Dinge, die man nicht gerne macht

Gestern war es endlich soweit: Ich hatte alle Seminarklausuren korrigiert, was gar nicht so toll ist, wie ich mir als Kind immer vorgestellt hatte. Daher werde ich auch jedes Mal, wenn ich Klausuren korrigieren muss, von einer meiner Schwächen heimgesucht oder – besser – angefallen: der Prokrastination – ich berichtete bereits an anderer Stelle. (Die Prokrastination macht sich übrigens bereits dann bemerkbar, wenn die später zu korrigierende Klausur von mir erstellt werden muss, was noch weniger Spaß macht als die Korrektur dann. ;-))

Auf ganz natürliche Weise ergibt sich stets die Gaußsche Normalverteilung hinsichtlich der Noten. Zumindest ist das bei mir bisher so gewesen. Ich las allerdings neulich einen Kommentar zu einem Zeitungsartikel zum Thema Schule, da eine Mutter behauptete, die Normalverteilung werde von den Lehrern künstlich herbeigeführt, da sie entsprechende Order hätten. Ich bin zwar keine Lehrerin an einer Regelschule, aber die Normalverteilung ergibt sich meiner bisherigen Erfahrung nicht durch Manipulation. Bei mir jedenfalls nicht. Vielleicht war das Kind der meckernden Mutter aber auch nur wiederholt im unteren Bereich der Verteilung vertreten – Schuld hatte natürlich der Lehrer, und alles war manipuliert. 😉

Auch gestern stellte ich erneut fest: Gauß ließ grüßen. Und dann machte ich mich an die Benachrichtigung der Studis. Das geschieht per E-Mail – jeder bekommt eine individuelle Mail von mir zugesandt, in der ich die individuelle Note mitteile und erläutere. Immer mit freundlichen Worten. Ganz besonders freundlichen in Fällen, da der Studi sich eher im unteren Bereich der Verteilung befindet.

So auch gestern. Aus mir unerfindlichen Gründen hatte ein Erasmus-Student aus dem ehemaligen Ostblock eine grottenschlechte Klausur geschrieben und nur knapp bestanden. Dabei war er mir ansonsten nur positiv aufgefallen. Gut, bei seiner Präsentation war er sehr nervös gewesen und hatte das, was eigentlich nur 20 Minuten dauern sollte, auf das Doppelte ausgedehnt, was dann den Plan für diese Stunde etwas über den Haufen warf. Aber a) sah ich, dass er sehr nervös war, b) wollte ich ihn aufgrund dessen zunächst nicht ausbremsen, c) stellte ich fest, dass er sich – als ich schließlich mit fröhlichen Worten eingreifen wollte – gar nicht ausbremsen ließ. Nicht aus bösem Willen – er war wirklich furchtbar nervös. Und da lasse ich schon einmal fünfe gerade sein, in Ausnahmefällen. Nichts ist schlimmer, als Menschen, die nervös sind und Angst haben, noch eins vor den Latz zu knallen. Die fühlen sich dann doch gleich in ihrer Angst bestätigt, und das muss nicht sein. Denn das macht alles noch viel schlimmer.

Ergo schrieb ich gestern auch erst die Studis an, die besser abgeschnitten haben. Dann machte ich mich an die Mail, die am schwersten war. Nicht, weil sie auf Englisch zu schreiben war, sondern weil ich ungern Mails schreibe, in denen ich mitteilen muss, dass eine Klausur völlig vergeigt und nur ganz hauchdünn bestanden wurde. Zwar wird der Studi nicht scheitern, weil er ein Englischseminar bei Frau B. nicht oder nur ganz knapp bestanden hat, aber es ist nie schön, solch eine Nachricht zu erhalten, und dieser Studi nahm die Sache besonders ernst, wie er mir nach einer Seminarsitzung mal mitteilte. Und nun das.

Ich schrieb eine besonders verständnisvolle Mail, schrieb, es sei „nur ein Englischseminar“, letzten Endes habe er ja auch bestanden. Und im Kurs habe er immer eine sehr gute Performanz gezeigt. Ich fragte sogar noch, ob es an mir gelegen habe. Ich kenne diverse Dozenten, die bei Versagen von Studis gern räsonieren, dass die Studis immer blöder würden – das mag ich nicht. Denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nicht selten Dozenten sind, die einfach nicht gut erklären, bei denen dann Studis scheitern. Der Fehler liegt in solchen Fällen nicht bei den Studenten, aber manche Dozenten schweben in derart anderen Sphären, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, es könne an ihnen liegen.

Bis dato habe ich keine Antwort erhalten. Dafür aber drei Mails anderer Seminarteilnehmer, die mich sehr erfreuten. Die drei jungen Männer schrieben, sie hätten sich in meinem Seminar sehr wohlgefühlt, es sei nie langweilig gewesen, und der Letzte, ein Erasmus-Student aus Frankreich, schrieb sogar, er habe sich immer auf den Montag und das Seminar gefreut. Und sollte ich mal wieder nach Frankreich reisen, möge ich mich doch, bitte, bei ihm melden – er würde sich sehr freuen, mich wiederzutreffen. Das hat mich sehr gefreut. 🙂

Ein bisschen graut mir vor der Mail des anderen Erasmus-Studenten – falls er eine schreibt. Der war sehr nett, aber auch immer etwas „problemorientiert“. Wie ich ihn kennengelernt habe, feilt er möglicherweise schon an einer Antwort, die ebenso problemorientiert ist. Noch schlimmer wäre, hätte meine Mail ein schlechtes Gewissen bei ihm ausgelöst, weil ich die Schuld bei mir suchte. Es ist nicht immer leicht als Dozentin, wenn man nicht 08/15 sein möchte … Man wird dann selber oft in die Problemorientierung hineingezogen, obwohl man eigentlich ganz anders tickt, und man macht sich dann Gedanken, wie andere Dinge wohl auffassen. (Andererseits ist das auch ein Vorteil, da man so offen für die Denkweise anderer Menschen ist. Es kann nur sehr anstrengend sein. 😉 )

Immerhin erreichte mich heute eine nette WhatsApp-Nachricht: Meine Ex-Kollegin Lydia, die ein paar Straßen von mir entfernt lebt, fragte an, ob ich morgen mit ihr nach Köln fahren wolle. Sie hätte Karten für ein Musical, das sie eigentlich mit ihrem Mann besuchen wollte – aber der läge flach und sei krank. Ich sei selbstverständlich eingeladen. Ich sagte direkt zu. Mit Lydia wollte ich ohnehin in absehbarer Zeit etwas unternehmen. 🙂