Spannende Tage

Hui – das waren ja mal wieder ereignisreiche Tage in der gerade vergehenden Woche! Speziell gestern schlugen die Wogen hoch, als die Ehe für alle tatsächlich beschlossen wurde, dort im fernen Berlin.

Mich erfreut Gleichberechtigung, und hätte ich abstimmen dürfen, ich hätte auch mit Ja gestimmt. Wegen der Gleichberechtigung eben – warum sollte die auch nicht sein? Finde ich zumindest.

Ich wurde eines Besseren belehrt, als ich heute die Online-Ausgabe einer überregionalen Tageszeitung ansurfte. Die Artikel zum Geschehen wohlwollend und begrüßend, da gab es kein Problem. Aber in den entsprechenden Kommentarbereichen fühlte ich mich partiell in ein anderes Jahrhundert bzw. Jahrtausend versetzt. Nicht vor, sondern zurück. Obwohl ich inzwischen ein bisschen Angst bekomme, dass eine Reise in die Zukunft möglicherweise ähnliche Erkenntnisse mit sich bringen könnte wie eine in die Vergangenheit, wenn ich das Gros der Kommentare so betrachte …

„Wider der [!] Natur!“ – „Eine Ehe ist immer darauf ausgelegt, Kinder zu produzieren [!]“ – „Pervers!“ – „Homosexuelle können Ehe ja nur spielen, aber eine echte Ehe ist darauf ausgelegt, Kinder zu erzeugen!“ – „Zum Glück habe ich richtig geheiratet, also in der Kirche – und dem Staat kann ja keiner trauen, da wir alle verraten werden!“ – „Muss ich mich demnächst als Frau rechtfertigen, weil ich mit einem Mann verheiratet bin?“ – „Ehe ist etwas Religiöses! So geht das nicht!“ – „Igitt!“ – „Auch noch Recht auf Adoption – die armen Kinder! Kindesmissbrauch ist damit Tür und Tor geöffnet!“

Und so fort.

Mir wurde ein bisschen schlecht, nicht nur der grammatikalischen Schieflagen, nicht nur dieser unerträglichen Arroganz wegen, selber das Maß aller Dinge zu sein, die aus all diesen Kommentaren sprach. Ich verstehe die Ängste nicht – zum Beispiel die der Frau, die sich davor ängstigt, sich rechtfertigen zu müssen, weil sie mit einem Mann verheiratet ist. Wie kommen Menschen auf so etwas? Was spielt sich in deren Köppen ab? Und nach Luft schnappte ich dann beim befürchteten Kindesmissbrauch – wie unverschämt ist denn das?

Ich machte einen Fehler, der aus einer meiner Schwächen resultiert: Ich kann Ungerechtigkeit und Ignoranz nicht leiden, und mich nervt dieses ewige Bählamm-Gehabe. Man bäht und mäht alles nach, was irgendein anderer vorgibt – irgendein Leithammel. Und wenn der Leithammel sagt: „Hamwa schon imma so jemacht!“ oder: „Hamwa noch nie so jemacht!“, stolpern die Bählämmer munter hinterdrein, ohne mal das eigene Köpfchen zu bemühen. Ihnen geht es ja gut, und es soll, bitte, alles so bleiben, wie sie es gewohnt sind, völlig wurscht, ob andere darüber benachteiligt werden. Denn: Sie sind die Norm. So bähen und mähen sie.

Mein Fehler war, ebenfalls zu kommentieren. Aber ich fand, dass neben den wenigen, die wohl so dachten wie ich, eine Verstärkung nicht verkehrt wäre. Ich halte meine Meinung nicht für das Maß aller Dinge, aber ich finde, zu einer wirklich fundierten Diskussionskultur gehört auch ein ausgewogenes Verhältnis – davon können beide Seiten durchaus profitieren.

Aber was hatte ich getan! Ich weiß gar nicht, wie oft am heutigen Tage mir von echten Experten erklärt wurde, dass es für die Fortpflanzung eines männlichen und eines weiblichen Parts bedürfe – das hatte ich ja auch noch gar nicht gewusst! 😉

Als ich provokant fragte, wie es ein bestimmter Kommentator, der sich bis kurz vor Myokardinfarkt über die „Technisierung der Nachwuchsproduktion“ echauffierte, die die Ehe für alle ja mit sich brächte, es denn mit verschiedengeschlechtlichen Ehepartnern halte, die ungewollt kinderlos seien und daher Gebrauch von der In-vitro-Fertilisation machten, kam von diesem gar keine Antwort. Stattdessen antwortete Horst-Hermann der Erste: „Wer es nicht kann und keinen hochkriegt, soll es lassen – schon den Kindern zuliebe!“

Na, das war ja eine echt wohlbegründete Meinung. Da lachte ich noch und dachte: „Bei den einen funktioniert die Physis, bei den anderen vielleicht nicht so sehr. Dafür vielleicht aber etwas anderes, weiter oben und im Kopp.“ Und ich dachte fürderhin, dass die Welt bisweilen wirklich ungerecht sei, wenn es für Menschen, die derart wohlbegründete Argumente vorbrächten, so viel leichter sei … Aber lassen wir das – ich werde boshaft. 😉 (Obwohl meine Widerparte viel krasser waren – ich weiß nicht, wie oft ich heute im Kommentarbereich der Homosexualität bezichtigt wurde, was mich zwar nicht stört, aber nicht stimmt. Mich stören lediglich Ignoranz und diese Art von Intoleranz.)

Richtig cool wurde es, als ein Mensch in Meister-Yoda-Sprachduktus vorbrachte, die Ehe sei ein religiöses Gebilde. Offenbar hatte er bis dato in einer anderen Galaxie gelebt …

Und richtig erstaunt war ich, als sich ganz viele Kritiker dann zu Sprachwissenschaftlern aufschwangen. Darunter auch zwei Kommentatoren, die sich sonst über exakt dieses Fach lustig machen … Plötzlich warteten sie mit linguistischen Feinheiten auf, den Terminus Ehe betreffend. Ich kommentierte dies entsprechend, verwies auf die inkonsistente Haltung gegenüber ihrer sonstigen in puncto Sprachwissenschaften … und dann ging gar nichts mehr in puncto Kommentar.

Man hat mich gesperrt. Für eine Woche, wie man mir mitteilte. Meiner „subversiven“ Haltung wegen. 😉 Ah, ja. Ich habe niemanden beleidigt, ich war vielleicht sarkastisch, bisweilen ein wenig zynisch – aber das geht ja gar nicht. Mich als „Schwulette“ zu bezeichnen, womit man auch noch völlig daneben lag, ging offenbar schon. Steht immer noch dort. Interessant. 😉

Kaum zu glauben, dass ich das anno 2017 schreibe. Als Kind der 80er wirklich schier unglaublich. Aber schon heute in den Kommentaren fühlte ich mich wie in die Dreißiger versetzt. Bei manchen Kommentaren zumindest …

Erfreulich jedoch, dass sich der Fächerkanon der Sprachwissenschaften offenbar wachsender Beliebtheit erfreut … 😉

Und, jaaa, ihr habt Recht: Ich sollte mich einfach heraushalten. Aber wenn es ungerecht wird, entspricht das Heraushalten so gar nicht meiner Natur … Manchmal denke ich: leider.

Euch ein schönes Wochenende! 😊

4 Gedanken zu „Spannende Tage

  1. Nika sagt:

    Ich habe bei den ganzen Kommentaren weggehört und weggeguckt… sonst hätte ich mich nicht mehr über das eigentlich sehr schöne Ergebnis freuen können. Es ist ein sehr kleiner Schritt und es müssen noch viele gegangen werden, aber ich freue mich über den kleinen Schritt. Es wird immer Leute geben, die da was gegen haben, ein Gesetz, oder mehrere, ändert das nicht. Leider…

    • ali0408 sagt:

      Da hast Du mir etwas voraus, und ich beneide Dich darum. Ich tue mich ganz schwer mit dem Weghören und -gucken, ich beherrsche das leider nicht, wie es scheint. Ich freue mich aber sehr über das Ergebnis, auch, wenn es mich selber nicht betrifft. Es freut mich einfach, dass endlich Gleichberechtigung herrscht – es war lange überfällig. Dir ein schönes Wochenende! 🙂

  2. malinsalltagsgedoens sagt:

    Ich musste doch ein bisschen Schmunzeln. Deiner Schreibweise wegen. Das hast du sehr schön beschrieben und ich gebe dir in allen Punkten recht! Dieses schwarz-weiß-Denken ist wirklich furchtbar, das wird es leider auch immer geben. Aber ich finde wir sind auf einem guten Weg und du hast mit deinem Statement den Schritt in die richtige Richtung gemacht. Wenn die Sperrung der einzige Preis dafür ist, wirst du es wohl verkraften. 🙂

    • ali0408 sagt:

      Keine Sorge – das werde ich sicherlich. 😉 Ich fand es nur furchtbar albern, wie man mir mitteilte, ich sei aufgrund meiner „subversiven Haltung“ nun eine ganze Woche gesperrt! 😉 Das ist in etwa so wie früher in der Schule, wenn man sich in die Ecke stellen musste oder vor die Tür geschickt wurde, weil das Verhalten für keinen der ansonsten Anwesenden erträglich wäre. (Gut, wenn der Lehrer bzw. die Lehrerin, wurde man vor die Tür geschickt, nicht alle paar Minuten kontrollierte – denn im Grunde war das eine Belohnung. Zumindest dann, wenn man nicht so obrigkeitshörig war, wirklich vor der Tür stehenzubleiben. 😉 )

      Ich habe es vielleicht nicht so gut dargestellt, aber allein die Sperrung zeigt mir schon, dass ich offenbar ziemlich richtig lag. Und ich war wirklich nicht beleidigend gewesen, nur sarkastisch oder – je nach Kommentar, auf den ich reagierte – ein bisschen zynisch, weil mir dieses bigotte Gehabe einiger so auf die Schleppe ging. 😉

      Danke für den Kommentar – der hat mich sehr gefreut! 🙂

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