„Ich glotze, also bin ich“

Ich habe hier den Begriff gaffen durch glotzen ersetzt, denn mit dem Gaffen verbinde ich seit einiger Zeit das sowohl maximal stupide als auch ebenso widerwärtige Verhalten, das in direkter Konsequenz von Unfällen auf schamlose Weise mehr und mehr „en vogue“ zu sein scheint. So sehr, dass Rettungskräfte nicht selten die Polizei zur Unterstützung rufen müssen, ihnen den Weg freizukehren, weil offenbar heutzutage nicht wenige Menschen Gefallen daran gefunden zu haben scheinen, verletzte, gar im Sterben liegende – wie erst kürzlich geschehen – Unfallopfer zu fotografieren, zu filmen, zu dokumentieren. Ohne Rücksicht auf Verluste. Mich überkommt da immer maximaler Brechreiz. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, da ich sonst wohl ins Fluchen und Schwören verfallen würde. Und das würde sich nicht nett lesen.

Da ich aber keinen Unfall hatte, sondern nur eine Alltagssituation vorlag, habe ich mich mit mir selber auf das schöne Verb glotzen geeinigt. 😉

Ich hatte heute einen etwas stressigen Arbeitstag, war sehr müde, danach aber noch einkaufen, weil ich musste. Und dann froh, als ich in meine Straße einbog und tatsächlich noch einen einzelnen – oder: den einzigen – freien Parkplatz vor „meinem“ Haus vorfand, parallel zum Bürgersteig.

Nur: Die Lücke war nicht ganz so geräumig, und ich war vorwärts hineingefahren. Da ist Rangieren angesagt, es sei denn, man fährt noch einmal aus der Lücke hinaus, auf eine Höhe mit dem Vordervehikel, um dann rückwärts einzuparken. Aber hinter mir lauerte schon ein anderer Wagen und hatte es auf die Lücke abgesehen. Ich muss nicht dazusagen, dass der Wagen von einem Nachbarn gefahren wurde, der hinten im Hof eine bequeme Garage hat … Nee! Nicht mit mir! Und wenn ich gefühlt hundertmal hin und her rangieren müsste! 😉 Ich war ja auch als Erste dagewesen. 😉 (Normalerweise bin ich gar nicht so, aber in meiner Straße herrscht bei Park-Engpässen so etwas wie „Hauen und Stechen“ …)

Und so rangierte ich auf engem Raum, hin und her und her und hin. Ich kam mir selber bescheuert vor – aber anders ging es nicht, weil der gierige Nachbar noch immer wartete, und immerhin war der Parkplatz direkt vor meinem Haus. Da es derzeit recht oft sturzartig regnet, war das ein eindeutiger Vorteil. Aus dem Haus raus und dann direkt auf das Auto zu, aufschließen, Ballast und sich selber hineinschmeißen – das ist ein unbeschreiblicher Vorteil, wenn die Alternative darin besteht, aus der Haustür zu treten, erst einen Schirm aufspannen zu müssen, um dann hunderte von Metern bis zum Auto schlappen zu müssen. 😉 Langt man dort an, ist man trotz des Schirms partiell durchnässt.

Es ist ungleich schwieriger, vorwärts in einer engen Lücke zu parken, als dies rückwärts zu tun … Aber ich kann das. Und dies vor allem, wenn ich einfach und ungestört vorgehen kann.

Doch heute hatte ich Pech. Ein älterer Herr mit einem Schoßhündchen an der Leine fand mein Tun so interessant, dass er sich auf dem Bürgersteig aufbaute und mir schamlos zusah. Damit habe ich – ich gebe es zu – ein Problem. Er stand auch gar zu schamlos da, wollte wohl als Zeuge fungieren, würde ich den Vordermann oder das Auto hinter mir rammen. (Beide Befürchtungen waren substanzlos, aber es war ein „Herr alter Schule“, und ich bin eine autofahrende Frau …)

Ich merkte zu meinem Ärger, dass ich nervös wurde, als ich sah, wie er da breitbeinig und grinsend stand. Nett hätte ich es gefunden, hätte er mir angeboten, mich einzuweisen – aber das war nicht sein Begehr. Nein – er wollte wohl zusehen, wie ich scheiterte.

Da ich das keineswegs vorhatte, blieb ich erst einmal stehen, zog akzentuiert die Handbremse an. Holte eine Nagelfeile aus meiner Tasche, öffnete die Fahrertür und feilte mir aus der Tür heraus die Nägel, um zu demonstrieren, dass ich viel Zeit hatte und mich das Ganze nicht sonderlich interessierte. Der Typ stand wie angewachsen, obwohl der kleine Malteser an der Leine schon zerrte und weiterwollte. Genauer: Er warf sich ins Geschirr(chen), stand mehrfach auf den Hinterläufen und stemmte sich gegen den Zug der Leine. Ich zog eine Augenbraue hoch und sah den Mann fragend an. Der stand wie eine Statue. Ich seufzte und meinte: „Wollen Sie da noch lange stehenbleiben? Ihr Hündchen möchte weiter.“ Der Mann grinste nur gehässig.

Da blieb mir nichts anderes übrig, als meinerseits gehässig zu grinsen und sein Beinkleid genauer zu betrachten: karierte Shorts, dazu weiße Tennissocken und Sandalen. Ein Blickduell, nur begriff der ältliche Typ gar nicht, worauf ich hinauswollte. Stand weiter wie angetackert und grinste mich fies an. Sagte auch kein Wort.

Da habe ich dann mein Handschuhfach geöffnet. Warum? Keine Ahnung, aber zumindest wollte ich beschäftigt aussehen. Und da sah ich dann im Rückspiegel, wie der karierte Shorts- und Tennissockenträger mitsamt Hündchen davonstochte! Immerhin freute sich das Hündchen und kläffte fröhlich.

Was um alles in der Welt …? Was dachte er denn, würde ich da herausholen? Eine Knarre? 😉 (Gut, hier in der Gegend, in der ich lebe, muss man bisweilen fast damit rechnen … 😉)

Wieder etwas gelernt. Der Typ wie auch ich. Niemals Leute bewusst anglotzen und verunsichern wollen. Aber auch: Niemals Leute anglotzen und nicht einkalkulieren, dass die gar nicht so reagieren, wie man geplant hatte. Für den Karo-Shorts-Typen. Für mich: einfach ignorieren, wer da doof glotzt. Fällt mir bisweilen schwerer. Ist aber möglich, und im Nachhinein kann ich nur sagen: Noch nie stand ich wirklich so präzise parallel zum Bürgersteig. 😉

Dennoch: Es wird Zeit für einen eigenen Stellplatz. 😉

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