Variatio delectat

So sagten die alten Römer und meinten: „Abwechslung macht Freude.“ Heute sagt man eher: „Öfter mal was Neues.“ Und nicht immer muss das positiv besetzt sein – zu erkennen am Tonfall, in dem diese Weisheit geäußert wird. 😉

Auch ich dachte dies heute, und das beileibe nicht in positivem Tenor, als ich nach der Arbeit noch bei meinem Zahnarzt gewesen war und nach einstündiger Behandlung die Praxis verließ, wobei ich aussah, als hätte ich die letzte Stunde in einem Schützengraben unter Dauerbeschuss verbracht.

Dabei hatte ich ja schon gewusst, was auf mich zukommen würde: die alljährlich stattfindende professionelle Zahnreinigung. Aber nicht nur die, sondern danach auch etwas, das sich zwar nicht Die Vermessung der Welt, sondern Vermessung der Taschentiefen nennt und sich ganz eindeutig aufs Zahnfleisch bezieht. Genauer: Es handelt sich um eine Parodontose- oder Parodontitis-Voruntersuchung.

Denn nachdem meine Zähne nun allesamt nicht nur rundumüberholt sind, sondern partiell zwischenzeitlich auch noch wegen diffuser Beschwerden, entzündeten Wurzelspitzen in zwei Fällen, noch viel rundummer behandelt werden mussten, hatte sich meine regio dentalis bzw. oris schon wieder etwas ganz Neues ausgedacht. Nicht, dass ich zwischenzeitlich den Weg zu meinem Zahnarzt vergessen würde! Oder gar seinen Namen! Oder gar, wozu solch ein Zahnarzt überhaupt gut sei.

Seit einiger Zeit hatte ich beim Zähneputzen wiederholt – wenn auch nicht täglich, denn das scheint von der Tagesform abhängig zu sein – eine blutige Erfahrung machen müssen. Igitt – und das am mehr oder minder frühen Morgen!

Dummerweise erwähnte ich dies gegenüber Dr. Zachow bei meinem letzten Besuch. Der nahm sogleich ein ziemlich spitzes Instrument in die Hand, hieß mich, den Mund zu öffnen, was ich angesichts des dräuenden Instruments gar nicht so gerne tat, es angesichts meines Alters aber recht albern gewirkt hätte, hätte ich mit zusammengepressten Lippen kopfschüttelnd nur: „M-m!“ gemacht und kurzerhand verweigert, seiner Anordnung Folge zu leisten. Ich öffnete also, und er stocherte an ausgewählten Zähnen herum – zwischen Zahn und Zahnfleischsaum. Es war nicht ganz so schön, und als ich die Praxis verließ, hatte ich den kalten Schweiß auf der Stirn sowie einen Termin für die eingangs genannte Voruntersuchung in der Tasche, die die ohnehin jährlich stattfindende professionelle Zahnreinigung einschließt. Ich dachte positiv: „Dann ist das zumindest auch schon einmal abgefrühstückt. Und die Zahnfleischtaschen zu vermessen, ist sicherlich auch nur Kinderkram.“

Aus der Retrospektive kann ich nur sagen: Ja, ist Kinderkram. Zumindest im Vergleich zu dem, was noch auf mich zukommt … 😉

Dabei hatte alles so nett angefangen. Ich hatte mich bei der Anmeldung vorne in der Praxis angemeldet, wurde freudig namentlich begrüßt – daran kann man auch als arglos wartender neuer Patient, der zum ersten Mal bei diesem Arzt ist, schon den Zahnstatus der so freudig begrüßten Person erkennen: hundsmiserabel, defizitäres Material. Denn wer namentlich begrüßt wird, ist entweder bei der Bank weisungsbefugt, die den Kredit für die noble Praxis gewährt hat, oder er/sie ist auf andere Weise Sponsor … Ich bin eindeutig auf andere Weise Sponsor der Praxis meines Zahnarztes, der mir neulich in einem neuen Sportwagen entgegenkam und mir freudig zuwinkte. Hätte ich an seiner Stelle auch. 😉 (Nein, mein Zahnarzt ist wirklich sehr gut, der beste Zahnarzt, bei dem ich je in Behandlung war. Aber – das muss zugegeben werden – ich bin auch eine seiner besten „Kundinnen“. Und das nicht freiwillig oder fahrlässig. 😉)

Kaum hatte ich meinen Hintern auf dem ledernen Sofa im Wartezimmer eingeparkt, ging auch schon die Tür auf, und Frau Mutzelbacher, die ich schon seit Jahren kenne, zuerst als reine Zahnarzthelferin, seit fünf Jahren auch als ZMP, begrüßte mich fröhlich und meinte: „Hallo, Frau B.! Ich nehme Sie gleich mal mit!“ – „Hallo, Frau Mutzelbacher – wahrscheinlich, um zu verhindern, dass ich mich hier klammheimlich durchs Fenster aus dem Staub mache!“ (Die Praxis meines Zahnarztes befindet sich im zweiten Stock eines mehrgeschossigen Gebäudes.) Frau M. lachte und meinte: „Ja, vor allem, weil Sie ja so furchtsam sind, dass diese Gefahr bestünde! Wirklich, Frau B.! Sie doch nicht – so etwas haben Sie bisher noch nie gemacht, obwohl Sie schon ziemlich viel Mist mitgemacht haben. Das heute ist im Vergleich dazu sowieso komplett harmlos.“

Und schon lag ich im Behandlungsstuhl. Die professionelle Zahnreinigung nahm ihren Anfang. Und das damit, dass Frau Mutzelbacher gleich ein Instrument aus der Hand fiel. Ich lachte, und sie meinte: „Es fängt schon gut an! Aber kein Wunder – das ist heute nicht mein Tag! Aber keine Angst!“ – „Nein, keine Sorge – ich habe keine Angst. Ich kenne Sie ja – Sie sind immer sehr professionell. Davon ab: Heute ist auch nicht mein Tag.“ Da meinte Frau M.: „Ich habe mich gerade mit meinem Mann am Telefon total gefetzt! […]“ Und sie hielt inne, sah mich erschrocken an und meinte: „Was erzähle ich hier? Das ist total unprofessionell!“ – „Machen Sie sich keinen Kopp – ich finde das sehr sympathisch und menschlich. Und ich habe immer noch keine Angst.“

Da grinste sie mich an und meinte: „Ich bin ganz erstaunt über mich selber. So etwas habe ich noch nie einem Patienten erzählt. Ihnen schon – muss an Ihnen liegen, aber Sie sind auch eine wirklich nette Patientin.“ – „Wir kennen einander ja auch schon ein paar Jahre – zumindest hier in der Praxis. Ich freue mich auch immer, wenn ich sehe, dass Sie assistieren, weil ich weiß: ‚Frau Mutzelbacher kennt dich, weiß um deine Panik bei Abformungen, und du musst nichts mehr erklären.‘“ – „Echt? Och, das ist ja nett! Danke für das Kompliment!“ – „Ich habe für das andere Kompliment zu danken.“

Dann erklärte sie mir en détail, was Parodontose bzw. Parodontitis ausmache, ich starrte entsetzt auf die Illustrationen, die sie dazu zur Hand nahm – wie eklig! „Bah!“ sagte ich, und sie meinte: „Nein, keine Sorge, so muss das bei Ihnen keineswegs aussehen! Das kann ganz anders aussehen. Bei vielen Patienten sieht man das erst, wenn die ersten Zähne schon lose sind, aber Sie kommen ja regelmäßig in die Praxis.“ Ich grinste und meinte: „Ja. Zum Glück habe ich ja auch noch Karies und sonstige Beschwerden, weswegen ich regelmäßig hierherkomme.“ Kurzes Schweigen. Dann brach Frau Mutzelbacher in lautes Lachen aus und meinte: „Frau B. – Sie sind ja wirklich eine Granate! ‚Zum Glück habe ich ja auch noch Karies‘! Wie geil ist das denn?“ – „Frau Mutzelbacher – es gibt Dinge im Leben, denen man nur mit Sarkasmus begegnen kann. Sehen Sie mich an: ein tolles Konglomerat aus meinen Eltern – zumindest dentaltechnisch gesehen. Die defizitäre Zahnstruktur wohl von meinem Vater geerbt – das höchstwahrscheinlich defizitäre Zahnfleisch von meiner Mutter, denn die hat auch Probleme damit, aber wunderschön unkariöse Zähne. Wie soll man damit umgehen, wenn nicht mit Galgenhumor?“ Frau M. lachte noch mehr und meinte: „Sie sind wohl eine Lebenskünstlerin.“ – „Würde ich jetzt nicht so sagen – aber ich bemühe mich.“

Die professionelle Zahnreinigung nahm ihren Lauf – ein wahres Blutbad, wie es mir schien. Und dann meinte Frau Mutzelbacher: „Ich hole jetzt mal lieber eine Kollegin dazu …“ – „Wozu?“ rief ich alarmiert. – „Weil wir jetzt die Zahnfleischtaschen vermessen.“ – „O Gott!“ rief ich. „Und dazu brauchen Sie eine Kollegin? Warum? Ist das so furchtbar, dass Sie mich allein nicht bändigen können?“ Frau M. lachte einmal mehr. „Nein! Sie soll nur aufschreiben, was ich messe!“ Naja, dann …

Es ging auch alles gut, nur bin ich offenbar über Norm „tiefschürfend“, was meine doofen Zahnfleischtaschen anbelangt. 3,5 Millimeter sind das Äußerste, was noch zur Norm gehört. Bei mir lag im Schnitt alles bei 4 Millimetern. Einige Zähne – und da tat es besonders weh – hatten sich offenbar so vom Zahnfleisch getrennt, dass sie 5 Millimeter maß. Dafür gab es auch einige mit 3 Millimetern. Aber der Schnitt war großer Mist – 4 Millimeter.

Und deswegen muss ich bald unters … nein, nicht unters Messer. Das wird heutzutage minimalinvasiv geregelt und obendrein – hoffentlich – von meiner Krankenversicherung übernommen. Nicht schön, aber alles besser als das Szenario, dass ich morgens wach werde und auf meinem Kopfkissen lose Zähne entdecke. Bei meinem Glück natürlich alles Frontzähne … 😉

Zum Schluss erschien noch Dr. Zachow und betrachtete meine mehrfach malträtierten Kauleisten. Dann meinte er: „Frau B. – waren Sie dieses Jahr schon im Urlaub?“ – „Warum?“ rief ich und fügte an: „Meinen Sie damit, ich sollte vor der Behandlung lieber noch einmal in den Urlaub fahren?“ Dr. Zachow lachte sich schlapp und meinte: „Typisch Frau B.! Immer mit diesem Augenzwinkern! Nein, das meinte ich nicht. Ich wollte einfach nur wissen, ob Sie schon im Urlaub waren.“ – „War ich schon im Mai – in Schottland.“ – „Ach, wie schön! Schottland ist so schön …“ Und schon kamen wir ins Plaudern, und ich erwähnte auch die Sache mit meinem Personalausweis und meinte: „Sowas kann auch nur mir passieren!“ Da grinste Dr. Zachow und meinte: „Sie nehmen sich völlig falsch wahr, Frau B.! Nur Ihnen kann es passieren, dass man Sie trotzdem einreisen lässt!“ Das war ja mal nett. 😉

Und als Frau Mutzelbacher und ich zur Anmeldung zurückschritten, brach sie plötzlich in Gelächter aus. Ich fragte, was passiert sei, und sie meinte: „Mein Gott, Frau B. – stellen Sie sich nur vor, Sie wären in die Türkei gereist! Ob wir Sie noch einmal wiedergesehen hätten? Da war Schottland doch besser!“ Jaaa, ich weiß, nicht gemäß PC, aber ich prustete auch vor Lachen heraus und meinte: „Sie hätten mich, wenn überhaupt, erst viel später wiedergesehen, und ich hätte wahrscheinlich gar keine Zähne mehr gehabt. Aber da hätten Sie mir gleich ein künstliches Gebiss anpassen können!“ Und wir lachten noch mehr.

Zum Abschied meinte Frau Mutzelbacher: „Ach, Frau B.! Sie haben mir echt den Tag gerettet mit Ihren – sorry! – echt frotzeligen Sprüchen. Auf alle Fälle davor bewahrt, dass ich mich in absehbarer Zeit scheiden lassen werde. Danke! Können Sie nicht öfter hierherkommen?“

Ich sah mich um, und dann meinte ich: „Auch wenn ich Sie mag, Frau Mutzelbacher, betrachten Sie doch, bitte, Ihren Arbeitsplatz! In vier Wochen etwa sehen wir einander wieder – das muss reichen.“

Und nun sitze ich hier mit Schmerzen, aber dem guten Gefühl, heute doch etwas gut gemacht zu haben. 😉

Euch einen schönen Abend! 😊

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