Verloren am Rande des Münsterlandes … Oder: „Sprich mit mir, du blöde Kuh!“

Ich bin ein ganz normaler Mensch. Glaube ich zumindest. Also habe ich – wie alle anderen Menschen – unter gewissen Schwächen zu leiden. Eine meiner Schwächen ist, dass ich offenbar abwesend war, als der Orientierungssinn ausgeteilt wurde. Wahrscheinlich war ich auf dem Klo, um eine zu rauchen. Anders kann ich es mir nicht erklären. 😉

Gestern nach der Arbeit, die eh schon stressig war, da es mein zweiter Tag im neuen Job war, hatte ich eine Verabredung in M. Einer Stadt, die ich bis dato mit größtmöglicher Tristesse verbunden habe, obwohl ich doch in direkter Nachbarschaft aufgewachsen bin und jedem, der von außerhalb kommt und gegen die Stadt M. etwas sagen würde, ganz zünftig meine Meinung sagen würde. Mal ganz abgesehen vom Straßenverkehrsamt dort, auf das ich seit eineinhalb Jahren gar nichts kommen lasse, nachdem man auf eine sonntagabendliche Mail meiner Wenigkeit schon am frühen Montagmorgen antwortete und das Gewünschte in die Wege leitete. Ich bin das von Behörden nicht so gewohnt. Vielleicht hat man im StVA in M. aber auch nicht so viel zu tun, so dass man sich begeistert auf einen der wenigen Aufträge stürzte – ich weiß es nicht, bin aber noch heute dankbar. 😉

Ich kam gestern später als geplant von der Arbeit los. Mein Navi, das ich eigentlich bei der Arbeit hatte aktualisieren wollen, nachdem der heimatliche PC beim vorausgegangenen Versuch kurz vor Vollendung alle Viere von sich streckte, abschmierte und behauptete, das sei es nun gewesen (war es nicht, aber mein Navi behauptete, keine Karten zu kennen, und der einzige Zweck, zu dem es in dem Zustand getaugt hätte, wäre der gewesen, es wutschnaubend vom Balkon oder aus dem Fenster zu schleudern …), hatte ich nicht aktualisieren können.

Aber wozu hat man ein Smartphone? 😉 Und ich verließ mich auf die Wegbeschreibungs-App, die ein namhaftes Unternehmen anpreist. Da ich Autobahnfahren bis dato noch immer nicht mag, klickte ich Autobahnen vermeiden an, als es an die Optionen ging.

Und ich fuhr nach der Arbeit los, frohgemut, denn ich war ja gewappnet, und die reizende Frauenstimme, die mein Handy absonderte, auf dessen Display eine Karte abgebildet war, auf der man die vorgesehene Route sehen konnte, die ich aber nur erspähen konnte, blickte ich auf der Mittelkonsole hinter den Schalthebel (ich besitze keine Freisprechanlage), sollte mich ja völlig unproblematisch in den entlegenen Ortsteil von M. lotsen. 😉

Ich greife kurz vor: Es war eine spannende Anreise. Zumal mich die „Dame“ heimtückisch auf die A52 lotsen wollte! Ich hatte Autobahnen vermeiden wirklich angeklickt und war nun doch ein bisschen pikiert. Wollte mich die App überlisten? Nicht mit mir! Und so wendete ich lieber auf dieser starkbefahrenen Bundesstraße – wahrscheinlich wäre ich angesichts dieser durchaus nicht ganz unheiklen Wendesituation mit der weniger heiklen Autobahn spielend fertig geworden, aber ich mache es mir ja bekanntermaßen bisweilen etwas schwerer – und fuhr dann die Straße, von der ich zuvor, wie die „Dame“ vorgegeben, nach rechts abgebogen war, stur weiter. Noch ein weiteres Mal versuchte das Handy, mich auszutricksen, aber ich gab nicht nach. 😉 (Ja, ich weiß, was ihr jetzt denkt, die ihr Tag für Tag fröhlich die Autobahn benutzt … 😉 )

Die Strafe für meine Sturheit folgte auf dem Fuße: Ich musste mitten durch die Walachei! 😉 Eine Landstraße entlang, die nicht ohne war: im Grunde eine Slalomstrecke, auf der die eine heftige und scharfe Kurve von der nächsten heftigen und scharfen Kurve abgelöst wurde – und zu beiden Seiten hohe Bäume, von vorn lauter Fahrer, die die Strecke kannten und demzufolge viel zu schnell fuhren. Rechts und links Pferdekoppeln. Was würden die treuen Tiere sagen, würde es mich aus der nächsten Kurve tragen und mitten auf ihre Koppel katapultieren? 😉 Zum Glück mag ich Pferde sehr. Sie mich auch. 😉

Ich kam durch einen Ort, der mir zwar vertraut war, da ja gar nicht so weit von den Orten, in denen ich bisher hier so gelebt habe, den ich dennoch noch nie besucht hatte: Lippramsdorf. Und ich fuhr die sehr gut ausgebaute Lippramsdorfer Straße entlang, auf der mir nur ein einziges Auto entgegenkam. Auch vor und hinter mir sah ich keine Autos, und so fuhr ich durch die güldene Oktobersonne, ritt quasi dem Sonnenuntergang entgegen … Und genauso einsam wie ein „lonesome cowboy“ fühlte ich mich auch auf dieser Strecke. Ein bisschen gespenstisch wirkte die Szenerie, fast unwirklich durch die tiefstehende Sonne. Wäre ein UFO vor mir gelandet, so hätte es mich, ich schwöre, nicht im mindesten gewundert. 😉 Mein Handy schwieg, und als die Straße sich immer mehr hinzog und der Horizont immer weiter wurde, schnauzte ich es an: „Wo bin ich hier? Sprich mit mir, du blöde Kuh!“

Ich hatte es nicht ganz ernst gemeint, aber da ertönte tatsächlich die stets total freundliche und reizende Stimme der „Dame“ aus meinem Smartphone: „In 400 Metern biegen Sie links ab auf die Soundsostraße!“ Ich blinkte links (für wen eigentlich, denn außer mir war weit und breit kein anderes Auto zu sehen?), aber die Straße, in die ich abbiegen sollte, war so eng, klein und schlecht zu sehen, dass ich schon fast daran vorbei war, als die liebliche Stimme der „Dame“ sagte: „Biegen Sie jetzt nach links in die Soundsostraße!“ Leise fluchend fuhr ich an der Straße vorbei und wendete dann – immerhin ging das aufgrund der gespenstischen Leere der Straße ohne Wartezeit oder andere Probleme … 😉

Letzten Endes bin ich dann doch noch angekommen. Zunächst allerdings erst in der völlig falschen Straße, in die mich die App gelotst hatte. Aber ich weiß nun, dass zwar mein Orientierungssinn unterirdisch ist, ich aber viel besser und gewandter fahre, als ich bisher glaubte. Denn als ich vom falschen Endpunkt aus meine Verabredung anrufen musste, um zu erfragen, wie ich denn nun fahren müsse (weit konnte es nicht sein), musste ich ja zumindest das Handy in einer Hand halten, während ich mit der anderen lenkte. Ja, ich weiß, ich hätte auch den Lautsprecher benutzen können, aber daran habe ich in dem Moment gar nicht gedacht, und zum Glück liefen nur wenige Leute herum, die Zeugen meines sträflichen Fahrverhaltens hätten werden können. 😉 Und so weiß ich nun, dass ich sogar einhändig hervorragend wenden kann. Und das musste ich öfter, denn dieser Ortsteil der Stadt M. ist nicht nur klein, sondern auch noch total verwinkelt. Der falsche Endpunkt der von der App vorgesehenen Route war in der Tat nicht weit vom echten Ziel entfernt. Zumindest, was die Entfernung in Luftlinie anbelangt. 😉

Der Heimweg fand im Dunkeln statt. Bei der Abfahrt hatte man mir gesagt: „Fahr einfach Richtung Hüls – dann ist es ganz einfach!“ Ich nickte tapfer, dachte: „Ich habe keine Ahnung, in welcher Richtung Hüls gelegen ist“, lächelte standhaft und fuhr los. Um die nächste Ecke herum. Dort öffnete ich die App und gab die Rückreisekoordinaten ein, natürlich unter Vermeidung von Autobahnen. Und trotzdem wollte mich die nette Frauenstimme erneut auf die Autobahn lotsen – ich vermute inzwischen ein Komplott. 😉 Wäre ich mal auf die Autobahn gefahren, die sicherlich um diese Uhrzeit nicht ganz so stark frequentiert war. Hätte zwei Vorteile gehabt: Aversion bekämpft und schneller zu Hause gewesen. So fuhr ich mit der Kirche ums Dorf, kam aber immerhin schließlich doch zu Hause an, wo ich noch dreimal um den Block fahren musste, um einen Parkplatz zu finden. Am Arsch der Welt, natürlich. 😉

Ein so gut wie gar nicht vorhandener Orientierungssinn und eine Aversion gegen Autobahnen gehen so gar nicht Hand in Hand … 😉 Ich melde mich nun endlich bei Jeannette, um die längst geplante Autobahn-Auffrischungsfahrstunde für Autobahnphobiker zu absolvieren. 😉

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