Familienfeier, Kindheitsgeschichten und Höllenfahrt – ein erlebnisorientierter Tag … ;-)

Gestern hatte Mama Geburtstag, und es war eine Art „Bergfest“-Geburtstag, ergo der in der Mitte zweier runder Geburtstage. (Im Vertrauen: „Bergfest“-Geburtstage sind auch nicht viel besser als runde Geburtstage, und daher feiert man sie am besten auch nicht allein. 😉)

Und so fuhr ich heute am frühen Nachmittag nach D., wo meine Eltern leben, um meiner Mutter beizustehen. Als ich eintraf, stellte ich fest, dass Mama gar keinen Beistand benötigte, obwohl ein Glückwunschtelefonat, das sie führte, mich beinahe in eine depressive Verstimmung geführt hätte – es stellte sich jedoch heraus, es war Cousin Bodo dran, der ein sehr trockener Sarkastiker ist, der die Dinge am liebsten beim Namen nennt. Da meine Mutter von ähnlicher Art ist, klang es für die Ohren Dritter sicherlich gewöhnungsbedürftig, war aber gar nicht so gruselig gemeint.

Als ich eingetroffen war, telefonierte sie auch gerade, riss aber beide Augen auf, als sie mich erblickte. Dabei hatten wir einander erst am vergangenen Freitag gesehen. Es hatte aber einen Grund: Ich trug heute ein Kleid. Sogar ein brandneues. Das ist so selten der Fall, dass sie ihren Augen kaum traute – sie wischte sich sogar mit einer Hand darüber und sah noch einmal hin. Ich trug das Kleid noch immer, und sie grinste, nickte und hielt eine Hand mit ausgestrecktem Daumen hoch, und als das Gespräch beendet war, meinte sie: „Ali! Was für eine Überraschung – du im Kleid! Solltest du öfter tragen – das sieht sehr gut aus.“ (Ich trage im Allgemeinen lieber Jeans oder sonstige Hosen, weil ich mich darin meist wohler fühle, aber vielleicht sollte ich doch einmal darüber nachdenken. 😉)

Ich überreichte mein Geschenk in einer Geschenktüte, sie blickte hinein und meinte: „Süßigkeiten? Aha …“ Da klingelte das Telefon bereits wieder, und ich kam gar nicht dazu, darauf hinzuweisen, dass das eigentliche Geschenk eine DVD war, die sie wohl übersehen hatte. Ein Film aus den Siebzigern, den sie heiß und innig liebt und den es erst seit relativ kurzer Zeit als DVD gibt. Zum Glück sah sie es später und freute sich: „Das Nervenbündel! Genial – ich liebe diesen Film!“ – „Daher habe ich ihn auch gekauft …“

Gegen 17 Uhr – Muttern, Papa und Stephanie, die auch da war, hatten sich in schicke Klamotten geworfen, ich war ja schon unerwartet schick gewandet – fuhren wir los zu dem Restaurant, in dem die Feier stattfinden sollte, zusammen mit diversen Freunden und Nachbarn. Einen von ihnen, der neben meinen Eltern wohnt und mit ihnen fahren sollte, nahm ich dann mit. Er wollte unbedingt mit mir fahren, was wohl daran liegt, dass er zuvor nie mit mir gefahren war … 😉 Arglos setzte er sich ins Auto … 😉 (Nein, ich bin ganz brav und normal gefahren, und ich habe nicht einmal beim Fahren geflucht … Nicht mit Mitfahrern. 😉)

Es gab einen Sektempfang, und ein Glas durfte ich ja wohl auch trinken. Rasch waren auch alle anderen Gäste beisammen, und ich wurde zwar nicht mit dem Satz konfrontiert, der da lautet: „Du bist aber groß geworden“, aber doch mit einigen Anekdoten aus meiner Kindheit und Jugend. Eine Nachbarin fragte laut: „Sag mal, Ali – was hattest du damals noch in deinem Puppenwagen spazieren gefahren? Alle anderen kleinen Mädchen hatten darin eine Puppe – nur du nicht! Was war es noch?“ – „Mein Teddybär,“, sekundierte ich brav wie ein Apportierhund, und ich musste grinsen: Jedes Mal, wenn diese Nachbarin mich trifft, muss ich diese Frage beantworten. Leider hat die Nachbarin eine recht kräftige Stimme, und im Garten des Restaurants saßen wildfremde Menschen. Einige von ihnen hatten bereits bei der Nachbarin Einleitung und Frage neugierig herübergeblickt. Hätte ich auch angesichts des entsprechenden Szenarios: Frau jenseits der 40 wird nach ihren Puppenwagen-Ausfahrgewohnheiten gefragt … 😉 Nun, als meine Antwort ausstand, starrten sie noch neugieriger herüber. Was hatte diese erwachsene Frau wohl im Puppenwagen gehabt? Eine lebende Schildkröte? Einen Hamster? Fünf Pfund Miesmuscheln? Meine Antwort erfolgte mit gedämpfter Stimme, aber da fragte Margret, die Nachbarin, lieber noch einmal nach: „Was hast du gesagt, Ali? Ich habe es akustisch nicht verstanden.“ – „Meinen Teddybären,“, stemmte ich lächelnd und lauter hervor, und einige der anderen Gäste grinsten. Ich grinste auch, denn im Grunde ist es ja sehr nett, wenn die Freunde und Nachbarn sich noch so gut an dich als Kind erinnern. Margret meinte noch lauter: „Ja, sicher – es war der Teddybär! Du warst schon immer sehr tierlieb, und ich erinnere mich, dass du mit dem Teddy erheblich liebevoller umgingst als manch anderes Mädchen mit seinen Puppen. Ich werde nur nie vergessen, wie ich dich mit dem Puppenwagen auf der Straße traf und fragte, ob ich denn mal hineinsehen dürfe, weil man das mit jungen Müttern ja so macht. Und du hast mir das auch freundlich gewährt. Und als ich da hineinsah, war ich doch sehr erstaunt, als ich zwischen den liebevoll aufgeschüttelten Zierkissen keinen Puppen-, sondern einen sehr zotteligen Kopf mit runden Ohren sah. Du hast mir dann aber sehr nachdrücklich erklärt, dass auch Teddybären ausgefahren werden müssten und Anrecht auf die gleiche Behandlung wie Puppenkinder hätten. Und – jetzt fällt es mir wieder ein – dann hast du mir noch großzügig vorgeführt, dass der Bär sogar brummen könne! Da habe ich gedacht: ‚Interessant. Ali ist anders.‘“

Super. „Ali ist anders als wir, drum Spendenkonto drei-null-vier!“ Ich lächelte liebreizend, aber da meinte sie schon: „Ich fand das so sympathisch, vor allem, weil du das so schön begründet hast, obwohl du doch noch klein warst. Puppen würde ja jeder spazieren fahren, aber der Teddy müsse doch auch an die Luft. Das habe ich nie vergessen, weil ich es so nett fand.“ – „Danke schön. Ich hatte in der Tat mehr für Stofftiere als für Puppen übrig,“, sagte ich, auf dass auch die Umsitzenden es hören könnten. 😉 „Aber ich habe ja auch mit Puppen gespielt,“, fügte ich sicherheitshalber hinzu. Man weiß ja nie … 😉 (Dabei habe ich als Kleinkind der einzigen Puppe, die meine Mutter aus ihrer Kindheit als Erinnerung ins Erwachsenenalter hinübergerettet hatte, aus für die Umstehenden unerfindlichen Gründen eines Tages Arme und Beine ausgerissen. Da war ich noch sehr klein, kann mich aber erinnern, dass diese Puppe mir irgendwie Unbehagen eingeflößt hatte und etwas unheimlich war – warum, kann ich nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch, dass die Puppe Ute hieß und mein Vater mich bestraft hat, weil ich eine der wenigen Erinnerungen meiner Mutter an ihre Kindheit so grobmotorisch zerstört hatte. Ich glaube, ich bekam den Hintern versohlt, was mich aber offenbar nicht sonderlich mitgenommen hat. Obwohl es mir dann doch sehr leid um die Puppe Ute tat, als ich begriff, dass die meiner Mutter viel bedeutet hatte.)

Das Essen war hervorragend und – speziell für mich – auch dringend nötig, hatte ich doch den ganzen Tag kaum etwas gegessen. Die Unterhaltung war auch nett – zumal das obligatorische Teddybären-Puppenwagen-Thema ja nun schon abgehakt war. 😉 (Obwohl ich weiß, dass es bei der nächsten Zusammenkunft erneut aufs Tapet gebracht werden wird. 😉)

Gegen halb 9 überfiel bleierne Müdigkeit mich, und ich verzichtete aufs Dessert und trank lieber einen Kaffee, der allerdings auch nicht sonderlich half, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Jetzt hingegen bin ich hellwach … Jetzt, da ich es gar nicht mehr brauche …

Ich beschloss, aufzubrechen und nach Hause zu fahren. Und so machte ich meine Runde, lachte noch einmal mit Margret über den Teddybären im Puppenwagen, winkte noch einmal freundlich in die Runde, und dann ging ich zum Parkplatz.

Bereits da sah ich etwas, das ich für Stroboskoplicht hielt. War eine entsprechende Veranstaltung in Bottrop-Kirchhellen? An einem Mittwoch? Es sah derart künstlich aus, zumal hochfrequent, dass ich gar nicht auf die Idee kam, es könne sich um ein Gewitter handeln. Ich bin auch noch trockenen Fußes und Hauptes zum und ins Auto gekommen. Aber kaum hatte ich ausgeparkt und war auf dem Weg, ging es los, das aber so fließend, dass ich erst gar nicht begriff, was passierte. Das Erste, das geschah, war, dass ich von einer starken Windböe erfasst wurde, wie auch die Bäume rechts und links dieser Chaussee, und ein immenser Knall auf Montys Dach schreckte mich derart auf, dass ich schrie. Und dann sah ich, dass vor mir Kastanien ohne Zahl mitsamt Hülle auf die Straße krachten. „Ach, du Scheiße,“, dachte ich noch, als auch schon die Sintflut einsetzte. Wasser stürzte hektoliterweise vom Himmel, traf fast horizontal auf die Windschutzscheibe, und ich schaltete die Scheibenwischer auf die höchste Stufe. (Ich hätte natürlich um- und ins Restaurant zurückkehren können, aber ich hätte dieses wohl bis auf die Haut durchnässt und halb abgesoffen wieder betreten, obwohl der Parkplatz direkt davor ist. Also einfach weiter im Text.)

Es grenzt an ein Wunder, dass ich die Gladbecker Straße fand, da man die Hand vor Augen kaum erkennen konnte. Dort bog ich links ab und fuhr Richtung Gladbeck, während rechts von mir sich Wasserfontänen gen Himmel erhoben. Binnen kürzester Zeit die ganze Straße zentimeterhoch voll Wasser … Und es blitzte andauernd, als würde fotografiert. Fahrbahnmarkierungen? Kaum zu erkennen, und ich war froh, dass es kaum Gegenverkehr gab. Einmal geriet Monty ins Schlittern, aber ich lenkte gegen und bekam das Ganze schnell wieder in den Griff. Dabei fuhr ich statt der bei normalem Wetter zugelassenen 70, wo ich meist 80 oder 90 fahre, nur maximal 40, zumindest da, wo keine Bäume rechts und links der Straße standen.

Ich bin in der Hinsicht kein ängstlicher Mensch, aber da war mir doch angst und bange. Als zur Linken die Maschinenhalle Zweckel auftauchte, gut beleuchtet, atmete ich fürs Erste etwas auf – ein Orientierungspunkt. Zumindest konnte ich abschätzen, dass ich nur kurz darauf links abbiegen müsse. Denn es war wirklich wie beim Weltuntergang, und man konnte zeitweilig wirklich kaum die Hand vor Augen sehen. Da fuhr ich auch erheblich langsamer als 40. Wahrscheinlich nicht einmal 30. Ich habe nicht so auf den Tacho geguckt, da ich verzweifelt versuchte, Fahrbahnmarkierungen zu erkennen und zu sehen, wohin ich überhaupt fahren müsse. Zum Glück war wirklich wenig Gegenverkehr, weswegen ich zumindest partiell mit Fernlicht fahren konnte, was auch notwendig war.

Glücklicherweise kenne ich den Weg von Gladbeck bis zu mir nach Hause wie meine Westentasche, sonst würde ich jetzt wohl noch ratlos herumkreisen.

Den Nordring pflügte ich dann unter beidseitigen Wasserfontänen entlang. Normalerweise fahre ich da schneller, als die Polizei erlaubt. Erlaubt sind 70 Stundenkilometer, aber ich fahre meist schneller, nur kroch ich hier mit 30, maximal 40 vorwärts, da eine Wand aus Wasser vor mir stand – es war wirklich beängstigend, und als Noahs Arche an mir vorbeidümpelte, wunderte ich mich nicht einmal … 😉

Ich habe mehr als drei Kreuze gemacht, als ich in meine Straße einbog und sogar einen nahegelegenen Parkplatz fand. Bei so bescheidenem Wetter war ich wirklich noch nie gefahren – auch früher nicht. (Mal abgesehen von einem eklatanten Schneesturm – da kam ich übrigens auch aus BOT-Kirchhellen. Ob es an der Stadt liegt …? 😉)

Als ich ausstieg, regte sich kein Lüftchen mehr, und es regnete auch nicht mehr. Erst, als ich wieder in meiner Wohnung war. Mal abgesehen von der Horrorfahrt – denn das war es wirklich – scheint Petrus eine Schwäche für mich zu haben. 😉 Zumindest hat er dafür gesorgt, dass meine Frisur nicht ruiniert wurde. 😉

Wenn ich es so betrachte, stelle ich fest, dass es ein sehr netter Tag war: Feier, Kindheitserinnerungen, wenn auch partiell etwas „peinlich“ – und dann noch diese Höllenfahrt. Ich stelle fest: Ich habe den Hals mal wieder nicht vollgekriegt. 😉

„With all due respect“  – Über interkulturelle Kompetenzen …

Würde ein Brite in einer Diskussion oder bei einer Tagung einen an mich gerichteten Satz mit diesen Worten beginnen, würde ich wahrscheinlich umgehend darüber sinnieren, ob ich mich erschießen oder doch lieber erhängen solle. Diese Einleitung vor versammelter Mannschaft, ergo coram publico, würde ein Weiterleben – zumindest als ernstgenommener Mensch – quasi unmöglich machen.

Es klingt harmlos, und immerhin ist der Terminus respect enthalten. So könnte man meinen. In Wirklichkeit bedeutet diese Wendung die Einleitung, in der Luft zerrissen zu werden. With all due respect bedeutet nämlich nichts anderes als die höfliche Umschreibung von: „Sie haben ja mal überhaupt keine Ahnung, wovon Sie sprechen! Was wollen Sie hier, Sie Idiot? Hinfort!“ 😉

Die wörtliche Übersetzung entspricht dem deutschen Bei allem gebotenen Respekt, und da weiß jeder, der nicht zur Gänze gegen den Vier-Uhr-Bus gelaufen ist, was es bedeutet. Schärfste Kritik, und das ist noch euphemistisch ausgedrückt. Im Grunde äußern das Menschen, die sich auf beneidenswerte Weise unter Kontrolle haben, denen aber bereits die Schläfenadern sogar für andere sichtbar pochen, weil zuvor entweder eine Unverschämtheit oder etwas derart Dämliches geäußert wurde, dass das mit dem Begriff Unverschämtheit quasi synonym ist.

Fast niemand vermag derartige Formulierungen so gekonnt herüberzubringen wie Briten. Dem Gemeinen Briten – den es so natürlich nicht gibt – scheint ein gewisser Sarkasmus gewissermaßen in die Wiege gelegt worden zu sein, ihm per naturam innezuwohnen. Wahrscheinlich mag ich Großbritannien aus diesem Grunde so gern. Ich liebe es, heftige Kritik in höflich anmutende Worte zu hüllen, wenn die Kritik denn angebracht ist. Allerdings bin ich noch Eleve – ich bin ja auch keine Britin. Und angesichts des Phänomens, dass – zumindest hierzulande – Sarkasmus und Ironie von zunehmend weniger Menschen verstanden werden, sehe ich mich bisweilen auch gezwungen, deutlicher zu werden. Ich finde es aber schade, denn ich ziehe feine und sensiblere Instrumente dem Holzhammer vor … 😉

Es gibt nun einmal Situationen, in denen feines Taktieren und Fingerspitzengefühl einfach unerlässlich sind. So musste ich vor Jahren einmal für meinen damaligen Chef bei einem von ihm initiierten Kongress mit Teilnehmern aus der ganzen Welt dolmetschen. Die eigentlich vorgesehene Dolmetscherin war ausgefallen, und so erfuhr ich morgens, als ich arglos zur Arbeit kam, die mit Dolmetschen so gar nichts zu tun hat, dass ich mich am frühen Abend in einem lokalen Restaurant einzufinden hätte – ich müsse dolmetschen, denn ich sei ja Anglistin und der englischen Sprache in besonderem Maße mächtig, zumal ich ja auch als Übersetzerin gearbeitet hätte. Übersetzen und Dolmetschen sind zwei ganz unterschiedliche Schuhpaare, und ich war etwas nervös, als ich davon hörte, noch dazu, dass die Damen und Herren, deren sprachliches Verbindungsglied zum damaligen Chef, dessen Fremdsprachenkenntnisse noch in den Kinderschuhen steckten, ich sein sollte, Chinesen waren. Das ist keineswegs diskriminierend gemeint, nur haben Chinesen aufgrund ihrer ganz anderen Sprache einen sehr dominanten Akzent, und es ist gar nicht so einfach, sie zu verstehen. Der Schlag traf mich vollends, als ich hörte, dass die eigentlich vorgesehene Dolmetscherin für den ganzen dreitägigen Kongress ausfiel … Ich musste an drei Abenden dolmetschen, und ich war völlig aus der Übung, da ich die englische Sprache in meinem Job dort so gut wie nie brauchte. Von jetzt auf gleich ins kalte Wasser geworfen, zumal der damalige Chef auch nicht sonderlich hilfreich war, als ich ihn erstaunlich professionell fragte: „Worüber wollen Sie heute bei dem Abendessen denn sprechen?“ – „Ach, Frau B. – das ist mehr so Smalltalk mit einigen fachspezifischen Dingen.“ – „Welche fachspezifischen Dinge?“ – „Das sehe ich dann noch.“ (Danke auch! Selbst speziell ausgebildete Dolmetscher bekommen stets ein hinreichend ausführliches Briefing, worum es konkret gehe, um sich bestmöglich vorbereiten zu können.)

Der erste Abend lief super, da hauptsächlich Smalltalk, und ich plauderte mit den Chinesen liebreizend lächelnd über deutschen Kaffee und die erstaunliche Tatsache, dass nur wenige Deutsche eine Klimaanlage besäßen (es war im Februar, und draußen schneite es …). Und über so viele andere Dinge – es war wohl eine Art „Aufwärmabend“.

Der zweite Abend, da ein Bankett stattfand, lief auch erst super. Mein damaliger Chef hatte mich auf zwei Chinesen quasi angesetzt, die wie er Leiter vergleichbarer Institutionen waren, und er wollte doch so gern auch einen solchen Kongress in China! Ich arbeitete mich sachte und vorsichtig vor, da mir durchaus bewusst und bekannt war, dass im asiatischen Raum eine gewisse Zurückhaltung gefragt und die Sprache sehr blumig ist. Ich war so dezent und liebreizend, wie ich es vermochte, und ich war erstaunt, wie gut mir dies gelang. Da ich mich schon recht lange mit den beiden sympathischen Herren unterhalten hatte, hatte ich mich auch in ihre Art, zu sprechen, eingehört, und ich nahm mit Begeisterung wahr, dass beide einem Kongress in ihrem Lande nicht abgeneigt waren, was sie sehr verschlüsselt, aber positiv kundtaten, und ich glaube, ich verneigte mich sogar ein wenig, denn beide hatten gesagt, dass es durchaus vorstellbar sei, dass man gegebenenfalls zum passenden Zeitpunkt – möglicherweise sehr bald – einen solchen Kongress auch in ihrem Lande veranstalten könne. Das war eine echte Zusage! Voraussichtlich fürs folgende Jahr!

Doof nur, dass mein damaliger Chef mich beiseite ins Gebet nahm: „Haben die beiden Herren bereits zugesagt?“ – „Äh, ja.“ Und ich gab wieder, was die beiden Herren gesagt hatten, was eine deutliche Zusage unter Berücksichtigung ihrer Kultur bedeutete. Ich strahlte den Chef sogar an – ich hatte es durch sensible blumig-aber-hartnäckige Konversation ans gewünschte Ziel geschafft! Eine echte Diplomatin! Wer hätte das gedacht! 😉 Und wie erleichtert ich gewesen war, als das asiatisch-blumige Zugeständnis voraussichtlich fürs nächste Jahr geäußert worden war!

Aber der Chef machte mir einen Strich durch die Rechnung! Er meinte: „Ich will eine klare Zusage, Frau B.!“ – „Ja, aber die haben Sie doch! Das habe ich Ihnen doch gesagt!“ Und ich flüsterte: „Herr S., das sind Chinesen – diese Zusage ist bindend, vertrauen Sie mir! Ich habe das gemacht, wessen ich beauftragt wurde – und die Zusage ist da. Auf die spezielle kulturelle Art, aber eindeutig gegeben.“ – „Ich will eine konkrete Zusage, Frau B.! Sorgen Sie dafür! Und ich bleibe hier neben Ihnen stehen!“ – „Herr S., diese Zusage besteht bereits – bitte beachten Sie doch die kulturellen Unterschiede! Ich kann unmöglich hingehen und diesen beiden sehr netten chinesischen Herren eine deutsche Pistole auf die Brust setzen!“ – „Frau B.! Sie gehen jetzt hin und regeln das!“ – „Es ist doch längst …“ – „Frau B.!“

Und ich musste hingehen und völlig unverblümt die beiden wirklich netten chinesischen Herren dazu zwingen, eine Zusage zu geben. So typisch deutsch – und ich bin keine Freundin davon, etwas als „typisch deutsch“ zu deklarieren. Hier war es aber nur allzu wahr. Ich werde nie die Gesichter der beiden sehr netten und freundlichen Herren vergessen! Ebensowenig, wie ich mich schämte. Und ich habe selten so oft kleine Verneigungen in meine Rede eingebaut. Das mache ich sonst nie! 😉

Hat mir aber auch nicht genutzt. Am nächsten Abend, der Abschlussfeier bei einem noblen Abendessen, wurde ich von den beiden Chinesen komplett ignoriert. Obwohl mir -zig andere Menschen die Hand gaben, weil ich die persönliche Dolmetscherin des Chefs war, ignorierten mich die beiden völlig. So geht es dem Überbringer der blöden Botschaft … 😉 Dem wenig feinfühligen Chef schüttelten sie nicht nur die Hand, sondern verbeugten sich devot vor ihm. Ich war ziemlich wütend … Auch auf die Chinesen, ich gebe es zu. 😉

Doch zurück zu den von mir geliebten Briten. Ich bekam gestern eine Liste geschickt, die es im Internet gibt: „30 Things British People Say And What We Actually Mean“.

Ich fing zu lesen an, und gleich bei der ersten Aussage war „Land unter“, da ich derart lachen musste, dass mir die Tränen übers Gesicht liefen: „I might join you later.“ Bedeutung: „I’m not leaving the house today unless it’s on fire.” Sehr schön. Könnte von mir sein. 😉

Noch schöner: „Pop around anytime!“ („Komm einfach auf einen Besuch vorbei!“) Heißt wirklich: „Please stay away from my house!“

Weitere Favoriten: „No, no, honestly my fault!“ Heißt: „It was exceedingly your fault and we both know it.”

Oder: “I’m sure it’ll be fine!” Heißt: “I fully expect the situation to deteriorate rapidly.”

Am besten ist: “Perfect.” Das bedeutet, dass so ziemlich alles beschissen gelaufen ist. 😉

Mir sehr bekannt aus eigener Verwendung: “Sorry, I think you might have dropped something.“  Heißt: „Hey, Sie haben da gerade etwas fallengelassen/weggeworfen – sofort aufheben, oder es knallt!“ 😉

Ich ertappe mich auch öfter dabei, dass ich sage: “Entschuldigung, ich glaube, […]”, obwohl die Sache völlig klar ist. Das mache ich eigentlich, seit ich denken kann … Und daher meinte ein englischer Bekannter auch mal zu mir: „Ali, du musst sehr oft in England gewesen sein – du sprichst auch auf Deutsch manchmal wie eine Engländerin!“ Ich fragte ihn, was er damit meine, er erläuterte es, und ich lachte und meinte: „Nee, das habe ich schon gemacht, bevor ich das erste Mal in England war.“ Da grinste er und meinte: „Es gibt offenbar Deutsche, die verdammt gute Engländer ausmachen würden. Und umgekehrt.“

Ich verstand auch die Aussagen in der Liste bereits, ohne die eigentlichen Bedeutungen zu lesen. Es liegt wohl – unter anderem – daran, dass ich oft genug in Großbritannien war, so oft, dass ich inzwischen gar nicht mehr über die eigentliche Bedeutung einer Aussage nachdenke, obwohl mir das bei meinen ersten Aufenthalten echten Stress verursachte, zumal ich Sarkasmus selber liebe und jedes Mal überlegte: „War das jetzt eine besondere Art von Sarkasmus?“ Oft hatten Leute einfach nur wirklich nett etwas gesagt …

Nur: Warum verwendet man diese Art von „Verschleierung“? Ich vermute einfach, dass es daher geschehe, um niemanden doof dastehen zu lassen, damit niemand sein Gesicht verliere. Oder es steckt besondere Fiesheit dahinter („Seht her! Ich mache hier eine ganz normal scheinende Bemerkung, die total fies gemeint ist! Har-har!“). 😉 Aber da ja heutzutage immer weniger Menschen – zumindest hierzulande – Sarkasmus und Ironie verstehen, vermute ich, dass es sich schlicht um eine Art Rudiment handeln könnte. Man geht halt immer noch davon aus, dass solche Dinge von jedermann verstanden werden würden. 😉

Euch ein schönes Wochenende – ganz ohne jeglichen Sarkasmus bzw. englische Alltagsreaktionen.😊

„Hardcore-Biker“, Vorstellungsgespräche und redundante Diskussionen

Gestern war ein echt stressiger Tag. Ich hatte neben der Arbeit auch noch ein Vorstellungsgespräch. Vorstellungsgespräche erzeugen nicht selten große Nervosität und Pein bei mir. Und so war ich recht „verhuscht“ und fühlte mich gar nicht wohl.

Hinzu kam, dass mir auf dem Weg auch noch ein offenbar suizidal eingestellter Radfahrer fast in die rechte Seite meines Autos fuhr, als ich auf der schmalen Hauptstraße meines Stadtteils unterwegs war, auf der die Linie 1 fährt, eine Straßenbahn in zwei Richtungen. Die und eben Autos. Die Straße ist dafür sehr, sehr schmal, und links und rechts der Autos und Straßenbahn hat nichts Platz. Radfahrer sind daher auf der Straße nicht zugelassen oder vorgesehen. Extra für diese gibt es einen an dieser Stelle gut ausgebauten Radweg neben dem Fußgängerweg oben auf dem Bürgersteig. Gekennzeichnet durch das allseits bekannte blaue Schild, das – an dieser Stelle – zur Linken ein Fahrradsymbol hat, zur Rechten ein Fußgängersymbol, getrennt durch einen vertikalen weißen Strich. (Für all diejenigen, die das nicht wissen: Es bedeutet, dass Radfahrer auf dem Radweg fahren müssen, neben dem ein Fußgängerweg verläuft, zumeist farblich getrennt, nicht auf der Straße fahren dürfen. Ich schicke das lieber mal voraus. Mit Gründen. Und ich füge hinzu, dass das gelte, sofern der Radweg befahrbar und nicht mit Sperrgut, Autos, Unkraut oder sonstigen Dingen besetzt sei … War er gestern nicht. War er noch nie. Immer gut befahrbar, und gestern, als mir der Radfahrer völlig idiotisch und ohne Zeichen, dass er abbiegen oder sonstwas wolle, fast in die Karre fuhr, nicht einmal von anderen Radfahrern oder Fußgängern genutzt – meterweit freie Fläche. Er hatte auch nicht ausweichen müssen. Hätte die Notwendigkeit bestanden, wäre er eindeutig zu schnell auf dem Radweg unterwegs gewesen.)

Ich musste heftig bremsen. Der Radfahrer beschimpfte mich, die ich nicht einmal die zulässigen 50 Stundenkilometer gefahren war. Ich hätte mir gern gegen die Stirn getippt, aber ich hielt mich zurück. Daraufhin stürmte er auf das Auto des Fahrers los, der hinter mir ebenfalls heftig hatte bremsen müssen und schlug dem mit der Faust aufs Dach, wild schimpfend. Warum keiner von uns beiden die Polizei rief? Wir hätten es tun sollen, aber offenbar waren wir beide zu geschockt. Denn als der Radfahrer schimpfend und uns den Mittelfinger zeigend weiterfuhr, fuhren auch wir weiter. Mit etwa 20, 25 Stundenkilometern, obwohl auf dieser aufgrund ihrer Enge radfahrerfreien Straße – extra deswegen ja der Radweg auf dem niveautechnisch höhergelegenen Bürgersteig – 50 gefahren werden darf. Aber der schlaue Radfahrer fuhr vor uns, und den konnten wir aufgrund der Enge nicht überholen … Zumal wir ja auch die uns bekannte 1,5-Meter-Regel beachten mussten. Und mit der entgegenkommenden Straßenbahn wollten wir nicht kollidieren, beim Versuch, den Radler, der dort absolut nichts verloren hatte, zu überholen …

Immerhin war ich spätestens da hellstwach, obwohl ich vorher schon hellwach gewesen war und mich jetzt noch etwas ärgere, der Idiotie noch Freiraum gewährt zu haben. Ich weiß, dass bei etwaiger Unbefahrbarkeit Radfahrer den ausgezeichneten Radweg, der ihnen vorschreibt, auch exakt dort und nirgendwo anders fahren zu müssen, verlassen dürfen. Aber es gab kein Hindernis, der Radweg war durchgängig befahrbar. Und selbst, wenn er das nicht gewesen wäre: Welcher Idiot fährt blöd-blindlings mit dem Fahrrad einfach auf die Straße, ohne Zeichen zu geben? Nur größtmögliche Idioten, die offenbar nicht allzu sehr an ihrem Leben hängen und dann gegebenenfalls noch anderen, die sich regelgerecht verhalten haben, zu Unrecht den Schwarzen Peter unterjubeln.

Das Vorstellungsgespräch habe ich danach auf sehr nette Weise hinter mich gebracht. Keine Ahnung, was daraus wird, aber es war das netteste Gespräch dieser Art, das ich jemals hatte. Alles vergessen, was ich hatte sagen wollen – aber spontan wirke ich ohnehin am besten. 😉

Danach war ich, wie ich nach solchen Situationen immer bin: aufgedreht, fröhlich, froh, die Last los zu sein.

Abends fuhr ich nach Hause. Und ich surfte noch etwas im Internet, traf auf einem Sozialen Medium auch noch einen guten Freund. Ich chattete mit ihm, fragte, wie es seiner Frau gehe, berichtete von dem netten Gespräch, und er gratulierte mir dazu, das Ganze so locker überstanden zu haben (nicht zuletzt aufgrund des Langmutes anderer, denen ich mit meiner vorherigen Hektik sicherlich auf die Nerven gefallen war – sorry! 😊).

Leider habe ich dann einen Fehler gemacht. Ich berichtete von dem Beinahe-Unfall mit dem Radfahrer … Ach! Das hätte ich besser nicht getan …

Denn mein guter alter Freund entpuppte sich als Hardcore-Biker, der Radfahren angesichts ebenfalls präsenter Autofahrer offenbar als Kraft- oder Machtprobe sieht. Er fährt beides, Auto und Fahrrad. Letzteres aber als Sport. Und – wie ich gestern lernte – das scheint zu Fundi-Verhalten führen zu können.

Denn wiewohl ich ihm die Situation wiederholt plastisch beschrieb, was beinhaltete, dass der Radfahrer sich widerrechtlich verhalten hatte, musste ich lesen, dass Autofahrer die Pest seien, speziell, wenn sie sich so verhielten wie der Fahrer hinter mir … Ich schickte ein Fragezeichen in den Chat, denn mein Hintermann hatte einfach nur das getan, was auch ich getan hatte: gebremst. Keiner möchte einen wildgewordenen Radfahrer, der sich aufgrund seines vorbildlichen Zyklistentums für den König der Welt hält, auf der Motorhaube! Schon gar nicht auf einer Straße, auf der er nichts zu suchen hat.

Auf das Fragezeichen erfolgte eine Belehrung über die allseits – auch mir – bekannte Regel, dass Autos zu Radfahrern einen Abstand von 1,5 Metern zu halten hätten. Das hätte der Fahrer hinter mir ja wohl nicht eingehalten! Ich warf – einmal mehr – in den Raum, dass es sich um eine sehr schmale Straße handle, auf die lediglich zwei Straßenbahnen in unterschiedliche Richtungen sowie Autos passten, weswegen – wie erwähnt – ja auch der breite Bürgersteig mit Rad- und Gehweg angelegt worden und Radfahren auf der Straße nicht vorgesehen, sondern allein auf dem Radweg erlaubt und vorgeschrieben sei … Ich dachte, damit sei die Diskussion beendet. Ich Naivling!

Was da für abstruse Argumente herangekarrt wurden, weswegen alle bremsgezwungenen Autofahrer potentielle Mörder seien, war nicht mehr feierlich. Es könnte doch Schmutz auf dem Radweg gelegen haben! (Ich bin früher als Jugendliche sehr viel Fahrrad gefahren, fahre auch jetzt bisweilen noch, aber Schmutz auf dem Fahrweg – normaler Schmutz – hat mich nie dazu gezwungen, einen vorgeschriebenen Radweg zu verlassen. Und ich war damals in recht ländlicher Gegend unterwegs, wo alles liegen konnte. Da hätte über Nacht schon ein Baum oder ein Dickicht gewachsen sein müssen … Und da hätte ich auch noch meine Augen offengehalten und wäre nicht einfach blind auf die Straße gebrettert … Und hier lag nichts.)

Ich wurde allmählich zynisch und meinte: „O ja, ein Haufen Pferdeäppel wird auf dem Weg gelegen haben, weil so viele Pferde durch die Stadt gehen! Vielleicht ist auch über Nacht eine zehn Meter hohe Eiche gewachsen! Nein! Da war nichts! Es gab keinen nachvollziehbaren Anlass! Und selbst wenn: Dann gibt man doch den anderen ein eindeutiges Zeichen.“

Es hatte alles keinen Sinn, man glaubte mir nicht, nahm den idiotischen Radfahrer auch noch in Schutz und bezeichnete die Autofahrer, die – wie hätten sie das auch tun sollen? – die 1,5-Meter-Regel auf dieser sehr schmalen Straße, auf der Radfahrer nicht zugelassen sind, nicht hatten einhalten können, auch noch als potentielle Mörder!

Es war sehr ernüchternd gestern. Aber ich habe mich tapfer geschlagen, obwohl ich zweimal partiell schon in Großbuchstaben postete und einmal: „Nochmal zum Mitmeißeln!“ schrieb, mit einer leichten Aggression versehen. Aber wer kann es mir bei kompletter Ignoranz der Tatsachen seitens meines guten Freundes trotz Einhaltens der Verkehrsregeln meinerseits verdenken? 😉

Irgendwann meinte ich dann nur noch: „Lass es gut sein. Ich wünsche dir eine gute Nacht. Es ist mir zu blöd, um des Kaisers Bart zu streiten. Gerne können wir uns demnächst wieder unterhalten. Zu einem anderen Thema aber, bitte.“

Denn ich hatte den Eindruck, mein guter Freund sei zu einem Fahrrad-Fundi mutiert. Mehrfach erklärte er mir, einige seiner Radkollegen würden absichtlich Radwege ignorieren und so auf der Straße fahren, dass sie Autofahrer absichtlich behinderten. Da hatte ich noch zurückgefragt, worum es eigentlich gehe: ums gefahrlose Radfahren oder nicht eher darum, Macht ausüben zu wollen. Keine Antwort. Man fühlte sich wohl unweigerlich im Recht.

Ich mag meinen guten Freund dennoch. Er muss zwar immer Recht haben, auch wenn es völlig absurd wird, aber er ist ein lieber Kerl. Nur nicht beim Radfahren. Da ist er wohl Fundi. Ich werde das künftig berücksichtigen. 😉

Aber einen Punkt aus meinem Vorstellungsgespräch habe ich wirklich wahrgemacht. Denn man fragte mich: „Wie gehen Sie damit um, wenn Sie zu Unrecht bezichtigt werden, etwas falsch gemacht zu haben?“ Da hatte ich locker-flockig gesagt: „Ich werde das zur Sprache bringen, aber ruhig.“ – „Und wenn der Chef trotzdem noch bockig ist, weil er eine unruhige Situation hat?“ – „Dann werde ich mich zurückziehen und auf den Moment warten, da es besser passt. Wenn ich wirklich im Recht bin, werde ich es nicht auf sich beruhen lassen. Aber ich werde es auch nicht eskalieren lassen.“

Einmal mehr die berühmte Duplizität der Ereignisse … 😉 Am selben Abend musste ich exakt das, was ich im Gespräch an- und im Brustton der Überzeugung von mir gegeben hatte, unter Beweis stellen. Und das ganz unerwartet und unter einigen ziemlich schrägen und nicht absehbaren Querschlägern! 😉 Ich war zwar sauer, aber alles in allem habe ich das ziemlich ruhig gelöst.

In ein paar Wochen werde ich mich wieder bei meinem guten Freund melden … 😉 Wahrscheinlich eher. 😉

Einen schönen Abend – und merkt euch: Fundamentalismus kann schon bei kleinen Dingen beginnen: zum Beispiel beim Radfahren … 😉

Wider den Gemeinen Marder!

Nein, ich bin kein Jäger, und ich habe im Grunde auch nichts gegen Marder, die sich hier auch in den Städten zumeist in der Erscheinungsform des Steinmarders zeigen. Eigentlich sind es sogar ganz putzige und possierliche Tierchen. Vor allem aus der Ferne.

Mir ist vor längerer Zeit – da hatte ich noch kein Auto – im Spätherbst auf dem Weg von der Straßenbahnhaltestelle einer recht nahegekommen. Ich wollte doch nur eine Abkürzung nehmen – und stehe unversehens einem Raubtier Aug‘ in Auge gegenüber! 😉 Beide blieben wir nämlich wie festgetackert stehen, als wir die unmittelbare Gegenwart des jeweils anderen bemerkten.

Der Marder beäugte mich, ich beäugte den Marder. Ein echtes Blickduell. Wer gibt als Erster auf? (Wobei davon auszugehen ist, dass der Marder mich erheblich besser betrachten konnte, da ich im Dunkeln nicht ganz so gut sehe wie ein dämmerungsaktives Lebewesen … Obwohl ich strenggenommen ja auch eher zu den Dämmerungs- bzw. Nachtaktiven gehöre … 😉 Nur nicht ganz so gut daran angepasst, was meine Sehfähigkeit anbelangt.)

Offenbar gefiel ich dem Marder, denn er kam unvermittelt schnurstracks und ganz direkt auf mich zugelaufen, dabei leise, wie Knurren klingende Geräusche von sich gebend. Ich bin, was Tiere anbelangt, alles andere als ein Schisser, aber da – ich gebe es zu – war mir nicht ganz so wohl, obwohl der Marder naturgemäß um einiges kleiner war als ich. Aber was hatte er vor? Mich anspringen, mich beißen – vielleicht sogar in die Arteria carotis? 😉 Man weiß ja nie … Am Ende würde ich am nächsten Morgen von spielenden Kindern entdeckt werden, die aufgrund des Fundes – ausgeblutete Frau mit Bissspuren am Hals! – für den Rest ihres Lebens traumatisiert sein würden und bei bloßer Erwähnung von Der kleine Vampir hysterisch zu schreien anfangen und psychische Ausfallerscheinungen an den Tag legen würden … (By the way: Kennen Kinder heute eigentlich noch Der kleine Vampir? 😉)

Es war mir ein bisschen suspekt, wie er da so direkt und zielgerichtet mit diesen knurrenden Geräuschen auf mich zugelaufen kam, obwohl ich natürlich keine echte Angst davor hatte, er könne mich anspringen, mir gar die Halsschlagader perforieren. Aber so ganz wohl war mir wirklich nicht. Da ich aber mit Hunden großgeworden bin, war mir klar, was zu tun sei, um zu demonstrieren, wer hier das Alphatier sei, und so straffte ich meine Schultern, stellte mich breitbeinig hin und versuchte, größer auszusehen, als ich bin.

Es gelang, und der Marder bog kurz vor meinem linken Schuh ganz plötzlich ab und rannte, was das Zeug hielt. Ich wuchs gleich um fünf Zentimeter und ging im guten Gefühl heim, ein Erfolgserlebnis gehabt zu haben. 😉 Ich! Hatte! Ein gefährliches Raubtier! Bezwungen! Kraft meines Willens und meiner imposanten Erscheinung! Ha! 😉

(Das Hochgefühl schwand leider, und ich schrumpfte, als ich den Steuerbescheid vom Finanzamt aus meinem Briefkasten fischte, der just an diesem Tage eingetroffen war und beschied, dass ich eine eklatante Nachzahlung zu tätigen hätte, nicht nur auf meine normalen 165 Zentimeter, sondern auf etwa 155 Zentimeter, wenn nicht weniger … Das einzig Beruhigende: So gleicht sich im Leben alles wieder aus. 😉)

Ihr seht: Ich kann mich Mardern gegenüber behaupten. Zumindest als ÖPNV-Nutzerin und Fußgängerin.

Nur habe ich inzwischen ein Auto, den kleinen Monty, an dem ich sehr hänge. Ein wirklich netter, kleiner Ford Fiesta und inzwischen etwas über ein Jahr alt. Er ist wirklich klasse, hat nur einen Nachteil: Er ist im Grunde eine Bordsteinschwalbe. Sprich: Er steht bei Wind und Wetter draußen, ohne Garage. Ich habe – es ist bekannt – nicht einmal einen festen Stellplatz. Widrigen Witterungsverhältnissen willenlos ausgesetzt ist er, und nicht nur das!

Kürzlich berichtete Herr Wolski, zwei Nachbarn, deren Autos das gleiche Schicksal erleiden wie meines, hätten Marderbefall gehabt. O Gott! Der ganze Motorraum verdreckt, vulgo: zugeschissen, und – noch schlimmer! – angefressen, was Kunststoffteile und -ummantelungen anbelangte! Und nicht nur der reine Motorraum, denn es pflanzte sich auf die Bremsleitungen fort, denn zumindest der eine Nachbar hätte nicht mehr bremsen können, als es nötig war und sich nur dadurch retten können, dass er – was in dem Falle auch meine Idee gewesen wäre – sein bremsunfähiges Vehikel in extrem spitzem Winkel gegen eine Bordsteinkante lenkte, wo es dann zum Stehen kam. (Wieso das auch meine Idee war? Das ist sehr einfach erklärt. Wer jemals früher, als ich noch recht ungelenk beim Schlittschuhlaufen war, mit mir in die Eishalle zum Schlittschuhlaufen ging, weiß, warum … 😉 Bremsen? Kein Problem! Im spitzen Winkel gegen die Bande … 😉 Man lernt so fürs Leben und etwaige Unfallvermeidung beim Autofahren, wenn die Bremsen versagen. 😉)

Nachdem mir auch noch meine Patentante ähnliche Geschichten aus ihrer Nachbarschaft erzählte, kaufte ich – angefixt – ein Marder-Abwehrspray einer namhaften Firma, die auch Motoröle vertreibt und deren Name irgendwie niedlich klingt. Auf der Spraydose steht irritierender Weise Marder-Spray, aber offenbar war doch gemeint, dass es die putzigen kleinen Kerlchen von den damit imprägnierten Autos fernhalte. Hoffte ich zumindest.

Und nachdem ich heute im Garten meines Elternhauses einmal mehr den Rasen gemäht hatte, bat ich meinen Vater um Assistenz beim Imprägnieren meines Autos, da ich damit so keinerlei Erfahrung hatte. Mein Vater allerdings auch nicht, da seine und meiner Mutter jeweiligen Autos immer in einer Garage standen. Dennoch beugten wir uns in trauter Übereinstimmung über des kleinen Monty Motorraum.

Mein Vater, dem ich aufgrund seines Ingenieur-Status‘ naturgemäß mehr zutraute als mir, weswegen ich ihm die Applikation des chemischen Kampfstoffes überließ, war viel zu sparsam mit dem Spray, und so übernahm ich dann selbst. Alles, was irgendwie nach Kunststoff aussah – und das war gar nicht so wenig -, wurde quasi eingeweicht. Bis auf die Bremsleitungen, denn da meinte mein Vater bedauernd: „Da kommen wir nicht dran – dazu braucht man eine Hebebühne.“ Ich meinte: „Kein Problem – wir sprühen zumindest hier vorne bis zum Chassis hinunter!“ Und genau so ging ich vor, und dann befand ich, dass es gut sei. 😉 Da war die Spraydose zur Hälfte leer, und zufrieden ließ ich die Motorhaube aus geringer Höhe fallen und einrasten.

Kurz darauf fuhr ich nach Hause. Schon beim Einsteigen nahm ich einen Duft wahr, der durch seine Intensität von sich reden machte. Es roch im Grunde so, wie synthetische „Blumendüfte“ riechen. So wie die Sprays, die manche Leute im Bad gegen üble Gerüche benutzen, ich jedoch nie, da zu künstlich und zu penetrant.

Auf dem ersten Viertel der Strecke war ich schon leicht genervt, und ich schaltete die Klimaanlage aus und fuhr lieber die Fenster rechts und links hinunter, auf dass frische Luft ohne Umwege ins Auto komme. Am liebsten hätte ich die Fenster auch noch offengelassen, als ich auf den Parkplatz meines Lieblings-Supermarktes fuhr, der sich ebenfalls im Wohnort meiner Eltern befindet. Aber das kann man ja nicht machen – kaum mit den Einkäufen aus dem Supermarkt gekommen, stellt man fest, dass man „zwei Autos“ dastehen hat, wo zuvor nur eines stand. Ergo: gar keins mehr.

Mit zusammengebissenen Zähnen und heruntergelassenen Fenstern fuhr ich zurück an meinen Wohnort. Es war kaum auszuhalten, und es erinnerte mich an die Zeit, da ich zwei Katzen als Notfälle aufgenommen hatte, von denen die eine aus Protest und mich starr und provokant anblickend zunächst des Öfteren nicht in ihr Katzenklo, sondern daneben pinkelte. (Nie zuvor oder danach in meinem bisherigen Leben lag ich so oft mit einem Feudel und Putzmittel auf den Knien …) Damals empfahl man mir „Katzen-Abwehrspray“. Habe ich benutzt. Nutzte auch, denn die Katze suchte danach nur noch ihre Toilette auf. Die Zeit zwischendurch jedoch war nicht ganz einfach, denn ich fragte mich bisweilen, was nun schlimmer sei, da das Katzen-Abwehrspray einfach nur verboten roch …

Und nun dasselbe in Grün! Mein Auto stinkt! Obwohl – das kann man gar nicht sagen. Es riecht nach künstlichem „Blumenduft“, was ja gar nicht so schlimm sein sollte. Das aber ist, und das derart penetrant, dass ich mich gerade frage, ob ich nicht morgen lieber mit der verhassten Straßenbahn fahren solle … 😉

Eines weiß ich ganz gewiss: Wer als Marder etwas auf sich hält, steigt nicht in diesen Motorraum. Eines weiß ich aber auch gewiss: Ich mag eigentlich auch gar nicht so gern in dieses Auto steigen … 😉

Euch einen schönen Abend! 😊

Über Sensibilität(en)

Was wir Sensibilität nennen, heißt auf Englisch sensitivity. Sensibility gibt es zwar auch, bedeutet aber zumindest in Nuancen etwas anderes. Ganz schlimm für mich immer wieder, wenn einer der Romane Jane Austens, Sense and Sensibility, als Sinn und Sinnlichkeit übersetzt Erfolge feiert. Richtig übersetzt heißt das Ganze: „Vernunft und Gefühl“, und wenn auch viel Gefühl in das hineinspielt, was man gemeinhin als Sinnlichkeit bezeichnet, so gibt es hier doch feine Bedeutungsnuancen. Sensible ist mit dem im Deutschen gebräuchlichen sensibel keineswegs identisch.

Heute stolperte ich in unerwartetem Kontext über den Begriff der Kultursensibilität. Den kannte ich zwar schon, aber eher in der Bedeutung der interkulturellen Kompetenz. In diesem Fach habe ich bis vor einiger Zeit selber Seminare geleitet. Meine Zielgruppe waren Studenten, die darauf hinarbeiteten, nach ihrem Examen viele Dienstreisen in andere Kulturkreise anzutreten, und so war das Seminar Interkulturelle Kompetenz und Kommunikation sicherlich hilfreich.

Doch wusstet ihr schon, dass es kultursensible Toiletten gibt? Hier, mitten in Deutschland? In einem Kulturzentrum einer als besonders bunt geltenden Großstadt?

Ich war angefixt, als ich den Titel des Artikels las, denn eine kultursensible Toilette – die hat schon was!

Es stellte sich heraus, dass es sich um ein Steh- oder Hockklo handelte, das ich bereits aus Frankreich kannte. Beliebt in etwas älteren Autobahn-Raststätten und der Schrecken eines jeden Sitz-WC-Nutzers, der mit einem Stehklo nicht vertraut ist. Ich weiß, wovon ich spreche …

Ich habe in meinem bisherigen Leben dreimal eine solche Toilette benutzt. Ich gebe zu, es pressierte wirklich, und es waren keine Büsche in der Nähe, in die ich mich lieber geschlagen hätte. Die drei Exemplare, die ich schließlich in meiner Verzweiflung nutzte, waren … nicht schön. Ich wünschte, ich hätte Gummistiefel dabei gehabt, denn die vorherigen Nutzer waren offenbar nicht so ziel- und treffsicher gewesen und/oder hatten zuvor etwas Falsches gegessen. Wie schnell fängt man sich eine Diarrhöe ein! Und davon hat bei einem solchen Klo dann auch noch die Um- bzw. Nachwelt etwas. Meist unter den Schuhen oder – als Ungeübter – auch noch an der Hose. (Kleiner Tipp: „Chemische Reinigung“ heißt auf Französisch: „le pressing“ …)

Von daher erschien mir diese Art Toilette immer wie eine Art Alp. Sogar ein Plumpsklo – der Schrecken meiner Kindheit – wäre von mir dankbar wie ein alter Bekannter begrüßt und bevorzugt worden. Selbst ein Donnerbalken. Da steht man wenigstens nicht in dem, was andere zuvor gegessen, getrunken, verdaut und ausgeschieden haben … Lassen wir das.

Ich habe gar nichts dagegen, wenn jeder seinen Geschäften so nachkommt, wie es ihm am angenehmsten ist – es sei denn, Parkanlagen oder sonstige öffentliche Flächen sind betroffen. Oder sonstige Einrichtungen, da andere beeinträchtigt werden. Und ich habe auch gar nichts gegen das besondere Klo in diesem Kulturzentrum. Aber warum um alles in der Welt gehen Leute in vorauseilendem Gehorsam hin und preisen das Ganze als revolutionäre Errungenschaft? (Sogar die alten Römer hatten Sitztoiletten, und deren Zeit liegt nun wirklich weit zurück …)

Da wurden die abstrusesten Argumente dargebracht: Der Darm entfalte sich viel mehr, und generell sei es viel entspannender, im Hocken zu … Man möge nur das nobelpreisverdächtige Buch: „Der Darm schlägt Alarm“ lesen! Da stünde alles drin! Und es sei so viel hygienischer, denn man komme ja gar nicht mit dem stets – so die Argumente – volldefäkierten und -urinierten WC-Sitz der verabscheuungswürdigen Sitztoiletten im öffentlichen Raum in direkten Kontakt! Da könne man sich ja gar nicht auf den Sitz setzen! (Mal im Ernst: Wer tut das, ohne etwas unterzulegen? Wohl nur Masochisten mit einem Hang zur Todessehnsucht …) Und – mein Favorit in der Argumentationslinie der Befürworter – es würde der Rettungsdienst ganz oft zu Fällen gerufen, da Menschen aufgrund der ungünstigen Defäkationsposition auf dem Sitzklo dahingeschieden seien! Auf einem Hockklo wäre das nie passiert – da würden dieselben Menschen sich nach Benutzung noch bester Gesundheit erfreuen! (Es stimmt zwar, dass Menschen schon auf der Toilette dahingeschieden sind, weil ihnen aufgrund des großen Drucks ein Gefäß im Kopf platzte, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass dies so oft vorkomme, wie hier glauben gemacht werden sollte …)

Nachdem ich diese Argumente gelesen hatte, starrte ich blicklos auf den Monitor meines Rechners und überlegte, was wohl auf dem Grabstein eines auf dem gefährlichen Sitzklo Dahingeschiedenen stehe. Er gab sein Letztes für uns. Oder: Endlich befreit. Vielleicht auch: Nach all dem Druck nun Frieden.

Mir stellte sich die Frage, ob all diese Befürworter je in die Verlegenheit gekommen seien, die von ihnen vorgeblich präferierte Toilettenform auch höchstselbst zu benutzen. Je mehr ich an meine Erlebnisse dachte, desto unwahrscheinlicher erschien mir dies. Ebenso fragte ich mich, warum ein solches Klo hygienischer sein solle als ein Sitzklo. Denn im Grunde ist der Grad der Hygiene doch immer abhängig von den Personen, die eine solche Einrichtung nutzen. Oder irre ich mich? Und dann dachte ich wieder an den Diarrhöe-Aspekt … So habe ich mir heute zumindest das Abendessen gespart. Ein Toilettengang weniger. Wer weiß: Vielleicht hätte just der mich mein Leben gekostet … 😉

Auf alle Fälle bin ich wieder etwas schlauer. Es gibt also kultursensible Toiletten, an denen sich die Geister scheiden. Und ich habe schon beim Plumpsklo in Finnland die Krise bekommen! Zunächst zumindest.

Sensibilität hat also ganz verschiedene Gesichter. Das hier wollte ich mir gar nicht so genau vorstellen, zumal es unliebsame Erinnerungen weckte. En tout finde ich, sollte jeder seine Geschäfte machen können, wie er möchte – aber bitte keine Wissenschaft daraus. 😉

Ich bitte, das schlüpfrige Thema zu entschuldigen. Aber ich war heute wirklich immens überrascht, welche Wellen das schlug – es hat mich daher kaum losgelassen … 😉 

Variatio delectat

So sagten die alten Römer und meinten: „Abwechslung macht Freude.“ Heute sagt man eher: „Öfter mal was Neues.“ Und nicht immer muss das positiv besetzt sein – zu erkennen am Tonfall, in dem diese Weisheit geäußert wird. 😉

Auch ich dachte dies heute, und das beileibe nicht in positivem Tenor, als ich nach der Arbeit noch bei meinem Zahnarzt gewesen war und nach einstündiger Behandlung die Praxis verließ, wobei ich aussah, als hätte ich die letzte Stunde in einem Schützengraben unter Dauerbeschuss verbracht.

Dabei hatte ich ja schon gewusst, was auf mich zukommen würde: die alljährlich stattfindende professionelle Zahnreinigung. Aber nicht nur die, sondern danach auch etwas, das sich zwar nicht Die Vermessung der Welt, sondern Vermessung der Taschentiefen nennt und sich ganz eindeutig aufs Zahnfleisch bezieht. Genauer: Es handelt sich um eine Parodontose- oder Parodontitis-Voruntersuchung.

Denn nachdem meine Zähne nun allesamt nicht nur rundumüberholt sind, sondern partiell zwischenzeitlich auch noch wegen diffuser Beschwerden, entzündeten Wurzelspitzen in zwei Fällen, noch viel rundummer behandelt werden mussten, hatte sich meine regio dentalis bzw. oris schon wieder etwas ganz Neues ausgedacht. Nicht, dass ich zwischenzeitlich den Weg zu meinem Zahnarzt vergessen würde! Oder gar seinen Namen! Oder gar, wozu solch ein Zahnarzt überhaupt gut sei.

Seit einiger Zeit hatte ich beim Zähneputzen wiederholt – wenn auch nicht täglich, denn das scheint von der Tagesform abhängig zu sein – eine blutige Erfahrung machen müssen. Igitt – und das am mehr oder minder frühen Morgen!

Dummerweise erwähnte ich dies gegenüber Dr. Zachow bei meinem letzten Besuch. Der nahm sogleich ein ziemlich spitzes Instrument in die Hand, hieß mich, den Mund zu öffnen, was ich angesichts des dräuenden Instruments gar nicht so gerne tat, es angesichts meines Alters aber recht albern gewirkt hätte, hätte ich mit zusammengepressten Lippen kopfschüttelnd nur: „M-m!“ gemacht und kurzerhand verweigert, seiner Anordnung Folge zu leisten. Ich öffnete also, und er stocherte an ausgewählten Zähnen herum – zwischen Zahn und Zahnfleischsaum. Es war nicht ganz so schön, und als ich die Praxis verließ, hatte ich den kalten Schweiß auf der Stirn sowie einen Termin für die eingangs genannte Voruntersuchung in der Tasche, die die ohnehin jährlich stattfindende professionelle Zahnreinigung einschließt. Ich dachte positiv: „Dann ist das zumindest auch schon einmal abgefrühstückt. Und die Zahnfleischtaschen zu vermessen, ist sicherlich auch nur Kinderkram.“

Aus der Retrospektive kann ich nur sagen: Ja, ist Kinderkram. Zumindest im Vergleich zu dem, was noch auf mich zukommt … 😉

Dabei hatte alles so nett angefangen. Ich hatte mich bei der Anmeldung vorne in der Praxis angemeldet, wurde freudig namentlich begrüßt – daran kann man auch als arglos wartender neuer Patient, der zum ersten Mal bei diesem Arzt ist, schon den Zahnstatus der so freudig begrüßten Person erkennen: hundsmiserabel, defizitäres Material. Denn wer namentlich begrüßt wird, ist entweder bei der Bank weisungsbefugt, die den Kredit für die noble Praxis gewährt hat, oder er/sie ist auf andere Weise Sponsor … Ich bin eindeutig auf andere Weise Sponsor der Praxis meines Zahnarztes, der mir neulich in einem neuen Sportwagen entgegenkam und mir freudig zuwinkte. Hätte ich an seiner Stelle auch. 😉 (Nein, mein Zahnarzt ist wirklich sehr gut, der beste Zahnarzt, bei dem ich je in Behandlung war. Aber – das muss zugegeben werden – ich bin auch eine seiner besten „Kundinnen“. Und das nicht freiwillig oder fahrlässig. 😉)

Kaum hatte ich meinen Hintern auf dem ledernen Sofa im Wartezimmer eingeparkt, ging auch schon die Tür auf, und Frau Mutzelbacher, die ich schon seit Jahren kenne, zuerst als reine Zahnarzthelferin, seit fünf Jahren auch als ZMP, begrüßte mich fröhlich und meinte: „Hallo, Frau B.! Ich nehme Sie gleich mal mit!“ – „Hallo, Frau Mutzelbacher – wahrscheinlich, um zu verhindern, dass ich mich hier klammheimlich durchs Fenster aus dem Staub mache!“ (Die Praxis meines Zahnarztes befindet sich im zweiten Stock eines mehrgeschossigen Gebäudes.) Frau M. lachte und meinte: „Ja, vor allem, weil Sie ja so furchtsam sind, dass diese Gefahr bestünde! Wirklich, Frau B.! Sie doch nicht – so etwas haben Sie bisher noch nie gemacht, obwohl Sie schon ziemlich viel Mist mitgemacht haben. Das heute ist im Vergleich dazu sowieso komplett harmlos.“

Und schon lag ich im Behandlungsstuhl. Die professionelle Zahnreinigung nahm ihren Anfang. Und das damit, dass Frau Mutzelbacher gleich ein Instrument aus der Hand fiel. Ich lachte, und sie meinte: „Es fängt schon gut an! Aber kein Wunder – das ist heute nicht mein Tag! Aber keine Angst!“ – „Nein, keine Sorge – ich habe keine Angst. Ich kenne Sie ja – Sie sind immer sehr professionell. Davon ab: Heute ist auch nicht mein Tag.“ Da meinte Frau M.: „Ich habe mich gerade mit meinem Mann am Telefon total gefetzt! […]“ Und sie hielt inne, sah mich erschrocken an und meinte: „Was erzähle ich hier? Das ist total unprofessionell!“ – „Machen Sie sich keinen Kopp – ich finde das sehr sympathisch und menschlich. Und ich habe immer noch keine Angst.“

Da grinste sie mich an und meinte: „Ich bin ganz erstaunt über mich selber. So etwas habe ich noch nie einem Patienten erzählt. Ihnen schon – muss an Ihnen liegen, aber Sie sind auch eine wirklich nette Patientin.“ – „Wir kennen einander ja auch schon ein paar Jahre – zumindest hier in der Praxis. Ich freue mich auch immer, wenn ich sehe, dass Sie assistieren, weil ich weiß: ‚Frau Mutzelbacher kennt dich, weiß um deine Panik bei Abformungen, und du musst nichts mehr erklären.‘“ – „Echt? Och, das ist ja nett! Danke für das Kompliment!“ – „Ich habe für das andere Kompliment zu danken.“

Dann erklärte sie mir en détail, was Parodontose bzw. Parodontitis ausmache, ich starrte entsetzt auf die Illustrationen, die sie dazu zur Hand nahm – wie eklig! „Bah!“ sagte ich, und sie meinte: „Nein, keine Sorge, so muss das bei Ihnen keineswegs aussehen! Das kann ganz anders aussehen. Bei vielen Patienten sieht man das erst, wenn die ersten Zähne schon lose sind, aber Sie kommen ja regelmäßig in die Praxis.“ Ich grinste und meinte: „Ja. Zum Glück habe ich ja auch noch Karies und sonstige Beschwerden, weswegen ich regelmäßig hierherkomme.“ Kurzes Schweigen. Dann brach Frau Mutzelbacher in lautes Lachen aus und meinte: „Frau B. – Sie sind ja wirklich eine Granate! ‚Zum Glück habe ich ja auch noch Karies‘! Wie geil ist das denn?“ – „Frau Mutzelbacher – es gibt Dinge im Leben, denen man nur mit Sarkasmus begegnen kann. Sehen Sie mich an: ein tolles Konglomerat aus meinen Eltern – zumindest dentaltechnisch gesehen. Die defizitäre Zahnstruktur wohl von meinem Vater geerbt – das höchstwahrscheinlich defizitäre Zahnfleisch von meiner Mutter, denn die hat auch Probleme damit, aber wunderschön unkariöse Zähne. Wie soll man damit umgehen, wenn nicht mit Galgenhumor?“ Frau M. lachte noch mehr und meinte: „Sie sind wohl eine Lebenskünstlerin.“ – „Würde ich jetzt nicht so sagen – aber ich bemühe mich.“

Die professionelle Zahnreinigung nahm ihren Lauf – ein wahres Blutbad, wie es mir schien. Und dann meinte Frau Mutzelbacher: „Ich hole jetzt mal lieber eine Kollegin dazu …“ – „Wozu?“ rief ich alarmiert. – „Weil wir jetzt die Zahnfleischtaschen vermessen.“ – „O Gott!“ rief ich. „Und dazu brauchen Sie eine Kollegin? Warum? Ist das so furchtbar, dass Sie mich allein nicht bändigen können?“ Frau M. lachte einmal mehr. „Nein! Sie soll nur aufschreiben, was ich messe!“ Naja, dann …

Es ging auch alles gut, nur bin ich offenbar über Norm „tiefschürfend“, was meine doofen Zahnfleischtaschen anbelangt. 3,5 Millimeter sind das Äußerste, was noch zur Norm gehört. Bei mir lag im Schnitt alles bei 4 Millimetern. Einige Zähne – und da tat es besonders weh – hatten sich offenbar so vom Zahnfleisch getrennt, dass sie 5 Millimeter maß. Dafür gab es auch einige mit 3 Millimetern. Aber der Schnitt war großer Mist – 4 Millimeter.

Und deswegen muss ich bald unters … nein, nicht unters Messer. Das wird heutzutage minimalinvasiv geregelt und obendrein – hoffentlich – von meiner Krankenversicherung übernommen. Nicht schön, aber alles besser als das Szenario, dass ich morgens wach werde und auf meinem Kopfkissen lose Zähne entdecke. Bei meinem Glück natürlich alles Frontzähne … 😉

Zum Schluss erschien noch Dr. Zachow und betrachtete meine mehrfach malträtierten Kauleisten. Dann meinte er: „Frau B. – waren Sie dieses Jahr schon im Urlaub?“ – „Warum?“ rief ich und fügte an: „Meinen Sie damit, ich sollte vor der Behandlung lieber noch einmal in den Urlaub fahren?“ Dr. Zachow lachte sich schlapp und meinte: „Typisch Frau B.! Immer mit diesem Augenzwinkern! Nein, das meinte ich nicht. Ich wollte einfach nur wissen, ob Sie schon im Urlaub waren.“ – „War ich schon im Mai – in Schottland.“ – „Ach, wie schön! Schottland ist so schön …“ Und schon kamen wir ins Plaudern, und ich erwähnte auch die Sache mit meinem Personalausweis und meinte: „Sowas kann auch nur mir passieren!“ Da grinste Dr. Zachow und meinte: „Sie nehmen sich völlig falsch wahr, Frau B.! Nur Ihnen kann es passieren, dass man Sie trotzdem einreisen lässt!“ Das war ja mal nett. 😉

Und als Frau Mutzelbacher und ich zur Anmeldung zurückschritten, brach sie plötzlich in Gelächter aus. Ich fragte, was passiert sei, und sie meinte: „Mein Gott, Frau B. – stellen Sie sich nur vor, Sie wären in die Türkei gereist! Ob wir Sie noch einmal wiedergesehen hätten? Da war Schottland doch besser!“ Jaaa, ich weiß, nicht gemäß PC, aber ich prustete auch vor Lachen heraus und meinte: „Sie hätten mich, wenn überhaupt, erst viel später wiedergesehen, und ich hätte wahrscheinlich gar keine Zähne mehr gehabt. Aber da hätten Sie mir gleich ein künstliches Gebiss anpassen können!“ Und wir lachten noch mehr.

Zum Abschied meinte Frau Mutzelbacher: „Ach, Frau B.! Sie haben mir echt den Tag gerettet mit Ihren – sorry! – echt frotzeligen Sprüchen. Auf alle Fälle davor bewahrt, dass ich mich in absehbarer Zeit scheiden lassen werde. Danke! Können Sie nicht öfter hierherkommen?“

Ich sah mich um, und dann meinte ich: „Auch wenn ich Sie mag, Frau Mutzelbacher, betrachten Sie doch, bitte, Ihren Arbeitsplatz! In vier Wochen etwa sehen wir einander wieder – das muss reichen.“

Und nun sitze ich hier mit Schmerzen, aber dem guten Gefühl, heute doch etwas gut gemacht zu haben. 😉

Euch einen schönen Abend! 😊