Familienfeier, Kindheitsgeschichten und Höllenfahrt – ein erlebnisorientierter Tag … ;-)

Gestern hatte Mama Geburtstag, und es war eine Art „Bergfest“-Geburtstag, ergo der in der Mitte zweier runder Geburtstage. (Im Vertrauen: „Bergfest“-Geburtstage sind auch nicht viel besser als runde Geburtstage, und daher feiert man sie am besten auch nicht allein. 😉)

Und so fuhr ich heute am frühen Nachmittag nach D., wo meine Eltern leben, um meiner Mutter beizustehen. Als ich eintraf, stellte ich fest, dass Mama gar keinen Beistand benötigte, obwohl ein Glückwunschtelefonat, das sie führte, mich beinahe in eine depressive Verstimmung geführt hätte – es stellte sich jedoch heraus, es war Cousin Bodo dran, der ein sehr trockener Sarkastiker ist, der die Dinge am liebsten beim Namen nennt. Da meine Mutter von ähnlicher Art ist, klang es für die Ohren Dritter sicherlich gewöhnungsbedürftig, war aber gar nicht so gruselig gemeint.

Als ich eingetroffen war, telefonierte sie auch gerade, riss aber beide Augen auf, als sie mich erblickte. Dabei hatten wir einander erst am vergangenen Freitag gesehen. Es hatte aber einen Grund: Ich trug heute ein Kleid. Sogar ein brandneues. Das ist so selten der Fall, dass sie ihren Augen kaum traute – sie wischte sich sogar mit einer Hand darüber und sah noch einmal hin. Ich trug das Kleid noch immer, und sie grinste, nickte und hielt eine Hand mit ausgestrecktem Daumen hoch, und als das Gespräch beendet war, meinte sie: „Ali! Was für eine Überraschung – du im Kleid! Solltest du öfter tragen – das sieht sehr gut aus.“ (Ich trage im Allgemeinen lieber Jeans oder sonstige Hosen, weil ich mich darin meist wohler fühle, aber vielleicht sollte ich doch einmal darüber nachdenken. 😉)

Ich überreichte mein Geschenk in einer Geschenktüte, sie blickte hinein und meinte: „Süßigkeiten? Aha …“ Da klingelte das Telefon bereits wieder, und ich kam gar nicht dazu, darauf hinzuweisen, dass das eigentliche Geschenk eine DVD war, die sie wohl übersehen hatte. Ein Film aus den Siebzigern, den sie heiß und innig liebt und den es erst seit relativ kurzer Zeit als DVD gibt. Zum Glück sah sie es später und freute sich: „Das Nervenbündel! Genial – ich liebe diesen Film!“ – „Daher habe ich ihn auch gekauft …“

Gegen 17 Uhr – Muttern, Papa und Stephanie, die auch da war, hatten sich in schicke Klamotten geworfen, ich war ja schon unerwartet schick gewandet – fuhren wir los zu dem Restaurant, in dem die Feier stattfinden sollte, zusammen mit diversen Freunden und Nachbarn. Einen von ihnen, der neben meinen Eltern wohnt und mit ihnen fahren sollte, nahm ich dann mit. Er wollte unbedingt mit mir fahren, was wohl daran liegt, dass er zuvor nie mit mir gefahren war … 😉 Arglos setzte er sich ins Auto … 😉 (Nein, ich bin ganz brav und normal gefahren, und ich habe nicht einmal beim Fahren geflucht … Nicht mit Mitfahrern. 😉)

Es gab einen Sektempfang, und ein Glas durfte ich ja wohl auch trinken. Rasch waren auch alle anderen Gäste beisammen, und ich wurde zwar nicht mit dem Satz konfrontiert, der da lautet: „Du bist aber groß geworden“, aber doch mit einigen Anekdoten aus meiner Kindheit und Jugend. Eine Nachbarin fragte laut: „Sag mal, Ali – was hattest du damals noch in deinem Puppenwagen spazieren gefahren? Alle anderen kleinen Mädchen hatten darin eine Puppe – nur du nicht! Was war es noch?“ – „Mein Teddybär,“, sekundierte ich brav wie ein Apportierhund, und ich musste grinsen: Jedes Mal, wenn diese Nachbarin mich trifft, muss ich diese Frage beantworten. Leider hat die Nachbarin eine recht kräftige Stimme, und im Garten des Restaurants saßen wildfremde Menschen. Einige von ihnen hatten bereits bei der Nachbarin Einleitung und Frage neugierig herübergeblickt. Hätte ich auch angesichts des entsprechenden Szenarios: Frau jenseits der 40 wird nach ihren Puppenwagen-Ausfahrgewohnheiten gefragt … 😉 Nun, als meine Antwort ausstand, starrten sie noch neugieriger herüber. Was hatte diese erwachsene Frau wohl im Puppenwagen gehabt? Eine lebende Schildkröte? Einen Hamster? Fünf Pfund Miesmuscheln? Meine Antwort erfolgte mit gedämpfter Stimme, aber da fragte Margret, die Nachbarin, lieber noch einmal nach: „Was hast du gesagt, Ali? Ich habe es akustisch nicht verstanden.“ – „Meinen Teddybären,“, stemmte ich lächelnd und lauter hervor, und einige der anderen Gäste grinsten. Ich grinste auch, denn im Grunde ist es ja sehr nett, wenn die Freunde und Nachbarn sich noch so gut an dich als Kind erinnern. Margret meinte noch lauter: „Ja, sicher – es war der Teddybär! Du warst schon immer sehr tierlieb, und ich erinnere mich, dass du mit dem Teddy erheblich liebevoller umgingst als manch anderes Mädchen mit seinen Puppen. Ich werde nur nie vergessen, wie ich dich mit dem Puppenwagen auf der Straße traf und fragte, ob ich denn mal hineinsehen dürfe, weil man das mit jungen Müttern ja so macht. Und du hast mir das auch freundlich gewährt. Und als ich da hineinsah, war ich doch sehr erstaunt, als ich zwischen den liebevoll aufgeschüttelten Zierkissen keinen Puppen-, sondern einen sehr zotteligen Kopf mit runden Ohren sah. Du hast mir dann aber sehr nachdrücklich erklärt, dass auch Teddybären ausgefahren werden müssten und Anrecht auf die gleiche Behandlung wie Puppenkinder hätten. Und – jetzt fällt es mir wieder ein – dann hast du mir noch großzügig vorgeführt, dass der Bär sogar brummen könne! Da habe ich gedacht: ‚Interessant. Ali ist anders.‘“

Super. „Ali ist anders als wir, drum Spendenkonto drei-null-vier!“ Ich lächelte liebreizend, aber da meinte sie schon: „Ich fand das so sympathisch, vor allem, weil du das so schön begründet hast, obwohl du doch noch klein warst. Puppen würde ja jeder spazieren fahren, aber der Teddy müsse doch auch an die Luft. Das habe ich nie vergessen, weil ich es so nett fand.“ – „Danke schön. Ich hatte in der Tat mehr für Stofftiere als für Puppen übrig,“, sagte ich, auf dass auch die Umsitzenden es hören könnten. 😉 „Aber ich habe ja auch mit Puppen gespielt,“, fügte ich sicherheitshalber hinzu. Man weiß ja nie … 😉 (Dabei habe ich als Kleinkind der einzigen Puppe, die meine Mutter aus ihrer Kindheit als Erinnerung ins Erwachsenenalter hinübergerettet hatte, aus für die Umstehenden unerfindlichen Gründen eines Tages Arme und Beine ausgerissen. Da war ich noch sehr klein, kann mich aber erinnern, dass diese Puppe mir irgendwie Unbehagen eingeflößt hatte und etwas unheimlich war – warum, kann ich nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch, dass die Puppe Ute hieß und mein Vater mich bestraft hat, weil ich eine der wenigen Erinnerungen meiner Mutter an ihre Kindheit so grobmotorisch zerstört hatte. Ich glaube, ich bekam den Hintern versohlt, was mich aber offenbar nicht sonderlich mitgenommen hat. Obwohl es mir dann doch sehr leid um die Puppe Ute tat, als ich begriff, dass die meiner Mutter viel bedeutet hatte.)

Das Essen war hervorragend und – speziell für mich – auch dringend nötig, hatte ich doch den ganzen Tag kaum etwas gegessen. Die Unterhaltung war auch nett – zumal das obligatorische Teddybären-Puppenwagen-Thema ja nun schon abgehakt war. 😉 (Obwohl ich weiß, dass es bei der nächsten Zusammenkunft erneut aufs Tapet gebracht werden wird. 😉)

Gegen halb 9 überfiel bleierne Müdigkeit mich, und ich verzichtete aufs Dessert und trank lieber einen Kaffee, der allerdings auch nicht sonderlich half, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Jetzt hingegen bin ich hellwach … Jetzt, da ich es gar nicht mehr brauche …

Ich beschloss, aufzubrechen und nach Hause zu fahren. Und so machte ich meine Runde, lachte noch einmal mit Margret über den Teddybären im Puppenwagen, winkte noch einmal freundlich in die Runde, und dann ging ich zum Parkplatz.

Bereits da sah ich etwas, das ich für Stroboskoplicht hielt. War eine entsprechende Veranstaltung in Bottrop-Kirchhellen? An einem Mittwoch? Es sah derart künstlich aus, zumal hochfrequent, dass ich gar nicht auf die Idee kam, es könne sich um ein Gewitter handeln. Ich bin auch noch trockenen Fußes und Hauptes zum und ins Auto gekommen. Aber kaum hatte ich ausgeparkt und war auf dem Weg, ging es los, das aber so fließend, dass ich erst gar nicht begriff, was passierte. Das Erste, das geschah, war, dass ich von einer starken Windböe erfasst wurde, wie auch die Bäume rechts und links dieser Chaussee, und ein immenser Knall auf Montys Dach schreckte mich derart auf, dass ich schrie. Und dann sah ich, dass vor mir Kastanien ohne Zahl mitsamt Hülle auf die Straße krachten. „Ach, du Scheiße,“, dachte ich noch, als auch schon die Sintflut einsetzte. Wasser stürzte hektoliterweise vom Himmel, traf fast horizontal auf die Windschutzscheibe, und ich schaltete die Scheibenwischer auf die höchste Stufe. (Ich hätte natürlich um- und ins Restaurant zurückkehren können, aber ich hätte dieses wohl bis auf die Haut durchnässt und halb abgesoffen wieder betreten, obwohl der Parkplatz direkt davor ist. Also einfach weiter im Text.)

Es grenzt an ein Wunder, dass ich die Gladbecker Straße fand, da man die Hand vor Augen kaum erkennen konnte. Dort bog ich links ab und fuhr Richtung Gladbeck, während rechts von mir sich Wasserfontänen gen Himmel erhoben. Binnen kürzester Zeit die ganze Straße zentimeterhoch voll Wasser … Und es blitzte andauernd, als würde fotografiert. Fahrbahnmarkierungen? Kaum zu erkennen, und ich war froh, dass es kaum Gegenverkehr gab. Einmal geriet Monty ins Schlittern, aber ich lenkte gegen und bekam das Ganze schnell wieder in den Griff. Dabei fuhr ich statt der bei normalem Wetter zugelassenen 70, wo ich meist 80 oder 90 fahre, nur maximal 40, zumindest da, wo keine Bäume rechts und links der Straße standen.

Ich bin in der Hinsicht kein ängstlicher Mensch, aber da war mir doch angst und bange. Als zur Linken die Maschinenhalle Zweckel auftauchte, gut beleuchtet, atmete ich fürs Erste etwas auf – ein Orientierungspunkt. Zumindest konnte ich abschätzen, dass ich nur kurz darauf links abbiegen müsse. Denn es war wirklich wie beim Weltuntergang, und man konnte zeitweilig wirklich kaum die Hand vor Augen sehen. Da fuhr ich auch erheblich langsamer als 40. Wahrscheinlich nicht einmal 30. Ich habe nicht so auf den Tacho geguckt, da ich verzweifelt versuchte, Fahrbahnmarkierungen zu erkennen und zu sehen, wohin ich überhaupt fahren müsse. Zum Glück war wirklich wenig Gegenverkehr, weswegen ich zumindest partiell mit Fernlicht fahren konnte, was auch notwendig war.

Glücklicherweise kenne ich den Weg von Gladbeck bis zu mir nach Hause wie meine Westentasche, sonst würde ich jetzt wohl noch ratlos herumkreisen.

Den Nordring pflügte ich dann unter beidseitigen Wasserfontänen entlang. Normalerweise fahre ich da schneller, als die Polizei erlaubt. Erlaubt sind 70 Stundenkilometer, aber ich fahre meist schneller, nur kroch ich hier mit 30, maximal 40 vorwärts, da eine Wand aus Wasser vor mir stand – es war wirklich beängstigend, und als Noahs Arche an mir vorbeidümpelte, wunderte ich mich nicht einmal … 😉

Ich habe mehr als drei Kreuze gemacht, als ich in meine Straße einbog und sogar einen nahegelegenen Parkplatz fand. Bei so bescheidenem Wetter war ich wirklich noch nie gefahren – auch früher nicht. (Mal abgesehen von einem eklatanten Schneesturm – da kam ich übrigens auch aus BOT-Kirchhellen. Ob es an der Stadt liegt …? 😉)

Als ich ausstieg, regte sich kein Lüftchen mehr, und es regnete auch nicht mehr. Erst, als ich wieder in meiner Wohnung war. Mal abgesehen von der Horrorfahrt – denn das war es wirklich – scheint Petrus eine Schwäche für mich zu haben. 😉 Zumindest hat er dafür gesorgt, dass meine Frisur nicht ruiniert wurde. 😉

Wenn ich es so betrachte, stelle ich fest, dass es ein sehr netter Tag war: Feier, Kindheitserinnerungen, wenn auch partiell etwas „peinlich“ – und dann noch diese Höllenfahrt. Ich stelle fest: Ich habe den Hals mal wieder nicht vollgekriegt. 😉

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.