Kleine Kneipenreminiszenz

Wenn ich es recht bedenke, war ich schon seit einiger Zeit nicht mehr in einer richtigen Kneipe. Die Gelegenheit ergab sich in der letzten Zeit so selten. Meine Freunde wohnen alle weit über Deutschland verstreut, und hier in meiner Heimatstadt ergibt es sich auch aus dem Grunde sehr selten, als ich hier keine richtig „vernünftige“ Kneipe mehr kenne.

Vorgestern war ich mit Lydia in Essen, wo in einer Kneipe ihr Sohn mitsamt Band einen Gig hatte. Sie hatte mir vor einigen Tagen eine WhatsApp-Nachricht geschickt: ob ich mitkommen wolle, fragte sie. Ich sagte zu, und dann warf ich im Internet einen Blick auf die Homepage der Kneipe. Seit 1892 bestehe sie schon, hieß es dort, doch ich ging davon aus, dass sich zwischenzeitlich einige Veränderungen ergeben haben würden. 😉

Um 18:30 h rasten wir mit Lydias neuem Wagen los, und das in der ein wenig klammen Hoffnung, die Kneipe auch wirklich zu finden, so ganz ohne Navi. Ich bin zwar gebürtige Essenerin, aber im Ostviertel kenne ich mich nicht ganz so gut aus, um es mal euphemistisch auszudrücken. (Mein sogenannter Orientierungssinn gehört ohnehin nicht zu meinen Stärken, und seit es Navis gibt, hat sich eine gewisse Erleichterung in mir breitgemacht. Mit Schaudern erinnere ich mich daran, wie mir immer der kalte Schweiß ausbrach, wenn ich als Beifahrerin geheißen wurde: „Im Handschuhfach ist eine Karte! Sieh mal schnell nach, wie wir fahren müssen!“ Ich erinnere mich auch an einen unschönen verbalen Schlagabtausch während einer Fahrt mit meinem Ex Giacomo, der nicht fassen und noch weniger akzeptieren konnte, dass ich im Kartenlesen eine absolute Niete bin … 😉 )

Lydia und ich fanden immerhin den Viehofer Platz sehr schnell – wäre auch peinlich gewesen, wenn nicht. 😉 Und als wir so dahinpreschten – Lydia ist eine sehr dynamische Fahrerin -, sah ich aus dem Augenwinkel das Straßenschild der Straße, auf der wir fuhren, und ich schrie: „Wir sind richtig! Im Prinzip müsste gleich irgendwo die Kneipe zu sehen sein!“

Da war sie auch schon, eine Eckkneipe, und wir rauschten durch die engen Straßen – auf der Suche nach einem Parkplatz, den wir recht bald fanden. Schnell noch eine Zigarette rauchen, und dann nichts wie in die Kneipe, denn es zogen sich Regenwolken zusammen, und natürlich hatte keine von uns daran gedacht, einen Regenschirm mitzunehmen.

Die Kneipe gefiel mir auf Anhieb: Der Tresen mittig, wirkte sie sehr gemütlich, alles andere als gestylt. Im hinteren Bereich auch noch Kicker und Dartboard – was will man mehr! 😉 Ein wenig erinnerte sie mich ans Kuckucksnest in Aachen, wo ich diverse Abende verbracht habe – die hatten zwar keinen Kicker, aber dafür konnte man prima darten, und sie hatten zwei Billardtische: einmal Pool, einmal Carambolage. Mir war Pool immer lieber – das fand ich erheblich einfacher. 😉 (Unvergessen meine allererste Partie überhaupt: Wir spielten 8-Ball, und ich konnte nur verlieren, spielte ich doch gegen den – selbsternannten – „Meister aller Klassen“. Doch ich kam gar nicht zum Zuge – dem „Meister aller Klassen“ sprang nämlich die schwarze Acht gleich relativ zu Beginn vom Tisch – und ich hatte gewonnen, ohne auch nur nennenswert einen Finger gerührt zu haben … 😉 Der „Meister aller Klassen“ war kurz davor, seinen Queue übers Knie zu brechen – was für eine Schmach! Gegen eine Frau verloren, und das auch noch so doof …)

Die Kneipe in Essen fand ich einfach nur klasse, und am liebsten wäre ich gleich hinter den Tresen gesprungen, um Bier zu zapfen und andere Getränke auszuschenken. Wäre mal eine schöne Abwechslung zum drögen Büroalltag. 😉 Es erinnerte mich alles so an meine Studienzeit – ich hatte ja lange in einer Aachener Studentenkneipe gejobbt – zum Entsetzen meiner Eltern. „Musst du dich unbedingt in Kneipen herumtreiben?“ war eine vielbemühte Frage, die ich damit beantwortete, dass ich: „Ich treibe mich nicht herum – ich arbeite dort!“ sagte. Gut, nur in einer Kneipe, aber man geht ja abends auch mal raus, und Aachen ist voll von Kneipen und hat eine immense Kneipendichte. 😉 Und zur Arbeit musste ich zwangsläufig zumindest eine Kneipe betreten. Es stellte sich auch heraus, dass meine Eltern keineswegs etwas dagegen hatten, dass ich ab und an abends mit Freunden und Bekannten als Gast in Kneipen ging. Einzig, dass ich auch noch in einer arbeitete, gefiel ihnen ganz und gar nicht.

Mir schon. Es hatte ein bisschen etwas Cheers-Mäßiges an sich. 😉 Das fand ich schon, bevor ich die Serie kannte, denn das ist mehr ein Gefühl. Voraussetzung ist, dass du dich an diesem, deinem Arbeitsplatz wohlfühlst und gerne neuen Menschen begegnest. Denn davon lernt man eine Menge kennen, wenn man in einer Kneipe jobbt. Nicht immer angenehm, aber als Gros gesehen immer irgendwie schön und spannend, denn man hört viele unterschiedliche Meinungen, lernt neue Blickwinkel kennen. In Kombination mit mehr akademischen Faktoren hat mir das ganz sicher nicht geschadet. Zumal, wenn man bedenkt, dass ich auch kürzlich in dieser wirklich netten Essener Kneipe noch voller Tatendurst, der jeglichen anderen Durst zu überwiegen in der Lage war, hinter den Tresen hätte stürmen mögen, um Bier zu zapfen, andere Getränke auszuschenken und auch neue Fässer anzuschlagen, hätte man mir nur den Weg in den Bierkeller gezeigt, denn auch das habe ich damals gelernt.

Das Beste, das ich in meinem Kneipenjob gelernt habe, ist, wie man sich behauptet, und ich befürchte, meine große Klappe ist erst dort so richtig trainiert worden. Vorhanden war zumindest die Neigung schon, aber richtig zur Entfaltung kam dieses Talent erst durch den Kneipenjob. 😉 Dort muss man sich aber auch behaupten können, denn meinen damaligen Job hatte ich nur der Tatsache zu verdanken, dass kurz zuvor sowohl eine Frau als auch ein Mann von diesem geflüchtet waren. Die Frau war weinend aus der Kneipe gerannt, der Mann hatte wohl schon vorher einen Schaden gehabt, wie böse Zungen behaupteten. Ich gebe zu, als ich das hörte, hatte ich auch einige Bedenken, aber wider Erwarten klappte es prima. 😉

Ebenfalls habe ich gelernt, wie man als Kellnerin sehr heiße Teller austrägt, ohne sie aufgrund der Hitze fallenzulassen: Teller greifen, dann ganz fest zudrücken und das Brandopfer lächelnd an den Tisch bringen. Entstandene Brandblasen bloß nicht kommentieren, denn dann ist man sofort das Weichei. 😉 Auch lernt man – und das sogar mit kleinen Händen – zwei volle Pilsgläser in einer Hand zu transportieren, ohne etwas zu verschütten. Wie man ein Tablett mit vielen vollen Gläsern ganz unterschiedlicher Größe optimal bestückt. Wie man mehrere volle Kaffeetassen inklusive Untertassen ganz schwungvoll und ohne Tablett transportiert, ohne dass der Kaffee auf die Untertasse schwappt. Von extrem zügigem und korrektem Kopfrechnen ganz zu schweigen. Auch lernt man, wie man arrogante Zehn-Cent-Trinkgeldgeber in die Schranken verweist: Damals zwar noch mit DM und Pfennig, sagte ich stets, wollte mir jemand mit den netten Worten: „Aber nicht alles auf einmal ausgeben“ 10 Pfennig Trinkgeld auf eine größere Rechnung geben: „Ach – es tut mir furchtbar leid, aber ich bin von meinem Chef angehalten, Trinkgelder nicht anzunehmen. Er ist da sehr streng.“ Am besten die Wirkung, wenn der arrogante Gast mit einer ganzen Gruppe dagewesen war und sich die anderen Gruppenmitglieder angesichts der arschigen Art ihres Bekannten schon sichtlich schämten. Sagte ich diesen Satz, lachten sie meist und sagten zu ihrem Bekannten: „Siehste – das kommt davon, wenn man kniepig und von oben herab ist!“ Mehrfach erlebt und immer genossen. 😉

Aber man lernt vor allem eines: Zuhören. Denn neben dem Ausschenken von Getränken ist die „Thekenschlampe“, wie man bei „uns“ intern so sagte, auch dafür da. Sorgen? Die Tresenfrau oder der Tresenmann hört zu, wenn deine Frau nicht hinhört. Oder dein Mann. Und wenn die jeweilige „Thekenschlampe“ auch vielleicht keine individuelle Lösung parat hat, kann sie doch zumindest soweit helfen, dass sie zuhört und gegebenenfalls auch einen anderen Blickwinkel bietet. Oder zumindest ein wenig Ablenkung, da man stets schlagfertig sein und Witze und Anekdoten auf Lager haben muss. Wenn ich es so recht überdenke, hat mein Kneipenjob mich auf meinen Dozentenjob vorbereitet. 😉 Beide funktionieren am besten, wenn man auch in der Lage ist, eine kleine Showeinlage zu liefern – zumindest meiner Erfahrung nach.

Als ich vorgestern zu Lydia sagte: „Am liebsten würde ich mich hinter den Tresen stellen und im Akkord Bier zapfen,“, meinte sie nur: „Das ist sicherlich eine Arbeit, die erheblich ehrlicher ist als manch andere.“ Sie sah mich bedeutungsvoll an, und ich verstand sofort, was sie meinte. Wir beschlossen, entweder wieder Lotto zu spielen und jeweils zehn Millionen Euro zu gewinnen oder in einer Kneipe anzufangen.

Ich fange sofort wieder mit Lotto an. Sollte ich Millionen gewinnen, fange ich aus reinem Freizeitvergnügen wieder an, in einer Kneipe zu arbeiten. Vom menschlichen Part besser als jeder Bürojob. 😉

Euch einen schönen Abend! 🙂

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