Fitzelchen in den Malventee – der „Schrank“ war gerade nicht greifbar, und ich konnte ihn nicht fragen, welche Vorlieben er so habe. An dem bisschen Zucker würde er wohl nicht dahinscheiden.

Und tatsächlich haben sie alles ausgetrunken, haben mich nur einmal „gestört“, als ich gerade einen Blogbeitrag über „Ismen“ schrieb. 😉 Die nettesten Handwerker, die ich je in dieser Wohnung hatte!

Vor allem, weil sie die Toilette, die sie zunächst abmontiert hatten, genau rechtzeitig wieder an gewohnter Stelle montiert haben – ich war nicht ganz so schlau wie die Handwerker gewesen und hatte sehr viel Kaffee getrunken (irgendjemand musste den für die Handwerker gekochten Überhang ja auch vernichten … 😉 ). So viel, dass ich zwischenzeitlich schon die Nutzung eines Eimers in Erwägung zog, als meine Toilette noch immer nutzlos abmontiert und wie ein Fremdkörper neben meiner Eckbadewanne stand. 😉

Knapp eineinhalb Stunden nach Beginn ihrer Tätigkeit verabschiedeten sich die beiden Herren von mir und meinten sogar noch: „Bei Ihnen war alles easy und super, und wir möchten uns gerne noch einmal für den Tee bedanken. So nett waren die im Nachbarhaus nicht – im Gegenteil!“ Ich lächelte freundlich und meinte: „Handwerker wie Sie immer wieder gern! Und es tut mir leid, dass ich kein Stevia habe!“ Da meinte der Baseballmützenmann nur: „Für Sie trinke ich auch gern Tee mit Zucker!“

Ich war gerührt. 😊 Der netteste Handwerkerbesuch ever! 😊 Und so meinte ich augenzwinkernd: „Beim nächsten Abwasserfallstrang-Wartungstermin bemühe ich mich um Stevia!“

Der „Schrank“ und die „Baseballmütze“ verließen mich daraufhin winkend und meinten: „Zu Ihnen kommen wir auch künftig sehr gern!“ Ich winkte zurück und meinte: „Sehr gern.“

Und als ich die Tür geschlossen hatte, fragte ich mich, was ich nun eigentlich Besonderes getan hatte. Und ich fragte mich, wie die anderen Leute mit den beiden netten Menschen wohl umgegangen seien, wenn diese mich als besonders freundlich betrachteten. Wohl nicht so ganz nett.

Eine Sache, die ich nicht verstehe.

Zugegeben: Mich irritierte ein bisschen der Zeitenwandel: Zwei gestandene Handwerker, die keinen Kaffee trinken! Aber ich musste doch grinsen. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s