Rosenmontag

Zugegeben: Ich bin kein Karnevalsfan. Kein echter. Mir sind feste Termine gezwungener Fröhlichkeit zumeist zuwider. Ich halte es da mit BAP, die einst in einem ihrer Songs, „Nit für Kooche“, besangen: „Isch bin jeck wie isch will `t janze Jooh“ (ergo das ganze Jahr … 😉 ). Genau so und nicht anders.

Aber ich habe insgesamt 18 Jahre im Rheinland gelebt, erst in Aachen, dann in der Nähe von Düsseldorf. Und wenn man dort lebt, gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder wegfahren oder mitmachen. Ein Mittelding gibt es nicht. Die erste Zeit in Aachen bin ich geflohen. Aber wenn man in einer Studentenkneipe jobbt, muss man bisweilen auch Karneval ran, weil man schichtmäßig eingeteilt ist. Das erste Mal war wirklich schwer … 😉

Eigentlich („äijjentlisch“) hätte ich mit Freddy, so unsere Chefin, den Service machen, ergo volle Tabletts mit Bier und Schnaps an die Tische tragen sollen. Darauf hatte ich aber keine Lust, und ich begab mich schnurstracks auf mein ureigenes Terrain: den Tresen. Ich war bereit, alles in Grund und Boden zu zapfen – Bier bis zum Umfallen! 😉 Aber Mike, der Freund meiner Chefin, traute mir, die ich noch relativ neu im „Gewerbe“ war, noch nicht zu, die anstürmenden Massen bier- und schnapsmäßig zügig genug auszustatten, und so fand ich mich plötzlich am Spülbecken wieder, gefühlt hunderte von Biergläsern spülend und nicht nur quasi im Akkord, sondern „ganz in echt“. Erst ärgerte ich mich ein wenig, dann dachte ich: „Spülen ist auch elementar wichtig an solch einem Tag!“ Irgendwann wechselten dann auch die Rollen, als Mike meinte: „Komm, wir wechseln uns mal ab.“ Und siehe da: Ali konnte auch im Akkord Bier zapfen und Schnaps und andere Getränke ausschenken! Ratz-fatz ging das und war eine prima Übungsstunde für nachfolgende starkfrequentierte Schichten, in denen ich als alleinverantwortliche Thekenfrau da war. (Oder, wie wir intern recht derb sagten, „Thekenschlampe“. 😉 )

Nachdem ich von der gesamten „Öcher Börjerwehr“ gebützt, gedrückt und geknuddelt worden war, noch zahllose andere Karnevalisten abgefertigt hatte, war dann irgendwann abends auch Schicht im Schacht, und Mike rief: „Wir ziehen jetzt auch noch los!“ Und schon brachte er diverse Farben zu Tage, mit denen er umgehend unser aller Gesichter bemalte. Meine Chefin, Louise, rief: „Wie süß, Ali! Er hat dich so bemalt, dass du wie eine Katze aussiehst!“ Mike meinte: „Sie hat mich heute, als sie so da vor sich hin im Akkord Gläser spülte, mehrfach angesehen wie eine wütende Katze, und ihre Augen passen auch dazu – wie sollte ich sie sonst bemalen? Aber sie war zu Recht sauer – sie kann hervorragend Bier zapfen, und das schnell dazu. Ich hatte sie unterschätzt und war im Unrecht. Aber diese Blicke! Die erinnerten mich an eine Katze, die meine Eltern hatten, als ich ein Kind war – wenn die sich falsch behandelt fühlte, guckte sie genauso. Der Unterschied zwischen Ali und der Katze ist, dass Ali mich nicht zur Strafe gekratzt hat.“ Na, super! 😉

Der Abend war dann aber sehr lustig, und ich muss gestehen: Im Rheinland Karneval zu feiern, ist, wenn man schon ein, zwei Bier intus hat, wirklich gar nicht so unnett. 😉 (Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob es stocknüchtern genauso wäre. Ich glaube, stocknüchtern ertragen das nur einheimische Abstinenzler, die Karneval dennoch lieben. 😉 )

Seit ich wieder in Westfalen lebe, hier im westfälischen Teil des Ruhrgebiets, sehe ich das wieder ein wenig anders als damals in Aachen oder zu der Zeit, als ich in der Nähe Düsseldorfs lebte. Denn ich war mehrfach zu Karneval auch in Düsseldorf.  Als Nichtkarnevalist braucht es eine gewisse Zeit, bis man sich an den Wahnsinn gewöhnt oder sogar angepasst hat. Und ein paar Biere, ich gebe es zu. Siehe oben. 😉

Der heutige Rosenmontag gestaltete sich für mich so, dass ich morgens um halb 6 aufstehen musste, weil ich einen Arzttermin hatte: Hautkrebsvorsorge. Am 27. März habe ich dann einen Termin „zur Exzision eines Muttermals“. Am Rücken, na, super – der Tag fing gut an.

Danach fuhr ich zur Arbeit. Bis 12:00 h wollte ich bleiben, damit ich auch noch vor dem exorbitant tollen Rosenmontagszug in meinem Heimatstadtteil zu Hause sein möge. Gegen 11:00 h dann plötzliche Aufregung, denn unser Sicherheitsbeauftragter schlug Alarm: Offenbar hatten Vandalen auf dem Mitarbeiterparkplatz das Auto eines Kollegen angezündet! Ich dachte noch: „Wie gut, dass ich heute ohne Auto hier bin“, als ich auch schon erfuhr, es hatte den Wagen meines Kollegen Olli getroffen. Olli gehört zu meinen Lieblingskollegen, und er hängt an seinem Wagen, einem zwanzig Jahre alten Mercedes-Kombi. Mein Herz blutete, gleichzeitig dachte ich: „Toll! Wo parke ich morgen?“ Aber in erster Linie tat mir Olli leid, und ich war wütend und dachte: „Was für Geistesgrößen rennen hier eigentlich herum? Macht euch so etwas Spaß, ihr Idioten?“

Janine erbleichte, als ich ihr mitteilte, man habe Ollis Wagen angezündet. „Ich parke nicht weit von ihm entfernt!“ rief sie, und ich meinte, wir sollten dann lieber schnell gehen, denn sie hatte sich bereiterklärt, mich mitzunehmen, zumindest so weit, bis ich einen Bus zum Busbahnhof ergattern würde. Und schon eilten wir gen Mitarbeiterparkplatz, wo Ollis Wagen mit blindem Heckfenster und blinden Fenstern im Fond stand, linksseitig waren die Rückleuchten völlig verschmort, einige Karosserieteile lagen lose am Boden im trocknenden Löschschaum der Feuerwehr. Erneut packte mich der Zorn, und ich fragte laut und wütend, mit was für Vollidioten man eigentlich Tag für Tag zu tun habe, die es lustig finden, das, was sich andere erarbeitet haben und woran sie hängen, zu zerstören. Ich war total wütend, Janine desgleichen, und sie meinte: „Kann man hier überhaupt noch ruhigen Gewissens parken? Zeit, dass hier mal eine vernünftige Videoüberwachung hinkommt!“ O ja – das wäre schön …

Janine nahm mich dann mit, und ich stieg aus, um zu REWE zu gehen, da ich noch einiges einkaufen musste. Und als ich den Supermarkt verließ, erwischte ich gerade noch den 244er, der zum Busbahnhof fuhr. Von da aus ging ich zur Straßenbahn-Haltestelle, wo bereits eine große Anzahl westfälischer Karnevalisten des Transportmittels harrte. Die Straßenbahn fuhr nicht mehr, da sie meinen Heimatstadtteil durchfährt, wo heute der „legendäre“ Rosenmontagszug stattfindet, den ich von 2006 bis 2013 indirekt immer miterleben durfte … Dafür verkehrte ein Bus, und ich ergatterte, als er eintraf, sogar noch einen Sitzplatz.

Ratz-fatz füllte sich der Bus mit „Karnevalisten“, und ratz-fatz stellte ich den Unterschied zwischen rheinischen und westfälischen Karnevalisten fest. Im Rheinland wirkt alles erheblich weniger verkrampft. Irgendwann kotzte dann auch noch in einer Kurve einer der „Karnevalisten“ in den Bus – zum Glück im Mittelteil. Ich saß im Hinterteil des Busses, da, wo der Kotz-Karnevalist ganz gewiss besser hingepasst hätte, denn der war um 12:30 h schon völlig am Arsch. 😉

Irgendwo stiegen dann sämtliche „Karnevalisten“ aus, und im Bus wurde es merklich entspannter (bis auf die Kotzpfütze im Mittelteil, modern auch „street pizza“ genannt). Ich fuhr einen größeren Umweg mit, vorbei an diversen Karnevalswagen, die im Vergleich zu ihren großen Geschwistern in den Karnevalsmetropolen nicht ganz so beeindruckend wirkten. Und einer war geeignet, jegliche lockere Stimmung im Keim zu ersticken, denn über seine Längsseite stand geschrieben: „Nach den Kamelle: Zähne putzen!!!“ Wahrscheinlich von der Zahnarztinnung … Toll, ein Moral-Karnevalswagen, der einfach nur ein Stimmungskiller war! Und ich dachte so für mich hin: „Auch wenn ich Karneval hasse, hat es doch manchmal Spaß gemacht, damals im Rheinland. Die Westfalen können es eben nicht!“ (Ein gewisses Augenzwinkern war dabei. 😉 )

Ich war auf alle Fälle froh, als ich zu Hause war. Karneval hier? Nee, danke. 😉

An all diejenigen, die meinen, dass die Leute, die Straßenkarneval nicht mögen, grundsätzlich humorlos seien und zum Lachen in den Keller gehen: Nee, beileibe nicht. Ich habe Verständnis für Karnevalisten, habe das Ganze viele Male selber mitgemacht und Spaß gehabt. Aber Karneval hier in meiner Heimatstadt? Nein, danke. Gleiches gilt für die, die Karneval zu einer Glaubens- oder Pflichtveranstaltung machen und jedem die Fresse polieren wollen, der – zum Beispiel – in Aachen „Helau“ statt „Alaaf“ sagt. Nein, das habe ich nicht erfunden – mir selber wurden einst ganz ernst gemeinte Prügel angedroht, weil ich dort – in einer „Alaaf!“-Hochburg – „Helau!“ rief … 😉

Aber sicher ist: Karneval ist stets das Fest der Humorvollen! Zum Glück kenne ich zwei Seiten. 😉

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