Eigentümerversammlung

Die Zeit ist wieder gekommen, und das Damoklesschwert schwebt einmal mehr über mir …

Ich bin beileibe keine Freundin regelmäßiger „wichtiger Versammlungen“. Sie sind für mich eher ein notwendiges Übel. Daher bin ich auch – abgesehen von meiner Mitgliedschaft in zwei verschiedenen Reitvereinen in meiner Jugend – kein Mitglied in irgendeinem Verein. Ich weiß nicht, seit wann das so und ob das wirklich erst seit meiner Tätigkeit in der Telekommunikationssoftware-Firma der Fall ist, in der ich vor diversen Jahren als technische Redakteurin, technical writer, arbeitete. Zwei Jahre, bis die Firma dann Insolvenz anmelden musste – was aber nicht an mir lag. An niemandem aus der Mitarbeiterriege. Mehr an der Geschäftsführung.

Dort war an jedem Freitagmorgen ein Meeting angesagt. Nicht etwa eine Besprechung. Nein. Ein Meeting, das im Meeting Room stattfand. Die Mitwirkenden zum Großteil Deutsche, dazwischen ein Engländer und zwei Italiener. Die Italiener sprachen beide fließend deutsch. Die Firma war niederländisch. Aber es wurde englisch gesprochen. Kein Problem für mich, da mein Metier, aber es wirkte alles so aufgesetzt. Die Meetings dauerten meist zwei Stunden, manchmal auch länger, denn es war zwar schon alles gesagt worden – nur noch nicht von jedem. Diejenigen, die sich gern reden hörten, blühten auf, aber die meisten von uns wollten einfach nur an ihren Arbeitsplatz, wo das wartete, wovon diese Firma lebte. Zumindest, solange sie lebte.

An einem solchen Freitag erklärte uns die Geschäftsleitung, die uns stets ganz tolle Zahlen vorgelegt hatte, dass mit sofortiger Wirkung die Gehälter aller Mitarbeiter um 5% gekürzt werden müssten – die Situation sei etwas schwierig derzeit. Fünf Prozent klingt harmlos, ist es aber nicht. Einige begehrten auf, wurden aber gleich vom ganz besonders charismatischen Geschäftsführer angeherrscht, wem das nicht passe, könne gleich in der Personalabteilung seine Papiere abholen. Nur einer von uns verließ wutschnaubend den Meeting Room, tätigte einen Anruf bei seinem vorherigen Arbeitgeber, der sich stets bemüht hatte, ihn zurückzubekommen, und hatte – schwupps – einen neuen Job. Wir anderen blieben – die meisten wohl aufgrund des Mangels alternativer, spontaner Möglichkeiten und der besonders düsteren Situation auf dem Arbeitsmarkt – lieber sitzen. Keiner sprach ein Wort. Ich weiß noch, dass ich dachte: „Wie gut, dass wir erst vor kurzem einen Betriebsrat gegründet haben!“ An dessen Gründung war ich maßgeblich beteiligt gewesen. Aber letzten Endes nutzte auch das nicht, denn ein Jahr später war finito. Meine Kündigung und auch die meiner Kollegen ausgesprochen hat übrigens … der Betriebsrat. Die Geschäftsführung war wohl zu – sagen wir es, wie es ist – feige. Im ersten Schock fing ich laut zu lachen an und meinte: „Sagt mal, schämt ihr euch eigentlich nicht? Ihr kündigt uns – als Betriebsrat? Warum macht ihr das – wieso lasst ihr euch darauf ein? Wo bin ich hier gelandet? In topsy-turvy land, wo alles genau verkehrtherum ist und auf dem Kopf steht?“

Meine Betriebsratskollegen hatten wohl mit diesem eher rebellischen Verhalten nicht gerechnet – sie starrten einander betreten an und meinten dann: „Ali, ganz ruhig! Die Geschäftsführung wird noch mit euch sprechen – wir haben uns bereiterklärt …“ – „Ja! Ihr habt euch bereiterklärt, und das finde ich schändlich! Auf wessen Seite seid ihr denn? Ihr sollt eure Kollegen vertreten – nicht die Geschäftsleitung! Ich fasse es nicht!“ – „Ali, wirklich, wir machen das auch nicht gern …“ – „Ihr macht es aber! Ihr müsstet das nicht! Oder warum habt ihr euch bereiterklärt? Habt ihr dadurch Vorteile?“ – „Ali, so kennen wir dich gar nicht …“ – „Nee, war bis dato auch nicht nötig, und ich werde auch zum ersten Mal in meinem Leben gekündigt. Und das von Kollegen! Ich kann das wirklich nicht fassen!“ Und ich stand auf und wandte mich zum Gehen. „Warte, Ali – wir wollten dir noch vom Sozialplan erzählen …“ – „Lasst es gut sein! Sozialplan! Bei Insolvenz! Ich kann mir an zwei Fingern – ach, was sage ich! – an einem Finger ausrechnen, was mit dem tollen Sozialplan passieren wird! Nichts! Wird mangels Masse nicht zum Tragen kommen!“ – „Ja, aber …“ – „Es ist alles gesagt.“ – „Aber du musst doch noch wissen, was du jetzt machen musst – zur Agentur für Arbeit gehen, zum Beispiel …“ – „Das weiß ich selbst, und den Rest erfahre ich aus dem Internet und wahrscheinlich von meinen bereits gekündigten Kollegen. Denen vertraue ich eher. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber es ist so. Schönen Tag noch!“ Und ich rauschte aus dem Raum und ging an meinen Arbeitsplatz, wo ich eine Zeitlang wie betäubt saß, bis ich in Tränen ausbrach.

Ich glaube, meine Abneigung gegen Versammlungen hat auch mit all dem zu tun. Da kommen Menschen zusammen, die ganz unterschiedliche Charaktere besitzen. Das ist per se nicht schlimm oder schlecht, aber manchmal braucht man starke Nerven, eine stundenlang andauernde Versammlung unbeschadet zu überstehen oder einigermaßen ruhig mitzumachen, ohne sich die Haare zu raufen, die Augen zu verdrehen oder sonstige Dinge dieser Art.

Ich bin eine Freundin zügigen Vorgehens, zumindest bei zu klärenden Dingen. Ich finde Wichtigtuer furchtbar, die alles besser wissen und – extra für die doofe Umwelt, die bekanntermaßen nie mitdenkt – mit erhobenem Zeigefinger erklären, als sprächen sie zu den ersten Menschen, die sich nur durch gutturale Laute miteinander verständigen.

Und so graut mir einmal mehr vor ihr – der Eigentümerversammlung. Der Versammlung, die jedes Jahr stattfindet, zu der sich die Eigentümer der Wohnungen dieses Komplexes aus Mehrfamilienhäusern in einer extrem spießigen Kneipe in der Nähe einfinden und dann über die Anschaffung neuen Streuguts für den Winter abstimmen. Über die Erneuerung der Balkongitter. Über die Wasch- und Wäscheaufhängungsordnung in Haus Nr. 37 – denn da herrscht ein viel strengeres Regiment als in meinem Haus, wo man waschen darf, wann man will – und auch aufhängen! Also: die Wäsche, nicht sich selber. 😉 (Würde ich in Haus Nr. 37 leben, würde ich ggf. auch Letzteres in Erwägung ziehen, denn in der 37 regiert Herr Lieven, der auch gern im Herbst bei den ersten fallenden Blättern jeden Samstag, wenn man länger schlafen kann – oder könnte -, um Punkt 8 Uhr diesen Scheiß-Laubbläser im Garagenhof anwirft und gefühlte Stunden Laub zusammenbläst, auf dass auch alle anderen Leute nicht schlafen können … Ich bin mir aber sehr sicher, dass Herr Lieven es auch streng verbieten würde, sich selber zu erhängen. 😉 ) Zum Glück lebe ich in der 39. Und hier ist schon alles sehr reglementiert. 😉

Es scheint in jedem dieser Häuser ein „Befehlshaber“ zu leben. Ein selbsternannter. Unserer ist eigentlich recht umgänglich. Die in den anderen Häusern scheinen viel rigider zu sein. 😉 Schließlich soll keiner echte Freude beim Wohnen empfinden. Denn Wohnen ist eine ernste Angelegenheit. Jawohl! Und so ist dann auch die Eigentümerversammlung. Möglichst kleinlich wird da vorgegangen, und im Grunde handelt es sich um eine Art Gerichtsverhandlung, denn ich habe schon miterlebt, dass Herr Lieven sich einen Nachbarn vorknöpfte und diesen vor versammelter Mannschaft der mangelnden Dankbarkeit für seine – Herrn Lievens – Sorgetätigkeit bezichtigte! Der Nachbar gab zurück, er sei Eigentümer wie Herr Lieven auch, und schließlich bekomme Herr Lieven für seine Dienste auch zusätzlich Geld aus der Hausgemeinschaft. Ob er noch einen roten Teppich wünsche oder sonst keine Freude im Leben habe? (Ich gestehe, da habe ich albern in mich hineingekichert, denn ich konnte nicht anders, und der bezichtigte Nachbar warf mir einen Blick zu, grinste und zwinkerte. Ich zwinkerte zurück, wenn auch sehr verstohlen.) Herr Lieven wurde zornrot im Gesicht und war nicht mehr in der Lage, einen zusammenhängenden Satz zu äußern. Ich kniff lieber meine Lippen zusammen und dachte an grässliche Flugzeugunglücke … Bloß nicht lachen. Zum Glück kam da einer der anderen „Hausvorsteher“, wie sich diese Leute wohl empfinden, der ein Problem mit der Vogelfütterung im Winter hatte. Und so ging es weiter, und nach vier Stunden schieden wir dann voneinander.

Zweimal habe ich das Ganze mitgemacht. Zweimal annähernd vier Stunden. Beim zweiten Mal dachte ich, dass dies das zweite und letzte Mal gewesen sein müsse – das halte ich nervlich nicht durch, denn ich tendiere zu peinlichen und spontanen Lachanfällen. Vor allem dann, wenn es um die Vogelfütterung im Winter geht. Oder Vergleichbares. Oder um geltungssüchtige selbsternannte Hausvorsteher. Dafür bin ich einfach nicht gemacht. 😉

Und so werde ich auch dieses Mal wieder den selbsternannten „Hausvorsteher“ meiner Nr. 39 bevollmächtigen, mich zu vertreten, da ich – wie schon seit zwei Jahren – leider just am Tage der Eigentümerversammlung einen echt wichtigen und unaufschiebbaren Abendtermin habe. Ich werde erneut die vom Verwalter erstellte Sitzungsagenda durchgehen, neben jeden zu entscheidenden TOP ein Ja oder ein Nein schreiben, das Ganze Herrn Wolski in den Briefkasten werfen, zusammen mit der Vollmacht, und um Vertretung bitten, da ich leider total unabkömmlich sei. Es erleichtert das Leben. 😉

Und trotzdem habe ich immer ein etwas schlechtes Gewissen … 😉

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