Von 0 auf 100 in unter 3 Sekunden …

Heute las ich in einer überregionalen Tageszeitung, ein englischer „Supersportwagen“ sei so grandios, dass er nur 2,9 Sekunden brauche, um von Null auf Hundert zu kommen. Nachdem ich gerade von einem bekannten Discounter zurückgekehrt bin, frage ich mich, was daran nun so außergewöhnlich sei. Das bekomme ich auch hin. 😉 (Wahrscheinlich ist das Außergewöhnliche und Erwähnenswerte daran die Tatsache, dass der Wagen das immer schafft. Ich nur in Ausnahmefällen, dann, wenn es wirklich Anlass gibt. Oder ich das finde. 😉 )

Nach der Arbeit latschte ich zum Parkplatz, schloss den kleinen Monty auf, warf meine beiden Taschen und dann mich hinein, und müde parkte ich aus und tuckerte mit maximal 20 Stundenkilometern vom Hof …

Kaum den Parkplatz verlassen, gab ich allerdings Gas – ich wollte dringend noch zu einem bekannten Discounter mit vier Buchstaben. Ich gebe zu, der Grund mag etwas albern anmuten, aber der Discounter hatte ab heute ganz besondere Pralinen im Angebot, die ich seit Äonen immer wieder suche. Aus Finnland stammend, gibt es diese Pralinen in verschiedenen Sorten gern im Flieger oder auf Fähren zu kaufen, und nur sehr, sehr selten findet man sie in Discountern oder Supermärkten. Und wenn, dann garantiert die „falsche“ Sorte. Denn ich kenne drei, unter anderem die Mint- und die Vodka-Version. Aber die wollte ich nicht. Mein Herz begehrte die Sorte Liqueur Fills – quasi das Original. Ich mag normalerweise weder Likör, noch mit Alkohol gefüllte Pralinen, und besonders hochwertig sind diese speziellen Pralinen auch nicht. Aber sie schmecken so gut! 🙂 Finde ich jedenfalls. Und ich hatte sie so lange nicht gegessen …

Aber was war das? Stau – überall Stau! Ich brauchte etwa zehn Minuten, auf eine der Hauptverkehrsstraßen zu kommen – eine Entfernung von etwa einem Kilometer … Wir krochen mühsam voran, und einige Fahrer schienen – wenn denn die Ampel, an der ich rechts abbiegen musste, endlich mal grünes Licht zeigte -, das Gaspedal nicht zu finden. Der Fahrer vor mir schien bereits ins Lenkrad zu beißen, und mir war auch danach. Nicht nur, dass ich zum Discounter wollte – ich wollte auch zügig nach Hause.

Auf der Hauptverkehrsstraße ebenfalls Stau … Zumindest auf meiner Spur. Und nachdem ich im Stop-and-Go-Verfahren in fünf Minuten nur wenig mehr Meter zurückgelegt hatte, setzte ich den linken Blinker, vergewisserte mich, dass auf der linken Spur gerade niemand kam und zog dann mit quietschenden Reifen auf die dritte, die Linksabbiegerspur. Zwar fahre ich die Horster Straße nicht so gern, aber ehe ich noch weitere gefühlte Stunden im Schneckentempo – einen Schritt vor, zwei zurück, denn so fühlte es sich an – dahinstottern würde, wollte ich doch lieber über sämtliche Schatten springen. 😉

Und schon fuhr ich mit gerade mal 40 Stundenkilometern hinter einigen anderen „Ausbrechern“ die ziemlich rumpelige Horster Straße entlang. Da gibt es übrigens auch eine Dépendance des Discounters, aber der Parkplatz ist immer brechend voll, und so fuhr ich weiter. Sicherlich – retrospektiv – die falsche Entscheidung … 😉

Was war hier überhaupt los? Warum dieser mehr als zähfließende Verkehr? Und da fiel der Groschen! Schalke spielt! Heute! Europa League! Gegen Borussia Mönchengladbach, und das zu Hause … Jetzt war alles klar.

Ich fuhr dann schließlich vor einem 3er BMW mit hier typischer Besatzung her und war froh, als ich endlich den Weg zu „meiner“ Discounter-Dépendance nehmen konnte – die typische Besatzung des BMW fuhr ständig viel zu dicht auf, betätigte die Lichthupe, obwohl ich schon schneller fuhr, als die Polizei erlaubte, aber aufgrund der Wagen vor mir öfter bremsen musste. Zum Dank wurde ich von hinten geblendet und sparte nicht mit entsprechenden Kommentaren. Das Ganze hörte erst auf, als ich einmal ganz unmotiviert spontan abbremste. Seitdem hielten sie gebührenden Abstand – und geblendet wurde ich auch nicht mehr … 😉

Beim Discounter angekommen, musste ich dann feststellen, dass die heißersehnten Pralinen durchaus zwar noch vorhanden waren, jedoch nur noch in Mint und der Vodka-Variante. Und von der Letzteren auch nur noch wenige Schachteln. Ich suchte rasch noch die anliegenden Schütten ab – nichts … Ich wusste sofort, was passiert war und wurde dann auch kurz darauf in der Annahme bestätigt, als ich enttäuscht einen anderen Einkaufswagen passierte. Darin lagen ca. zehn Schachteln Liqueur Fills, und die Dame, die den Wagen schob, sah sehr zufrieden drein. Ich mache so etwas normalerweise nicht, aber in diesem Falle sagte ich zu der Dame: „Entschuldigen Sie, bitte, aber ich bin extra wegen dieser Pralinen hergekommen, und nun gibt es diese Sorte nicht mehr im Angebot – nur noch die anderen beiden. Würden Sie mir netterweise eine Schachtel überlassen?“

O Gott! Ich hatte gegen die Gottesordnung verstoßen, denn die Dame starrte mich an und meinte: „Tja! Da sind Sie wohl zu spät gekommen, und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ Wie meinen? Hallo, gute Frau, ich musste bis jetzt arbeiten … Ich kann nicht so, wie ich will. Aber da meinte sie schon: „Ich habe es immerhin geschafft. Dabei hatte ich heute so viel zu tun und bin gerade noch vom Friseur hier hereingekommen. Nein, Sie können nicht erwarten, dass ich Ihnen eine Schachtel gebe! Man will ja auch einen Vorrat haben!“ Ich mache so etwas normalerweise wirklich nicht, aber ich meinte: „Es soll ja nicht Ihr Schaden sein – ich gebe Ihnen gern das Geld dafür, auch gern das Doppelte des Preises.“ (Wie gesagt: Ich liebe diese so selten auftretenden Pralinen – sonst würde ich so etwas niemals machen.) Aber sie blieb hart, beharrte darauf, dass sie einen Vorrat brauche und starrte mich frisch onduliert giftig an. Ich sagte: „Nun, jeder, wie er kann …“ – „Wie meinen Sie denn das?!?“ – „Wie ich es sagte. Schönen Abend.“ Und ich schob meiner Wege und fragte alsbald einen Angestellten, ob es nicht noch weitere Gebinde dieser Pralinen gebe. Leider nein, wurde mir beschieden, und er erklärte mir, dass von dieser Sorte, da das Original, besonders viele Gebinde vorhanden gewesen wären, aber diverse Käufer, Frauen, bereits morgens pro Person möglichst viele davon an sich gerafft hätten. Es seien vor fünf Minuten aber noch einige Packungen … Ich winkte ab, sagte, das wisse ich – die seien nun im Einkaufswagen einer Dame, die dringend Vorrat davon brauche. Er lächelte freundlich und meinte: „Dann tut es mir leid. Aber vielleicht sprechen Sie mit der Dame?“ – „Schon geschehen. Völlig sinnlos.“ – „Was finden denn nur alle an diesen Pralinen?“ – „Sie schmecken einfach gut und sind schwer zu bekommen.“ – „Tut mir sehr leid für Sie. Übrigens: Ich mag dieses Gehamstere auch nicht, vor allem deswegen, weil berufstätige Menschen so nie zu Potte kommen. Was meinen Sie, was für Tragödien und Kräche sich hier schon abgespielt haben!“ – „Ich kann es mir lebhaft vorstellen,“, meinte ich, grinste und bedankte mich für die freundlichen Worte.

Exakt das, was der Angestellte meinte, nervt mich. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich nach der Arbeit hoffe, zumindest noch ein Exemplar eines Sonderangebotes zu ergattern, und ich bin da auch nicht die Einzige. Es regen sich öfter Erwerbstätige darüber auf, dass sie bei solchen Anlässen stets das Nachsehen hätten, während Menschen, die keiner Erwerbstätigkeit nachgingen, dann den Zuschlag haben. Nicht ganz fair, wenn ich auch denke, dass es einen Ausgleich geben müsse.

Mich nervt einfach dieser „Hamster“-Tick und die Art und Weise mancher Mitmenschen, nur an sich selber zu denken. Ich hätte eine, maximal zwei Schachteln gekauft, und hätte mich einer gefragt, ob ich eine Schachtel abgeben würde, hätte ich mich erweichen lassen. Man braucht nicht alles im Übermaß. Finde ich zumindest. Dementsprechend zornig macht mich die Angewohnheit mancher Menschen, die es sich zeitlich erlauben können, große Teile eines eingeschränkten Angebots mal kurz aufzukaufen, auf dass sie möglichst nachhaltig versorgt sein mögen. Die anderen? Mir doch egal! Persönliches Pech, wenn die bis zum Nachmittag arbeiten müssen …

Es erinnerte mich heute so an eine ehemalige Kollegin in der Firma, in der ich vor Jahren arbeitete. Bei einer Beförderungsfeier gab es Brötchen, die wahlweise mit Salami, Schinken, Käse, Putenbrust oder Lachs belegt waren. Die Kollegin drängte sich vor mich und die Kollegen ans Büffet, die fair Schlange standen, und es gab noch drei Lachsbrötchenhälften. Sie griff sich alle drei, während die hinter ihr stehenden Kollegen Laute des Bedauerns und/oder des Protests von sich gaben. Gegessen hat sie eine Hälfte, die anderen in den Müll geworfen. Hauptsache, sie hatte sie gehabt! Denn – so hatte sie sogar allen Ernstes kund und zu wissen gegeben – Lachs sei der einzige Belag, der ihrer würdig sei! Sollten sich doch die Kollegen mit Salami, Schinken, Käse und Putenbrust zufriedengeben – denen stand, aus Sicht der lieben Saskia, ohnehin nichts anderes zu. Ich habe sie damals gefragt, ob sie das so in Ordnung fände, und da meinte sie frech: „Man muss Ellbogen haben! Und ich esse nun einmal diese billigen Auflagen nicht!“ – „Offenbar auch nicht alle von dir abgegriffenen Lachsbrötchen, nicht wahr? Hauptsache, sie waren in deinem Besitz! Kein Wunder, dass dich hier viele kritisch betrachten.“ – „Wie meinst du das denn?!?“ – „Wie ich es sage.“ Und zum Glück hatten die meisten Kollegen auch die Traute, ihr das selber ins Gesicht zu sagen. Sie rannte zum Abteilungsleiter und beschwerte sich, aber der empfahl ihr, den Ball flachzuhalten. Mit Grund. 😉

Als ich heute an der Kasse stand und das Wenige, was ich im Einkaufswagen hatte, aufs Band legte, erscholl hinter mir eine gebieterische Stimme: „Geht das nicht etwas schneller? Ich muss nach Hause – Schalke spielt heute, und das will ich mir ansehen, zusammen mit meinem Mann! Wir sind Schalke-Fans!“ Ich war zwar nicht gemeint gewesen, denn die freundliche Ansprache richtete sich wohl an den Kassierer, aber ich war gar nicht überrascht darüber, wer da gerufen hatte: Es war Frau-Wer-zu-spät-kommt-den-bestraft-das-Leben-ich-brauche-einen-Vorrat! Wie ein Klischee – wie das Ganze zuvor schon. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sie mehreren Leuten unangenehm aufgefallen war, denn die Leute vor mir verlangsamten auf ihr Gebot hin ihre Aktionen; einem fiel die Karte herunter, als er sie zum Bezahlen herausholte, ein anderer grinste mich an und meinte: „Ich glaube, ich habe noch etwas vergessen – würden Sie bitte meinen Wagen weiterschieben, während ich es hole?“ Klar, mache ich doch gern. Und als er zurückkam, hatte er rein gar nichts bei sich, grinste mich erneut an und raunte mir zu: „Die Dame da hinten hat mich vorhin richtig verärgert, denn die hat Pralinen, die ich total gern esse, gehortet und mich blöd angeredet, als ich sie bat, mir – gegen Entschädigung – eine Packung zu überlassen. Wenigstens eine. Tut mir leid, dass Sie nun auch noch warten mussten, aber das musste sein.“ – „Kein Problem,“, raunte ich zurück, „mit mir hat sie die gleiche Chose abgezogen, denn ich liebe diese Pralinen auch. Wenn ich warten muss, damit die Dame warten muss, ist es das wert.“

Nicht, dass ihr mich falsch versteht: Ich hatte keinen Anspruch auf diese albernen Pralinen, aber ich finde bescheiden im Sinne von unverschämt (denn es ist ja im wörtlichen Sinne eher unbescheiden 😉 ), gleich größere Mengen eines begrenzt vorhandenen Artikels an sich zu reißen, damit andere ihn nicht bekommen, die man dann auch noch arrogant behandelt, wenn sie eine kleine Bitte äußern. Sie hätte nein sagen können, aber das doch zumindest ein bisschen netter. Ich finde aber auch diese ganze: „Ich muss alles haben!“-Mentalität erschreckend. Und so dachte ich zunächst: „Mögen dir die Scheißpralinen im Halse steckenbleiben!“ Aber man wünscht ja niemandem etwas Schlechtes, nicht wahr?

Stattdessen drücke ich nun ausgiebig Borussia Mönchengladbach die Daumen. Wenn die weiter so gut spielen, freut es mich. So! Das habt ihr jetzt davon! 😉

Was soll ich sagen? 1:1 – nicht mal die Gladbacher halten heute zu mir! Ich hake das Ganze dann mal als „Scheißtag“ ab … 😉

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