Unerwartete kleine Dinge erhellen manchen Tag

Ich war heute beim Friseur. Endlich. Denn meine Haare waren in der letzten Zeit immens gewachsen, und da ich – ich gebe es zu – meine mit den Jahren zu einem faden Aschblond mutierten, ehemals wirklich schön blonden Haare mittels zweifarbiger Strähnchen „pimpe“, war es dringend nötig. Schneiden und Strähnchen hieß das Programm, das ich mir für heute auferlegt hatte, und dafür bin ich heute – an einem Samstag – extra um halb acht morgens aufgestanden. Undenkbar an normalen Samstagen. Aber es musste sein, und da müssen Opfer gebracht werden. 😉

Um halb neun betrat ich den Friseursalon, und ich kam fast direkt dran. Meine Friseurin hatte heute zwar frei, aber ich wurde von Melly bedient, die nicht nur sehr zügig, sondern auch noch sehr gut schneidet und frisiert. Und man kann sich prima mit ihr unterhalten, denn manchmal sind diese Gespräche beim Friseur doch etwas gezwungen. Man will ja auch nicht in dumpfem Schweigen dasitzen, während die Friseurin tätig ist. Je nach Person ist das bisweilen etwas mühsam, wenn die Chemie nicht stimmt, aber Melly und ich unterhielten uns laut und offenbar mitreißend, denn plötzlich schalteten sich auch noch andere Kundinnen ein, ebenso die andere Friseurin. Es war eine richtig nette Atmosphäre, was ja auch nicht in jedem Friseursalon gegeben ist. 😉

Nach zwei Stunden war ich endlich fertig gesträhnt, geschnitten und gestylt, und ich verließ nach einem großzügigen Trinkgeld den Salon und ging zum Einkaufen. Richtig klasse gestylt war mein wirklich toll geschnittener Bob, als ich den Friseursalon verließ, und in strahlendem Sonnenschein schritt ich gen Supermarkt. Als ich diesen kurz darauf verließ, regnete es in Strömen, und ich hatte keinen Schirm dabei. Meine schöne Frisur dahin, die ich so bis zum nächsten Friseurbesuch nie wieder hinbekommen werde … 😉

Ein bisschen frustrierend war es schon, zumal ich nicht bester Stimmung war, und ich beschloss, mich etwas abzulenken, indem ich auf dem Heimweg einfach ein bisschen Musik hörte. Und sogleich stopfte ich mir die beiden Stöpsel meines In-Ear-Headsets in beide Ohren und nahm mein Smartphone in Betrieb. Und damit schleppte ich meine Einkäufe gleich viel fröhlicher gen Heimat. Musik war schon immer ein Stimmungsaufheller für mich.

Und so stiefelte ich trotz des strömenden Regens einigermaßen frohgesinnt durch die Gegend, nahm eine Abkürzung, einen Weg, der zwischen Garagen- und Hinterhöfen herführt. Ich benutze diesen Weg sonst nie.

Als ich da so schwungvoll einherschritt, laute Musik in meinen Ohren, sah ich einen älteren Herrn mit einer Schubkarre und Gartenwerkzeugen des Weges kommen, der da wohl für Ordnung sorgte, zumal dort ein Spielplatz ist. Er sah mich an, ich nickte ihm freundlich zu, vermied jedoch: „Guten Morgen“ zu sagen, da ich weiß, dass man, wenn man laute Musik mit einem In-Ear-Headset hört, dazu tendiert, zwar zu glauben, in normaler Lautstärke zu sprechen, meist aber eher laut brüllt. Und so beschränkte ich mich auf das freundliche Nicken und Lächeln. Und ich ging an dem älteren Herrn vorbei, ganz in Gedanken.

Aber etwas hieß mich anhalten und mich umdrehen. Hatte da jemand etwas gerufen? Als ich mich umgedreht hatte, sah ich den alten Herrn da mit seiner Schubkarre stehen und mich anblicken. Er schien zu sprechen, zumindest bewegte er die Lippen. Und so zerrte ich mir den rechten Stöpsel aus dem Ohr und ging auf den Herrn zu, freundlich lächelnd.

„Entschuldigen Sie, bitte,“, hob ich an, „ich weiß, es ist eine Unsitte, und man wird völlig blind und noch viel mehr taub für die Umwelt, wenn man mit Kopfhörern Musik hört. Hatten Sie etwas gesagt?“

Der alte Herr lächelte freundlich und meinte zu mir: „Da kommt so eine nette junge Frau daher, und da dachte ich, ich sage einfach mal ‚Guten Morgen‘, und dann reagiert die gar nicht!“ – „Doch, ich habe Sie doch angelächelt und genickt! Aber – Sie haben Recht – ich habe kein Wort gesagt. Das war aber nicht böse gemeint. Ich habe Musik gehört und war in Gedanken. Entschuldigen Sie, bitte.“ Und ich zerrte mir auch noch den linken Stöpsel aus dem anderen Ohr.

Der alte Herr lachte und meinte: „Alles in Ordnung! Ich finde das mit dem Musikhören auch gut – Musik hilft über so vieles hinweg.“ Ich grinste und nickte. Und da meinte der nette Herr: „Ich hoffe, Sie haben keine Sorgen! Sie sagten, Sie seien in Gedanken. Ich wünsche Ihnen jedenfalls, dass Sie keine allzu großen Probleme haben – so eine nette, junge Frau!“

Ich war gerührt, und ich meinte: „Nein, keine Sorge – keine größeren Probleme als die meisten Menschen.“ – „Aber Sie sahen vorhin ein bisschen traurig aus. Das tat mir leid, und da wollte ich Sie zumindest grüßen.“ – „Das ist total nett, aber ich habe keine übermäßig großen Probleme, nur ein bisschen Kummer, und den auch schon seit einiger Zeit. Aber alles zu bewältigen, keine Sorge. Ich finde aber sehr nett, dass Sie fragen. Ist aber alles in Ordnung. Und ich bedanke mich für das nette Gespräch und wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.“ – „Danke, Frolleinchen – Ihnen auch. Und alles Liebe – Sie werden sehen, alles wird gut!“

Ich war richtig gerührt. Ein wildfremder Mensch sieht genau hin, viel genauer, als nötig gewesen wäre. Ich war doch nur des Regens wegen leicht genervt und hatte Musik gehört – keine Ahnung, ob ich dabei so melancholisch ausgesehen hatte. Aber ich fand das Ansinnen des alten Herrn wirklich nett. 😊

Zu Hause habe ich dann aber doch lieber in den Spiegel geschaut – man weiß ja nie, ob man nicht irgendwie problembehaftet aussieht, obwohl man eigentlich ganz normal empfindet. 😉 Ich sah völlig normal aus – bis auf die nassen Haare. Aber immerhin inzwischen perfekt gesträhnt.

Dennoch fand ich den alten Herrn heute richtig nett – er machte sich Gedanken. Und das ist heutzutage ja gar nicht mehr selbstverständlich. Und sollte ich diese Abkürzung mal wieder nehmen, lasse ich die In-Ear-Stöpsel aus den Ohren. 😉

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