„Scheckheftgepflegt“

Das Wort sieht bereits – mit Verlaub – scheußlich aus, und klingen tut es auch nicht schön. So ähnlich wie „Schreckgespenst“, „Mengenlehre“ und weitere Begriffe dieser Art, die unter einem eklatanten Überhang des Lautes E leiden. Okay, ich weiß, kein Mensch achtet im normalen Umgang mit Sprache auf so etwas, aber meine sogenannte „Vertieferrichtung“  – auch ein besonders anmutiges Wort – im Studium, ergo mein Schwerpunkt im Hauptfach, war Phonologie. Und Sprache und ihre Laute hat, zumindest für mich, auch etwas Ästhetisches an sich, und das E oder gar ein mehrsilbiges Wort, dessen einziger Vokal in den mehreren Silben das E ist, wirkt stets irgendwie gequetscht, zu sachlich und völlig unsinnlich auf mich. Ich liebe Sprache in besonderem Maße und betrachte sie durchaus oft auch unter strengen ästhetischen Gesichtspunkten – vielleicht liegt es daran. 😉 Sprache ist für mich ein bisschen wie Musik. 🙂

Früher habe ich mich oft gefragt, was „scheckheftgepflegt“ bei einem Auto eigentlich bedeute. Der Sinn wollte sich mir zunächst nicht erschließen, aber immerhin entwickelte ich eine ganz eigene Theorie, die zumindest in Ansätzen mit der Realität zu tun hat. Ein „scheckheftgepflegtes“ Auto sei ein solches, so theoretisierte ich als Kind, das vom Halter streng und in regelmäßigen, kurzen Abständen zur Wartung in die Werkstatt gebracht werde, wo der Halter mit dem Scheckheft wedle und sage: „Ich stelle Ihnen einen besonders dicken Scheck aus, wenn Sie Ihre Arbeit ganz besonders gründlich machen.“ So meine Theorie, denn ich kam gar nicht auf die Idee, dass es keineswegs um ein „Scheckheft“, sondern ein „Checkheft“ gehe! 😉 Wäre davon die Rede gewesen, hätte man es so ausgesprochen, wäre gleich alles klar gewesen. 😉

Ich nehme an, das SCH stammt noch aus Zeiten, da nicht jeder die englische Sprache einigermaßen beherrschte, der Begriff „Check“ aber schon aus Gründen der Modernität benutzt wurde. Früher, selten auch noch heute, schrieb man Ski ja sogar Schi, zumindest war es als gleichwertig angesehen. Ganz schlimm: Schier. Andererseits: Es war eben eingedeutschtes Norwegisch, wo man Ski schreibt, aber Schi spricht. Das „Scheckheft“ jedoch hat eine andere Aussprache als das englische Herkunftswort, und ich kam nie auf die Idee, dass es sich keineswegs um ein echtes Scheckheft handelte, das ich aus Kinder- und Jugendtagen noch kannte, denn damals hatten nur mehr oder weniger echte Hyper-Mega-Leistungsträger eine Kreditkarte. Ottonormalverbraucher bezahlte – sofern nicht bar – mit Eurocheques (so wurden die geschrieben – nett französisch, und da spricht sich das CH auch wie ein SCH; nicht jedoch im Englischen … 😉 ). Heute haben sogar Leute wie ich eine Kreditkarte … (Ich sage ja: Dieses Land geht den Bach hinunter … 😀 )

Obwohl ich diese kleinen sprachlichen Irreleitungen ja auch durchaus liebenswert finde. Kürzlich las ich in einer Zeitung im Annoncenteil zwei wirklich liebenswerte Annoncen. Eine davon lautete: „Golden Red River zu verkaufen! Acht Wochen alt! […]“

Ich stutzte und staunte. Einen acht Wochen alten, quasi kürzlich seiner Quelle entsprungenen rotgoldenen Fluss hielt man dort feil? Und ich lachte schallend, als ich meinen Irrtum erkannte. Hätte das Ganze unter der Rubrik Tiermarkt gestanden, wäre es sofort klar gewesen. Das fand ich einfach nur süß, und ich hoffe, die kleinen Retrieverwelpen – zugegeben: ein in der Tat nicht ganz einfaches Wort – sind alle in gute und liebe Hände gekommen.

Zumindest brachten sie mich aber auf die Idee, die Rubrik Tiermarkt auch noch zu besuchen, obwohl ich derzeit ja gar kein Tier anschaffen möchte. Dort stieß ich dann auf einen „Rhodesien Richbeck“, und man behauptete, diese sehr schöne und elegante Jagdhundrasse mit dem so typischen ridge auf dem Rücken und entlang der Wirbelsäule, wo die Haare in einer schmalen Bahn entgegen der normalen Wuchsrichtung wachsen, stamme von der Insel Rhodos. Ah, ja. Der Rest der Annonce verhieß ebenfalls Spannendes: Das Tier, ein Rüde von 2 Jahren, sei ein „besonders aufgewecktes Tier“ und „sehr dynamisch“. Man gebe es wegen eines Umzuges ab, und man rate dazu, eine Hundeschule zu besuchen, wovon man bis dato abgesehen habe, weil das Tier „noch zu jung“ erschien … Da hatte sich wohl jemand nicht genau informiert – wahrscheinlich war es ein Ersthund, und weil Rhodesian Ridgebacks so schön und derzeit verbreitet sind, wollte man auch einen solchen Hund von der Insel Rhodos … 😉 Ich wünschte den künftigen Haltern viel Spaß und ebensoviel Langmut und einen langen Atem mit dem „Richbeck von Rhodos“. 😉

Doch zurück zum Auto-„Scheckheft“.

Monty kann seit heute auch von sich behaupten, zumindest im ersten Ansatz „scheckheftgepflegt“ zu sein, denn heute hat er seine allererste Inspektion mitgemacht. Möge es nicht die letzte sein. 😉

Ich fuhr heute früh sehr energisch los. Okay … Ich gebe zu, ich war einen Tick zu spät aus dem Haus gekommen, und mir blieb noch eine Viertelstunde bis zum Termin um 8 … Normalerweise hätte die Zeit locker gereicht, zweimal zur Werkstatt zu kommen, aber wir haben hier derzeit ein Nest von Baustellen und dazugehörigen Baustellenampeln. Ich mach’s kurz: Ich kam auf zwei Rädern in meiner Ford-Vertragswerkstatt an … 😉

Dort wurde ich sogleich ins Büro des Meisters geschickt, und sogleich veränderte sich mein sonstiger Habitus aufs Erschreckendste … Denn normalerweise wirke ich recht selbstsicher (die Betonung liegt auf wirken). Hier jedoch betrat ich mit einem unsicheren Grinsen das Büro, wo sich neben dem Meister noch drei weitere KFZ-Mechaniker tummelten. Testosteron und Technikaffinität wie auch -expertise en masse, und ich spürte förmlich, wie sich das unsichere Grinsen in meinem Gesicht in ein schüchtern-kleinmädchenhaftes Lächeln verwandelte, das zu besagen schien: „Ich bin ein armes, kleines Ding und habe von nichts eine Ahnung – bitte helfen Sie mir …“ Ich hasse das, aber in derlei Momenten bin ich diesem faszinierenden Phänomen quasi hilflos ausgeliefert. 😉

Der Meister begrüßte mich freundlich und jagte die Mitarbeiter aus dem Raum. Ich grüßte freundlich zurück, und der Meister rief meine Kundendatei auf und fragte nach Montys Kilometerstand. Ich gestand, erst im vierstelligen Bereich zu sein, und er meinte: „Dann machen wir die Standardwartung. Gar kein Problem, Frau B.! [Natürlich kein Problem! Ich musste ja garantiemäßig trotz vergleichsweise niedrigen Kilometerstandes so oder so hin … 😉 ] Haben Sie das Serviceheft zur Hand?“ Und er starrte auf meine Finger. Da war das Serviceheft nicht, das hier immerhin nicht „Scheckheft“ hieß. Denn, schusselig, wie ich bin, es lag auf dem Beifahrersitz. In der typischen Ford-Kladde, die sowohl Bedienungsanleitung als auch alles andere zum Auto Gehörige enthält. Immerhin war ich so schlau gewesen, sie griffbereit auf den Beifahrersitz zu legen, um sie schnell zur Hand zu haben. Aber da ich kein Morgenmensch bin, hatte ich alles andere, was ich brauchte, mitgenommen und die Kladde großzügig liegengelassen …

Der Meister sprang sofort auf und meinte auf meine diesbezügliche Information, in deren Verlauf ich mir an den Kopf griff und meine Vergesslichkeit beklagte: „Nein, Frau B. – kein Problem! Geben Sie mir den Schlüssel – ich hole das Heft sofort!“ – „Aber ich kann doch auch eben schnell …“ – „Nein! Der Kunde ist König, und das mache ich doch gern!“ Und erneut starrte er auf meine Finger. Ich starrte auch – was war da? Saß da vielleicht eine fette Spinne? Behüte – nur das nicht! Nee, gar nichts, alles in bester Ordnung. An meinen Fingern war rein gar nichts zu sehen, ich trug heute nicht einmal Ringe, die ich sonst nicht selten trage, aber ich hatte nicht meinen besten Tag und die Dinger glatt vergessen.

Und schon stürzte der Meister los. Und kam erst gar nicht wieder. Hätte ich ihm vielleicht explizit sagen sollen, wo ich den Wagen geparkt hatte? Sofort überfiel mich das schlechte Gewissen, bis mir einfiel, dass er mein Kennzeichen ja kannte – ich hatte es ihm kurz zuvor zweimal genannt.

Vor meinem geistigen Auge entstand ein gar schauerliches Szenario: Der Meister irrt über den recht großen Hof, fluchend und schwörend, und als ein anderer Mitarbeiter ihn fragt, was er da tue, sagt er: „Da drinnen sitzt eine total doofe Tussi, zu blöd, an das Wichtigste zu denken! Ich wollte freundlich sein! Und nun finde ich ihr Scheiß-Auto nicht! Typisch Frau – zu blöd, ein Loch in den Schnee zu pinkeln!“ Und ich stellte mir das wiehernde Gelächter des Mitarbeiters vor …

Nun, zumeist sind die Dinge viel geschmeidiger und harmloser, als ich denke, und so kam auch der Meister strahlend zurück und meinte: „Sehen Sie, alles gut!“ Und schon wurde mein „Scheckheft“ um einen Stempel reicher, und ich musste eine Unterschrift leisten. Zuvor jedoch wurde ich gefragt, ob mir Unregelmäßigkeiten aufgefallen seien. Ich überlegte, dann sagte ich: „In letzter Zeit springt der Rückwärtsgang öfter mal heraus.“

Der Meister lächelte annähernd liebevoll, und dann meinte er: „In welchen Situationen, Frau B.? Dann, wenn Sie gerade einparken, noch einmal zurücksetzen wollen, und hinter Ihnen drängelt schon jemand?“ Ich überlegte, dann sagte ich: „Meist in Situationen, wenn es eilt. Aber bei mir eilt es oft. Eigentlich fast immer.“ – „Ja, Sie wirken auch recht dynamisch. Passen Sie auf – es ist ganz einfach …“ Und schon erklärte er mir, dass der Rückwärtsgang – im Gegensatz zu Montys fünf Vorwärtsgängen – nicht synchronisiert sei und bei sehr spontanem Schalten dann schon einmal der Gang nicht ganz sauber drin sei … Was er mir erklärte, wusste ich, saß aber dennoch mit dem Gesichtsausdruck einer blöden Blitzbirne da, ergo mit einem schwachsinnigen Lächeln im Gesicht, bei dem ich das Gefühl hatte, meine Mundwinkel würden alsbald am Hinterkopf aufeinandertreffen. Und ich bedankte mich ebenso schwachsinnig, obwohl ich immerhin mitteilte, mir im Grunde der Funktionsfähigkeit und Arbeitsweise eines Schaltgetriebes bewusst zu sein. Ich schloss mit blitzbirnigem Lächeln und den Worten: „Wahrscheinlich bin ich einfach zu wurschtig!“ Und ich lachte fröhlich. (Denn ich bin davon überzeugt: Ich bin bisweilen einfach wurschtig.) Der Meister meinte: „Sie scheinen sich zu kritisch zu sehen – ich finde Sie sehr nett und sympathisch.“ Ich bedankte mich mit charmantem Lächeln.

Das führte leider dazu, dass der Meister mir völlig unnötigerweise noch höchstpersönlich demonstrieren wollte, wie ich zu schalten hätte. Und schon schritten wir durch eine Halle, in der ein Auto auf der Hebebühne stand und an deren Tür ein Schild klebte: „Nur für hier beschäftigte Mitarbeiter!“ Ich wuchs gleich um mehrere Zentimeter – ich durfte trotzdem da durchgehen! 😉

Und schon standen wir bei meinem kleinen Monty, der Meister schloss ihn auf, setzte sich hinters Steuer und zeigte mir, was ich schon wusste. Immerhin fahre ich tagtäglich erfolgreich von A nach B. Hätte ich nur niemals den Rückwärtsgang erwähnt! Aber ich fühlte mich wie in einer Prüfung und dachte: „Ich erwähne lieber mal alles, was mir aufgefallen ist – nicht, dass ich ansonsten wie ein desinteressiertes Dummchen erscheine!“ Sehr schönes Eigentor! 😉

Als der Meister wieder ausstieg, sah er sich das Auto von außen an und meinte: „Der scheint mir sehr gehegt und gepflegt zu werden – sieht sehr gut aus!“ (Dabei war er bis dato erst einmal in der Waschstraße gewesen …) – „Ich hänge auch sehr an ihm. Aber – och nee! Ich hatte doch gar nicht unter einem Baum geparkt!“ Auf dem Dach pappte ein riesiger Vogelschiss – allmählich nervt das etwas, trotz aller Tierliebe …

„Kein Problem, Frau B.! Ich werde Ihren Wagen nach der Inspektion durch die Waschstraße fahren!“ – „Ach, das ist aber sehr nett!“ – „Das mache ich gerne! Ist auch im Service inbegriffen. Aber bei Ihrem Wagen mache ich das selber!“ – „Sehr nett, ganz herzlichen Dank!“ – „Wann holen Sie ihn denn? Ich bin bis 15 Uhr hier!“ – „Wahrscheinlich erst später – so gegen 17 Uhr. Ich muss ja noch zur Arbeit.“ – „Ach, schade … Aber … Wie kommen Sie denn hier weg? Werden Sie abgeholt?!?“ – „Nein. Ich werde mit dem Bus fahren.“ – „Brauchen Sie ein Ticket?!? Ich könnte Ihnen eines geben!“ – „Das ist total nett, aber ich habe ein Ticket.“ – „Ach, schade … Sollten Sie doch eher von der Arbeit wegkommen – ich bin bis 15 Uhr hier!“ – „Das ist sehr nett, aber ich fürchte, ich kann den Wagen erst später abholen.“ – „Oder soll ich Sie fahren?“ – „Nein, das kann ich nicht annehmen.“ – „Aber nein, kein Problem!“

Und als ich noch überlegte, rief ein anderer Mitarbeiter: „Chef, hier brennt es gerade – wir brauchen Sie!“ Und so sagte ich: „Sehen Sie – Sie werden gebraucht. Ich kann ganz problemlos mit dem Bus fahren, aber ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre sehr nette Unterstützung!“ – „Ach, ja … Falls zwischenzeitlich ein Problem auftauchen sollte: Ich stehe zu Ihrer Verfügung!“ – „Das ist gut zu wissen – herzlichen Dank!“

Der Meister meiner Vertragswerkstatt scheint ein Faible für vermeintliche Blitzbirnen zu haben. 😉

Und ich sollte mir dringend die Unsitte abgewöhnen, den Leuten dauernd zuzuzwinkern und ein Auge zuzukneifen. Meist das linke. Das habe ich mir irgendwann angewöhnt – wahrscheinlich bei meiner Dozententätigkeit und immer dann, wenn ich Unangenehmes irgendwie nett herüberbringen musste, woraufhin ein Studi mal zu mir meinte: „Sie zwinkern immer so charmant. Und dann kommt nicht selten ein Riesenhaufen Scheiße. Aber nicht immer. Oft zwinkern Sie auch einfach nett.“ Eine Unsitte. Dringend abgewöhnen. 😉

Ebenso die grässliche Eigenschaft, mich in KFZ-Werkstätten in ein hilfloses, kleines Dummchen zu verwandeln. 😉

Euch ein schönes Wochenende! 🙂

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