„Recycling lebt vom Mitmachen“ … Networking auch …

Ihr kennt sicherlich diesen wundervollen Spruch, den ich oben zitierte. Der war ja vor diversen Jahren eine Art Mantra, als es darum ging, den Grünen Punkt oder den Gelben Sack zu legitimieren. (Über beide bunte Objekte ließe sich einiges sagen, aber darum geht es hier nicht.) Er war in aller Munde und mindestens ebenso nervend wie Atomkraft? Nein danke! Wobei letzterer Spruch eigentlich eher wegen der stereotypen Klientel nervte, die sich Sticker mit dem Slogan und einer orangeroten, debil grinsenden Sonne vor gelbem Hintergrund aufs Auto pappte. Nein, ich will hier nicht der Nuklearenergie das Wort reden, aber ich muss doch loswerden, dass diese spezielle Klientel wirklich bisweilen nervend wirkt. Eben wegen der Stereotypie und einem bisweilen recht eingleisig funktionierenden Denkmuster, das sie an den Tag legt. Nicht immer, sicherlich. Denke ich zumindest. Aber leider relativ häufig. (Und richtig fuchtig machte mich nach dem in der Tat bedrohlichen Fukushima-Unfall, als ich in der Straßenbahn unbestickerte Eltern sah, die allerdings ihrem noch im Kinderwagen befindlichen Nachwuchs, der nicht einmal sprechen und seine eigene Meinung formvollendet artikulieren konnte, geschweige denn verstand, was er da proklamierte, da noch zu klein, Ansteck-Pins mit diesem Motiv an die kleinen Jacken, respektive Pullover gespießt hatte. Ich gestehe, das machte mich richtig zornig: Kinder sind Kinder und keine Werbeflächen für die Weltanschauungen ihrer Eltern! Die Instrumentalisierung anderer Lebewesen für eigene Ideologien macht mich wütend, speziell aber bei Schwächeren, Kindern, aber auch Tieren, die (noch) nicht verstehen können, was sie da wie eine Standarte vor sich hertragen!

Recycling lebt vom Mitmachen klingt einmal mehr wie eine liebreizend formulierte Doktrin. Dass nicht alles, was mit Grünen Punkten versehen und in Gelben Säcken versenkt wird, auch recycelt wird, ist lange bekannt. Und ich habe diesen Slogan, wenn ich ehrlich bin, auch schon lange nicht mehr gehört. Wahrscheinlich abgelöst von Bestrebungen wie Veggie-Day und Konsorten. 😉

Dennoch schoss er mir am vergangenen Mittwoch durch den Kopf, wenn auch in anderem Kontext und auf Netzwerke bezogen.

Denn vorgestern schritt ich zur Tat bzw. zum Bürgercenter meines Stadtteils, wo man Ausweisdokumente für teuer Geld beantragen kann. Wie die, die hier vielleicht öfter lesen, wissen, hat man meinen Personalausweis bei der Einreise nach Schottland eingezogen, wo ich meinen Urlaub zu verbringen trachtete und letzten Endes auch verbrachte, nachdem man bei der Ausreise am Flughafen Düsseldorf bereits Schwierigkeiten gemacht hatte, obwohl ich mir nichts zuschulden hatte kommen lassen. (Wer sich für die Geschichte interessiert: Sie steht weiter unten.)

Eingezogen bedeutet: weg. Bekommt man auch nicht zurück. Und da ich derzeit nur über einen Notfallausweis vom deutschen Generalkonsulat in Edinburgh verfüge, dessen Gültigkeit heute um 00:00 h ausläuft, musste ein echter, seriöser und völlig unbelasteter Ausweis her. Sicherheitshalber – denn man kann sich offenbar nicht genug absichern – wollte ich auch noch einen Reisepass beantragen.

Und so musste ich erst zum Fotografen und Passbilder anfertigen lassen. Wer mich kennt, weiß, wie sehr ich das liebe … Und dann am nächsten Morgen zum Bürgercenter. Ich hatte mich kurz nach meiner Heimkehr nach Deutschland um einen Termin bemüht und – es war Anfang Juni – erst einen für den vergangenen Mittwoch bekommen. Nummer 1042 war ich, mein Termin um Punkt 09:05 h. 😉

Ich hatte extra das Stammbuch meiner Familie dabei, nach einem Arbeitstag in brütender Hitze noch bei meiner Familie abgeholt, ebenso den Notfallausweis und meinen Führerschein zur Hand, als ich um Punkt 09:05 h zu Platz 3 gebeten wurde.

Dort saß ein junger Mann und fragte nach den Präliminarien, was er für mich tun könne. Ich erläuterte mein Begehr, und er meinte: „Da haben Sie sich ja einiges vorgenommen – ist ja auch nicht ganz billig!“ Ich lächelte charmant-maliziös und meinte: „Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass es manchmal besser ist, sich mehrfach abzusichern – koste es, was es wolle!“ Der junge Mann lachte und fragte: „Wie meinen Sie das?“ Und so erzählte ich ihm meine Geschichte …

Er handhabte darauf seinen PC, rief meine Kundendatei – heißt das in dem Falle überhaupt so? 😉 – auf, stutzte, starrte gebannt auf den Bildschirm. Dann fragte er: „Frau B., wann genau ist Ihnen der Ausweis entzogen worden? Und wo?“ – „Am 16. Mai. In Glasgow am Flughafen. Gegen 11:30 h Ortszeit. Und die dortigen Beamten konnten nichts dafür!“ Die letzte Aussage schien mir gerechtfertigt, denn die Beamten dort waren wirklich sehr nett gewesen und hatten ihr Bedauern und Mitgefühl kundgetan. 😉 Dann meinte ich – und ich verfluche meine Unbesonnenheit noch jetzt: „Warum fragen Sie das? Sie müssten doch eigentlich Kenntnis davon haben.“ (Denn ich war felsenfest davon ausgegangen, dass man der ausstellenden Behörde mitteilen würde … Aber lassen wir das … Ich bin nun schon wieder etwas schlauer.)

Der junge Mann schien inzwischen mit seinen Augen Löcher in den Monitor zu brennen, scrollte von oben nach unten und retour und rief schließlich ungläubig: „Das kann doch wohl nicht sein! Da entziehen die einen von uns ausgestellten Ausweis, und das vor über einem Monat – und kein Wort zu uns! Hier steht nichts davon!“ Fast wirkte er ein wenig gedemütigt, und sogleich wurde ich von Mitgefühl angefallen. Denn das Gefühl war mir nicht unbekannt, hatte auch mich ereilt, als man mir so mir nichts, dir nichts einfach den Ausweis entzog und mich im Ungewissen ließ, was nun mit mir werden würde. (Ich gestehe, dass mir einige unwürdige Gedanken durch den Kopp schossen, und ich bitte inbrünstig, diese zu entschuldigen: „Da reisen Menschen mit 14 Identitäten ein und quer durchs ganze Land, […], und dir, die sich nichts hat zuschulden kommen lassen, die keiner Fliege was zuleide tut, entziehen sie quasi die einzige Identität, die sie besitzt!“) Das Gefühl, unwichtig zu sein und im freien Raum zu schweben, ist mir seither wohlbekannt …

Das und die mit dem positiven Ausgang verbundene Kaltschnäuzigkeit ließ mich ganz ernstgemeint freundlich sagen: „Man hat Sie gar nicht in Kenntnis gesetzt?“ – „Nein! Mit keinem Wort! Im System steht nix! So geht das doch nicht!“ – „Was bedeutet das jetzt für mich?“ – „Das wird ein bisschen schwieriger, Frau B., und das tut mir leid, weil Sie ja wohl alles richtig gemacht haben. Da werden wir die Polizei hier wohl noch anschreiben, die wohl einen Fehler gemacht hat!“ – „Da sind Sie nicht die Einzigen – von mir bekommen die auch noch einen Brief inklusive Aufstellung aller im Grunde überflüssigen Zusatzkosten, auch wenn es nichts bringt. Aber mitteilen will ich es doch!“

Es wurde dann doch nicht ganz so schwierig, und inzwischen sind Perso und Reisepass wohl schon in Arbeit. Oder liegen auf Halde, und das inklusive meiner Fingerabdrücke, denn, so der junge Mann, die hätten mir helfen können, das Elend in Glasgow zu vermeiden …

Aber da trumpfte ich auf und meinte: „Nix da! Das hat überhaupt nichts genutzt – die haben das Ding eingezogen und überhaupt nicht darauf geachtet, ob auf dem Chip meine Fingerabdrücke gespeichert waren!“ – „Oh …“

Da begann ich, laut zu lachen, und nach diesem Lachanfall grinste ich den jungen Mann an und sagte: „Verstehen Sie mich, bitte, nicht falsch, und das geht ganz gewiss nicht gegen Sie, der sehr freundlich ist und offenbar auch ein Opfer der Bürokratie, aber: Die Netzwerke scheinen wider alle Verheißungen und Lobeshymnen innerhalb von Behördenstrukturen nicht ganz so gut zu funktionieren. Eher suboptimal, um es mal freundlich zu formulieren.“

Der junge Mann war zunächst – wahrscheinlich aus Gewohnheit, was ich verstehen kann – in Verteidigungshaltung, und schon sagte er: „Jaaa – Sie müssen verstehen …“, aber dann unterbrach er sich selbst und meinte: „Nee! Sie haben einfach nur Recht! Warum hat man uns nicht benachrichtigt? Und warum hat man nicht einfach Ihre Fingerabdrücke genommen und abgeglichen? Wofür machen wir das eigentlich alles hier?“ – „Lassen Sie sich keine grauen Haare darüber wachsen – mir gehen solche Fragen bei der Arbeit auch bisweilen durch den Kopf. Ich bedanke mich auf alle Fälle für die freundliche Behandlung. Wissen Sie, ich mag Behördenbesuche nicht so sehr …“ – „Danke. Und das Letztere kann ich sehr gut verstehen – spätestens seit heute. Nix funktioniert hier in Sachen Networking!“

Ich bezahlte dann für den neuen Perso, der – hätte man meine Fingerabdrücke mit den auf dem eingezogenen verglichen – eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre, und den Reisepass, den ich nun aus Gründen der Vorsicht beantragt habe, schlappe 90,- €. Aber das war und ist es mir wert nach der Erfahrung am Flughafen Glasgow. 😉 Und Ende Juli kann ich beide Dokumente schon abholen! 😉 Sechs Wochen dauert es inzwischen …

Der junge Mann wirkte bei meinem Weggang noch immer konsterniert, und so sagte ich zu ihm: „Machen Sie sich keinen Kopp! Aber wenn Sie einen Programmierer persönlich kennen, schildern Sie ihm bitte, dass dringend eine interdisziplinäre Behördenschulung notwendig sei, um echtes Networking zwischen verschiedenen Behörden zu gewährleisten!“ Da grinste der junge Mann und meinte: „Sie werden lachen, aber darüber habe ich mir auch gerade schon Gedanken gemacht. Das Behördenleben würde dadurch einfacher.“ – „Und nicht nur das – auch das der von Behörden Abhängigen. Zumindest in Fällen wie meinem.“ Der junge Mann kniff mir ein Auge zu, ich zwinkerte zurück.

In den Wochen bis zur Aushändigung meiner brandneuen Dokumente muss ich übrigens – so riet mir der junge Mann – im Falle der Notwendigkeit, dass ich mich ausweisen müsse (was, wie wir von klein auf eingetrichtert bekommen, jederzeit der Fall sein kann) das Familienstammbuch nebst abgelaufenem Notfallausweis und Führerschein mit mir herumtragen. Wunderbar, und das anno 2017 … 😉

(Und wenn ich ganz ehrlich bin, fühle ich mich derzeit, als schwebte das Damoklesschwert über mir: Zumindest halte ich es nicht (mehr) für gänzlich unmöglich, dass ich vielleicht auch noch eine Anklage an den Hals bekomme, weil ich mit einem vermeintlich falschen Ausweis ins Ausland reisen wollte … Nichts ist unmöglich – Toyota! Aber den habe ich ja auch nicht mehr … 😉 )

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