„With all due respect“  – Über interkulturelle Kompetenzen …

Würde ein Brite in einer Diskussion oder bei einer Tagung einen an mich gerichteten Satz mit diesen Worten beginnen, würde ich wahrscheinlich umgehend darüber sinnieren, ob ich mich erschießen oder doch lieber erhängen solle. Diese Einleitung vor versammelter Mannschaft, ergo coram publico, würde ein Weiterleben – zumindest als ernstgenommener Mensch – quasi unmöglich machen.

Es klingt harmlos, und immerhin ist der Terminus respect enthalten. So könnte man meinen. In Wirklichkeit bedeutet diese Wendung die Einleitung, in der Luft zerrissen zu werden. With all due respect bedeutet nämlich nichts anderes als die höfliche Umschreibung von: „Sie haben ja mal überhaupt keine Ahnung, wovon Sie sprechen! Was wollen Sie hier, Sie Idiot? Hinfort!“ 😉

Die wörtliche Übersetzung entspricht dem deutschen Bei allem gebotenen Respekt, und da weiß jeder, der nicht zur Gänze gegen den Vier-Uhr-Bus gelaufen ist, was es bedeutet. Schärfste Kritik, und das ist noch euphemistisch ausgedrückt. Im Grunde äußern das Menschen, die sich auf beneidenswerte Weise unter Kontrolle haben, denen aber bereits die Schläfenadern sogar für andere sichtbar pochen, weil zuvor entweder eine Unverschämtheit oder etwas derart Dämliches geäußert wurde, dass das mit dem Begriff Unverschämtheit quasi synonym ist.

Fast niemand vermag derartige Formulierungen so gekonnt herüberzubringen wie Briten. Dem Gemeinen Briten – den es so natürlich nicht gibt – scheint ein gewisser Sarkasmus gewissermaßen in die Wiege gelegt worden zu sein, ihm per naturam innezuwohnen. Wahrscheinlich mag ich Großbritannien aus diesem Grunde so gern. Ich liebe es, heftige Kritik in höflich anmutende Worte zu hüllen, wenn die Kritik denn angebracht ist. Allerdings bin ich noch Eleve – ich bin ja auch keine Britin. Und angesichts des Phänomens, dass – zumindest hierzulande – Sarkasmus und Ironie von zunehmend weniger Menschen verstanden werden, sehe ich mich bisweilen auch gezwungen, deutlicher zu werden. Ich finde es aber schade, denn ich ziehe feine und sensiblere Instrumente dem Holzhammer vor … 😉

Es gibt nun einmal Situationen, in denen feines Taktieren und Fingerspitzengefühl einfach unerlässlich sind. So musste ich vor Jahren einmal für meinen damaligen Chef bei einem von ihm initiierten Kongress mit Teilnehmern aus der ganzen Welt dolmetschen. Die eigentlich vorgesehene Dolmetscherin war ausgefallen, und so erfuhr ich morgens, als ich arglos zur Arbeit kam, die mit Dolmetschen so gar nichts zu tun hat, dass ich mich am frühen Abend in einem lokalen Restaurant einzufinden hätte – ich müsse dolmetschen, denn ich sei ja Anglistin und der englischen Sprache in besonderem Maße mächtig, zumal ich ja auch als Übersetzerin gearbeitet hätte. Übersetzen und Dolmetschen sind zwei ganz unterschiedliche Schuhpaare, und ich war etwas nervös, als ich davon hörte, noch dazu, dass die Damen und Herren, deren sprachliches Verbindungsglied zum damaligen Chef, dessen Fremdsprachenkenntnisse noch in den Kinderschuhen steckten, ich sein sollte, Chinesen waren. Das ist keineswegs diskriminierend gemeint, nur haben Chinesen aufgrund ihrer ganz anderen Sprache einen sehr dominanten Akzent, und es ist gar nicht so einfach, sie zu verstehen. Der Schlag traf mich vollends, als ich hörte, dass die eigentlich vorgesehene Dolmetscherin für den ganzen dreitägigen Kongress ausfiel … Ich musste an drei Abenden dolmetschen, und ich war völlig aus der Übung, da ich die englische Sprache in meinem Job dort so gut wie nie brauchte. Von jetzt auf gleich ins kalte Wasser geworfen, zumal der damalige Chef auch nicht sonderlich hilfreich war, als ich ihn erstaunlich professionell fragte: „Worüber wollen Sie heute bei dem Abendessen denn sprechen?“ – „Ach, Frau B. – das ist mehr so Smalltalk mit einigen fachspezifischen Dingen.“ – „Welche fachspezifischen Dinge?“ – „Das sehe ich dann noch.“ (Danke auch! Selbst speziell ausgebildete Dolmetscher bekommen stets ein hinreichend ausführliches Briefing, worum es konkret gehe, um sich bestmöglich vorbereiten zu können.)

Der erste Abend lief super, da hauptsächlich Smalltalk, und ich plauderte mit den Chinesen liebreizend lächelnd über deutschen Kaffee und die erstaunliche Tatsache, dass nur wenige Deutsche eine Klimaanlage besäßen (es war im Februar, und draußen schneite es …). Und über so viele andere Dinge – es war wohl eine Art „Aufwärmabend“.

Der zweite Abend, da ein Bankett stattfand, lief auch erst super. Mein damaliger Chef hatte mich auf zwei Chinesen quasi angesetzt, die wie er Leiter vergleichbarer Institutionen waren, und er wollte doch so gern auch einen solchen Kongress in China! Ich arbeitete mich sachte und vorsichtig vor, da mir durchaus bewusst und bekannt war, dass im asiatischen Raum eine gewisse Zurückhaltung gefragt und die Sprache sehr blumig ist. Ich war so dezent und liebreizend, wie ich es vermochte, und ich war erstaunt, wie gut mir dies gelang. Da ich mich schon recht lange mit den beiden sympathischen Herren unterhalten hatte, hatte ich mich auch in ihre Art, zu sprechen, eingehört, und ich nahm mit Begeisterung wahr, dass beide einem Kongress in ihrem Lande nicht abgeneigt waren, was sie sehr verschlüsselt, aber positiv kundtaten, und ich glaube, ich verneigte mich sogar ein wenig, denn beide hatten gesagt, dass es durchaus vorstellbar sei, dass man gegebenenfalls zum passenden Zeitpunkt – möglicherweise sehr bald – einen solchen Kongress auch in ihrem Lande veranstalten könne. Das war eine echte Zusage! Voraussichtlich fürs folgende Jahr!

Doof nur, dass mein damaliger Chef mich beiseite ins Gebet nahm: „Haben die beiden Herren bereits zugesagt?“ – „Äh, ja.“ Und ich gab wieder, was die beiden Herren gesagt hatten, was eine deutliche Zusage unter Berücksichtigung ihrer Kultur bedeutete. Ich strahlte den Chef sogar an – ich hatte es durch sensible blumig-aber-hartnäckige Konversation ans gewünschte Ziel geschafft! Eine echte Diplomatin! Wer hätte das gedacht! 😉 Und wie erleichtert ich gewesen war, als das asiatisch-blumige Zugeständnis voraussichtlich fürs nächste Jahr geäußert worden war!

Aber der Chef machte mir einen Strich durch die Rechnung! Er meinte: „Ich will eine klare Zusage, Frau B.!“ – „Ja, aber die haben Sie doch! Das habe ich Ihnen doch gesagt!“ Und ich flüsterte: „Herr S., das sind Chinesen – diese Zusage ist bindend, vertrauen Sie mir! Ich habe das gemacht, wessen ich beauftragt wurde – und die Zusage ist da. Auf die spezielle kulturelle Art, aber eindeutig gegeben.“ – „Ich will eine konkrete Zusage, Frau B.! Sorgen Sie dafür! Und ich bleibe hier neben Ihnen stehen!“ – „Herr S., diese Zusage besteht bereits – bitte beachten Sie doch die kulturellen Unterschiede! Ich kann unmöglich hingehen und diesen beiden sehr netten chinesischen Herren eine deutsche Pistole auf die Brust setzen!“ – „Frau B.! Sie gehen jetzt hin und regeln das!“ – „Es ist doch längst …“ – „Frau B.!“

Und ich musste hingehen und völlig unverblümt die beiden wirklich netten chinesischen Herren dazu zwingen, eine Zusage zu geben. So typisch deutsch – und ich bin keine Freundin davon, etwas als „typisch deutsch“ zu deklarieren. Hier war es aber nur allzu wahr. Ich werde nie die Gesichter der beiden sehr netten und freundlichen Herren vergessen! Ebensowenig, wie ich mich schämte. Und ich habe selten so oft kleine Verneigungen in meine Rede eingebaut. Das mache ich sonst nie! 😉

Hat mir aber auch nicht genutzt. Am nächsten Abend, der Abschlussfeier bei einem noblen Abendessen, wurde ich von den beiden Chinesen komplett ignoriert. Obwohl mir -zig andere Menschen die Hand gaben, weil ich die persönliche Dolmetscherin des Chefs war, ignorierten mich die beiden völlig. So geht es dem Überbringer der blöden Botschaft … 😉 Dem wenig feinfühligen Chef schüttelten sie nicht nur die Hand, sondern verbeugten sich devot vor ihm. Ich war ziemlich wütend … Auch auf die Chinesen, ich gebe es zu. 😉

Doch zurück zu den von mir geliebten Briten. Ich bekam gestern eine Liste geschickt, die es im Internet gibt: „30 Things British People Say And What We Actually Mean“.

Ich fing zu lesen an, und gleich bei der ersten Aussage war „Land unter“, da ich derart lachen musste, dass mir die Tränen übers Gesicht liefen: „I might join you later.“ Bedeutung: „I’m not leaving the house today unless it’s on fire.” Sehr schön. Könnte von mir sein. 😉

Noch schöner: „Pop around anytime!“ („Komm einfach auf einen Besuch vorbei!“) Heißt wirklich: „Please stay away from my house!“

Weitere Favoriten: „No, no, honestly my fault!“ Heißt: „It was exceedingly your fault and we both know it.”

Oder: “I’m sure it’ll be fine!” Heißt: “I fully expect the situation to deteriorate rapidly.”

Am besten ist: “Perfect.” Das bedeutet, dass so ziemlich alles beschissen gelaufen ist. 😉

Mir sehr bekannt aus eigener Verwendung: “Sorry, I think you might have dropped something.“  Heißt: „Hey, Sie haben da gerade etwas fallengelassen/weggeworfen – sofort aufheben, oder es knallt!“ 😉

Ich ertappe mich auch öfter dabei, dass ich sage: “Entschuldigung, ich glaube, […]”, obwohl die Sache völlig klar ist. Das mache ich eigentlich, seit ich denken kann … Und daher meinte ein englischer Bekannter auch mal zu mir: „Ali, du musst sehr oft in England gewesen sein – du sprichst auch auf Deutsch manchmal wie eine Engländerin!“ Ich fragte ihn, was er damit meine, er erläuterte es, und ich lachte und meinte: „Nee, das habe ich schon gemacht, bevor ich das erste Mal in England war.“ Da grinste er und meinte: „Es gibt offenbar Deutsche, die verdammt gute Engländer ausmachen würden. Und umgekehrt.“

Ich verstand auch die Aussagen in der Liste bereits, ohne die eigentlichen Bedeutungen zu lesen. Es liegt wohl – unter anderem – daran, dass ich oft genug in Großbritannien war, so oft, dass ich inzwischen gar nicht mehr über die eigentliche Bedeutung einer Aussage nachdenke, obwohl mir das bei meinen ersten Aufenthalten echten Stress verursachte, zumal ich Sarkasmus selber liebe und jedes Mal überlegte: „War das jetzt eine besondere Art von Sarkasmus?“ Oft hatten Leute einfach nur wirklich nett etwas gesagt …

Nur: Warum verwendet man diese Art von „Verschleierung“? Ich vermute einfach, dass es daher geschehe, um niemanden doof dastehen zu lassen, damit niemand sein Gesicht verliere. Oder es steckt besondere Fiesheit dahinter („Seht her! Ich mache hier eine ganz normal scheinende Bemerkung, die total fies gemeint ist! Har-har!“). 😉 Aber da ja heutzutage immer weniger Menschen – zumindest hierzulande – Sarkasmus und Ironie verstehen, vermute ich, dass es sich schlicht um eine Art Rudiment handeln könnte. Man geht halt immer noch davon aus, dass solche Dinge von jedermann verstanden werden würden. 😉

Euch ein schönes Wochenende – ganz ohne jeglichen Sarkasmus bzw. englische Alltagsreaktionen.😊

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