Social Media und Erinnerungen

Heute dachte ich an nichts Böses. Chef ganztägig extern unterwegs. Der Anschlag auf des Kollegen Ollis Auto im Grunde zwar noch schlimmer als angenommen, da sein Wagen mit Gas fuhr und man sich die Konsequenzen gar nicht ausmalen wollte, hätte nicht ein anderer Mitarbeiter das Debakel, das zwischen halb 11 und 11 Uhr vormittags seinen Anfang genommen hatte – noch unglaublicher -, rechtzeitig bemerkt und die Feuerwehr gerufen, während er versuchte, den Brand selbsttätig zu löschen. (Ich war hinsichtlich dieser Info noch froher, gestern nicht mit dem Auto zur Arbeit gefahren zu sein, da ich nicht selten neben Olli parkte, da ich gern neben Autos von Leuten parke, die ich kenne und die mich kennen. Da weiß ich, dass die mir nicht die Tür in die Seite hauen – okay, seit ich Autobesitzerin bin, stelle ich ganz neue Seiten an mir fest – Seiten, die ich nicht unbedingt erstrebenswert finde, manchmal, aber auf der anderen Seite: Wer lässt gerne freiwillig sein Auto beschädigen? 😉 )

Vorhin habe ich Olli eine WhatsApp-Nachricht geschickt, dass mir das mit seinem Auto total leid täte. Er war – wie ich Olli seit 12 Jahren kenne – gelassen. Inzwischen wieder, denn gestern wirkte er anders. Er schrieb zurück, er habe nun ein anderes Auto und leider keinen Mercedes. Nein, nicht, wie ihr denken mögt! Olli liebt alte Autos, und sein angebrannter „Alter“ ist über 20 Jahre alt, aber Olli hing an ihm. Nun hat er wohl einen Japaner, aber, wie er mir schrieb, nur, weil es gerade keinen schönen gebrauchten Benz gab. 😉 Nun müsse er auch dringend ins Bett, da er die letzte Nacht kaum geschlafen hätte, und er wünschte mir eine gute Nacht und süße Träume. Wenn ich möge, solle ich morgen mal vorbeikommen, dann könnten wir eine zusammen rauchen. Ich wünschte ihm auch eine gute Nacht – die hatte er sich ja wohl mehr als verdient.

Doch zurück. Ich ordnete heute meine sogenannte Ablage vor, trug einen Stapel ungeordneter Papiere ab, und mein Arbeitsplatz sieht inzwischen erschreckend geordnet aus. 😉 Wann immer mich die Lust dazu verließ, schrieb ich zu schreibende Briefe und Mails, zwischendurch warf ich auch einen Blick ins Internet.

Und da bin ich an etwas geraten, das mich an meine Schulfreundin Tanni erinnerte, zu der ich seit 2004 keinen Kontakt mehr hatte. Er war eingeschlafen, so wie Kontakte bisweilen einschlafen. Nicht aus dem Willen heraus, sie einschlafen zu lassen, sondern einfach so, wenn Leben auseinanderdriften.

In Folge gab ich Tannis Namen bei Google ein, und schon warf mir die sehr zuverlässige Suchmaschine Ergebnisse aus. Das erste verwarf ich – da stand etwas von einer Heilpraktikerin. Tanni war BWLerin! (Dass wir einander überhaupt verstanden, wird wohl nicht gerade an unseren völlig unterschiedlichen Berufungen gelegen haben … Aber sie ist einer der nettesten Menschen, die ich je kennengelernt habe.) Dann sah ich näher hin … Wiederholt tauchte diese Heilpraktikerin auf! Und sie praktizierte an Tannis Wohnort – zumindest dem letzten Wohnort, den ich von ihr kannte. Ich klickte den ersten Link an – und dann staunte ich! Das war „meine“ Tanni! Ihre Praxis. Es haute mich fast aus den Schuhen.

Ich war nie Tannis engste Freundin. Sie auch nicht meine. Aber wir verstanden einander irgendwie, und – ich gestehe es – es vergeht kein 25. November, an dem ich nicht an sie dächte. Ihr Geburtstag. Und obwohl wir seit so vielen Jahren keinen Kontakt hatten, denke ich immer daran, wenn der Tag mal wieder gekommen ist. Ich glaube, ich war immer selber total überrascht darüber, dass sie ausgerechnet mich mochte. Vielleicht geht es ihr umgekehrt genauso. 😉

Sie hat mich mal in Aachen besucht, und es war so typisch für mich damals: Völlig wurschtig, war ich erst kurz vor ihrem geplanten Eintreffen einkaufen gegangen. Als ich mit zwei schweren Plastiktüten an meinem Haus anlangte, saß Tanni da schon auf den Eingangsstufen. Ich war unangenehm berührt, schalt mich selber für meine Wurschtigkeit, aber da stand sie schon auf, und als ich mir Vorwürfe machte, sagte sie: „Du bist doch total bescheuert – hör auf damit! Ich freue mich total, dich mal wieder zu sehen, und ich sitze auch noch gar nicht lange hier! Komm mal her!“ Und dann nahm sie mich in den Arm und drückte mich ganz fest. Wir haben dann erst einmal einen zünftigen Brunch veranstaltet, dann gingen wir durch den Stadtpark, und abends zogen wir gemeinsam um die Häuser. Ein sehr schönes Wochenende.

Drei Jahre später – wir hatten immer schriftlichen Kontakt und telefonierten auch miteinander – besuchte sie mich in meinem Elternhaus, als ich dasselbe während eines Urlaubs meiner Eltern gerade hütete. Und das war echt anstrengend mit viel Sekt und Rotwein, den ich damals noch vertrug. Damals war mir Migräne und die entsprechende Wirkung von Rotwein weitgehend unbekannt, und wir erzählten einander unsere geheimsten Geheimnisse – beide zu der Zeit gerade ganz unglücklich in völlig unterschiedliche Männer verliebt. 😉 Sie in einen absoluten Realisten, ich in einen Spinner. 😉 Da habe ich sie auch gefragt, warum sie mich eigentlich möge, obwohl wir doch beide so ganz unterschiedliche Ziele hätten. Da meinte sie: „Weil du ein so lieber Mensch bist! Wir sind wirklich total verschieden, aber ich mag dich sehr, und du bist jemand, dem ich einfach viel erzählen mag, weil ich den festen Eindruck habe, dass du mich verstehst. Wie ist das umgekehrt?“ Ich grinste und meinte: „Genauso.“ Und da lachte sie und meinte: „Mir fällt gerade etwas ein, und ich warne dich: Wehe, du lachst!“ Ich versprach, nicht zu lachen, und da meinte sie: „Du bist doch Sternzeichen Löwe, ne?“ – „Ja. Und?“ – „Dann scheint das, was mir mal jemand, der an den Schnickschnack fest glaubt, erzählte, zu stimmen, denn der meinte, dass mein Sternzeichen hervorragend zu Löwen passe!“ Ich überlegte, dann lachte ich und meinte: „Zwei sehr gute Freundinnen von mir haben das gleiche Sternzeichen wie du – es muss wohl was dran sein!“ – „Siehste, sag ich doch!“ Und dann machten wir noch eine Flasche Rotwein auf. Der nächste Tag war dann etwas schwierig im Ansatz. 😉

Und dann besuchte ich Tanni mehrfach an ihrem Wohnort – auch das recht sekt- und rotweinlastige Abende. Durchquatschte Nächte, rote Augen am nächsten Tag, aber immer gutgelaunt. 😉

Dann heiratete Tanni. Und das nächste Mal trafen wir einander wieder am Ort unserer gemeinsamen Schulzeit. Wir saßen in einem Café, sie deutlich schwanger, und es war ein sehr schöner Tag. Ein Mädchen werde es, sagte sie mir, und es solle Anna heißen. Doof sei nur, dass ihr Asthma in der Schwangerschaft heftiger geworden sei. Sie kam mir viel erwachsener vor als ich, die ich da völlig unschwanger vor ihr saß. Dennoch war das Verständnis immer noch da.

Und dann bekam ich eine Geburtsanzeige, zusammen mit einem langen Brief. Ich schickte ein Päckchen mit einer babygerechten Stoffgans und einem langen Brief. Irgendwie hatte ich damit gerechnet, dass die Verbindung damit abgerissen sei. Aber Tanni hielt das Ganze aufrecht.

Einander wiedergesehen haben wir, als sie bereits ihre zweite Tochter bekommen hatte – da besuchte sie mich, als ich schon in der Nähe von Düsseldorf lebte, zusammen mit Anna und Katharina. Ich war begeistert davon, wie sie mit den beiden kleinen Hühnern umging. Und ein wenig neidisch war ich, denn das, was sie hatte, würde ich mit dem damaligen Partner wohl niemals haben. Aber den Neid habe ich rasch überwunden – ein so fieses Gefühl passte nicht zu Tanni, die alles so natürlich wuppte. 🙂 Und wenn ich es jemandem so richtig gönnte, dann ihr.

Sie nahm mich in den Arm und bedankte sich, weil ich Anna freundlich, aber energisch in den Griff bekommen und ihr ihre eigene Bedeutung erklärt hatte, als sie gerade – einmal mehr – zornig und eifersüchtig auf ihre kleine Schwester war, sich auf den Boden warf und schrie. Ich erinnere mich deutlich an ihre Worte: „Ali, such dir einen neuen Partner, einen, auf den man sich verlassen kann – und dann bekomm, bitte, Kinder! Du machst das so schön! Anna ist ganz begeistert von dir – die hört und gehorcht sonst nicht so schnell!“

Tja, ich hätte mal auf sie hören sollen. 😉 Aber es ist okay so, wie es ist. 🙂

Doch zurück. Ich habe Tannis Praxis gefunden, auch in einem bekannten Sozialen Medium. Sie hat wohl ihr Spektrum erweitert, und ich gab ihr ein Like auf ihrem Praxis-Account. Keine Viertelstunde später hatte ich eine Freundschaftsanfrage von ihrem persönlichen Account, die ich mich zu stellen gar nicht getraut hatte – zu lange her der letzte Kontakt. Und vielleicht schreibe ich sie in den nächsten Tagen mal persönlich an.

Es ist ein komisches Ding mit der Zeit. Manchmal ist sie ein echtes Hindernis, auch wenn man sich Menschen nahe fühlt. Man traut sich aber nicht immer, auch wenn die Beziehung zuvor mehr oder weniger eng war. Schauen wir mal, wie es weitergeht. 😉

Euch einen schönen Abend! 🙂