„Fuchs, du hast die Gans gestohlen …“

„ … gib sie wieder her! Gib sie wieder her! Sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewee-hee-heer! Sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr!“

So ein Lied aus meiner Kinderzeit. Ich bin seit jeher eine Tierfreundin gewesen, liebe Tiere, seit ich denken kann. Aber: Merkwürdigerweise war ich nie frustriert, schockiert oder sonstiges über dieses Lied! Es muss etwas mit mir falsch sein.

Nicht einmal die zweite Strophe konnte mich aus den Angeln heben, obwohl da von „roter Tinte“ die Rede ist. Ich verstand unter diesem Euphemismus offenbar schon als Kind das, was gemeint war: Blut. Zumindest waren meine Eltern offenbar dazu in der Lage, mir kindgerecht mitzuteilen und zu erklären, dass „die rote Tinte“ keine echte Tinte, sondern Blut sei, das der Fuchs, würde er abgeschossen, wiewohl man ihn warnte, verströmen würde. Das war zwar keine schöne Vorstellung, aber ich akzeptierte es als „den Lauf der Dinge“. Mir tat das zwar weh, aber ich dachte auch an die Gans. Meine Eltern waren gar so grausam, mir Dokumentationen über wilde Tiere nicht vorzuenthalten, in denen Löwen, Leo- und sonstige -parden arme, großäugige Antilopen nicht nur jagten, sondern nicht selten auch rissen und dann verspeisten. Schön war das nicht, und oft saß ich mit Tränen in den Augen vor dem Fernseher, aber da ich meist diejenige war, die Tiersendungen sehen wollte, meinten meine Eltern folgerichtig und pädagogisch wirklich wertvoll: „Ali – das ist Natur! Du magst doch Tiere, oder?“ – „Ja!“ – „Dann magst du doch auch Löwen, Leo- und sonstige -parden, nicht wahr?“ Klar! Vor allem Löwen, immerhin lautet mein Sternzeichen so! 😉 Aber auch die anderen Raubtiere mochte ich, auch wenn ich sie manchmal fast hasste, wenn sie mal wieder ein Zebra gerissen hatten. Nur: Meine Eltern haben mir beigebracht, dass das – auch, wenn es einem leidtue – der Lauf der Natur sei. Die Löwen, Leo- und Geparden, wie auch Hyänen und Schakale müssten ja auch leben dürfen. Oder?

Ich nickte immer tapfer und wischte mir die Tränen aus den Augen. Schön war das nicht, aber ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie mir das so erklärten. Ebenso, dass das Fleisch, das den Sonntagsbraten ausmache, von echten Tieren komme. Sie erklärten mir auch die „rote Tinte“, und das zum Glück völlig unverbrämt und natürlich. (Obwohl Mama da auch bisweilen ein bisschen schlucken musste – die Tierliebe habe ich wohl speziell von ihr geerbt. Zum Glück aber auch das, was man wohl Pragmatismus nennt. 😉 )

Mama meinte immer: „Ali, eines muss dir klar sein: Wer Fleisch isst, muss sich darüber bewusst sein, dass ein Tier dafür sterben muss. Und das darf man nie vergessen.“ (Als hätte ich das je gekonnt! Bei mir wird ohnehin nur wenig Essen weggeworfen, und wenn, dann sicherlich kein fleischhaltiges. Das erschiene mir wie Frevel.)

Es klingt ein bisschen so, als käme ich aus einer „grünen“ Familie. Stimmt aber nicht. Es gibt auch Menschen jenseits von Grün, die mitdenken und ein Gewissen haben. Es ist ja nicht alles schwarz und weiß – oder grün. 😉

Ich akzeptiere daher auch Veganer. (Vegetarier ohnehin – ich esse selber stark gemüsehaltig.) Was ich allerdings nicht mehr akzeptiere, sind Intoleranz und Irrsinn; Irrsinn, der der Meinung ist, dass er sich auch auf alle andersdenkenden Menschen ausbreiten müsse.

Heute las ich in einer Online-Zeitung, dass es in Limburg eine strenge Veganerin geschafft habe, eines der Lieder, die das Glockenspiel des Rathauses Tag für Tag absonderte, quasi auf den „Glockenspiel-Index“ setzen zu lassen. Sein frevlerischer Titel: „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“! Denn das sei ja tierfeindlich!

Es ging der Dame wohl weniger um die geraubte Gans, sondern mehr darum, dass ein „Jäger“ den räuberischen Fuchs bei Zuwiderhandlung der Vorgaben „mit dem Schießgewehr“ kurzerhand abmurksen würde! Durch ein Glockenspiel fühlte sich die Dame wohl seit geraumer Zeit wirklich provoziert! Ein Glockenspiel, das nur Töne, aber keinerlei Text absondert!

Ich staunte: „Was es nicht alles gibt“, als auch schon ein besonders engagierter Vater kund und zu wissen gab, dass auch sein dreijähriger Sohn völlig verstört eine Nacht lang nicht schlafen konnte, als er, der Vater, demselben vorsang: „Seine große, lange Flinte schießt auf dich das Schrot, schießt auf dich das Schrot! Bis dann spritzt die rote Tinte, und dann bist du to-ho-hot! Bis dann spritzt die rote Tinte, und dann bist du tot!“ Der Vater meinte, das sei ja wirklich nicht kindgerecht.

Zum Glück meldete sich sofort ein anderer Kommentator, der meinte, es würde nicht wunder nehmen, wenn der Dreijährige auf derart splattermäßige Darstellungen verstört reagierte – was der Vater denn so für Filme sehe! Besser, so der Kommentator, wäre es doch in jedem Falle, würde der Text dieses alten Volksliedes auch korrekt wiedergegeben: „[…], dass dich färbt die rote Tinte, und dann bist du tot.“ Alles andere würde ja nun wirklich nach Splatterfilm klingen, und in dem Falle könne er den Dreijährigen fast verstehen, wenn er sich auch wunderte, dass man einem Kind nicht beibringen könne, was damit gemeint sei. Er selber, so der Kommentator, habe diverse Tiere in seinem Heim, und er lehne die Jagd ab – aber man möge doch nichts übertreiben.

So dachte auch ich, und auch ich hinterließ einen ähnlichen Kommentar. Die Folge war, dass der meines Erachtens recht rational agierende andere Kommentator wie auch ich mit einem bösen Shitstorm überzogen wurden. Man könne tierlieben Kindern, die Tiere als „Kumpel“ auffassten, doch keine derart schauderhafte Darstellung zuteil werden lassen!

Aber wirklich nicht! 😉 Tiere lieben einander doch – genauso wie Menschen. Lämmchen liegen neben Löwen, und beide beschmusen einander! Warum muss man Kindern denn einreden, wir seien nicht alle gleich?

Ja, nun wirklich – warum denn nur? 😉 Und wieso überhaupt sollte eine absolute Minderheit  nicht Recht bekommen? (Zumindest muss nun das Glockenspiel ohne das meines Erachtens vergleichsweise harmlose Volkslied auskommen – weil eine einzelne Person es so wollte und obwohl das Glockenspiel keinerlei Text enthielt!)

Wir leben in einer Zeit des Irrsinns, einer Zeit lange undiagnostizierter Narzissten, die sich darin gefallen, anderen ihren Willen aufzuzwacken. Das wird immer klarer.

Und nein – ich wurde durch „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ nicht traumatisiert. Das Lied war eher eine Lehre. Traumatisiert werde ich seit Neuestem Tag für Tag durch bis dato unglaublich scheinende Aktionen wie die Einstellung eines harmlosen Glockenspiels, weil mal wieder jemand sich berufen fühlt, dem Rest der Welt seine krude Weltanschauung aufzwingen zu müssen, auf dass wir alle gute Menschen werden.

Herzlichen Dank auch – aber ich denke und fühle gerne selber. 🙂 Und ja: Das kann ich, auch wenn manch Mitmensch für sich selber aufgrund einer selbsterwählten Ideologie postuliert, das besser zu können als ich.

Mein Fazit: Es wird immer bekloppter, und ich muss mir den Film „Idiocracy“ mal wieder ansehen … Als Warnung.

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.